Karl-Julius Reubke
Jai Jagat!
Gandhi geht weiter

Gandhi war nicht sonderlich stolz auf die politische Unabhängigkeit, da sie mit der Teilung des Landes erkauft wurde. In den Feierlichkeiten sah er vielmehr die Gefahr, die wichtigeren und schwierigeren Schritte zur wirklichen Freiheit zu verdrängen. Darin erwies er eine prophetische Gabe, denn diese Verdrängung fand überall statt. Der vorliegende Text beschäftigt sich hingegen mit der Frage, wie Gandhi realiter in das alltägliche Leben gerade in seinem Bewegungsaspekt integriert werden könnte.

Gandhi war gern in Bewegung. Er war auf dem kurzen Weg zum Abendgebet, als er durch die Schüsse eines Hindu-Fanatikers niedergestreckt wurde. Seine vielen Märsche hatten damit ein Ende, er konnte nicht weiter gehen. Indien, dessen Unabhängigkeit er Schritt für Schritt mit vielen Mitstreitern erkämpft hatte, trauerte um den Vater der Nation. Dieser Titel wird dem Mahatma bis heute mit Stolz und Anerkennung bei jeder Gelegenheit zugesprochen und bei jedem Jubiläum endlos wiederholt. Aber Gandhi forderte keineswegs nur die Unabhängigkeit des Staates von den Kolonialherren. Gandhi geht weiter, viel weiter mit seiner Forderung nach „swaraj“. Was verstand er nicht alles unter diesem, mit „Autonomie“ nur andeu-tungsweise übersetzbaren Schlüsselbegriff seiner Zukunftsziele für sein Land und die Menschheit.

 

Mit der Doppeldeutigkeit des Ausdrucks weiter gehen kommt man auf ein Thema, das Gandhi neben seinem Bewegungsdrang sehr lieb war. Er suchte ständig nach dem geeigneten sprachlichen Ausdruck für seine Vorschläge. Wenn die Menschen Indiens und der ganzen Erde friedlich zusammenleben wollen, müssen sie vertrauensvoll aufeinander hören und miteinander sprechen. Die Worte, die sie dabei gebrauchen, sollen gegenseitiges Interesse und Verständnis wecken. Mit Schlagwor-ten kann man leicht verletzen. Gandhi suchte nach klaren und gleichzeitig weitumfas-senden Begriffen, die zum mitdenkenden Gespräch eher als zur Diskussion geeignet sind. Fanatiker wollen aber nicht hören, nirgends und niemals. Der Mahatma wurde zu einem Beispiel dafür, dass es ein lebensgefährliches Unterfangen ist, nicht nur schöne Worte zu machen, sondern weiter zu gehen, zum Gespräch, zur Mitarbeit, zum Zusammenarbeiten einzuladen. Zu viele Menschen scheuen die Eigeninitiative. Die Aufforderung zu konstruktiver Tätigkeit erregt ihren blinden Zorn. Sie glauben, die Stimme der Wahrheit zum Schweigen bringen zu können, indem sie ihren Träger töten. Aber die Stimme der Wahrheit ist zwar leise, doch unüberhörbar, unzerstörbar und ewig; denn sie ist in jedem Menschen. Das war eine der Gewissheiten, mit denen der Mahatma lebte und starb.

 

Forderungen, die weiter gehen

 

Gandhi war nicht stolz auf die errungene politische Unabhängigkeit, zumal sie mit der auf lange Zeit Zwietracht nährenden Teilung des Landes erkauft wurde. Er sah keinen Grund, sie zu feiern. In den Feierlichkeiten sah er vielmehr die Gefahr, die wichtigeren und schwierigeren Schritte zur wirklichen Freiheit zu verdrängen. Darin erwies er eine prophetische Gabe, denn diese Verdrängung fand überall statt. Bis in die letzten Stunden seines Lebens rang Gandhi um eine geeignete, überzeugende und befeuernde Formulierung der dringend zu ergreifenden Aufgaben. Dem Kongress gab er den Weg mit den Worten vor: „Der Indian National Congress, die älteste politische Organisation des Landes, die nach vielen Kämpfen auf gewaltfreiem Weg die Unabhängigkeit durchgesetzt hat, darf nicht sterben.“ Er weigerte sich, die Umwandlung der umfassenden Volkseinrichtung in eine Partei anzuerkennen, denn eine Partei konnte und durfte sich den politischen Erfolg nicht allein zuschreiben.

