Stefan Winkler
Pakistans komplexe Gesellschaft
Jüngste Tendenzen in Kunst und Kultur

Das Image von Pakistan scheint festgezurrt: Seit Jahren ist es kein Reiseziel mehr, zu gefährlich, zu unberechenbar. Doch wenn man sich dem Land nähert, dann taucht wie unter dem Brennglas eine hochkomplexe und diverse Welt auf, beispielsweise in Kunst und Kultur.

Wenig dringt von der pakistanischen Kunst- und Kulturszene nach Deutschland. Mit Ausnahmen: Bani Abidis aufsehenerregende Ausstellung „They Died Laughing“ ging kürzlich im Gropius Bau in Berlin zu Ende. Die zwischen Berlin und Karatschi lebende Künstlerin beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit Flucht und Migration, politischer Gewalt und den geopolitischen Verwerfungen zwischen Pakistan und Indien, mit humorvollen Reminiszenzen an die Alltagskultur.

 

Pakistans Kunstszenen

 

Doch unbemerkt (zumindest in Deutschland) hat sich auch in Karatschi und Lahore eine sehr lebendige Szene entwickelt. Auf der einen Seite kommt eine junge Generation zu Wort, die international bestens vernetzt ist, Diskurse aufgreift und eigene initiiert. Auf der anderen Seite werden verschüttete Narrative im Land wiederentdeckt. Beispielhaft dafür steht die Ausstellung „The 70s – Pakistan’s Radioactive Decade“ von Niilofur Farrukh und Amin Gulgee. Die Ausstellung geht mit einem 600-seitigen Katalog einher, der viele Zeitzeug(inn)en zu Wort kommen lässt und das Ausmaß des Experimentierens in Kunst, Musik, Tanz und Mode dokumentiert. Die Kuratoren luden über 40 Künstler/-innen ein, darunter zahlreiche, die weit nach den 1970ern geboren wurden, um sich mit dieser Dekade auseinanderzusetzen – für viele der jüngeren Teilnehmenden eine sehr bereichernde Erfahrung.

 

Eine andere Ausstellung zeigte im April 2018 in Amin Gulgees Galerie in Karatschi „Outsiders“. Sie war konzipiert als pakistanische Antwort auf die Ausstellung „Geniale Dilletanten. Subkultur der 1980er-Jahre in Deutschland“ des Goethe-Instituts. Die Ausstellung „Outsiders“ nahm letztere zum Anlass, der Frage nach Sub- und Gegenkulturen im pakistanischen Kontext seit den 1970ern bis heute nachzugehen. Zu entdecken gab es dabei eine Vielzahl von Manifestationen alternativer Narrative in Kunst, Mode, Musik, Cover Design, Werbung, Film und Videoclips.

 

Heute kann man an 18 höheren Bildungseinrichtungen in Pakistan Kunst studieren. Renommierteste Einrichtungen sind das National College of Arts in Lahore (der 1875 gegründete Vorgänger wurde von Rudyard Kiplings Vater geleitet) und die Indus Valley School of Art and Architecture in Karatschi. Die Studierenden sind technisch hervorragend ausgebildet und emanzipieren sich zunehmend von traditionellen Vorbildern.

 

Biennalen und Restriktionen

 

Einen starken Impuls für die Kunstszene gaben die beiden jüngst gegründeten Biennalen in Karatschi (2017) und Lahore (2018). Beiden ist es gelungen, durchaus in einer gewissen Konkurrenz zueinander, die Kunst in den öffentlichen Raum zu bringen und zehntausende von Besucher(inne)n anzuziehen, Lahore spricht gar von 1,5 Millionen. Die zweite Karatschi-Biennale (26.10. – 08.11.2019) möchte sich noch weiter öffnen und hat als Hauptaustragungsort einen öffentlichen Park in Karatschi bestimmt. Ökologische Themen stehen im Fokus dieser Biennale unter dem Titel „Flight Interrupted: Eco-leaks from the Invasion Desk“.

 

Alternative Diskurse haben es nicht einfach. Noch bildet Kunst den Raum, der vieles ermöglicht, während die Medienszene bereits immer stärker unter Druck gerät. Journalist(inn)en werden eingeschüchtert, Blogger „verschwinden“ (siehe Beitrag im Heft). Dazu kommt ein starker gesellschaftlicher Druck durch das strengste Blasphemiegesetz der Welt.

 

Der Film „Indus Blues“ (2018) von Jawad Sharif über Musiktraditionen in Pakistan, die im Verschwinden begriffen sind, fängt mit dieser Szene in Peshawar an: Ein traditioneller Musiker wird mit dem Filmteam auf dem Gelände der Universität durch einen Islamisten vertrieben. Dieser versteht Musik als Fremdkörper in der Kultur des Landes - völlig ahnungslos gegenüber der Diversität der eigenen kulturellen Traditionen. Film ist neben der bildenden Kunst das Medium, in dem sich kritische Diskurse manifestieren. Eine junge Generation von Filmemacher(inn)en spricht mit bemerkenswerten Kurzfilmen viele gesellschaftlich umstrittene Themen an: Rechte von Minderheiten, das Leben von Arbeitern in den Abwasserkanälen, Abwrackern von Schiffen oder Wäscherinnen, Suizid, HIV, Transgender und Flüchtlinge. Eine Auswahl des Programms „Film Talents – Voices from Pakistan and Afghanistan“ wurde kürzlich während der Berlin Art Week gezeigt.

