Birgitta Hahn
Bharat Mata oder Pita?
Patriarchat, Sexismus und Gewalt gegen Frauen in Indien

Indien gilt als das gefährlichste Land für Frauen weltweit – sogar vor Kriegsgebieten wie Afghanistan und Syrien. So das Ergebnis einer Thomson Reuters-Studie aus 2018. Die größte Demokratie der Welt mit ihren 1,34 Milliarden Einwohner(inne)n schnitt bei drei der sechs Umfragethemen am schlechtesten ab: Das Risiko, sexuelle Gewalt zu erleiden, ist für Frauen in Indien am höchsten. Kulturelle, in stammesgesellschaftlichen Milieus vorkommende und patriarchal-traditionelle Praktiken bergen für sie die größte Gefahr. Zudem sind indische Frauen am häufigsten von Menschenhandel, einschließlich Zwangsarbeit, Sex- und Haussklaverei, betroffen. 2014 belegte Indien in der gleichen Umfrage noch Platz vier. Was ist in der Zwischenzeit passiert? Und wie kann die Lebensrealität für Frauen innerindisch so weit auseinandergehen?

In krassem Kontrast zum skizzierten Szenario sind 12,9 Prozent1 der CEOs (Chief Executive Officer) großer Unternehmen in Indien Frauen. Deutschland kommt im Vergleich auf ein beschämendes Prozent2. In keinem anderen G20-Land, mit Ausnahme von Saudi Arabien, arbeiten formell weniger Frauen als in Indien. Der Sukontinent könnte reicher sein, wenn beide Geschlechter gleichermaßen in formellen Arbeitsmärkten arbeiten würden3. Ausnahmen sind die vielen tausend Frauen in Metropolen wie Mumbai und Bangalore, die vor allem in den indischen Zweigstellen multinationaler Konzerne beschäftigt sind. Finanzielle Unabhängigkeit ermöglicht ihnen ein stärker selbstbestimmtes Leben.

 

Frauenquoten und einflussreiche Politikerinnen

 

Frauenquoten auf dorf- und stadtpolitischer Ebene führte Indien bereits 1993 ein. Seit 2010 gilt auch im indischen Oberhaus eine 33-Prozent-Mindestbeteiligung von Frauen. Einzige Ausnahme bleibt das Unterhaus, das eine Quote erst im Januar 2019 erneut ablehnte. Natürlich ist zu berücksichtigen, dass Teilnahme an Politik nicht automatisch echte Beteiligung bedeutet, da soziokulturelle Rahmenbedingungen, allen voran patriarchale Strukturen und Kastenzugehörigkeit, nicht allein durch die Vergabe politischer Ämter an Frauen außer Kraft gesetzt werden. Trotzdem sind die indischen Quotenregelungen ein Katalysator für mehr weibliche Mitbestimmung. Seit Indiens Unabhängigkeit 1947 besetzten Frauen immer wieder politische Schlüsselpositionen, wie etwa Indira Gandhi 1966 als Premierministerin, Mayawati Prabhu Das als Regierungschefin des bevölkerungsreichsten Bundestaats Uttar Pradesh (insgesamt zehn Jahre zwischen1995 und 2012) sowie Mamata Banerjee 2011 als Regierungschefin des ökonomisch reichsten Bundestaats Westbengalen.

 

Kampf für Frauenrechte

 

Frauenrechtsbewegungen haben eine lange Tradition in Indien. Sie gelten als stark und gut vernetzt. Es seien an dieser Stelle beispielhaft zwei weltweit bekannte genannt: die Jagmati-Sangwan-Bewegungen gegen weiblichen Fötizid und Ehrenmorde, und die Pink-Sari-Bewegung, die Frauen durch die Belagerung von Polizeistationen und Regierungsgebäuden unkonventionell zu ihren Rechten verhilft. Auch andere bedeutende Protestbewegungen der letzten Jahre, wie etwa jene gegen den Staudamm-Bau im zentralindischen Narmada-Tal, wurden großteils von Aktivistinnen vorangetrieben und angeführt.

