Bushra Iqbal Malik
Der Stumme und der Himmel
Kurzgeschichte über Pakistan

Die Autorin erzählt die Geschichte Pakistans als Parabel, in der ein lokales Milieu sich mit den Veränderungen in der großen Politik arrangieren muss. Eine Geschichte außerdem vom vorläufigen Scheitern der religiösen Barmherzigkeit und Toleranz durch eifernde Islamanhänger. Die Geschichte Pakistans eben.

Im Schatten der hinteren Wand der Moschee in meinem Viertel sah ich einen alten, stummen Mann in einem ziegelbebauten und lehmverputzten Zimmer. Stets zur Morgendämmerung kam er seiner Pflicht nach, die Moschee und den Ort der Waschung für die Betenden zu säubern. Ich wusste nicht, wer er war und seit wann er dort wohnte.

 

Den Älteren des Viertels zufolge lebte er hier schon seit der Teilung Indiens und der Gründung Pakistans. Früher war dies das Viertel der Brahmanen, aber während der Teilung wurden sie samt und sonders vertrieben. Stattdessen ließen sich traumatisierte muslimische Flüchtlingsfamilien aus verschiedenen Gegenden hier nieder. Man erzählte sich, diese Familien seien auf einen fünf- oder sechsjährigen Jungen getroffen. Niemand wusste, wer er war und woher er kam. Er selbst konnte es ihnen auch nicht mitteilen, denn das Kind war stumm.

 

In jener schwierigen Zeit waren viele Bewohner der nördlichen Region des asiatischen Subkontinents von unsäglichem Leid heimgesucht worden. Ein jeder dachte hauptsächlich an den eigenen Kummer.

 

Unter diesen Umständen gab es wohl auch niemanden, der den stummen Jungen hätte fragen wollen, was mit seinen Angehörigen los war, ob ihn womöglich seine Familie hier zurückgelassen hatte, ob er Hindu oder Muslim war. Niemand interessierte sich sonderlich für die Vergangenheit eines stummen, alleingelassenen Jungen.

 

Dennoch zog dieser Junge mit der Zeit die Aufmerksamkeit der Bewohner seines Viertels auf sich.

 

Die Alteingesessenen berichteten, dass er früher mal hier und mal dort übernachtet hatte. Bekam er Hunger, so klopfte er einfach an die nächste Haustür und bat um etwas Essen. Und nie hatte man ihn mit leeren Händen weggeschickt. Ganz im Gegenteil, die Einwohner des Viertels empfanden eine eigentümliche Zuneigung für das arme Waisenkind.

 

Als die Moschee in unserem Viertel errichtet wurde, half der Junge mit seinen kleinen Händen und sogar leidenschaftlicher als die Bauarbeiter, selbstverständlich ohne dass er etwas dafür bekam.

 

Mit fortschreitendem Alter richtete er sich im Schutze dieser Moschee einen Schlafplatz ein – dies sah man im Viertel als sein gutes Recht an. Die Vorstellung, dass ein Gotteshaus auch das Haus eines Obdachlosen und Gott ein Helfer der Hilflosen sei, war schließlich irgendwo in der Psyche der Menschen verankert. Der kleine Junge wurde größer und gehörte mehr und mehr zum Inventar des Viertels.

 

Nach der Katastrophe der Teilung von 1947 lebte das Land langsam auf. Die zurückgebliebenen Hindus, Sikhs und Christen mussten nicht mehr um ihr Leben fürchten.

 

Viele der Neuankömmlinge von 1947 zogen aus meinem Viertel weg. Ihre Häuser wurden von neuen Bewohnern bezogen. Der Stumme blieb seinem Schlafplatz in der Moschee treu.

