Theodor Rathgeber
Editorial Südasien 1/2019

Liebe Leserinnen und Leser,

 

Der Schwerpunkt Gender-Fragen in Südasien greift insbesondere Themenstellungen aus der Praxis auf. Natürlich wird in allen Ländern Südasiens auch eine theoretische Debatte geführt. Diese ist in diesem Heft weniger prominent vertreten. Für mich persönlich war es aufschlussreich zu lesen, in wie vielen Verästelungen des Alltags inzwischen Gender-Fragen als Richtschnur für eine angemessene und sensible Umsetzung von Programmen und Projekten dienen. Die Sensibilisierung gegenüber Gewalt und Diskriminierung von Personen aufgrund ihrer Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung sowie die Bekämpfung der Ursachen beinhaltet nicht zuletzt Fragen der Strukturplanung einschließlich des Energiesektors.

 

In gleicher Weise ausgeklügelt präsentieren einige Artikel in diesem Heft methodische Fragestellungen. Methodik ist in manchen Artikeln gleichberechtigter Bestandteil eines Programms oder Forschungsansatzes. Sie wird teilweise zum zentralen Element, um einer Frage- oder Aufgabenstellung überhaupt Sinn zu verleihen.

 

Wenngleich nicht immer expressis verbis genannt, scheint hinter den Berichten über Gender-Fragen in lokalen Milieus doch wahrnehmbar die Phalanx der Interessenträger, tradierten Organisationen, Behördenmilieus und staatlichen Einrichtungen auf, die, um es zurückhaltend zu formulieren, noch Bedarf an Beratung haben. Gleichzeitig gibt es diese Beratungsdienste und diese Hilfe beim Aufbau von Kapazitäten und Infrastruktur. Das wenigste wird über eine Schlagzeile bekannt; aber dafür gibt es ja nun SÜDASIEN.

 

Die Artikel zu Indien greifen teilweise die ersten Diskussionen um und Analysen zu Narendra Modis Regierungsbilanz auf. Erhellend war wieder für mich, die Veränderungen im Energie-, insbesondere im Kohlesektor vor Augen geführt zu bekommen. Kohle wird gleichwohl auf absehbare Zeit der wichtigste Energieträger bleiben. Entsprechend wird Kohlebergbau das Leben der lokalen Bevölkerung bestimmen, für einige erschweren.

 

Es ist nicht so, dass die Redaktion für Nachrichten positiver Art nicht empfänglich wäre. Der Einblick in die Organisation von Reisen nach Indien und die Begegnungen, die daraus resultieren, lassen offensichtlich viel Erkenntnis über Land und Leute außerhalb gewohnter Pfade zu. Manche Erfahrungen werden viele der Leserinnen und Leser selbst gewonnen haben, und doch scheint es einer gewissen Kunst zu bedürfen, die Befassung mit Indien nicht in der Routine ersticken zu lassen.

 

Sri Lanka erlebte im letzten Viertel des Jahres 2018 dramatische Momente, als der Staatspräsident höchstselbst einen Putsch anzettelte. Er scheiterte zum Glück kläglich. Darüber wurde in anderen Medien schon viel geschrieben. Die Beiträge hier im Heft gehen eher der Frage nach, wie das eigentlich in Sri Lanka heutzutage noch passieren kann. Welche Aspekte eines „tiefen Staates“ kamen hier eigentlich zum Vorschein, und was wird beim anti-kolonialen Reflex und dem Pochen auf der eigenen Souveränität eigentlich übersehen?

 

An dieser Stelle sei dieses Mal auf den Schwerpunkt der nächsten Ausgabe verwiesen. Sie wird Gandhi anlässlich seines anstehenden 150. Geburtstages würdigen, vor allem aber der Frage nachgehen, was von seinen Vorstellungen finden wir im heutigen Indien. Denken Sie darüber nach und schreiben Sie uns.

 

Vergessen Sie aber nicht, diese Ausgabe zu lesen, die wieder eine interessante Lektüre für Sie bereit hält

 

Theodor Rathgeber