 

Starke Gesetze und besserer Gewaltschutz

 

Auf dem Papier stehen Indiens Frauen ebenfalls besser da als ihre Geschlechtsgenossinnen in anderen Ländern. Die Verfassung garantiert ihnen Gleichheit. Abtreibung ist legal, und das Gesetz zum Schutz von Frauen vor häuslicher Gewalt aus dem Jahr 2006 gilt als fortschrittlich. Neben physischer deckt das Gesetz auch psychische, sexualisierte und wirtschaftliche Gewalt ab. Seit 2001 gibt es in elf Bundesstaaten Nari-Adalats, also Dorfgerichte, an denen allein Frauen für die Rechtsprechung zuständig sind. Sie schaffen zumindest auf lokaler Ebene ein Gegengewicht zur ansonsten männlich dominierten Justiz, deren Urteile sich oft an patriarchalen Werten orientieren und so tendenziell Männer begünstigen. 2013, in Folge der brutalen, tödlich endenden Vergewaltigung einer Studentin durch mehrere Männer in einem Bus in Delhi, wurde auch das Sexualstrafrecht verschärft. Das fehlende Einverständnis der Frau allein erfüllt nun einen Straftatbestand. Auch fallen Voyeurismus, Stalking und Säureangriffe darunter. Für Sexualdelikte drohen jetzt höhere Strafen, für Gruppenvergewaltigung etwa 20 Jahre. Wenn eine Frau nach einer Vergewaltigung ins Koma fällt oder stirbt, kann die Todesstrafe verhängt werden. Zudem wurden sechs Schnellgerichte für Sexualdelikte eingerichtet. Eine neue Untereinheit der Polizei, rein weiblich besetzt, soll dafür sorgen, dass Frauen sexualisierte Gewalt ohne Angst vor Schuldzuweisungen anzeigen.

 

Neben der Regierung rüstete auch die Zivilgesellschaft auf. Im Bundesstaat Telangana, in dem das BHUMIKA Women’s Collective (BHUMIKA), die indische Partnerorganisation von TERRE DES FEMMES, tätig ist, gibt es jetzt SHE Teams. Diese überwachen Orte, an denen Frauen immer wieder sexuell belästigt werden, und ziehen Stalker aus dem Verkehr. Apps mit SOS-Funktion wie Hawk Eye (Adlerauge) und zur Markierung von Tatorten wie SafeCity (Sichere Stadt) wurden eingeführt. In großen Krankenhäusern entstanden One Stop Crisis Centers - Krisenzentren aus einer Hand, in denen gewaltbetroffene Frauen Zuflucht finden, medizinisch behandelt und rechtlich beraten werden. Aufklärungsarbeit wurde kreativer: Sujatro Ghosh etwa lichtete indische Frauen in Kuhmasken an öffentlichen Orten ab, um darauf aufmerksam zu machen, dass Kühe in Indien mehr gelten als Frauen, und Verbrechen gegen die als heilig verehrten Tiere schneller geahndet werden als Vergewaltigungen.

 

Kerala ist nicht gleich Bihar

 

Eine Theorie, die die deutsche Bundeszentrale für politische Bildung für die vielfältigen Lebensrealitäten indischer Frauen vertritt, lautet, dass dort gleichzeitig mehrere Bundesländer in mehreren Jahrhunderten existierten und so, vereinfacht ausgedrückt, Zukunftsorientierung auf Rückwärtsgewandheit und demokratische Ideale auf überholte Traditionen träfen.