 

Wenn sich nun die Zugezogenen bei den Ortsansässigen über den Stummen erkundigten, überwog das Mitleid die Neugierde. Es schien, als hätte niemand etwas dagegen einzuwenden, dass er auf dem Moscheegelände wohnte.  Eine Art pathetische Liebe zum Vaterland legte sich über die Unterschiede, die die Leute voneinander trennte: Konfession und Religion, ethnische Herkunft und Sprache, Kaste und Klasse.

 

Diese friedliche Aufbruchsstimmung in den ersten vier Jahren nach der Unabhängigkeit wurde durch die Ermordung von Premierminister Liaqat Ali Khan im Oktober 1951 zutiefst erschüttert. Das Volk witterte instinktiv eine indische Verschwörung hinter dem Attentat. Einige Intellektuelle dagegen schürten die Vorstellung, es handele sich hierbei um einen inneren Feind, der hier an die Oberfläche gekommen war. Man wusste jedoch nichts Genaues, da die Medien sogleich zensiert wurden. Die Regierung hatte wie in der Kolonialzeit Angst vor ihrem Volk.

 

Auf Liaqat Ali Khans Regierung folgte die des ersten Präsidenten Iskander Mirza, ein bengalischer Bürokrat. Die Bevölkerung verfolgte daraufhin die Angelegenheit nicht weiter. Der Staat begann allerdings, die religiösen Institutionen der Unterwanderung des Staates zu verdächtigen und steuerte über das Ministerium für religiöse Stiftungen dagegen.

 

So kam es, dass in unsere kleine Moschee ein neuer Imam einzog.

 

Währenddessen stieg der junge Offizier Muhammad Ayub Khan rasant und mit Unterstützung Mirzas in den militärischen Rängen auf. 1954 wurde er zum Verteidigungsminister und 1958 zum Kriegsrechtsadministrator. Mirza war der Überzeugung gewesen, dass in einem Land wie Pakistan mit hohem Analphabetismus und politischem Desinteresse breiter Bevölkerungsschichten eine Diktatur sinnvoller sei als Demokratie.

 

Kaum hatte Ayub Khan seine Macht in der Armee gefes-tigt, setzte er sich mit einem Staatsstreich an die Spitze des Staates. Mirza, der ihm die Steigbügel zur Macht gereicht hatte, schickte er ins Exil. Ayub Khan ernannte sich anschließend zum zweiten Präsidenten und regierte zehn Jahre.

 

Unser Imam und seine Gemeinde – inklusive der Stumme - wussten nicht recht, was sie von diesen politischen Vorgängen halten sollten. Eines war aber klar: Am besten, man hielt sich von der Politik fern.

 

Der folgende wirtschaftliche Aufschwung der sechziger Jahre gab dem Volk immerhin das Gefühl, dass es vorangeht mit Pakistan.

 

Zu dieser Zeit ließ eine reiche Händlerfamilie die Moschee renovieren und vergrößern, wobei auch das Zimmerchen des Stummen ausgebaut wurde. Die Freude des Gottesdieners über seine nun einigermaßen ansehnliche Wohnstatt teilten die Bewohner des Viertels aus ganzem Herzen.

 

Überall im Viertel wurde gebaut - Neubauten für neue Bewohnern, die vom Lande in die Städte strömten. Immer mehr Menschen eilten freitags zum Gebet in die Moschee. Die vorgelagerte Spielwiese, wo Kinder den Großteil ihrer Zeit zu verbringen pflegten und Frauen spazieren gingen, und der zum beliebten Treffpunkt zum Nachmittagstratsch geworden war, wurde zum Gebetsplatz erklärt. Damit war die Gemütlichkeit vorbei.

 

Der Stumme begann sich immer weniger wohl zu fühlen. Man behandelte ihn mehr und mehr als Diener, den man herumbefehlen konnte, wie man wollte. Gleichzeitig haperte es mit dem Spendeneingang. Der Imam wurde zunehmend mürrisch. Religion wurde mehr und mehr zum Streitthema. Draußen in der Welt griff die zunehmende Korruption um sich. Wirtschaftlich ging es bergauf, doch es zeichnete sich mehr und mehr ab, dass die Aufbruchsstimmung der frühen Jahre vorbei war.

