Heinz Werner Wessler
Die Herrschaft der Gnade
Interview mit dem Erzbischof von Lahore

Sebastian Francis Shaw (geboren 1957) ist Erzbischof von Lahore, Hauptstadt der Provinz Punjab in Pakistan. Er ist Vorsitzender einiger nationaler katholischer Kommissionen, darunter die nationale Kommission für interreligiösen Dialog und Ökumene. Erzbischof Shaw ist im Oktober 2019 mit dem nationalen Friedenspreis Pakistans ausgezeichnet worden. Das folgende Interview wurde im Juni 2017 während seines Besuches bei Erzbischof Anders Aurelius von Stockholm geführt. Erzbischof Shaw spricht von Christen1 oder Muslimen und meint Menschen beiderlei Geschlechts.

Heinz Werner Wessler: Sie kommen aus der ProvinzSindh im Süden Pakistans. Würden Sie sagen, dassSindhi Ihre Muttersprache ist?

Erzbischof Sebastian Francis Shaw: Wir sind Punjabis, und deshalb sprechen wir zu Hause Panjabi, aber außerhalb des Hauses etwas Sindhi. Und auch Urdu, die Nationalsprache. Meine Bildung habe ich im Sindh erworben.

 

Sprechen Sie lieber Urdu oder lieber Englisch?

Englisch wurde in der Schule gelehrt, aber es war nicht Unterrichtssprache. Dadurch habe ich eine gute Grundlage in Urdu erworben und darüber bin ich sehr froh. Später habe ich ins Urdu übersetzt, zum Beispiel ein Buch von Carlo Caretto, einem Pater des Oblaten-Ordens OMI (Missionary Oblates of Mary Immaculate).2 Wir haben dieses Buch ins Urdu übersetzt, als ich noch Novize war, und die Urdu-Version wurde recht beliebt.

 

Wie stark war das katholische Element in der Umgebung, in der Sie aufgewachsen sind?

Ich bin in einem katholischen Dorf aufgewachsen. Dort waren niederländische Franziskaner. Unser Gemeindepfarrer damals war der Niederländer Pater Rupert Bostman, OFM (Ordo Fratrum Minorum). In meinem Dorf gab es auch Franziskanerinnen vom Heiligsten Herzen Jesu.

Meine Schwester und mein Vater sind früh gestorben, als ich noch ein kleiner Junge war. Ich musste von klein auf einige Verantwortung für die Familie übernehmen, da ich der älteste von drei Brüdern war. Meine Mutter war Lehrerin, und da sie ein Einkommen hatte, waren wir finanziell gesichert. Ich konnte auf dem College Naturwissenschaften studieren.

 

Was hat Sie dazu veranlasst, die Provinzregion im Sindh, aus der sie kommen, zu verlassen?

Ich hatte einen Onkel in Karatschi; dort war er in der pakistanischen Marine. Er schlug mir vor, nach dem College in die Marine einzutreten, da ich wissenschaftlich ausgebildet war, besonders in Technik.

Ich ging nach Karatschi und wollte tatsächlich in die Marine eintreten. Dort fing ich an, in einer unserer Schulen zu unterrichten. Ich trat auch der Legio Mariae bei, und dort war es üblich, zwei Stunden in der Woche Dienst zu tun, etwa Krankenhausbesuche machen, bedürftigen Familien helfen oder Katechismus-Unterricht geben. Als ich Krankenhäuser und Slums in Karatschi besuchte, kam ich wieder auf die Idee zurück, Priester zu werden. Ich sah eine Armut, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte. Auch in meinem Dorf gibt es arme Leute, aber in der dörflichen Umgebung ist armsein etwas vollkommen anderes.

 

Worin bestand der Unterschied?

In Karatschi sind die Christen eine kleine Minderheit, und viele von ihnen leben in Slums. Zuvor war ich in einer Sekundarschule in der Provinzstadt Sanghar, aber Karatschi war viel größer. Die Menschenmassen in der Metropole überwältigten mich. Unterschiedliche Leute aus allen Teilen Pakistans.