 

Tatsächlich muss innerindisch differenziert werden. In manchen Bundesstaaten haben Mädchen und Frauen etwa einen besseren Zugang zu Bildung und in der Folge zu beruflichen Perspektiven und finanzieller Unabhängigkeit als in anderen. Die höchsten Raten weiblicher Alphabetisierung erreichten nach dem letzten Zensus 2012 Kerala mit 92,1 Prozent, Maharasthra mit 75,9 Prozent und Tamil Nadu mit 73,4 Prozent. Bihar kam dagegen auf nur 51,5 Prozent, das landesweit schlechteste Ergebnis. 53 Prozent aller Unternehmen, die indienweit in Frauenbesitz sind, liegen in den drei erstgenannten Bundesstaaten. In Bihar sind es gerade einmal 1,9 Prozent4. Der Index für Geschlechterdisparität des Weltwirtschaftsforums stellte Indien 2018 mit Platz 146 von 149 Ländern ein Armutszeugnis in puncto Frauengesundheit und -überleben aus. Trotzdem muss auch hier näher hingeschaut werden: während die Müttersterblichkeit in Assam mit 237 von 100.000 sehr hoch ist, liegt sie in Kerala bei 465.

 

Patriarchale Hierarchie und ihre Folgen

 

Ob eine Frau in Indien ein selbstbestimmtes und freies Leben führen kann, hängt außerdem ab von ihrer Religions- und Kastenzugehörigkeit, sozialen Schicht, ihrem Bildungsgrad und dem ihres Umfelds. Zwei Drittel der Menschen in Indien leben im ländlichen Raum und haben meist keinen vergleichbaren Zugang zu Bildung und emanzipatorischen Bewegungen wie Menschen in der Stadt. Patriarchale Strukturen sind unverändert fest im Leben und Denken weiter Teile der Bevölkerung verankert. Dazu gehört etwa die patrilokale Familienordnung. Traditionsgemäß verlässt die Frau nach der Heirat die eigene Familie und gehört fortan zur Familie des Ehemanns. Den eigenen Verwandten ist sie damit von wenig Nutzen. Bereits in jungen Jahren geht sie als Arbeitskraft verloren und bietet den Eltern im Alter weder finanziell noch in pflegender Funktion eine Absicherung. Offiziell seit 1961 verboten, ist die Tradition der Mitgiftzahlung an die Bräutigam-Familie weiter lebendig. Manche Familien verschulden sich lebenslang, um den oft exorbitanten finanziellen Forderungen nachzukommen. Söhne gelten als Segen, Töchter als Bürde. Erstere sind auch deshalb begehrter, weil sie zu Stammhaltern werden und ihrer Familie mit der Heirat eine zusätzliche Arbeitskraft zuführen. Zudem können wesentliche religiöse Riten, so bei der Beerdigung der Eltern, nur von ihnen durchgeführt werden.

 

Ungewollte Mädchen

 

All das hat weitreichende Konsequenzen für den gesellschaftlichen Wert, der Frauen zugeschrieben wird, und trägt noch vor der Geburt zu ihrer strukturellen Diskriminierung bei. Der Wunsch nach Söhnen führt etwa zur gezielten Abtreibung weiblicher Föten. Das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern hat in Indien extreme Ausmaße angenommen: Jeden Tag werden 2000 Mädchen abgetrieben6. Im ganzen Land kommen auf 100 Frauen 112 Männer, in einem Dorf im Bundesstaat Haryana sogar 265 Männer.7 Ganze Landstriche sind durchsetzt von „sterilen“ Dörfern, in denen in den letzten 20 bis 30 Jahren kein einziges Mädchen mehr zur Welt kam. Viele Männer kaufen sich heute Bräute aus anderen Landesteilen. Fehlen ihnen dazu die Mittel, greifen sie zum Teil auf Brautentführung und Zwangsheirat zurück. Prognosen zufolge wird es in Indien im Jahr 2025 etwa 32 Millionen alleinstehende Männer geben.8

 

Geschlechtsbestimmung per Pränataldiagnostik ist seit 1994 verboten. 2003 wurden auch entsprechende Ultraschall-Untersuchungen unter Strafe gestellt. Werdende Eltern verschaffen sich die ersehnte Information trotzdem, etwa durch Bestechung von Ärzt(inn)en. Auch die von der indischen Regierung wiederholt aufgesetzten Programme zur finanziellen Förderung von Familien mit Töchtern konnten der Präferenz von männlichen Nachkommen kein Ende setzen. Nur einzelne Dörfer, wie Dharhara in Bihar, haben ein Umdenken erreicht. Dort wird für jedes neugeborene Mädchen ein Mangobaum gepflanzt. Die Einnahmen aus dem Verkauf der Früchte fließen in die Bildung und Mitgiftzahlungen für die Töchter. Nicht nur die Abtreibungsrate ist dort seitdem zurückgegangen. Frauen gelten auch nicht mehr als Menschen zweiter Klasse9.