 

1965 brach plötzlich der Krieg aus, in dem Pakistan große Einbußen hinnehmen musste. Die Menschen lehnten sich gegen Ayub Khan auf und fanden eine Stimme in der Pakistan People‘s Party. An der Spitze der Partei befand sich eine Familie, die bis heute die politische Kultur Pakistans prägt; die Bhuttos – superreiche Großgrundbesitzer aus der Provinz Sindh.

 

In dem aufgewühlten politischen Szenario nach der demütigenden militärischen Niederlage von 1965 war es den Menschen dennoch möglich, sich einigermaßen gesittet über ihre politischen Ansichten auszutauschen. Nach den bleiernen Jahren der Diktatur brach sich ein neues politisches Bewusstsein Raum.

 

Auch der Stumme begann an den Versammlungen einer Arbeiterpartei teilzunehmen. Über seiner Hütte wehte nun die Flagge der Partei. Als der Imam dies sah, rief er ihm voller Zorn zu: „Halt dich aus der Politik raus! Kümmere dich um die Moschee!“ Das Unbehagen des Stummen nahm zu. Doch er war nicht der einzige, in dem zur damaligen Zeit ein Bewusstsein für menschliche Grundrechte erwachte.

 

Die Bengalen sympathisierten mit der Awami Liga unter Führung von Sheikh Mujeeb Ur Rahman. In der restlichen Bevölkerung gewann der Qaid-e Awam (der Führer des Volkes) Zulfikar Ali Bhutto an Popularität. Manche sahen in ihm den würdigen Nachfolger des Qaid-e Azam Muhammad Ali Jinnah, der Pakistan in die Unabhängigkeit geführt hatte.

 

Unruhen unter der Arbeiterbevölkerung zwangen den Diktator Ayub Khan 1969 zum Rücktritt.

 

In unserem Viertel lebte auch ein alteingesessener bengalischer Arzt, für den der Stumme Einkäufe erledigte. Dieser Pflicht ging er eines Nachmittags nach, als ihn plötzlich Passanten energisch davon abhalten wollten. Der Stumme frug in Gesten nach dem Grund.

 

„Die dummen dunklen Bengalen sind neidisch auf unseren Wohlstand und sie verabscheuen unsere Sprache Urdu!“, riefen sie.

 

Ayub Khans Nachfolger Yahya Khan rief 1970 die zweite Militärherrschaft aus. Kurze Zeit später, 1971, brach erneut der Krieg aus, diesmal in Ost-Pakistan. Er endete in der Spaltung des Landes. So wurde aus Ost-Pakistan Bangladesch.

 

In der Zeit der Abspaltung kam der besagte bengalische Arzt aus unserem Viertel zum Imam, um sich zu verabschieden. Der Imam sagte:

 

„Bitte gehen Sie nicht.“

 

Der Arzt begann zu weinen und sagte:

 

„Ich möchte doch gar nicht gehen. Der Schmerz einer weiteren Flucht - wer möchte das denn noch einmal ertragen müssen?“ Doch er hatte keine Wahl, denn er fürchtete mit gutem Grund um die Sicherheit seiner Familie.

 

Beim Abschied  fingen die Kinder aus der Nachbarschaft an, die Aufbrechenden mit Steinen zu bewerfen. Als der sonst so friedfertige Stumme das sah, ärgerte er sich so sehr, dass er die Kinder wild mit den Armen fuchtelnd verjagte.

 

In der darauffolgenden Zeit kamen neue Menschen in das Viertel und nahmen die Plätze derer ein, die den Ort verlassen hatten. Die Moschee war nun voller als je zuvor, doch der Spendeneingang haperte.