 

Gandhi war bereit, mit allen Parteien zusammen zu gehen, wo klare gemeinsame Ziele verfolgt wurden. Subhas Chandra Bose kämpfte mit militärischen Mitteln und Strategien für die Unabhängigkeit. Er nannte Gandhi in einer großen Rundfunkrede vielleicht erstmalig „Vater der Nation“, und Gandhi übernahm, zum Entsetzen einiger seiner Getreuen, Boses Schlachtruf „Jai Hind“, „Heil Indien“. Gandhi forderte den Kongress auf, den Weg der Befreiung weiter zu gehen: „Ein lebender Organismus entwickelt sich immer weiter, oder er stirbt. Der Kongress hat die politische Unab-hängigkeit erreicht, nicht aber die wirtschaftliche, soziale und moralische Unab-hängigkeit. Diese … sind schwerer … zu verwirklichen, nicht zuletzt deshalb, weil sie konstruktiv, weniger aufregend und unspektakulär sind.“ Noch an seinem letzten Lebenstag erscheint die gleiche Formulierung als Aufgabe Indiens. Da heißt es im zweiten Satz: „Indien muss noch die soziale, ökonomische und moralische Unab-hängigkeit in Bezug auf seine siebenhunderttausend Dörfer erlangen.“1 Hier ändert er die Reihenfolge, die soziale Unabhängigkeit der Gemeinschaften, die moralische Freiheit des Einzelnen und ökonomische Selbstbestimmung der Dörfer ist ihm in dieser Reihenfolge wichtig. Dieses Dokument wurde unter dem Titel „Sein letzter Wille und Testament“ veröffentlicht. Es fand bei den Beratungen zur Konstitution des Landes keine Beachtung. Diese wurde im aufgeklärten Geiste der einstigen Kolonial-herren formuliert und mutet so modern wie zwiespältig an. Viele versuchen, Gandhis Aufforderung zu über-hören, aber sie ist, wie die Stimme der Wahrheit, überall leise hörbar und nicht ganz vergessen.

 

Viele Zeitgenossen des Mahatma versuchten der leisen, von Gandhi so nachhaltig erweckten inneren Stimme zu folgen. Wie konnten die Menschen in den Dörfern, die Bewohner/-innen des Landes und der Wälder des Subkontinents mit einbezogen werden? Wie finden sie eine Basis ihrer Existenz und einen Boden für die Weiterent-wicklung ihrer Kultur, den Sinn ihres Lebens? Manche stellten die Frage, ähnlich wie Gandhi, als „Vater“, der um seine Kinder bangt und für sie sorgen will. Wie Kinder, wenn sie zur „Selbstbestimmung“ heranwachsen gegen die Bevormundung durch den Vater rebellieren, selbst wenn dieser es noch so gut meint.

 

Die vielen, ganz unterschiedlichen indigenen Stämme wurden unter einem neuen Namen zusammengefasst. Als Raniparaj (Waldbewohner) oder Adivasi (Ersteinwohner), der letztere Name hat sich durchgesetzt, sollten sie eine gemeinsame Identität erlangen. Eine andere große Gruppe, die durch das unzeitge-mäße Kastensystem durch Jahrhunderte unterdrückt und versklavt wurde, nannte Gandhi Harijan (Kinder Gottes), weil er ihre Zugehörigkeit zur Menschengemeinschaft betonen wollte. Die Bezeichnung Harijan ist heute verpönt. Es macht den Dalit-Führern nichts mehr aus, von Dalits (Zerbrochenen) zu sprechen, um die Identität dieser Gruppe zu bezeichnen. Schon lange tot und wenig bekannt, wird Dr. Bimrao Ambedkar zum Übervater der Dalits gemacht und gefeiert, obgleich er in dieser Rolle zu Lebzeiten weder von Gandhi noch auch nur von einem Bruchteil seiner „Kinder“ anerkannt wurde.