 

Hat es ein Mädchen in Indien auf die Welt geschafft, heißt das aber nicht automatisch, dass es materiell und emotional wohlversorgt aufwächst: 22 Prozent der Todesfälle bei Mädchen im Kleinkindalter sind auf Vernachlässigung zurückzuführen.10 Sie bekommen weniger zu essen oder werden im Krankheitsfall seltener zum Arzt gebracht. Jährlich kommen so rund 239.000 Mädchen unter fünf Jahren zu Tode. Ihre Sterblichkeit ist in 90 Prozent aller indischen Bundesstaaten und Unionsterritorien erhöht.11 Nicht zuletzt investieren Eltern seltener und weniger in die Bildung ihrer Töchter, da diese als „Reichtum einer anderen Familie“ gelten und ihr rechtmäßiger Platz gemäß sozialer Rollennorm im Haus ist.

 

Jung Hausfrau und Mutter

 

Auch Frühverheiratungen von Mädchen sind gängig, da sie Familien von der Last befreien, die Jungfräulichkeit der Töchter bis zur Heirat zu garantieren. Sprich: sie vor sexuellen Übergriffen zu schützen oder einvernehmlichen vorehelichen Sex zu verhindern. Zudem muss für jüngere Mädchen weniger Mitgift entrichtet werden. Trotz des ausnahmslosen Verbots von „Kinderehen“, das seit 2006 in Indien in Kraft ist, werden laut UNICEF 47 Prozent aller indischen Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet, 18 Prozent sogar vor ihrem 15. Lebensjahr (2017). Wiederholt forderten muslimische Fürsprecher erfolglos, das gesetzliche Heiratsalter dürfe nicht für Anhängerinnen ihrer Religion gelten, da sie sich nach dem muslimischen Personenrecht, der Schariʿa, zu richten hätten, welche die Ehe für Mädchen mit Einsetzen ihrer Periode erlaubt.

 

Die meisten Frauen werden früh in der Erziehung auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereitet. Sie sollen fügsam, brav und fleißig sein, ihre eigene Meinung und Bedürfnisse eher zurückstellen und ihr Lebensziel mit Übernahme von Haushalts-, Fürsorge- und reproduktiven Pflichten erfüllt sehen. Negative Folge dieses Rollenbilds, so die indische Sozialwissenschaftlerin Dr. Deepa Narayan, sei, dass angepasste, konfliktscheue Frauen unsichtbar würden. Es sei leicht, sie zu ignorieren, über ihren Kopf hinweg zu entscheiden und ihnen ohne Angst vor Konsequenzen Schaden zuzufügen.

 

Schwiegertochter, Goldesel, Dienerin

 

Eine Gefahr für verheiratete Frauen stellt das Mitgift-Mobbing dar, schlimmstenfalls mit Todesfolge. Empfängerfamilien sind mit der bereits entrichteten Mitgift nicht zufrieden und setzen die Schwiegertochter damit wiederholt unter Druck, oder sie erhoffen sich durch eine weitere Heirat erneut finanziellen Gewinn und entledigen sich daher der aktuellen Schwiegertochter. 2016 fielen täglich 21 Frauen einem Mitgiftmord zum Opfer12. Eine 2018 veröffentlichte Studie fand heraus, dass rund die Hälfte aller Frauen-Selbstmorde zwischen 1999 und 2016 gleichbleibend Mitgift-Mobbing zur Ursache hatten13. Auch ohne Mitgift-Zahlung stehen junge Bräute auf der untersten Stufe der innerfamiliärern Hierarchie. Sie haben meist den Anweisungen von Ehemann und Schwiegermutter Folge zu leisten und den Haushalt der gesamten Schwiegerfamilie zu besorgen. Indische Frauen leisten 90 Prozent der Haus- und Erziehungsarbeit14. Sind sie vor ihrer Heirat berufstätig, wird gerade in wohlhabenderen Familien oft erwartet, dass sie mit Eintritt ins Eheleben kündigen.