 

Der Stumme hatte deswegen nicht mehr genug zu essen. Er fühlte sich mehr und mehr von seinen Mitmenschen im Stich gelassen. Aufgrund dessen musste er für seinen Lebensunterhalt auch außerhalb der Moschee arbeiten. Auf diese Weise kam er mit anderen Moscheen in Kontakt.

 

Als der Stumme einmal beim Putzen der Versammlungshalle einer Moschee eines anderen Viertels war, bemerkte er, dass einige Männer versuchten, diese anzuzünden. Er jagte sie fort und verfolgte sie - einen der Männer konnte er noch einholen.  Als der Stumme wutentbrannt den Täter verprügeln wollte, rief dieser:

 

„Diese Moschee ist nicht von Muslimen!“

 

So etwas hatte der Stumme noch nie gehört. Wie konnte eine Moschee eine Andachtsstelle von Nichtmuslimen sein?

 

Pakistan hatte  die Abspaltung des bengalischen Volkes noch  nicht verdaut, als die Regierung Bhutto auf Druck der Radikalen die Ahmadiyya-Bewegung zu Nichtmuslimen erklären ließ. Von nun an wurden die Anhänger dieser Gruppierung nur noch Qadianis genannt. Ahmadis wurden verfolgt, überfallen, getötet und aus ihren Heimatdörfern verbannt.

 

Bald machte der Imam ihn mit einem neuen Vorbeter bekannt. Der Stumme schaute überrascht und fragte in Gesten: „Wohin gehen Sie denn?“

 

Der Imam antwortete: „Dschihad“.

 

Der Stumme wusste nichts mit dem Begriff Dschihad anzufangen. Er fing an zu klagen, da er den Imam lieb gewonnen hatte, und  wollte ihm folgen, doch dieser sagte nur: „Du musst hierbleiben!“

 

Der Stumme gehorchte, doch fühlte er sich zunehmend einsam und alleingelassen. Er zog sich immer mehr zurück und ging nicht mehr unter die Leute, sondern kümmerte sich nur noch um die Moschee.

 

Im Jahre 1977 wurde die demokratische Regierung der Pakistan People’s Party durch einen weiteren Militärputsch abgelöst. General Muhammad Zia ul-Haq kam an die Macht und regierte elf Jahre lang. Qaid-e Awam Bhutto wurde kurzerhand festgenommen.

 

Zias Herrschaft war eine Zeit von Angst und Terror. Die Schüsse verschleierter Motorradfahrer und die Angriffe von Kriminellen versetzten die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Der Diktator regierte mit eiserner Hand und hatte dabei die Islamisten auf seiner Seite, denn er lieferte den Staat der Religion aus.

 

Auf diesem Boden gedieh Hass im Namen der Religion. Darüber hinaus forderten regionale Bewegungen zunehmend den Staat heraus. Die Liebe zum eigenen Volk wurde mehr und mehr zur hohlen Formel. Wie so oft erklärten führende Politiker des Landes diese Entwicklungen als eine Verschwörung des Feindes und versuchten auf diese Weise die Bevölkerung von ihrer eigenen Unschuld zu überzeugen.

 

Höhepunkt der brutalen Machtergreifung Zias war die Verurteilung und Hinrichtung Zulfiqar Ali Bhuttos durch den Galgen 1979. Wahrheit und Unwahrheit waren kaum noch voneinander zu unterscheiden.

 

Einst hatte die mittellose Bevölkerung unbekümmert in den Gassen und auf den Dachterrassen geschlafen. Doch unter Zia ul-Haq herrschten Furcht und Misstrauen. Schlägertrupps verbreiteten Angst und Schrecken. Die Türen schlossen sich. Terror regierte jetzt das ganze Land. Man hatte den Armen ihre Freude und Zufriedenheit genommen. Glühende Hitze, Mücken und die ständigen Stromausfälle plagten die Bewohner meines Viertels.