 

Warum sind Sie nicht in die Marine eingetreten?

Dazu gibt es eine seltsame Geschichte. Ich ging zum Rekrutierungszentrum, aber für den Gesprächstermin kam ich eine Dreiviertelstunde zu früh. Ich war ziemlich nervös, nicht nur wegen des erwarteten Gesprächs, sondern besonders, weil ich wusste: Mit der Entscheidung wird es knapp. Heute ist der letzte Tag, entweder werde ich Priester oder ich trete in die Marine ein. Die St. Patrick-Kathedrale in Karatschi steht in unmittelbarer Nähe des Rekrutierungszentrums. Da ich vor dem Gespräch noch Zeit hatte, ging ich in die Kathedrale und setzte mich in die letzte Bank. Ich erinnere mich gut, da war ein Gnadenbild „Unserer Lieben Frau von der immerwährenden Hilfe“ – Maria und Jesus. Ich betete ganz einfach: Hilf mir, die richtige Entscheidung zu treffen! Ich weiß nicht, wie es geschah, aber aus irgendeinem Grund schlief ich an Ort und Stelle in der Kirche ein. Und als ich aufwachte ...

 

... war es zu spät.

Genau! Es war zu spät für das Gespräch. Ich lief zum Zentrum und dort sagte man mir: Sie müssen auf die nächste Rekrutierung in einem Jahr warten. Da war mir klar: Gut also, Gott will, dass ich Priester werde.

 

Das war also die Entscheidung?

Ich fühlte mich zu den Franziskanern hingezogen, also wurde ich Postulant, Novize und legte die einfachen Gelübde ab.

 

Was geschah dann?

Ich studierte Philosophie und Theologie in Karatschi. Als ich im Dezember 1991 ordiniert worden war, wurde ich zum Spiritual für franziskanische Postulanten und Anwärter ernannt. Fünf Jahre später wurde ich nach Manila auf den Philippinen entsandt und erwarb meinen Magistergrad in Führung und Beratung. Dann ging ich nach Pakistan zurück, obwohl ich mich eigentlich zum Doktor der klinischen Psychologie weiterbilden wollte. Aber ich wurde in Pakistan gebraucht und wurde Novizenmeister der Franziskaner in Karatschi und dann Provinzial von Pakistan. Gegen Ende dieses Zeitabschnitts wandte ich mich wieder meinem früheren Wunsch zu promovieren zu, denn im Klerus in Pakistan gibt es keinen, der in Beratung spezialisiert ist. Darum meinte ich, das sei dringend nötig, und mein Orden unterstützte mich darin. Dann nahm mein Leben eine neue Wendung. Ich wurde zum Weihbischof von Lahore ernannt, und nach eineinhalb Jahren wurde ich Verwalter der Diözese unter Erzbischof Saldana. Am 14. November 2013 wurde ich zum Erzbischof von Lahore ernannt.

 

Die meisten Christen in Pakistan leben noch in Armut. Sie werden nicht nur aus religiösen, sondern auch aus sozialen Gründen nicht geachtet. Sehen Sie Verbesserungen ihrer Lage in den letzten Jahrzehnten?

Die Gesellschaft ist gespalten, die Städte sind unterteilt. Die Reichen wohnen in Nobelbezirken – in Lahore sind das Model Town, Gulshan und andere Viertel. Die Mittelschicht und die untere Mittelschicht haben ihre eigenen Viertel. Die meisten Christen gehören zur unteren Mittelschicht oder zur Unterschicht. Viele Christen, besonders katholische Christen, wohnen in Dörfern. Viele von ihnen besitzen kein eigenes Land, sondern werden als Landarbeiter beschäftigt. Nicht viele von ihnen sind gebildet. Es gibt auch Arbeitslosigkeit und darüber hinaus werden sie noch als Christen diskriminiert.

