Danish Razar
Pishaach Sundari Ka Badla
Eintritt in die neue indische Horrorwelt

In der Welt der Hindi-Fiktion war das Subgenre Horror ein Dauerbrenner und wurde traditionell von Krimis dominiert. Im Zeitalter der E-Books und Online-Verkäufe entsteht das Subgenre zu neuem Leben. Der Autor greift neuere Tendenzen auf.

An einem diesigen Morgen im Jahr 2018, stimmte der 73-jährige Parshuram Sharma, der in Meerut ein Musikinstitut leitet, die Saiten seiner Gitarre. In diesem Moment schickte ihm Anadi Shubhanand, Autor und Eigentümer des in Mumbai ansässigen Verlags Sooraj Pocket Books eine Freundschaftsanfrage auf Facebook. Sie tauschten Handynummern aus. Während des Telefonats fragte Shubhanand Sharma, wie viel Zeit er brauchen würde, um einen Horrorroman zu schreiben. Sharma oder Panditji, wie er im Volksmund genannt wird, traute seinen Ohren nicht. In den 1970er und 1980er Jahren, als die Veröffentlichung von sogenannter Schundliteratur (Pulp Fiction) ihren Höhepunkt erreichte, war die Stadt Meerut - 70 km nordöstlich von Delhi ihr Dreh- und Angelpunkt. Ein junger Sharma hatte damals mehr als 50 Horrorromane, Novellen, Übersetzungen und Bearbeitungen verfasst. Vor 14 Jahren hatte er das Schreiben wegen des Einbruchs im Pulp-Verlagswesen aufgegeben. „Ich dachte, Shubhanand macht Witze. Ich ging davon aus, dass der Markt schon lange beendet war. Zu meiner Überraschung erzählte er mir, dass die Leute immer noch routinemäßig nach Taschenbüchern auf E-Commerce-Portalen suchen. Für mich war das Musik“, sagte Sharma in seinem tiefen Bariton.

 

Neues Leben im abseitigen Genre

 

Shubhanands Verlag ist einer von vielen, der der Desi-Pulp-Fiktion1 durch Online-Verkäufe und E-Books neues Leben einhaucht, und dazu gehören Horror-Romane. Krimis waren immer schon das meistverkaufte Genre innerhalb der Populärliteratur, sagt Manesh Jain von Meeruts Ravi Pocket Books, ein großer Name in der Pulp-Fiktion. Aber auch Romane über das Übernatürliche und Paranormale verkauften sich immer gut. Heutzutage verbinden E-Books und Online-Verkäufe das Mühelose des Internet-Shoppings mit der nostalgischen Anziehungskraft berühmter Autoren vergangener Zeiten. Sie profitieren davon, dass Bahnhöfe, Bushaltestellen und kleine Buchhandlungen in der Nachbarschaft nicht mehr die wichtigsten Verkaufsstellen solcher Bücher sind. Sanjay Chawla, Inhaber von Meeruts Chawla Book Depot, das mit Pulp Fiction handelt, sagt: „Diese Ära ist vorbei. Die Menschen an Bahnhöfen und in Zügen sind jetzt an ihre Mobiltelefone angeschlossen. “

 

Minakshi Thakur, Herausgeber der Sprachabteilung des Verlags Westland, meint: „Man kann sagen, die vermeintliche Schundliteratur (Pulp Fiction) ist aus dem Abseits zum Mainstream des Verlegens geraten. Das Genre in englischer Sprache ist in westlichen Gesellschaften äußerst beliebt, und es gibt keinen Grund, unseren Schriftstellern nicht den gleichen Respekt und Platz einzuräumen, den sie verdienen. Wir sollten die indische Nachrichten-App Daily Hunt (Nachrichten und Apps in lokalen Sprachen) gebührend würdigen. Sie hat den Niedergang im kommerziellen Pulp-Schreiben vor sechs bis sieben Jahren verändert. Sie übertrugen alte und neue gedruckte Bücher in das E-Book-Format und stellten sie zu äußerst erschwinglichen Preisen zur Verfügung.“