 

Neben dem Druck, den hohen Erwartungen an das Verhalten und Arbeitspensum einer Schwiegertochter gerecht zu werden, sollen frisch verheiratete Frauen außerdem baldmöglichst einen Stammhalter gebären. Erst mit einem eigenen Sohn werten sie ihren gesellschaftlichen Status auf. Dieser verschafft ihnen jedoch keinen Zuwachs an verbrieften Rechten, ob im Ehe-, Sorge- oder Erbschaftsrecht. Frauen gelten nicht als unabhängig, sondern als der Familie oder dem Mann unterstehend. Bis vor kurzem sprachen praktisch alle Ehegesetze Männern mehr Rechte zu als Frauen15. In der indischen Gesellschaft gilt der Mann traditionell als Oberhaupt der Familie. Oft wird das Bild des Mannes als Kopf und der Frau als Körper bedient. Zugespitzt könnte man sagen, der Mann steht für sich allein, während die Frau erst durch ihre Beziehung zu Männern, als Tochter, Ehefrau oder Mutter, eine gesellschaftliche Funktion erlangt. Frauen selbst internalisierten diese Abwertung und entwickelten ein entsprechendes Selbstverständnis, so die feministische Philosophin Diana Tietjens Meyers: Sie begriffen sich als passiv, fremdbestimmt und rechtlos.16

 

Reproduktion von Stereoptypen

 

Sexistische Stereotypen werden auch durch die populäre Bollywood-Industrie reproduziert. Der Mann als starker und (erfolg-) reicher Anwalt und Arzt, die Frau als gutherzige Lehrerin oder aufopfernde Mutter – das sind die Bilder, die Fans des indischen Großkinos in jährlich 350 produzierten Filmen vorgesetzt bekommen. In nur zwölf Prozent der Filme übernimmt eine Frau die Hauptrolle, ansonsten glänzt sie vor allem als love interest eines männlichen Charakters.17 Schauspielerinnen brachten die indische #MeToo-Bewegung ins Rollen. Sie prangerten als erste die Omnipräsenz und Akzeptanz von Sexismus und Gewalt gegen Frauen in ihrem Land an und wehrten sich gegen die Straflosigkeit der Täter.

 

Häusliche und sexualisierte Gewalt

 

Obwohl Indien die UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW, Committee on the Elimination of Discrimination against Women) 1980 unterzeichnet hat und trotz vieler Gesetzesreformen für verbesserten Gewaltschutz ist nach wie vor jede dritte indische Frau zwischen 15 und 49 Jahren von häuslicher Gewalt betroffen.18 Zwischen 2007 und 2016 wurden 2,5 Millionen Gewaltverbrechen gegen Frauen zur Anzeige gebracht, 39 Verbrechen pro Stunde. Besonders betroffen waren Frauen aus marginalisierten Gruppen wie den Adivasi oder Dalits. Im Verlauf besagter Dekade stieg die Anzahl angezeigter Gewaltdelikte um 83 Prozent. Die negativen Spitzenplätze belegten das Unionsterritorium Delhi (1) sowie die Bundesstaaten Assam (2), Odisha (3), Telangana (4) und Rajasthan (5). „Grausamkeit durch den Ehemann oder dessen Verwandte” war das meistgenannte Verbrechen (33 Prozent), gefolgt von sexueller Belästigung (25 Prozent), Entführung und Missbrauch (19 Prozent) sowie Vergewaltigung (11 Prozent).19 Schätzungen zufolge weist sexualisierte Gewalt die höchste Dunkelziffer auf. Die indische Zeitung The Livemint geht davon aus, dass Vergewaltigungen zu 99 Prozent nicht angezeigt werden.20