 

In der Oberschicht, in den Städten, gab es viele, die Gandhis Aufruf zum Spinnen nicht symbolisch, sondern praktisch verwirklichen wollten. Die Khadi-Bewegung rang den verschiedenen Regierungen immer wieder Zugeständnisse ab. Ganz vergessen wurde nie, dass Menschen füreinander arbeiten, gegenseitige Anerkennung und erst dadurch auch eine Existenzgrundlage erhalten wollen. Gandhi folgte der überlieferten Anschauung der Bhagavadgita in der eigenen Erscheinung bis zur Lächerlichkeit. Aufgeklärte Wirtschaftsplaner erkannten den „wirtschaftlichen Imperativ“, der die moderne Weltwirtschaft beherrscht: „Erkenne die Bedürfnisse, vergrößere sie und liefere dann die Mittel zu ihrer Befriedigung.“ Mindestens einer unter ihnen2 erkannte, dass sich dieser Imperativ mit allen Religionen und Weltan-schauungen verträgt – außer mit derjenigen der Bhagavadgita, der Gandhi folgte. Sein Leben lang empfahl er die Bhagavadgita zur Nachfolge: „Wo du ein Bedürfnis bemerkst, prüfe, ob es Dir und dem ärmsten Deiner Mitmenschen förderlich ist, und dann überwinde dieses Bedürfnis.“ Dieses Beispiel Gandhis ist nicht überall vergessen, manches Mal sogar im Rahmen der Möglichkeiten sehr erfolgreich, wenngleich weniger aufdringlich und peinlich für andere befolgt als von Mahatma. Das ist ein Weg zur „Selbstbeherrschung“ nicht nur des Einzelnen, sondern auch seiner Gemeinschaft. Nicht verschwiegen sei, dass dies die Realität nichtmaterieller Güter und spiritueller Mächte voraussetzt - für manche einseitig Aufgeklärte ein Horror. Der Hass auf Gandhi in großen Kreisen erklärt sich daraus.

 

Wanderungen in Indien

 

Nicht nur da, wo Gandhi in seinen Forderungen weiter geht als zur politischen Freiheit seines Landes, weist er weitergehende Wege. Auch sein Impuls, auf Märschen sichtbare Veränderungen zu erreichen, wurde aufgegriffen. Unter Gandhis Mitarbeitern spielte Vinoba Bhave, von seinem Eintritt mit 21 Jahren in Gandhis Ashram 1916 an, eine besondere Rolle. Er galt stets als ein Heiliger. Man kann in ihm den spirituellen Erben des Mahatma sehen, so wie man in Nehru den politischen und in Jayaprakash Narayan den Erben von Gandhis Sozialimpuls sehen kann. Nach Gandhis Tod machte sich Vinoba, gerufen durch Nehru, auf die Wanderschaft durch Indien, um Gandhis Impuls der inneren Selbstherrschaft weiter zu pflegen und zu verbreiten. Von Gandhi hatte Vinoba die Überzeugung übernommen, dass sich nur aus freiwilliger Anteilnahme am Los der anderen, ärmeren Mitmenschen eine neue und gerechte soziale Ordnung bilden kann. Er appellierte an die einzelnen Besitzenden und weckte ihre guten Seiten. Sie schenkten Land, das den Landlosen zur Verfügung gestellt werden sollte. Die Landschenkungs-Bewegung war einzigartig. Sie erregte weltweit Aufsehen und Beachtung. In Deutschland etwa erschien schon 1956 eine kleine Schrift Vinobas Sieg,3 in der die unglaublich großen Flächen, die geschenkt wurden, staunend aufgelistet und statistisch untersucht wurden.