 

Inzwischen bietet Amazon neben Übersetzungen auch beliebte Horrortitel in Hindi an. Regionale Sprachplattformen im Selbstverlag wie Pratilipi und Matru Bharti ermutigen etablierte wie neue Autoren. Der Verlag Ravi Pocket Books hat eine mobile App für E-Books auch für Horror-Geschichten entwickelt. Die FlyDreams Publishers aus Jaisalmer handeln mit Online-Büchern und haben sechs Horrortitel im Angebot. Als Shubhanand vor fünf Jahren sein Verlagshaus gründete, ging er den digitalen Weg. Die traditionellen Händler hatten kein Interesse gezeigt. Um sich einen seriösen Anstrich zu geben, wollte er mit etablierten Autoren arbeiten. „Einen beliebten Horrorautor wie Parshuram Sharma an Bord zu haben, war ein großer Mehrwert für meine Marke. Ich habe vor, mehr Schriftsteller anzuwerben, die vor Jahrzehnten berühmt waren, jetzt aber arbeitslos sind“, sagt Shubhanand. Seit ihrem Telefonat hat Shubhanand drei von Sharmas Horrorromanen aus den 1970er Jahren neu veröffentlicht - Agiya Betal, Khoon Barsega und Korey Kaagaz Ka Qatl.

 

Sharmas Schreibwerkstatt

 

Zurück in seiner Musikschule in Meerut kämpft Sharma mit einer Schreibblockade. Er soll für Shubhanand einen neuen Roman mit dem vorläufigen Titel Darr Lagta Hai2 anfertigen. In seiner Blütezeit kam ihm das Schreiben ganz natürlich vor, genau wie das Sprechen. Er hätte mindestens einen Roman pro Monat fertig gestellt. Jetzt ist es anders. Ideen kommen nicht mehr so einfach. Er musste um einen Zeitaufschub für sein nächstes Buch bitten. Und er gesteht: „Früher konnten wir die Leute leicht zum Narren halten. Jetzt nicht mehr. Ich konnte Vulkane explodieren lassen, wo immer ich wollte. Jetzt kann der Leser oder die Leserin herausfinden, ob sich an dem genannten Ort überhaupt ein Vulkan befindet.“

 

Die Grundstruktur hat er schon, ein realer Vorfall im RK Studio in Mumbai. Sharma war von 1994 bis 2004 in Mumbai als Teil einer Autorengruppe, die mehrere Thriller- und Horrorshows für das Fernsehen verfassten. Einer seiner Freunde, der persönliche Assistent eines Superstars von gestern, erzählte ihm, dass es in einem Zimmer im RK Studio gespukt habe. „Das ist die Grundidee, die ich entwickeln möchte“, sagt Sharma. Die Geschichte und die Details müssen ihn selbst erschrecken. „Ich kann nicht erwarten, dass meine Leser eine bestimmte Einstellung haben, wenn ich sie nicht selbst habe.“

 

Viele Geschichten der Generationen in Sharmas Dorf haben es in seine Romane geschafft. Sharma stammt aus einem Dorf im Bezirk Pauri Garhwal im Bundesstaat Uttarakhand. Der Autor behauptet, dass sein beliebtester Horrortitel Agiya Betaal auf einem Vorfall beruht, den er und seine Freunde vor rund 40 Jahren erlebt haben: „Eine Erscheinung wie ein Feuerkreis, der in Fragmente zerbrach und sich immer wieder zusammensetzte.“ Ob er selbst an das Übernatürliche glaubt oder nicht, hält er für irrelevant. „Meine Logik ist einfach. Wenn etwas einen Namen hat, bedeutet dies, dass es existiert und eine Geschichte hat. Wir stellen uns kein Wesen oder Phänomen vor und benennen es dann. Oder?“

 

Der Spannung einen neuen Dreh geben

 