 

Erst vor wenigen Tagen weigerte sich ein Arzt, einen christlichen Müllmann im Sindh zu behandeln. Er sagte, die Behandlung dieses Mannes sei napaak, unrein. Ist das die Norm?

Ein sehr trauriger Zwischenfall. Er hat mit dem augenblicklichen Ramadan-Monat zu tun. Einer der Gründe war, dass der Arzt fastete. Der andere, dass der Patient schmutzig war, eben ein Müllmann. Manchmal erleben wir so etwas. Das ist nicht gut für die Gesellschaft, denn schließlich sind sie ja alle Menschen.

 

Die Hauptstadtentwicklungsbehörde in Islamabad hat vor kurzem angeordnet, dass die Slumgebiete geräumt werden sollen. Die meisten Menschen, die dort leben, sind Christen. Ist das eine weitere Form der Diskriminierung?

Es gibt Bezirke in Islamabad, in denen Christen jetzt seit etwa 50 Jahren leben. Sie leben dort neben dem großen Abwasserkanal, in dem das Schmutzwasser der Stadt fließt. Islamabad ist wie alle Städte Pakistans ein schnell wachsendes, urbanes Zentrum. Die Stadt versucht, die improvisierten Siedlungen am Kanal zu räumen. Das ist für die Menschen, die dort seit Langem wohnen, ein Unglück.

 

Wie ist die Situation in Lahore?

Wir sind mehr als 400.000 Katholiken in der Diözese Lahore. Sie ist die älteste im Land, wurde 1886 gegründet. Davor gehörte sie zur Diözese Agra. Jalandhar in Indien und Faizalabad und Multan in Pakistan sind Tochterdiözesen von Lahore. Wir sind immer noch die größte Diözese in Pakistan.

 

Herrscht nach dem Mob-Angriff auf die Joseph-Kolonie 2013 und dem terroristischen Attentat auf Christen im Gulshan Park zu Ostern 2016 ein allgemeines Gefühl des Bedrohtseins?

Es herrscht immer etwas Spannung, aber die Sicherheitssituation ist besser geworden. Die Joseph-Kolonie, Shahbagh und andere sind christliche Slums, aber die Polizei ist heutzutage wachsamer und achtet darauf, dass so etwas nicht noch einmal passiert.

 

Profitieren die Katholiken nicht von den ausgezeichneten katholischen Schulen im Land? Wie ist es möglich, dass so viele Christen noch in Slums leben?

Was Sie sagen, ist ganz richtig. Wir unterhalten ausgezeichnete Bildungsinstitutionen, und viele große Führer in Politik und Gesellschaft sind in katholische Schulen gegangen. Der derzeitige [2017, Anm. der Red.] Ministerpräsident Navaz Sharif hat die St. Antonius-Schule in Lahore besucht. Der derzeitige Sprecher der Nationalversammlung Ayaz Sadiq auch. Viele Generäle der Armee sind durch unsere Schulen gegangen, die ehemalige Ministerpräsidentin Benazir Bhutto und viele andere. Die St. Antonius-Schule, die Jesus-und-Maria-Schule und die Schule vom Heiligen Herzen gehören zu den am höchsten geachteten Schulen in Lahore. Das Problem ist, dass diese Schulen meist im Stadtkern liegen. Die meisten Katholiken dagegen leben an der Peripherie. Sie haben keinen leichten Zugang zu diesen Schulen. Frühere Missionare errichteten Diözesen und Gemeinden und ließen an entlegenen Orten mehrere Internate bauen. In den Internaten lebten Kinder aus den Dörfern. Dieses ausgedehnte Netz an Internaten gibt es nicht mehr. Stattdessen hatten wir nun Grundschulen. Viele andere Institutionen und der Staat haben ebenfalls Grundschulen im Land eröffnet. In den beiden letzten Jahrzenten konzentrieren wir uns auf die Sekundarbildung. Die ist unsere Stärke. In Sekundarschulen und Colleges haben wir viele christliche Schüler und Studenten.

