Sheuli Mitra
Regentanz mit den Göttern
Thema Klimawandel bei Festivals

Durch den berüchtigten Chemieunfall im Dezember 1984 (Union Carbide India Limited) international bekannt geworden, zeigen sich in Bhopal, Hauptstadt des Bundesstaates Madhya Pradesh, heute die katastrophalen Auswirkungen des Klimawandels. Die schweren Regenfälle betreffen vor allem den informellen Sektor der Stadt. Allerdings erweist sich dieser Sektor widerstandsfähig, erfinderisch und anpassungsfähig, wie die Autorin berichtet.

Die empirischen Erkenntnisse zeigen, dass der Klimawandel insbesondere Armutsbevölkerung und Länder im globalen Süden überproportional trifft. Der Klimawandel ist außerdem kein allmähliches, sich langsam bewegendes Phänomen mehr, sondern eine dringliche, unmittelbar drohende Gefahr.

 

Auf den ersten Blick scheint es wenig Gemeinsamkeiten zwischen Festivals und Klimawandel zu geben. Beide Bereiche werden nur selten gemeinsam in den Blick genommen. Allerdings haben sich historisch in Indien viele Festivals und Feieranlässe um Zyklen von Natur- und Erntezeiten entwickelt. Da der Klimawandel Niederschläge, Anbaumuster und Ernten beeinflusst, ist zu vermuten, dass diese Änderungen sich auch auf die Art dieser Festivals und die damit verbundenen zeitlichen, professionellen und künstlerischen Aktivitäten auswirken.

 

Klimawandel in Bhopal

 

Ich lebe und arbeite in Bhopal, wo die absoluten Niederschläge in diesem Jahr mit rund 1700 Millimetern Höhe weit über dem Jahresdurchschnitt von rund 1200 liegen. Der Monsun hat sich von der üblichen Juni-September-Periode auf einen späteren Beginn Ende Juli verlagert und setzt sich entsprechend später fort. Im August und September fielen an einzelnen Tagen extrem hohe Niederschläge, ein Alptraum für Stadtplaner/-innen und Manager/-innen. Sie versuchen vor allem, ein Krisenmanagement zur Verbesserung der Entwässerungsinfrastruktur der Stadt zu betreiben.

 

Der verlängerte Monsun und starke Regenfälle betrafen in diesem Jahr die Festtage von Ganesh Chaturthi, Navaratri, Dussehra und Diwali. Die Feste werden zwar von allen Hindu-Gläubigen begangen, der informelle Sektor und seine von diesen Festivals abhängigen Einkommen zeigen sich jedoch besonders anfällig für die Ausschläge des Klimawandels. In Zeiten von Dussehra1 verwandeln sich jedes Jahr die Bürgersteige in Teilen der Stadt in Mini-Arbeitsstätten. Große und kleine Ravana-Plastiken2 werden in lebendigen Farben zusammengefügt. Der Erfolg einer solchen Bilddarstellung hängt ganz wesentlich von der Anzahl der Sonnentage während der Herstellung ab. In diesem Jahr gab es im September starke Regenfälle, so dass die Ravana-Plastiken schlaff und glanzlos angeboten werden mussten. Zahlreiche waren verfärbt, blieben unverkauft und verrotteten auf den Gehwegen. Die Hersteller/-innen dieser Figuren nutzten allerdings die verfärbten Pflastersteine und wandelten sie in Mini-Arbeitsstätten für die handwerkliche Bearbeitung von Rohrstangen aus Zuckerrohr um. Dieser Rohrstock hält Regen besser stand als andere Materialien, und so verlagerten die ursprünglichen Anbieter der Ravana-Plastiken ihren Verkauf auf Möbel aus Rohrstock. Dies könnte sogar ein Diwali-Shopping-Favorit werden.

 

Resilienz in Bhopal

 

Ist diese innovative und unmittelbare Reaktion reiner Zufall? Hier zeigt sich die Fähigkeit zu einem spontanen und pragmatischen Vorgehen, sich dem sich ändernden Monsun anzupassen. Dabei soll der Verlust an wertvollen Ressourcen gering und die Wahrscheinlichkeit hoch gehalten werden, um in schwierigen Zeiten Waren zu verkaufen und Einkommen zu generieren. Im konkreten Fall macht der informelle Umstand es möglich, auf plötzliche Veränderungen reagieren und wirtschaftliche Prinzipien eines Unternehmens mittels Improvisation und Resilienz in unsteten Situationen ausführen zu können.

 

Vergleichbar dazu die Dandiya-Veranstaltung,3 die traditionell von einem führenden Firmenhaus in Bhopal in allen Nächten von Navaratri organisiert wird. Es handelt sich um einen Open-Air-Auftritt im großen Stil, der lange im Voraus seinen Schatten wirft. In diesem Jahr wurde die gesamte Veranstaltung auf eine Woche nach Navaratri verschoben, da die Regenfälle in der Woche vor Navaratri anhielten. Die Veranstalter wollten so eine höhere Beteiligung an der kostenpflichtigen Open-Air-Veranstaltung und mithin eine bessere Rendite der getätigten Investitionen gewährleisten.