 

In diesem Büchlein wird Vinoba mit einer Aussage zitiert, die seinen Ansatz treffend charakterisiert: „Das Volk sollte sich zu dem Grundsatz bekennen, dass alles Land Gottes Eigentum ist. Sobald alles Land vergesellschaftet ist, hört die heute vorherrschende Unzufriedenheit auf, ein neues Zeitalter der Liebe und der Zusam-menarbeit aller bricht an.“ Vinoba war als Heiliger mit seiner Bhoodan-Bewegung so erfolgreich. Die Erfolge von Appellen an die Moral haben stets nur begrenzte Halt-barkeit. Die Kampagne war so angelegt, dass nach der Schenkung die Ländereien von amtlichen Stellen registriert und verteilt werden sollten. Von Anfang an gab es Schwierigkeiten mit der Umsetzung, die bis heute einen Rattenschwanz von Kontro-versen hinter sich herziehen. Die Nachkommen derjenigen, die Vinoba Land schenk-ten, ziehen eher vor Gericht, um die von ihren Vorfahren zu Unrecht, wie sie meinen, verschenkten Güter wiederzuerlangen. Auf die Idee, diese Schenkungen zu ergänzen und sich für ihre sinnvolle Verwendung einzusetzen, kommen sie nicht.

 

Dieser 14 Jahre währende Marsch Vinobas durch nahezu ganz Indien war ein weiterer Schritt zur Klärung, wie swaraj im Sinne des Mahatmas erlangt werden kann. Vinoba sorgte dafür, dass die Botschaft der leisen Stimme in jedem Menschen, von der Gandhi spricht, in vielen Menschen nicht ganz verstummte. Die Frage bleibt lebendig, wem denn die Grundlagen des Lebens, altmodisch ausgedrückt, Erde, Wasser, Luft und Wärme gehören, und ob sie überhaupt „rechtmäßig“ erworben, verwertet und vergeben werden können. Wer darf darüber entscheiden oder gar Eigentums-Rechte vergeben? Auf dem Weg zur Unabhängigkeit des Einzelnen Menschen war der Ruf „Jai Hind“ nicht mehr sinnvoll, und so rief Vinoba als erster „Jai Jagat!“. Das kann mit „Heil aller Welt“ übersetzt werden, im indischen Kontext ist damit aber das Heil jedes Lebewesens auf der Erde gemeint, so dass man auch übersetzen kann „Sieg der Würde jedes Erdenwesens“.

 

Vinoba gehörte zu den berühmten, verehrten und überall bekannten Nachfolgern des Mahatma. Es gab aber Tausende, die von Gandhi inspiriert ihrer inneren Stimme zu folgen und sich für ihr Land und die armen und benachteiligten Mitbürger einzu-setzen versuchten. Wie es schon beim Mahatma deutlich wurde, ist die persönliche Initiative sehr schwer gemeinsam mit anderen, einer gleichen Initiative Nachstreben-den aufrecht zu erhalten. Das mitreißende Charisma Gandhis und seine geschickte, unermüdliche und uneigennützige Überredungskunst führte die Unabhängigkeitsbewegung an das politische Ziel.