 

Das Grundschul-System in Pakistan ist immer noch schlecht. Warum hat die katholische Kirche ihre Aktivitäten auf diesem Gebiet verringert?

Ein Teil dieses Problems ist, dass unsere Schulen in der Hauptsache nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrieben werden. Sie sind von dem Gedanken der Mission inspiriert. Unsere Gebühren sind niedriger als die der rein kommerziell betriebenen Schulen. Wir wollen nicht, dass unsere Schulen rein kommerziell betrieben werden – aber unsere Mittel sind begrenzt.

 

Ist es schwierig, in einem vorherrschend muslimischen Land eine christliche Schule zu betreiben?

Ungefähr 80 bis 90 Prozent unserer Schüler sind Muslime. Ihre Eltern glauben, dass wir menschliche Werte vermitteln, und dass wir, obwohl wir überzeugte Christen sind, keine religiösen Vorurteile haben. Eine christliche Schule in Pakistan steht allen Schülern offen. Für den islamischen Religionsunterricht der muslimischen Schüler beschäftigen wir muslimische Lehrer. Religionsunterricht gehört zum allgemeinen Curriculum in unseren Schulen. Für den Katechismus-Unterricht der katholischen Schüler haben wir katholische Lehrer. Immer wieder bitten wir die Regierung, für christliche Schüler wenigstens in einigen staatlichen Schulen katholische Lehrer für den Katechismus-Unterricht einzustellen. Das geschieht noch nicht in allen, während islamischer Religionsunterricht die Regel ist. Wir haben sogar angeboten, unsere Lehrer zu diesem Zweck an staatliche Schulen abzuordnen. Dieses Thema ist noch in der Schwebe.

 

Wie steht es mit dem, was Sie Missions-Geist in den Schulen nennen, wenn doch die Taufe eines Moslems unmittelbar ernste Konsequenzen hätte?

Missions-Geist der Schule bedeutet nicht, dass jemand bekehrt werden soll, sondern dass die Schule jedem offensteht, und dass wirtschaftlich schwache Familien in den Stand gesetzt werden, ihre Kinder in unsere Schulen zu schicken, ganz unabhängig von ihrer Religion. Das ist unsere Mission. Und das ist unser Dienst für die Gesellschaft.

 

So würden Sie ihre Mission in Pakistan erklären?

Ja, durchaus. Bildung ist unsere Mission. Wir wollen, dass immer mehr Menschen Bildung erwerben. Wir spielen eine wichtige Rolle bei der Bildung der Führung und eine wichtige Rolle dabei, eine harmonische Gesellschaft zu schaffen, in der Muslime, Christen, Hindus und Sikhs zusammenleben können.

 

Fühlen sich muslimische Schüler in einer katholischen Schule in Pakistan wohl?

Viele Jugendliche gehen gerne in unsere Schulen, und sie identifizieren sich sehr damit. Viele Väter wollen – wie gesagt, meist Muslime –, dass ihre Kinder in dieselbe Schule gehen, in die sie gegangen sind. Sie mögen es auch, wenn ich im Bischofsornat und dem, was dazu gehört, komme. Sie geben mir die Hand und sprechen mit mir. Die Mission ist auch Vielfalt an sich. Es geht um Zusammenleben. Die Mehrheit besteht aus Muslimen, aber wir haben auch Christen, Hindus und Sikhs, und die Schüler lernen gemeinsam. Sie lernen, miteinander zu wetteifern, lernen zusammenzuleben. Gott hat uns diesen Planeten gegeben, damit wir darauf in Frieden und Freude zusammenleben. Manchmal streiten die Schüler miteinander, und sie lernen, sich wieder zu vertragen. Diese Schüler lernen, eine harmonische Gesellschaft zu schaffen.

 

Ist das die Bedeutung der Kirche in einer von Muslimen beherrschten Gesellschaft?