 

Kavaliersdelikt Vergewaltigung

 

Drastische Vergewaltigungsfälle lösten in den letzten Jahren auch weltweit Bestürzung aus. 2018 etwa wurde die achtjährige Asifa Bano aus dem Dorf Rasana in Jammu und Kashmir von acht Männern entführt, vergewaltigt und getötet. Die Festnahme der Beschuldigten führte zu Protesten, an denen auch Poltiker der Hindu-nationalistischen BJP teilnahmen. 2017 setzte sich eine 17-Jährige, die in der Stadt Unnao in Uttar Pradesh mutmaßlich von einem Lokalpolitiker mißbraucht worden war, vor dem Haus des Ministerpräsidenten selbst in Brand, weil die Aufklärung ihres Falls bewusst verschleppt worden war. Sexualisierte Gewalt trifft aber nicht nur junge Frauen. Im westbengalischen Nadia wurde kürzlich eine 100-Jährige von einem 21-Jährigen mißbraucht.

 

Gewalt gegen Frauen hat langfristige negative Auswirkungen auf ihre physische und psychische Gesundheit. Sie hinterlässt nicht nur tiefe Spuren im Leben der Betroffenen selbst, sondern auch in dem ihrer Kinder und Familien. Häufig verlieren Frauen nach Gewalterfahrungen ihre Arbeitsstelle, ihre Wohnung und soziale Bindungen. Besonders Gewalt durch den eigenen Partner zieht gravierende psychische Folgen nach sich, wie chronische Angstzustände und Depressionen.

 

Folgen für Täter

 

Bei dem hohen Gewaltaufkommen kann die Verurteilungsrate nur enttäuschen: 2016 lag sie für alle Gewaltverbrechen gegen Frauen bei 19 Prozent, für Vergewaltigungen bei 25 Prozent. Wären alle Angeklagten schuldig, würde nur einer von fünf Tätern wegen Gewalt gegen Frauen bestraft. Frauen widerführe nach Anzeigung einer Vergewaltigung in drei von vier Fällen keine Gerechtigkeit. Zudem gibt es große innerindische Unterschiede. Während im Nordosten des Landes 25 bis 70 Prozent der Gewaltdelikte gegen Frauen mit einer Verurteilung enden, kommen Westbengalen, Gujarat und Karnataka nicht einmal auf fünf Prozent. Besonders traurig ist, dass in den letzten fünf Jahren indienweit mehr Delikte angezeigt wurden, die Verurteilungsrate im selben Zeitraum aber stagnierte oder sank. Auch Gerichtsprozesse ziehen sich unverändert lange hin. Anfang 2016 standen Urteile in über einer Million Gewaltfälle gegen Frauen noch aus.21

 

Rechtliche und psychosoziale Beratung

 

Telangana weist die vierthöchste Gewaltrate gegen Frauen in Indien auf. 43 Prozent der befragten Frauen gaben 2016 an, von Übergriffen durch ihren Partner betroffen zu sein.22 Deshalb hat BHUMIKA dort vier Beratungsstellen für Frauen und Kinder in Not (Support Centers for Women and Children) eingerichtet. Diese sind direkt an Polizeistationen angegliedert, um den Frauen neben Rechts- und psychosozialer Beratung niedrigschwellig Zugang zu den erstinstanzlich zuständigen Behörden zu bieten. Meist sind die Frauen, die zur Beratung kommen, von Gewalt durch den Ehepartner oder die Schwiegerfamilie betroffen. In vielen Fällen verschärfen Arbeitslosigkeit und Alkohol beim Ehepartner die Situation. Auch Mitgift-Mobbing und Versorgungsprobleme durch fehlende Unterhaltszahlungen kommen häufig vor. Außerfamiliäre sexuelle Gewalt ist seltener, aber auch Thema. TERRE DES FEMMES fördert zwei dieser Beratungsstellen in den Städten Hyderabad und Karimnagar.