 

In der Nachfolge versuchten es manche, ähnlich wie Vinoba, ihr Charisma und den Abglanz des Mahatma nutzend auch Gandhis weitergehende Forderungen umzusetzen. Eine Truppe von Helfern sollte ausgebildet werden, aufs Land gehen und in den Dörfern die Lebens- und Arbeitsbedingungen verbessern helfen, Einkommensquellen erschließen und die Bildung heben. Viel kam in Bewegung, aber es gelang nichts. Lakshmi Chand Jain, einer aus der Folgegeneration der ersten Freiheitskämpfer, der sich jahrzehntelang als „Kreuzritter des zweiten Freiheitskampfes“ sah, kam schließlich zu dem Schluss, „es sei besser die gesamte derzeitige Organisation (der Dorfentwicklungsarbeit) aufzugeben und die Unterstüt-zung zentral erfundener Programme zur Armutsbekämpfung ganz einzustellen.“4

 

Jain ging hier deutlich über Gandhi und seine ersten Erben, Nehru und Jayprakash Narayan, hinaus. Er erkannte nach einem lebenslangen Einsatz für die Verbesserung der Situation Benachteiligter, dass in unserer Zeit das Vorden-kermodell nicht mehr sinnvoll ist. Es kommt nicht mehr auf intelligente, gute, richtige und praktische Ideen an. Davon gab es mehr als genug, sich teilweise auch widersprechende. Mitbestimmung ist auch keine Lösung, wenn sie nur zur Beruhigung darüber dient, dass es dann sogenannte Experten anders machen. Auf das individuelle Handeln in Übereinstimmung mit den Interessen aller kommt es heute und in der Zukunft an. Während diese Erkenntnis zumeist lähmend wirkt, wenn sie das Ergebnis erfolgloser Sozialarbeit ist, ist es anders, wenn sie der Arbeit zugrunde liegt.

 

Gewaltlosigkeit als Innenpolitik

 

PV Rajagopal, eine Generation jünger als LC Jain, wuchs unter Gandhi-Mitstrei-tern und -Verehrern auf. Früh erkannte er die Herausforderung, offener Gewalt mit gewaltfreien Methoden zu begegnen. Er nahm die Herausforderung an und erlebte zusammen mit seinem Mentor Subba Rao den Erfolg. Schwerbewaffnete und gesuch-te Banditen legten nach geduldigen, friedlichen Verhandlungen ihre Waffen ab und nahmen lange Gefängnisstrafen auf sich.

 

Die Geschichte der friedlichen Unterwerfung der gefürchteten Dacoits Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde oft erzählt. Inzwischen ist sie fast vergessen. Sie wurde von den Beteiligten nicht als Erfolg gefeiert und verwertet. Es zeigte sich Rajagopal sogleich, dass den Dacoits durch diesen Schritt noch kein besseres Leben ermöglicht worden war. Von der Befriedung des Gebietes profitierten die bürgerlichen Opfer, während die Räuberbanden und ihre Familien nun kein Einkommen mehr hatten. Ihr Gewaltverzicht hatte ihnen keine Existenzgrundlage geschaffen. Hilfe von oben, oder aus welcher Richtung auch immer, bringt keine dauerhafte Veränderung, zumal, wenn sie von Regierungen und Behörden versprochen aber nicht umgesetzt werden.

 

Alle Veränderung muss von den Betroffenen ausgehen, die erkennen, dass ihre Lage verbesserungsbedürftig, aber auch verbesserungsfähig ist. Dieser ersten Analyse der Situation folgt bald und wie von selbst die Erkenntnis, dass sich nur etwas ändert, wenn man selbst aktiv wird. Sogleich stößt man darauf, dass niemand allein und für sich existieren kann. Es kommt zu einer aufgabenbezogenen Gemeinschaftsbildung. Jeder eigene Erkenntnisschritt befeuert den nächsten Schritt. Schritt für Schritt entfaltet sich Aktivität, Veränderung wird möglich.

 

Das Prinzip der Bewegung im Heute

 

Diesen Prozess erkundete Rajagopal viele Jahre lang gemeinsam mit Land- und Dorfbewohnern vorwiegend der Adivasi-Bevölkerung. Die Bewegung, die daraus entstand, gab sich 1990 den Namen Ekta Pari-shad-Einheitsforum. Es ist ein Weg, der zu swaraj (selbstbestimmtem Handeln) des Einzelnen und der Gemeinschaft führt.