Ja, das denke ich. Als wir kürzlich in einer Madrasa (islamische Schule) in Lahore Olivenbäume pflanzten, sagte mir einer der Teilnehmer, ein pensionierter Armee-Major, der in die St. Antonius-Schule in Lahore gegangen war, er habe zehn Jahre lang katholische Schulen besucht und während all dieser zehn Jahre habe ihm niemand vorgeschlagen, er solle Christ werden. Er schätze den selbstlosen Dienst der Schule und die Erziehung, die er erhalten habe, sehr hoch. Sehen Sie, so stellt man es an, dass die Leute einem trauen.

 

Im größeren Maßstab scheint die Verwirklichung des Ideals einer harmonischen Gesellschaft in Pakistan allerdings noch weit entfernt zu sein.

Als Zia-ul-Haqs Präsident Pakistans war (1977-1988), wurden die sogenannten Hudud-Gesetze und das Blasphemie-Gesetz eingeführt. Das Blasphemie-Gesetz wird in vielen Konflikten, die nichts mit Religion zu tun haben, missbraucht und Minderheiten werden zu seinen Opfern. Wir bemühen uns sehr, besonders den Missbrauch des Blasphemie-Gesetzes zu beenden. Wir verfolgen die Untersuchungen und versuchen, die Öffentlichkeit zu informieren und zu sensibilisieren.

Nach dem 11. September 2001 hatten wir viele Probleme in Pakistan. Menschen wurden angegriffen, unsere Institutionen wurden angegriffen. Unsere Hauptreaktion darauf war, interreligiöse Dialoge zu fördern. Wir hatten schon gute Beziehungen zu bestimmten Islamgelehrten und Imamen, besonders in Lahore. Also versuchten wir, diesen interreligiösen Dialog zu einer Institution zu machen. Und das kam nicht nur von christlicher Seite, sondern alle Teilnehmer empfanden die Notwendigkeit zusammenzukommen, als die Gesellschaft bedroht war.

 

Waren die Teilnehmer offen für interreligiösen Dialog, als Sie ihn formell eröffneten?

Einige zögerten, als wir von kirchlicher Seite die Initiative ergriffen. Sie hatten den Verdacht, dass wir die Absicht hätten, Menschen zu bekehren. Aus diesem Grund ist es so wichtig, eine vertrauensvolle Beziehung herzustellen. Ich sage immer: Wir sitzen an einem „runden“ Tisch und haben nicht die Absicht, jemanden zu bekehren. Es gibt nur „eine“ Mission, nämlich die, dem anderen zuzuhören und ihm mitzuteilen, was man selbst glaubt. Interreligiöser Dialog ist keine Debatte, in der der eine verliert und der andere gewinnt. Es geht darum, einander zu verstehen und darum, zusammenzuarbeiten, um gemeinsam eine harmonische Gesellschaft zu schaffen.

 

Zuhören und erklären sind wichtig, aber haben Sie nie erlebt, dass die Dynamik verloren gehen kann?

Dieser Dialog ist ja in Pakistan nicht nur eine akademische Übung. Er ist dringend notwendig. Zum Beispiel über Menschenrechte, darüber, wie wir zusammenleben sollen. Wir beginnen immer mit der Frage, wie wir uns ein Zusammenleben vorstellen. Ich sage, Gott hat uns diesen Planeten gegeben. Uns allen! Wir können ihn pflegen, oder wir können ihn zerstören. Lasst uns herausfinden, was wir gemeinsam haben, um eine bessere Welt zu schaffen, und das stärken! Muslime, Hindus, Sikhs und Christen – was kann jeder von uns beitragen, was können wir gemeinsam tun? Es gibt immer Aufgaben. Wenn es zum Beispiel eine Überschwemmung gibt. Da braucht man einen, der schwimmen kann, um einen anderen aus dem Wasser zu holen, der nicht schwimmen kann. Die Religion dieser Person spielt keine Rolle, wir brauchen ihr Können. Wir sollten Menschen zusammenbringen, um gemeinsam Menschen in Not zu retten, nicht um sie zu töten, sondern um sie zu retten.

 

Sie sprechen davon, die Menschheit zu retten. Sprechen Sie das Thema Nachhaltigkeit im interreligiösen Dialog an?