 

Bei der Beratungsarbeit geht es zunächst darum, gewaltbetroffene Frauen emotional aufzufangen. Viele von ihnen sind verzweifelt oder traumatisiert. Die Hemmschwelle, den Täter anzuzeigen, ist groß, vor allem beim eigenen Ehepartner. Die Angst vor einem Bruch mit der Familie und sozialer Ächtung sitzt tief. In einem ersten Schritt werden die Frauen über ihre Rechte und Handlungsmöglichkeiten aufgeklärt. Sie allein entscheiden dann über das weitere Vorgehen. Die meisten Frauen möchten ein zweites Beratungsgespräch führen, diesmal mit dem Täter, etwa ihrem Ehepartner. In dieser Sitzung macht BHUMIKA dem Täter die Auswirkungen der Gewalt auf das Leben seiner Frau und Kinder bewusst und ruft ihm seine Pflichten als Ehemann und Vater in Erinnerung. Er erfährt auch, welche rechtlichen Konsequenzen sein Handeln haben kann. Einigt sich ein Paar auf gemeinsame Regeln zum weiteren Zusammenleben, wird eine entsprechende Vereinbarung aufgesetzt und notariell beglaubigt. Verstößt der Mann erneut gegen diese Vereinbarung, kann die Frau Ansprüche geltend machen.

 

Entscheidet sich eine Betroffene für eine Anzeige oder Scheidung, wird sie weiterhin von BHUMIKA unterstützt. Meist folgt darauf ein mehrmonatiges, manchmal mehrjähriges Gerichtsverfahren mit Befragungen und bürokratischen Formalitäten, die es bis zur Urteilsverkündung durchzustehen gilt. Später muss nachgehalten werden, dass das Urteil auch umgesetzt wird. Den meisten Frauen fehlen für das Durchlaufen des vollständigen Rechtswegs die finanziellen Mittel, die psychische Stabilität und der notwendige Rückhalt von Bezugspersonen. Auch bei der Verarbeitung traumatischer Erlebnisse und der Transformation ihrer Beziehung zu Ehemann und Schwiegerfamilie stehen die Frauen häufig alleine da. BHUMIKA bemüht sich um eine wirksame Stärkung der Frauen und stellt sicher, dass sie zukünftig gewaltfrei leben können. So ruft BHUMIKA nach Beratungsende regelmäßig an und leitet die Frauen im Notfall an Schutzeinrichtungen weiter. Im Vordergrund der Arbeit steht, dass die Frau jederzeit geschützt bleibt und gestärkt wird, selbst über ihr weiteres Leben zu entscheiden.

 

BHUMIKA und TERRE DES FEMMES

 

1993 im südlichen Zentralindien gegründet, gab BHUMIKA zunächst ein feministisches Magazin heraus. Später kamen Hilfsaktionen gegen häusliche und sexualisierte Gewalt hinzu. 2006 startete BHUMIKA die erste Beratungshotline in Hyderabad für Mädchen und Frauen in Not. Die Organisation schult auch Polizist(inn)en, Richter/-innen sowie Anwältinnen und Anwälte im Umgang mit geschlechtsspezifischer Gewalt. Außerdem betreibt BHUMIKA intensiv Lobbyarbeit auf politischer Ebene. Behörden greifen für Beratung und Ausbildung oft auf ihre Expertise zurück.

 

Blick in die Zukunft

 

BHUMIKA weiß, wie Gewalt gegen Frauen in Indien wirksam reduziert werden könnte: „Es muss sich grundlegend etwas ändern, Bildung und Erziehung spielen eine große Rolle. Gender-Kurse sollten in Schullehrpläne und die Ausbildung von Regierungsbeamten integriert werden. Gerade dort werden Stereotype immer wieder reproduziert. Mädchen und Frauen müssen ihre Rechte und die neuen Gesetze kennen, Jungen und Männer die Strafen und deren Auswirkungen auf ihr Leben und ihre Karriere. Ohne die Eltern hat das aber wenig Erfolg: Töchter und Söhne müssen gleichberechtigt erzogen werden und beide im Haushalt helfen. Mitgift-Zahlungen für Mädchen sind inakzeptabel. Gewalt gegen Frauen ist transparenter und schneller zu ahnden. Tätern muss klar sein, dass sie nicht ungeschoren davonkommen. Es liegt noch ein weiter Weg vor uns. In allen Bereichen. Am meisten aber zu Hause.“