 

Gandhi wusste um das Geheimnis dieses Weges: wer den ersten Schritt wohlvor-bereitet ausführt, erkennt nicht nur sogleich, welches der logisch nächste Schritt ist, sondern er erlangt aus jedem Schritt die Kraft und den Schwung für den nächsten. Man sprach früher, auch im übertragenen Sinne davon, dass man sich auf eine „Reise“ begibt. Das hat in Indien Tradition. Bereits im 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung ließ Ashoka seine Erlasse von der Notwendigkeit solcher Yatras-Reisen in Stein meißeln. Gandhi entwickelte diese Technik der Märsche weiter, die eine räumliche Distanz überwinden, gleichzeitig aber ein höheres Ziel erreichen sollen. Als er in seiner Zeitschrift von einem solchen Yatra berichtete, erhielt er einen Leserbrief, er möge keine so hochgestochenen, nicht jedem verständlichen Worte benutzen. Er antwortete darauf: „Ich würde gern Leser wie ihn zufriedenstellen, aber es wäre auch nicht angemessen, die Qualität der Sprache herabzusetzten. Auch Arbeiter sollten sich ein bisschen anstrengen und lernen, einer gehobenen Sprache zu folgen.“5 Gandhi verwendete dieses Wort nicht häufig, (auf den 47.306 Seiten der gesammelten Werke kommt es 28 mal vor). Im Zusammenhang mit dem berühmten Salzmarsch 1930 konnte ich das Wort in seinen überlieferten Schriften überhaupt nicht finden.

 

Den Salzmarsch plante Gandhi sehr sorgfältig und keineswegs nur als Demon-stration gegen das Unrecht der Kolonialherrschaft. Als einer der ausgewählten Wandergenossen erkrankt, schreibt Gandhi: „Wenn Du die Regeln beschwerlich findest: das sind sie. Dennoch, in diesem Fall wurde vor dem Abmarsch die Bedingung gestellt, dass nur diejenigen mitmarschieren können, die bereit sind, diese Last zu tragen. Deshalb können diese Regeln nicht gelockert werden. Nur durch strikte Befolgung dieser Regeln kann eine massive Stärke erzeugt werden. Die inneren, spirituellen Regeln haben einen größeren Einfluss als die äußeren und materiellen Faktoren. Das ist die Idee hinter unserem Marsch. In dieser Auseinander-setzung versuchen wir die vorherrschende Gewalt durch Nicht-Gewalt auszumerzen, und dazu brauchen wir Demut ebenso wie Entschlossenheit und Mut. So lange wir arrogant sind, so lange wir versuchen, durch eigene Anstrengung vorwärts zu kommen, sind wir zum Scheitern verurteilt. (…) Das zeigt unser grundlegendes Prinzip.“

 

Bei der Betrachtung der Bhagavadgita stellte Gandhi6 die Überlegung an, dass es in der Entwicklung der Menschheit liegen müsse, früher auf dem Schlachtfeld ausgetragene Kämpfe heute im Inneren jedes Einzelnen auszufechten. Innere Entwicklung statt äußerer Gewalt, wurde zur Leitidee seiner gewaltfreien Aktionen. Dafür prägte er den Begriff Satyagraha. Das ist eine neue Art der gleichzeitig persönlichen und gemeinschaftlichen Entwicklung. Gandhi und die ihm Nachfol-genden entwickelten keine Theorien aus philosophischem Studium und schlugen sie zur Umsetzung vor. Sie griffen Arbeitshypothesen auf, erprobten und entwickelten sie in genau geplanten, bewussten Schritten weiter. Aus der anstrengenden Anwendung und Erprobung von Möglichkeiten sollte sich die Entwicklung ergeben. Während Gandhi selbst für die Beschreibung seines lebenslangen Strebens satyana prayogo (Wahrhaftigkeits-Anstrengungen) verwendete, erlaubte er dem Übersetzer dies mit „Experimente mit der Wahrheit“ wiederzugeben.