 

Doch selbst unter solchen Umständen hätte nie jemand daran gedacht, dass der nun alte, stumme Baba ein Krimineller hätte seien können. Schließlich saß dieser Derwisch Nacht für Nacht in seiner Kammer und war anscheinend stets ins Gebet und in die Koranlektüre versunken.

 

In den meisten Moscheen wurden damals Lautsprecher installiert, was es praktisch jedem ermöglichte, die Ansichten seiner Gemeinde lauthals zu predigen. Zudem bildeten sich in der Nähe der Moscheen mehr und mehr religiöse Schulen. Das Leben wurde zunehmend von Religion bestimmt. Darüber hinaus fingen Gruppen religiös überzeugter Prediger an, sich in Moscheen aufzuhalten und von Haus zu Haus zu gehen, um ihren, den wahren Islam zu verbreiten.

 

Die unterdrückte Pakistan People‘s Party erfuhr unter der Leitung von Zulfiqars Tochter Benazir Bhutto einen Aufschwung. Es gelang ihr zunehmend, Zia ul-Haqs Regierung unter Druck zu setzen. In dieser Situation kam der Diktator bei einem Flugzeugunglück ums Leben. Daraufhin gab es endlich wieder freie Wahlen, die Benazir Bhutto gewann. 1988 wurde sie zur ersten muslimischen Premierministerin weltweit. Das Militär und die religiösen Honoratioren nutzten dies als Angriffsfläche, um die Regierung schlecht zu reden, denn schließlich hätten Frauen in einem islamischen Land nichts in der Politik zu suchen. Bald wurde Benazir Bhutto und ihre gesamte Regierung des Amtes enthoben.

 

1990 markierte den Beginn von Bombenanschlägen im Lande. Keiner weiß, wie viele arme Menschen an Bus-haltestellen und in Freizeitparks durch Bombenanschläge und Schüsse ums Leben kamen. Politiker und Polizei wurden zu Zuschauern in einem grausamen, schwer verständlichen Spektakel.

 

In jenem Jahr (1990) herrschte eine Atmosphäre, die man nie zuvor erlebt hatte - einfache Leute stritten sich auf öffentlichen Marktplätzen über religiöse Themen. Religiöse Gruppierungen errichteten ihre eigenen Moscheen im eigenen Viertel und erklärten sich gegenseitig zu Ketzern. Ein Land, das ursprünglich im Namen des Islam gegründet worden war, erlebte jetzt eine Bewegung, die auf die Spaltung des Islam hinauslief.

 

Einige neu zugezogene Bewohner aus meinem Viertel hielten den alt gewordenen stummen Mann in unserer Moschee für verdächtig. Gerüchte gingen umher, dass Baba Oberhaupt einer Räuberbande sei. Mal hieß es, er sei ein indischer Spion, mal ein amerikanischer Agent. Die Mehrheit jedoch lachte über die böswillig gestreuten Gerüchte und wies die Anschuldigungen gegen unseren Baba  zurück.

 

Aufgrund wachsender Unruhen und der verbreiteten düsteren Stimmung war die Bevölkerung anfällig für Verschwörungslegenden. So kam es, dass die einfachen Bürger die Politiker mit ihren vielen Versprechen oder den aufgrund hoher Korruptionsrate ausgerufenen Militärputsch als Ausweg empfanden.

 

Manche sahen in den ständig wachsenden Unruhen im Lande die strafende Hand Gottes. Sie fühlten sich daher zu angeblichen Islamgelehrten hingezogen, die klare Antworten parat hatten.

 

Glaube wurde darüber zusehends zu einem lukrativen Geschäft. Die Religionsspezialisten engagierten sich zudem mehr und mehr im politischen Feld.

 

1993 wurde Benazir Bhutto an der Spitze der Pakistan People’s Party als Premierministerin wiedergewählt, aber 1997 durch Nawaz Sharifs Pakistan Muslim Liga (N) abgelöst. Beide Führer und ihre Parteien suchten ihre Lage durch Kompromisse mit den Islamisten der Jama‘at-e Islami zu stabilisieren.