Der in Meerut lebende Autor und Übersetzer Abid Ali Rizvi (77) schrieb im vergangenen Jahr eine Anthologie mit dem Titel Bhoot Pret Ki Kahaniyan - sein erstes originäres Horrorwerk. Es sei sein Einstandsgeschenk an die Hindi-Pulp-Literatur. Rizvi, der einen Master in Hindi hat, wechselte 1974 nach Meerut. Er übersetzte meistverkaufte Horror-Romane wie Dracula vom Englischen ins Hindi. Er arbeitete mit drei der größten Verlage von Meerut zusammen: Dheeraj, Ravi und Maruti. Rizvi war vor seiner Zeit in Meerut Schullehrer in Uttar Pradesh und danach Autor bei Nikhat Publications in Allahabad. Dort schrieb er eine Serie unter dem Pseudonym Ibn e Sayeed namens Tilismi Duniya (Reich der Zauberei). Nach vier Jahren verlor er das Interesse an Ibn e Sayeed und zog nach Delhi. Kartar Singh (bekannt als Raj Bharti) genoss in jener Zeit eine herausragende Karriere als Autor im Genre Horror-Pulp-Fiction und verschaffte Rizvi Aufträge zu Geistergeschichten: „Einmal in zwei Monaten schrieb ich ein Taschenbuch über Okkultismus“, sagt Rizvi. In Meerut übersetzte er unter anderem vier Romanen der Inka-Reihe, eine Horror-Geschichte, die ursprünglich vom pakistanischen Autor Anwar Siddiqui geschrieben wurde. Inka ist die Geschichte einer übernatürlichen Kreatur. In den frühen 1990er Jahren schlossen mehr als 20 Verlage in Meerut. Rizvi musste von seinen Ersparnissen leben. Jetzt schreibt er wieder: „Fernsehen und soziale Medien bieten regelmäßige Mahlzeiten an. Ich serviere Snacks.“

 

Raj Bharti: König des Grauens

 

Kartar Singh war schreibsüchtig. Es gab ihm ein Gefühl der Vollendung - in den frühen Morgenstunden zu schreiben, seine Charaktere zu visualisieren und dabei mehr Tee zu trinken, als es seine gesamte siebenköpfige Familie im West Patel Nagar in Delhi an einem Tag könnte. „Er war immer in Trance, als er schrieb. Nur er selbst in einer Welt, die nur er kannte“, erinnert sich Saroj Kanta an ihren 2009 verstorbenen Ehemann. In seiner Karriere als Autor von Hindi Pulp Fiction verwendete er vier Pseudonyme, um Romane in verschiedenen Genres zu schreiben. Als Raj Bharti hat er in vier Jahren 46 Horrorromane geschrieben und erlangte eine Kult-Anhängerschaft. Immer noch bekomme Manesh Jain, Inhaber von Ravi Pocket Books, jede Woche mindestens eine Anfrage, die Bhartis Beispiel zitiert und neue Horrorromane fordere. Der verstorbene Autor hat aus Mythologie, wahrem Verbrechen, Übersinnlichem und Übernatürlichem, Science-Fiction, Horror und Folklore zusammengetragen und eine Welt der Geister, Exorzismus und Kannibalismus erschaffen. „Während andere Autoren 5-7000 Exemplare verkauften, lagen die Auflagen bei Raj Bharti oft bei 10-15.000 Exemplaren“, sagt Jain.

 

Aus dem Englischen übersetzt
von Theodor Rathgeber

 

 

 

Zum Autor

Danish Raza arbeitet unter anderem als Korrespondent der Hindustan Times und schreibt über Gender, Identität, Menschenrechte, Konflikte und Online-Sprache.

 

Texthinweis

Der Artikel erschien am 19. Januar 2019 in der Hindustan Times in der Rubrik art and culture unter dem Titel Pishaach Sundari Ka Badla: Enter the dark, secret world of India’s horror writers.

 

Endnoten

Der Begriff Bahujan oder Dalit-Bahujan ist ein Konzept, das alle Dalit-Gruppen unabhängig von der Subkaste umfasst.

In Anlehnung an einer Horror-Serie im indischen Fernsehen; TR.