 

Kunst verknüpft mit Engagement

 

Künstlerkollektive wie das Awami Art Collective aus Lahore und das Tentative Collective in Karatschi verknüpfen in ihren Arbeiten Forschung, soziales Engagement und Kunst. Erstere stellten in „Black Spring“ zwischen den Dächern der Altstadt von Lahore eine Verbindung mit roten LED-Lichterketten her, in Erinnerung an das seit langem verbotene Basant (Drachen)-Festival. Die Bewohner/-innen waren einbezogen worden. So versuchen Projekte, gesellschaftlich relevante Diskussionen aus den Kunstkreisen in die Öffentlichkeit zu bringen. Ein Beispiel ist ebenfalls „Exhausted Geographies“, eine Publikations- und Ausstellungsreihe, die sich mit der Politik der Repräsentation und des „mappings“ von Karatschi beschäftigt, um gängige Klischees zu hinterfragen. Ein anderes Beispiel ist das Karachi Beach Radio, das sich mit den Gemeingütern wie dem Strand und der Frage beschäftigt, wer einen Anspruch darauf hat.

 

Auch kleine Gemeinschaftsinitiativen gründen sich. Beispielsweise das Karachi Community Radio, eine Online-Plattform, die sich als audiovisuelle Intervention in Karatschis Musikkultur versteht und Gigs an neuen Orten organisiert. Ebenso Cinema 73, ein Nachbarschaftskino in einer Garage.

 

Muhammad Zeeshan, Künstler und Kurator der Karatschi Biennale 2019, hatte eine Serie von Werken für seine Galerie Sanat Initiative für die Art Dubai entwickelt. Kurz vor der Eröffnung wurden dort seine Arbeiten als „zu politisch“ untersagt. Diese Ausstellung wurde dann einige Zeit später in Karatschi ohne weitere Probleme gezeigt. Ein schöner Erfolg, pakistanische Kunst in der internationalen Wahrnehmung zu verankern, ist die Eröffnung des ersten pakistanischen Pavillons bei der Biennale Venedig 2019. Das Werk „Manora Field Notes“ der Künstlerin Naiza Khan beschäftigt sich mit der Karatschi vorgelagerten Halbinsel gleichen Namens und enthüllt einen Mikrokosmos von Geschichten.

 

Im August 2019 eröffnete die von Aziz Sohail, einem jungen Kurator aus Karatschi, konzipierte Ausstellung „Is it possible to live outside of language?“. Sie wurde vom Goethe-Institut in Auftrag gegeben und umfasst Positionen von Künstler(inne)n aus Pakistan und Deutschland. Die unausgesprochene Thematik hatte Maskulinitäten und Queerness im Fokus. Der Titel ist ein Zitat aus Arundhati Roys letztem Roman mit einem Transgender als Protagonisten. Unterschiedliche Geschlechter und Sexualitäten, die von sprachlicher Anerkennung ausgeschlossen sind, kamen zu Wort. Zum reichhaltigen Begleitprogramm zählten Künstlergespräche, Diskussionen, performative Lesungen und geschlossene Workshops. Sie sollten einen „safe space“ kreieren, der es jungen Kreativen ermöglichte, sich frei und offen zu artikulieren. Auch Faluda Islam trat auf, Künstlername von Zulfikar Ali Bhutto Junior, einem Enkel des früheren Premierministers. Dieser hatte durch sein öffentliches „Coming-out“ 2018 Schmähungen erdulden müssen. Er lebt in den USA als Drag Queen und praktizierender Muslim, kommt aber regelmäßig nach Pakistan.

 

Kulturelle Kämpfe in Pakistan werden weitergehen. Junge Künstler/-innen, Musiker/-innen und Filmemacher/-innen werden gleichwohl ihre Freiräume erkämpfen. Eine anonyme Stimme über das Projekt „Film Talents – Voices from Pakistan and Afghanistan“: „Es ist mit Sicherheit das Bedeutendste, das mir in meiner Laufbahn als Künstler geschehen ist. Ihr habt nicht nur Raum für gute Arbeit geschaffen, sondern vor allem einen geschützten Raum, in dem wir unsere ganz persönlichen Geschichten teilen und diskutieren konnten und das ist als Teil einer Minderheit etwas ganz Besonderes für mich.“

 

 

Zum Autor

Stefan Winkler hat Islamwissenschaft und Germanistik studiert und in Syrien, Ägypten und im Iran gelebt. Seit 2004 arbeitet er für das Goethe-Institut und leitet seit 2015 das Goethe-Institut Pakistan in Karatschi.