Theodor Rathgeber
Editorial Südasien 2/2019

Liebe Leserinnen und Leser,

 

Über Gandhi im heutigen Indien als Schwerpunktthema zu schreiben, birgt einige Gefahren, insbesondere, in ethischen Ansprüchen stecken zu bleiben. Ganz ohne Ethik kommt dieser Schwerpunkt nicht aus. Zwei Artikel zum Schwerpunkt rollen die historischen Kennwerte zu Gandhi auf und betten sie in den Entstehungsprozess des unabhängig werdenden Indien ein. Eine nationale Sprache als wesentliches Element der neuen Nation leitete lange Zeit Gandhis Denken. Daraus wurde aus verschiedenen Gründen nichts. Bis heute aber aktuell bleiben die Überlegungen zur Identitätsbildung, die in diesem Fall nicht über die eine Sprache sondern über die Vielfalt der Sprachen in Indien zustande kam und kommt und zur Tiefenstruktur der indischen Gesellschaft gehört. Auch eine nationalistische Strömung im Land wird daran nicht substanziell rütteln können.

 

In den Artikeln, die Gandhis politische Ansätze mit dem Heute abgleichen, etwa zu Fragen der Wirtschaft und sozialen Absicherung, wird herausgearbeitet, dass einiges an Partizipation für zumindest einen Teil der indischen Bürger/-innen umgesetzt wurde. Nicht gerade Bauern und Bäuerinnen, und eigentlich nach den Gandhi geradezu entgegengesetzten Lenkungsprinzipien eines Jawaharlal Nehru. Gleichwohl wird überdeutlich, was dieser ökonomischen Erfolgsgeschichte fehlt: die grundsätzliche Partizipation aller in Indien lebenden Bürger/-innen. Gandhi stünde hierfür Pate, auch wenn sein Konsummodell so nicht mehr funktionieren würde.

 

Gandhi als Meister der Mobilisierung von Bewegungen wird in mehreren Artikeln thematisiert. In einem Land mit täglichen Protest- und Widerstandsbewegungen liefert Gandhis Vorbild bis heute praktisches Anschauungsmaterial – bis hinein in den Deutschen Bundestag. Eine ungewöhnlich scheinende, aber unter dem Freiheitsaspekt dann doch überzeugende Annäherung zwischen Anarchismus und Gandhi öffnet nochmals neue Perspektiven für gesellschaftlichen Widerstand im Heute.

 

Im Länderteil zu Indien überwiegt die Analyse und Auseinandersetzung mit dem Wahlergebnis zum nationalen Parlament im April und Mai dieses Jahres. Die Texte in diesem Heft schauen dabei hinter gängige Erklärungsversuche und sezieren die Wechselwirkung von dem sich in einer Transformation befindlichen Land Indien und der Parteienlandschaft. Und es scheint, als habe die BJP diese Wechselwirkung bislang am effektivsten wahrgenommen und in eigene Parteipolitik umgesetzt. Weitere Artikel zu Indien setzen sich mit konkreten politischen Projekten der BJP-Regierung auseinander, die die Überschrift der kontinuierlichen Entrechtung der unterprivilegierten Bevölkerung haben könnte.

 

Über Afghanistan wird außer der Länderübersicht nicht oft in Form eines Artikels berichtet. In diesem Heft wird eine Studie vorgestellt, die ein ungewöhnliches Zusammenspiel zwischen lokalen Rechtssystemen und völkerrechtlichen Regelungen zur Rechenschaftspflicht staatlicher und nicht-staatlicher, bewaffneter Akteure zum Gegenstand hat – und einen kleinen Erfolg aufzeigen kann.

 

Sri Lanka taumelt von einer konfliktiven Polarisierung in die andere. Erschreckend, wie einmal mehr die Regierung schwach oder unwillig reagiert, um eine öffentliche Ordnung zu garantieren, die allen eine Beteiligung am gesellschaftlichen Leben ermöglicht. Beunruhigend wohl ebenso, dass auch Teile der Zivilgesellschaft von selektiver Wahrnehmung in der Ausübung von Solidarität befallen ist.

 

Im Literaturteil spielt Gandhi erneut eine zentrale Rolle, ohne dass er immer ausdrücklich erwähnt ist. Einmal im Textauszug aus den Erinnerungen an Gandhi, einmal in einem Text, der sich mit Sprache und Identitätsbildung auseinandersetzt. Der fortgesetzte Kampf um Emanzipation, auch mit dem Mittel der Musik, ist gelebte Erfahrung Gandhis. Ein neu aufgelegtes Genre, der Horrorroman, erlebt eine zweite Blüte in elektronischer Form. Und die Zusammenfassung über die Literaturtagung in Villigst greift den Schwerpunkt aus Heft 1-2019 nochmals auf.

 

Ausgehend von den Erfahrungen zum vorliegenden Heft, lohnt es sich offensichtlich, auf den Schwerpunt im nächsten Heft hinzuweisen. Es gingen zu Heft 2 tatsächlich nicht angefragte Beiträge ein, und sie wurden auch aufgenommen. Der Schwerpunkt von Heft 3 wird sich mit Pakistan beschäftigen, wobei vor allem die verborgenen Seiten des Landes, die gängigen Stereotypen widersprechen, im Vordergrund stehen sollen. Wir freuen uns über Ihre Anregungen.

 

Im Übrigen ist es wieder ein gut gefülltes Heft geworden, dass Ihnen hoffentlich auch Vergnügen beim Lesen bereitet.

 

Theodor Rathgeber