 

Die Geistesgegenwart sowohl des formalen als auch des informellen Sektors ist gleichermaßen lobenswert. Die einen kämpfen um ihr wirtschaftliches Überleben, die anderen warten ab, bis die Sonne wieder scheint. Die Prinzipien des Unternehmertums sind in beiden Fällen gleich, wenngleich die Antworten unterschiedlich ausfallen. Wäre hingegen der informelle Sektor Lieferant von Waren für ein Festival, das an bestimmten, im Kalender markierten Tagen stattfindet, hätte der Klimawandel verheerende Auswirkungen auf das Einkommen solcher Unternehmen.

 

Klimarisiken für Festivals

 

Auf dem Laternenfestival Deepotsav, ein regelmäßiges Stadtereignis im Oktober, waren in diesem Jahr Anzahl und Vielfalt der Erdlampen geringer als in den Vorjahren. Dies könnte damit zusammenhängen, dass bei einem späten Monsun nicht genügend Sonnentage zum Trocknen des Steinguts zur Verfügung standen. Traditionen, etwa das Haus vor Diwali zu streichen oder Erdlampen für das Lichterfest zu kaufen, könnten also schneller in Gefahr geraten, als wir uns das zugestehen. Auch hier wäre die arme Bevölkerung wieder überproportional betroffen. Etwa in der Weihnachtszeit, in der uralte Feste zelebriert werden, die stabile Klimaverhältnisse zum Hintergrund haben. In der Vergangenheit haben solche Tage überdurchschnittliche Arbeitsmöglichkeiten garantiert.

 

Der Klimawandel, der Anstieg des Meeresspiegels, Dürren und veränderte Anbaumuster in der Landwirtschaft erfordern intensive Sicherungsmaßnahmen. Dabei muss auch der informelle städtische Sektor berücksichtigt werden. Viele jüngere Strategien zur Stadtentwicklung - Smart City Mission, AMRUT (Atal Mission for Rejuvenation and Urban Transformation) oder HRIDAY (Heritage City Development and Augmentation Yojana) - wurden konzipiert, um die städtische Armut und den informellen Sektor unter dem Aspekt der Gerechtigkeit zu überwinden. Allerdings geht dieser Ansatz in den meisten Fällen während der Ausführung der Projekte verloren. Die informellen Arbeitskräfte werden selten in das neu gestaltete Gefüge der Stadt integriert. So gibt es auch im Falle von Bhopal keinen dezidierten Ort im Areal der Smart City, an dem diese Mini-Arbeitsstätten dauerhaft untergebracht werden könnten, einschließlich einer vorübergehenden Unterkunft, um Klimaschwankungen entgegenzuwirken. Solche Räume für „unternehmerische Werkstätten“ in der Stadt könnten jedoch zu einer Notwendigkeit werden, um Unternehmen, überlebenswichtige Erwerbstätigkeiten, Bräuche und Rituale, die mit einem Festival verflochten sind, durch einen ganzheitlichen Plan abzusichern.

 

Im Gedicht Kangalini (The Beggar Girl) von Rabindranath Tagore fleht eine Bettlerin die Muttergöttin Maa Durga an, die Frage nach Ungerechtigkeit und Ungleichheit zu beantworten. Sie trage alte Kleidung, während andere beim Puja-Fest ihre neuen zur Schau stellten. Nach mehr als einem Jahrhundert, nachdem das Gedicht geschrieben wurde, ist die Frage im beschrieben Kontext akuter denn je. Werden Natur und Tradition zum Nachteil der Armen auseinandergerissen?

 

Aus dem Englischen übersetzt
von Theodor Rathgeber

 

Zur Autorin

Sheuli Mitra ist Stadtplanerin und Dekanin an der akademischen Fakultät der School of Planning and Architecture in Bhopal.

 

Texthinweis

Der Originaltext in voller Länge erschien im EPW-Journal Vol. 54, Ausgabe 45, 16. November 2019, unter dem Titel Rain Dance with the Gods.

 

Endnoten

Der Sieg des Guten über das Böse. Das Fest wird am zehnten Tag der mondhellen Hälfte des Hindu-Monats Ashvayuja gefeiert, meist Anfang / Mitte Oktober; Anm. der Red.

Ravana: mythischer Dämonenkönig aus dem Hindu-Epos Ramayan; Anm. der Red.

Volkstanz im Rahmen von Navaratri, ein farbenfrohes Fest über neun Nächte im Frühjahr und Herbst; Anm. der Red.

Südasien 4/2019