 

Laut Weltwirtschaftsforum braucht Indien bei der aktuellen Geschwindigkeit des gesellschaftlichen Wandels weitere 108 Jahre, um Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern herzustellen. TERRE DES FEMMES wird sich gemeinsam mit BHUMIKA dafür einsetzen, dass es schneller geht.

 

 

 

Zur Autorin

Birgitta Hahn hat Ethnologie, Gender Studies und Romanistik studiert und für verschiedene deutsche Hilfsorganisationen im In- und Ausland gearbeitet, 2009 u.a. in Indien. Seit 2016 ist sie für das Referat für Internationale Zusammenarbeit von TERRE DES FEMMES (TDF) in Berlin tätig. Gemeinsam mit zehn Frauenrechtsorganisationen aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Osteuropa setzt sich TDF dafür ein, dass Frauen und Mädchen weltweit selbstbestimmt, gleichberechtigt und frei leben können. Ziel ist, Menschenrechtsverletzungen gegen Frauen und Mädchen wirksam vorzubeugen und abzubauen. Dies erreicht TDF u.a. durch Lobby- und Beratungsarbeit sowie Bildungs- und Berufsförderung von Frauen und Mädchen. Lesen Sie mehr unter www.frauenrechte.de

 

Endnoten

https://www.ircsearchpartners.com/thought-leadership/where-are-women-ceos-myths-and-reality/

https://www.cnbc.com/2017/04/25/female-ceos-are-still-extremely-rare-in-the-us-and-europe.html

https://www.economist.com/leaders/2018/07/05/why-india-needs-women-to-work

https://thewire.in/economy/kerala-leads-leads-nation-in-female-literacy-tamil-nadu-has-most-women-entrepreneurs

http://niti.gov.in/content/maternal-mortality-ratio-mmr-100000-live-births

https://www.governancenow.com/news/regular-story/12-crore-girls-missing-in-india

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/indien-abtreibungen-von-maedchen-a-962226.html

https://www.arte.tv/de/videos/082744-000-A/indien-eine-chance-fuer-toechter/

https://www.arte.tv/de/videos/082744-000-A/indien-eine-chance-fuer-toechter/

10 https://www.thelancet.com/journals/langlo/article/PIIS2214-109X(18)30184-0/fulltext

11 https://www.globalcitizen.org/en/content/india-girls-gender-discrimination-mortality/

12 https://www.indiatoday.in/mail-today/story/dowry-deaths-national-crime-records-bureau-conviction-rate-972874-2017-04-22

13 https://www.ndtv.com/india-news/dowry-deaths-make-significant-share-of-female-killings-in-india-report-1954056

14 https://www.economist.com/leaders/2018/07/05/why-india-needs-women-to-work

15 http://www.bpb.de/internationales/asien/indien/44429/frauen-in-indien

16 Vgl. Diana Tietjens Meyers: Gender in the Mirror: Cultural Imagery and Women’s Agency. Oxford University Press, 2002.

17 https://qz.com/india/1104106/bollywood-has-a-very-real-gender-problem-an-analysis-of-4000-films-reveal/

18 https://www.thenews.com.pk/print/279187-every-third-woman-in-india-suffers-sexual-physical-violence-at-home

19 https://www.indiaspend.com/crime-against-women-up-83-conviction-rate-hits-decadal-low-18239/

20 https://www.livemint.com/Politics/AV3sIKoEBAGZozALMX8THK/99-cases-of-sexual-assaults-go-unreported-govt-data-shows.html

21 https://thewire.in/society/a-closer-look-at-statistics-on-sexual-violence-in-india

22 https://www.indiaspend.com/crime-against-women-up-83-conviction-rate-hits-decadal-low-18239/