 

Auch in meinem Viertel kam eine befremdliche und seltsame Frage auf,für die man früher nie hätte eine Antwort gefordert. Die Frage war, warum Baba dennnicht das Gebet verrichtete, obwohl er doch im Schutze der Moschee lebte. Es könnte daher wohl sein, dass er gar kein Moslem war? Man wusste schließlich nichts Genaues über ihn – womöglich war er ein übriggebliebener Hindu in unserem Viertel! Wenn er also tatsächlich kein Moslem war, dann durfte er sich doch nicht in der Nähe der Moschee aufhalten.

 

Diese Zweifel waren von Predigern in Umlauf gebracht worden, die sich mit allerlei kleinlichen Verhaltensregeln für Muslime beschäftigten. Es herrschte kein Mangel an Imamen, die nach Gelegenheit suchten, das Leben anderer zu kontrollieren und mitzubestimmen. Diese Prediger führten nun den Bewohnern des Viertels vor Augen , dass sie die letzten sechzig Jahre ein großes Vergehen hatten geschehen lassen – nicht nur, dass sie es hatten geschehen lassen, sie hatten es geradezu behutsam aufgezogen. Und nun war es an der Zeit, diese langjährige Versündigung wiedergutzumachen.

 

Viele Familien begannen, unseren Baba offenkundig zu boykottieren. Einige fingen wirklich an, in ihm einen Ungläubigen zu sehen - andere hatten einfach Angst vor den muslimischen Eiferern in unserem Viertel. So kam es, dass Baba von den Nachbarn weder Essen noch Kleidung mehr bekam. Andere Familien sprangen ein und versorgten ihn mit Nahrungsmitteln, jedoch hinter dem Rücken der anderen Bewohner.

 

Armer, stummer Baba. Er war mittlerweile in die Jahre gekommen, das Gehen fiel ihm schwer. Mit einem Mal  wurde er verdächtigt, kein richtiger Muslim zu sein.

 

Einige ehrwürdige Personen des Viertels stellten eine Abordnung von Bevollmächtigten zusammen und setzten den Imam der Moschee über das Problem in Kenntnis. Der Imam beugte sich und gab sich moderat. Allah allein wüsste, was in Babas Herzen sei; somit wäre dies eine Sache zwischen Allah und Baba. Der arme Mann lebte schließlich seit sechzig Jahren hier und hatte noch nie jemandem den Anlass dazu gegeben, sich zu beschweren. Und nun, als er senil geworden war und kaum noch laufen konnte, sollte man ihn doch in Ruhe lassen, damit er auch sein restliches Leben im Schutze der Moschee verbringen konnte.

 

Durch die Haltung des Imams fühlten sich jedoch einige in der Gemeinde in ihrer Ehre angegriffen. Sie waren der festen Meinung, dass Baba in jedem Fall aus der Moschee verbannt werden müsse, da er unrein sei. Diesbezüglich wollten sie keinen Kompromiss zulassen. Wer sie kannte, wusste, dass es dabei mehr um ihre verletzte Eitelkeit als um religiöse Vorschriften ging.

 

Die Nächstenliebe des Imams war für die Fraktion der Dissidenten eine Provokation – sie wurde als Islamfeindschaft aufgefasst. Unter der Leitung eines solchen Imams zu beten wurde für diese Fraktion zur Zumutung.

 

Der Imam stand nun unter ständiger Beobachtung. Jede einzelne seiner Bewegungen, die vermeintlich gegen die Scharia, oder gegen den Islam verstießen, wurde eifrig registriert. Man warf ihm abwechselnd vor, ein Vertreter der Ahmadiyya (oder Qadiani) zu sein, ein Schiit oder einfach nur ein Ungläubiger. Die Deobandis und die Barelwis, obwohl beide sunnitisch orientiert, standen sich feindlich gegenüber. Da der Imam Sahib kein Interesse an Politik hatte, war es nicht so einfach, ihm etwas anzuhängen.