 

Rajagopal griff auf die Erfahrungen zurück, die Gandhi und Vinoba mit solchen Yatras gemacht hatten. In der Verinnerlichung des Lernprozesses durch die Tat ging er einen Schritt weiter. Es war ihm klar, dass er Regeln und Bedingungen allenfalls für sich selbst, nicht aber für andere aufstellen konnte. Den ersten Marsch, ein halbes Jahr lang und 3000 Kilometer, machte er im Wesentlichen allein mit einer wechselnden Gruppe von Mitarbeitern. Der Marsch diente als Training des gewaltfreien Umgangs untern den Wanderern, den aufgesuchten Menschen und mit den zum Dialog eingeladenen Regierungsbeamten und Verantwortlichen.

 

Das Element des Trainings war auf allen weiteren Yatras, und es waren viele, ganz entscheidend. Als große und sehr große Gruppen auf den Marsch gingen, war dieses Lernelement entscheidend, etwa im Jahr 2007, als sich 25.000 von Gwalior nach Delhi auf den Weg machten. Was diese Wanderer in den 27 Tagen, ausschließlich auf der Straße und aufeinander angewiesen lebend, lernten, war ein so großer, von jedem Teilnehmenden erlebter Gewinn, dass er über den mageren politischen Erfolg mehr als nur tröstete. Erst das Mitwandern schuf die Möglichkeit, das Ergebnis realistisch als großen Erfolg zu erkennen. Bei dem Marsch 2012 erfuhr dies eine weiter Steigerung. Der Film Millions can Walk vermittelt etwas von der mitreißenden Atmosphäre dieses neuartigen Lernprozesses.

 

Der Jai Jagat 2020 ist nun weltweit als eine weitere Steigerung angestoßen. Wer wird die Regeln verinnerlichen und sich an den Aktionen zum 150jährigen Geburts-tag beteiligen – gewaltfrei, das Wohl des Ärmsten im Bewusstsein? Werden die Märsche, Zusammenkünfte, Ereignisse diesen Ansatz des neuen Lernens, ein andersartiges Entwicklungsparadigma in der Welt verbreiten?

 

Jai Jagat! Gandhi geht weiter! Gehen wir mit!

 

 

 

Zum Autor

Karl-Julius Reubke ist Naturwissenschaftler, Anthroposoph und Autor mehrerer Bücher. Im Auftrag des WWF Schweiz war er 2002 mit einer Gruppe von Preisträgern in Indien. Auf einem Friedensmarsch mit Rajagopal produzierte er mit Jan Gassmann den Film „Wort um Wort, Schritt um Schritt“. 2005 wanderte er mit Rajagopal und Ekta Parishad auf einem erfolgreichen Friedensmarsch für die Landrechte der Landbevölkerung. Er ist Mitglied des Ekta Europe Netzwerks und gründete 2004 in Köln den Verein „Freunde von Ekta Parishad“.

 

Endnoten

Narayan, Shriman und Wolfgang Sternstein (Hrsg.): Gandhi, Werke, Band 3, Grundlegende Schriften, S. 297.

C. West Churchman: „The Systems Approach and Its Enemies“, Basic Books, New York 1979.

B.R. Misra: „Vinobas Sieg. Die Wirtschaftliche Bedeutung der indischen Landschenkungsbewegung“, Fritz Knapp Verlag, Frankfurt 1956.

LC Jain: „Civil Disobedience. Two Freedom Struggles, one Life”, The Book Review Literary Trust, Delhi 2011, S. 204.

Nvajivan, 26-12-1920, CWMG 22, 135.

“M.K. Gandhi Interprets The Bhagavadgita“, Navajivan Trust, Ahmedabad. Orient Paperbacks (o.J.).