Ja, natürlich. Aber wenn wir die Denkweise ändern wollen, brauchen wir Zeit. Mentale Veränderungen geschehen nicht von heute auf morgen. Wir haben so viele naheliegende Probleme, dass es manchmal schwierig ist, Themen anzusprechen, die weit entfernt zu sein scheinen. Es gibt jedoch Veränderungen, und ich gebe die Hoffnung nicht auf. Das Pflanzen von Olivenbäumen, mit dem wir begonnen haben, ist eine symbolische Handlung. Es ist eine Friedensmission, eine Mission des interreligiösen Dialogs, aber darin liegt auch die Botschaft, dass wir ökologische Verantwortung tragen.

 

Denken Sie, dass dieser Dialog eine Wirkung auf die Gesellschaft ausübt?

Ja, das denke ich. Ich erreiche die Menschen tatsächlich. Manchmal macht mir die Art, wie mir jemand die Hand gibt, die Veränderung bewusst. Während des interreligiösen Dialogs nähern sich unsere Gesinnungen immer mehr einander an. Und darüber hinaus entdecken Menschen, dass der Bischof, wenn er spricht, das nicht für sich selbst tut, sondern für uns alle, für die Gesellschaft an sich. Dasselbe ist es mit den Führern anderer Religionen. Wir lernen, unsere begrenzten Eigeninteressen hinter uns zu lassen und gemeinsam die größeren Themen anzugehen.

 

Ist die Phase des gegenseitigen Misstrauens vorüber, ist der interreligiöse Dialog fest etabliert?

Ja, besonders in den letzten drei Jahren. Davor gab es eine Zeit – wie soll ich sagen – des Zögerns in unseren Zirkeln. Damals sagten wir, wir müssen etwas tun, um die Menschen zu erreichen, um sie zusammenzubringen. Zu Beginn war es ein gemeinsames Abendessen in der Fastenzeit. Dann machte Pater Francis Nadeem, der jetzt Sekretär des Nationalen Rates für den Dialog zwischen den Religionen ist, den Vorschlag, mit dem Pflanzen von Olivenbäumen zu beginnen. Ein Zweig des Olivenbaumes ist das Zeichen für Frieden im Judentum, im Christentum und im Islam. Unsere interreligiöse Gruppe in Lahore begann, religiöse Institutionen einzubeziehen. Wir pflanzten einen Olivenbaum in unserem Seminar, und dann pflanzten wir fünf Bäume in einer Madrasa. Das Pflanzen wurde zu einem festlichen Ereignis, und auch Leute von der Straße nahmen daran teil. Auch der Sekretär des pakistanischen Zweiges des Rates der Weltreligionen beteiligte sich. Wir versprachen, wir hätten die Bäume nicht nur gemeinsam gepflanzt, sondern wir würden uns auch gemeinsam um sie kümmern.

 

Gibt es kritische Stimmen aus den Religionen gegen diese symbolische Handlung und gegen den interreligiösen Dialog an sich?

Natürlich hat es Kritik gegeben. Aber vor allem ist ja wichtig, dass wir alle davon überzeugt sind, dass Gott will, dass wir das, was wir tun, auch tun. Ich kann andere Menschen erreichen, andere können mich erreichen, und zusammen werden wir vielleicht zu Werkzeugen einer harmonischen Gesellschaft. Der Ausgangspunkt ist die Gesinnung: wenn ich überzeugt bin, wenn ich glaube, dass das das Zeichen unserer Zeit ist.

 

Welche Wirkung hatte der furchtbare terroristische Anschlag 2014 auf eine Schule in Peshawar, bei dem mehr als 130 Schüler getötet wurden?