 

Man kam einfach zu keiner Lösung. Also wurden politische Parteien hinzugezogen, und das Viertel spaltete sich in einzelne politisch orientierte Gruppen.

 

Baba hätte sich niemals vorstellen können, dass jemand eine Feindschaft gegen ihn hegte. Genauso wenig hätte der Imam erahnen können, dass er Feinde hatte. Erst als einige Jugendliche aus dem Viertel den Baba mit Steinen bewarfen und ihn dabei schwer verletzten, wurde ihm der Ernst der Lage bewusst.

 

In der Freitagspredigt verurteilte der Imam dieses unsittliche und unmenschliche Verhalten der Steinewerfer. Deren Haltung sei gänzlich gegen die Lehren des Islams und gegen die gesellschaftlichen Prinzipien gerichtet. Er forderte die beteiligten Familien auf, auch nur ein ähnliches Beispiel aus der Geschichte zu nennen, in der ein hilfloser Mensch oder ein Nicht-Moslem mit Steinen beworfen worden sei. Die Jugendlichen und ihre Eltern sollten für diese Straftat geradestehen und ihre Sünde bereuen.

 

Daraufhin zerrten die Jugendlichen kurzerhand den Imam aus der Moschee und stießen ihn auf den leblosen Körper des Baba. Niemand aus der versammelten Gemeinde traute sich, dem entsetzlichen Geschehen Einhalt zu gebieten. Als der Imam wieder einigermaßen zu sich gekommen war, erhob er sich mühselig. Vorsichtig hob er den Turban vom schmutzigen Boden auf und setzte ihn sich auf den Kopf. Er sah die leblosen Augen des Stummen, dessen Blick gen Himmel starrte. Der Imam folgte seinem Blick und stellte die gleiche Frage an Gott, die aus den Augen des Baba trat.

 

 

Zur Autorin

Bushra Iqbal Malik hat an der Universität Peshawar studiert und arbeitet als Lektorin an der Universität Bonn. Sie schreibt gewöhnlich in Urdu und hat auch bei früherer Gelegenheit in SÜDASIEN publiziert.

 

Glossar

Ahmadi = Anhänger der Ahmadiyya

 

Ahmadiyya = millenarische Bewegung aus dem Punjab des frühen 20. Jahrhunderts. Ihr Begründer, Ghulam Ahmad (aus Qadian), rief sich als Prophet aus und widersprach damit der traditionellen Vorstellung vom Siegel des Prophetentums.

 

Awami Liga = politische Partei, die sich für die Belange eines unabhängigen Ost-Pakistans einsetzte

 

Baba = alter Mann

 

Barelwi = muslimische Reformbewegung Mitte des 19. Jahrhunderts, genannt nach dem Geburtsort des Begründers, Ahmad Rida Khan aus Bareli.

 

Deobandi = muslimische Reformbewegung Mitte des 19. Jahrhunderts, genannt nach dem Seminar von Deoband

 

Imam = Vorbeter in der Moschee

 

Jamaat-e Islami = „Islamische Gesellschaft“, religiös-politische Partei, gegründet 1941 in Südasien

 

Jihad = Heiliger Kampf (auf dem Wege Gottes)

 

Qadianis = jemand aus Qadian; despektierliche Fremdzuweisung für Ahmadis

 

Scharia = Gesamtheit aller religiösen und rechtlichen Normen. Als solches ist Scharia kein kodifiziertes Rechtssystem, sondern ein sich stets wandelndes Regelwerk.

 

Schiit = Bekenner Alis, dem Schwiegersohn und Cousin Muhammads. Im Gegensatz zu Sunniten gilt unter Schiiten das genealogische Prinzip, wonach der Nachfolger des Propheten aus dessen Familie stammen muss.

Südasien 3/2019