Theodor Rathgeber
Editorial Südasien 3/2019

Liebe Leserinnen und Leser,

 

Über Pakistan zu schreiben und Texte zusammenzustellen, war und ist eine Herausforderung für den Kopf und die – eingeschränkte – Vorstellungswelt des Redakteurs. Natürlich plagen mich Klischees über das Land, und Bollywood lässt keine Gelegenheit aus, diese zu bestärken. Die Beschäftigung mit dem Land durch den Schwerpunkt in diesem Heft hat das spontane Empfinden in gängigen Stereotypen etwas einhegen können.

 

Mit am nachdrücklichsten beeindruckt hat mich die Konfrontation mit eigentlich Bekanntem: Wie eingezwängt Pakistan in geostrategische Interessenkonstellationen ist, wie wenig Handlungsspielräume dem Land tatsächlich bleiben, Atommacht hin oder her. Wie lebensgefährlich es ist, dies in Pakistan politisch zu versuchen. Das, was an internationaler eigener Positionsbestimmung letztlich bleibt, lotet der Artikel zur Beziehungsstruktur zwischen Pakistan und Afghanistan eindrücklich aus.

 

Die Aussage wird nicht überraschen, dass Pakistan als Vielvölkerstaat eine ziemlich komplexe Gesellschaft darstellt. Im Vordergrund dominiert zwar die islamische Orientierung zur Organisation des Staates, zu manchen Zeiten wie Mehltau auf dem Land liegend. So enthält der Schwerpunkt natürlich auch Texte, in denen die Abgründe einer erzwungenen gesellschaftlichen Formation deutlich werden – nachdrücklich nicht zuletzt in der kurzen Erzählung im Literaturteil.

 

Es gibt aber Anpassungen an den Lebensalltag, nicht nur in der Stadt, sondern auch in den Regionen. Es finden sich Aufbrüche aus herkömmlichen Zwängen, vorwiegend noch im urbanen Milieu. Manchmal demonstrativ und augenfällig, wie in der Kunst, manchmal als evolutionärer Prozess, der zwar wiederum marktkonformen Zwängen gehorcht und von außen angestoßen wird, aber gleichwohl ein befreiendes Moment beinhaltet – wie in der beruflichen Bildung. Beeindruckend gerade auch die Selbstverständlichkeit, mit der junge Leute – und insbesondere Frauen – bei der Veränderung ihres Alltags unterwegs sind, noch nicht das Image und die Repräsentation in der Öffentlichkeit herausfordernd, aber unübersehbar Spitzenplätze einnehmend, und das sehr erfolgreich.

 

Für jemand wie mich, der sich inzwischen mehr als zwei Drittel seines Lebens mit Fragen zur Autonomie von indigenen Völkern und Minderheiten beschäftigt hat, kommt es einer besonderen Herausforderung gleich zu sehen, wie brach die Potenziale eines Vielvölkerstaates liegen bleiben. Schlimmer: wie die Vielfalt überwiegend für Scharmützel untereinander instrumentalisiert wird, und die Berichte vom Streben nach Befreiung und Selbstbestimmung in der hiesigen europäischen Medienwelt zum Terrorismus verkümmern. Allein Belutschistan wäre ein eigener Schwerpunkt wert.

 

Die Einebnung der Vielfalt, die harsche Durchsetzung eines homogenen Staates erleben wir im Moment ebenfalls in Indien, und dort auf absehbare Zeit. Während der Endredaktion an diesem Heft brachte Indiens Innenminister eine Vorlage ins Parlament, um Hindi zur allseitig verpflichtenden Verkehrssprache im ganzen Land durchzusetzen. Die Nationalisten in Indien werden damit, selbst wenn das Gesetz so kommt, meines Erachtens aber keinen Erfolg haben. Dazu ist die Hindu-Kultur selber viel zu vielfältig. Gleichwohl: Ein solches Projekt mit der Rückendeckung staatlicher Instanzen ermuntert zu Zwang und Gewalt, um die Homogenisierung in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens erzwingen zu wollen. Das ist auch der Bundesregierung in Deutschland geläufig. Sie sollte ermuntert werden, in der anstehenden Konsultation mit der indischen Unionsregierung nicht nur am Rande darauf zu sprechen zu kommen.

 

Nepal hat als Staat eine beachtliche Wendung von der Monarchie zur Republik vorgenommen. Das scheinen jedoch einige Akteure in Nepal noch nicht verstanden zu haben oder zulassen zu wollen. Die Wahlergebnisse für auf Veränderung drängende Parteien bekräftigen diese Aufforderung an diese Parteien, endlich der ihnen übertragenen Aufgabenstellung Genüge zu tun.

 

Tragisch muten die Berichte über Sri Lanka an. Mit großem Elan in einen Reformprozess gestartet, haben sich die tragenden Kräfte in der Regierung in eine Paralyse manövriert. Meine Kolleg(inn)en waren vor der Wahl 2015 euphorisch angesichts der damals möglichen Politikalternative. Dieses Mal klingen die Aussagen zur nächsten Präsidentenwahl allenfalls gedämpft.

 

Beim Lesen der Rezensionen werden Sie möglicherweise unmittelbar nach einem der besprochen Bücher greifen wollen. Vergessen Sie dabei nicht, auch Heft 3 SÜDASIEN mit Genuss zu lesen. Wir haben einiges dafür vorbereitet,

 

Theodor Rathgeber