Ich denke, der Anschlag auf die Schule in Peshawar und die Tötung einer so großen Anzahl unschuldiger Kinder war ein Wendepunkt. Die meisten getöteten Kinder waren Kinder von Armeeangehörigen, und die Attentäter wollten den Staat als solchen treffen. Die Menschen, die Mehrheit, hat genug von dieser Gewalt. Die Nation versteht, dass wir uns gegen den Terrorismus verbünden müssen. Und die Gesellschaft versteht jetzt eher als davor, dass „wir“ Pakistan sind, dass „wir“ den Stoff Pakistan ausmachen. Ich bin sehr optimistisch, dass sich Pakistan einmal wieder zu einem friedlichen Land wandeln wird.

 

Und doch können sich terroristische Anschläge, wie der letztes Jahr zu Ostern im Gulshan-e Iqbal Park in Lahore, bei dem 78 Menschen starben und der gegen Christen gerichtet war, wieder ereignen.

Ja, es ist sehr traurig, aber ich will Ihnen etwas erzählen: Nach dem Anschlag bin ich in das Krankenhaus gegangen, um die Opfer und ihre Familien zu besuchen. Als ich dorthin kam, wollten sie mir eine Liste der christlichen Opfer geben, denn irgendwie dachten sie, ich wollte nur die sehen. Ich sagte: Nein, ich besuche alle. Und das tat ich, ich ging in drei verschiedene Krankenhäuser. Ich besuchte die Menschen als katholischer Bischof, aber in einer solchen Situation bin ich für alle da. Leider wird es Rückschläge geben, aber wir bewegen uns in Richtung einer besseren Zukunft.

 

Was veranlasst Sie, an den Wandel zu glauben?

Ich sehe den Wandel zum Besseren. Ich sehe den Punkt der Umkehr im menschlichen Herzen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Akash Bashir war ein katholischer junger Mann. Er war auf eine Salesianer-Schule gegangen und war aktiver Ministrant. Als uns die Regierung aufforderte, Angehörige der katholischen Gemeinschaft zu nennen, die sich am Sicherheitsdienst an den Eingängen der Kirchen beteiligen wollten, der Eindringlinge erkennen sollte, war er einer von denen, die dazu bereit waren. Am 15. März 2015, da war er 21 Jahre alt, bemerkte er, als er während der Sonntagsmesse in der Kirche St. Johannes in Youhannabadin Lahore am Eingang stand, dass ein Selbstmordattentäter im Begriff war, die Kirche zu betreten. Die Kirche war voll, es war der Sonntag vor Palmsonntag. Akash lief nicht weg, sondern er warf sich auf den Selbstmordattentäter, da drückte der den Knopf und tötete sich, Akash Bashir und noch 20 weitere. Die Katastrophe wäre noch viel schlimmer geworden, wenn es dem Selbstmordattentäter gelungen wäre, weiter in die Kirche vorzudringen. Dieser Junge hatte sein Leben gegeben, um das Leben vieler anderer zu retten. Seine Eltern sind sehr fromm. Ich habe sie zwei- oder dreimal gesehen. Vor ein paar Monate hatten sie mich angesprochen und gesagt: Bischof, da wir Katholiken sind und Christus nachfolgen, vergeben wir. Diese Eltern haben mit eigenen Augen ansehen müssen, was nach der Explosion von ihrem Sohn übrig war. Nur der obere Teil seines Körpers war noch da, der untere war weg. Letztes Jahr war das Jahr der Gnade, und wir haben viel darüber gesprochen, was Gnade bedeutet, was Vergebung bedeutet. Die Herrschaft der Gnade leitet uns, wenn wir glauben.

 

Aus dem Englischen übersetzt
von Ingrid von Heiseler

Zum Autor

Heinz Werner Wessler lehrt an der Fakultät für Sprachen und Philologie an der Universität Uppsala und ist im Vorstand des Südasienbüros e.V.

 

Endnoten

Christen machen etwa 1,6 Prozent – davon etwa die Hälfte Katholiken – der Bevölkerung des überwiegend muslimischen Landes aus.

Carlo Carretto: Was Franziskus uns heute sagt, siehe https://it.wikipedia.org/wiki/Carlo_Carretto.

Südasien 4/2019