Supriya Varma
Tieferreichende Geschichte zu Ayodhya
Wo Religion, Glaube und Politik zusammentreffen

Wer in die tieferen Schichten und umfassende Geschichte von Orten eintaucht, wird feststellen, dass einiges völlig verblasst ist, anderes wie Ebbe und Flut beständig angespült wird. Die Wahl von Ayodhya als Schauplatz für das Narrativ von Gott Ram sorgte dafür, dass dieser Ort nie vergessen werden konnte. In gewisser Weise wurde die erste Geschichtsschreibung von Ayodhya vor fast 2500 Jahren vorgenommen, als Valmiki das Epos zu Ramayana komponierte. Die Autorin lüftet im Folgenden einige der meist verborgen bleibenden Geschichten.

Im vergangenen Jahr erschien ein Buch von Valay Singh, das eine lange Liste von historischen Aufzeichnungen zu Ayodhya wiedergibt.1 Allein die Liste der Erzählungen aus der Perspektive unterschiedlicher, Indien-stämmiger Religionen ist beeindruckend. Sie beginnt mit Valmikis epischer Erzählung und breitet dann zahlreiche Versionen zum Ort des Ramayana aus. Darunter finden sich Wiedergaben aus der Perspektive der Jain (vom 1. Jahrhundert bis 1700), des tamilischen Dichters Kamban (Ramavataram, 12. Jahrhundert), von Krittibas Ojha (15. Jahrhundert), des Dichters Tulsidas (Ramcharitmanas, 16. Jahrhundert) oder die Tanzdrama-Versionen des thailändischen Ramayana oder Ramakien aus dem 18. Jahrhundert. Das erste steinerne Zeugnis war die Moschee aus dem 16. Jahrhundert, vermutlich vom Mogul-Kaiser Babur gebaut, die am 6. Dezember 1992 zerstört wurde. Singh enträtselt den Streitfall Ayodhya überdies historisch detailliert ab 1855 und bettet die Geschichte von Ayodhya in die umfassenderen politischen und religiösen Entwicklungen in Nordindien ein.

 

Die längere Geschichtsversion

 

Begonnen hat die Geschichte von Ayodhya vermutlich als kleine Siedlung in der Eisenzeit (1000 bis 500 v.Chr.). In der Frühgeschichte (500 v.Chr. bis 500 n.Chr.) wuchs der Ort mit einigen buddhistischen Stupas2 zu einer kleinen Stadt heran. Größere Bedeutung erlangte Ayodhya während des Sultanats (1200 bis 1500), indem sich unter anderem muslimische Fakire und Sufis dort niederließen und bis 1857 dort lebten.

 

Ayodhya war ab dem 17. Jahrhundert in Nordindien ein wichtiges Vaishnava-Pilgerzentrum. Tulsidas hatte zur Popularität des Ortes wesentlich beigetragen. Im mittelalterlichen Indien konkurrierten die Hindu-Glaubensrichtungen Vaishnava und Shaiva um drei Ressourcen: Anhänger und Jünger, Pilgerzentren und politische Unterstützung. Ayodhya war Teil dieses Wettbewerbs. Die geistigen Zentren der Vaishnava Ramnandi Bairagis und der Shaivite Dasnami Sanyasis trugen sogar Kämpfe aus. Den Ramnandis gelang es Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts, die Shaivas aus Ayodhya zu verdrängen. Zur gleichen Zeit gewährte Mir Muhammad Khan, der Gouverneur von Awadh, den Ramanandi-Akharas Land.

 

Beginnend mit dem 17. Jahrhundert war Ayodhya auch den Muslimen zu einem wichtigen religiösen Ort geworden. Sufi-Heilige wie Shah Madar, Badi Bua und Nasiruddin Chirag Dehlavi gründeten ihre Gebetshäuser und spirituellen Orte in Ayodhya. Angesichts der enormen Zahl muslimischer Gräber wird angenommen, dass Ayodhya als heiliger Ort verehrt wurde. Darauf deuten auch die Begriffe Khurd Mekka und Ayodhya Sharif. Über diese Geschichte zu Ayodhya wurde mangels historischer Forschung bisher wenig geschrieben. So ist bis heute unklar, warum, wann genau, und wie Ayodhya zum heiligen Ort für Muslime geworden ist. Ebenso ist von der Archäologie zu Ayodhya der Zeitraum 500 bis 1500 n.Chr. noch wenig erforscht und mithin wenig bekannt. Diese Lücke ist zum Teil das Ergebnis der allgemeinen Vernachlässigung mittelalterlicher Archäologie in Nordindien.

 

Mitte des 19. Jahrhunderts wanderten die meisten der wohlhabenderen muslimischen Familien nach Lucknow und in andere Städte ab. Die Ramanandi-Bairagis übernahmen die Stadt ab 1857 unter der Schirmherrschaft des brahmanischen Königs Man Singh. Viele der heutigen Tempel in Ayodhya haben ihren Ursprung in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Die Ramanandi-Bairagis bauten ihren Einfluss aus und erhoben Ansprüche auf zusätzliches Land, das auch jenes umfasste, das früher von Moscheen und Gräbern besetzt gewesen war. Zu dieser Zeit errichteten die Bairagis eine Stätte östlich der Babri-Moschee und gaben an, dies sei der Ort, an dem Ram geboren wurde. Es war die Zeit, in der die Herrschaft der Nawabs von Awadh dem sicheren Untergang zusteuerte.

 

Verdeckte Geschichtsversionen

 

Es gab auch andere Orte, die ähnliche Ansprüche erhoben, das Gelände von Janmasthan zu sein. Bereits vor 1855 existierte ein Janmasthan-Mandir 40 Meter nördlich der Babri-Moschee. Der Bau dieses Tempels wird auf 1707 datiert, das Jahr des Untergangs von Aurangzeb3. Gemäß der lokalen Tradition wurde der Tempel auf einem Land gebaut, das Mir Masum Ali Mafidar dem Mönch Ramdas geschenkt hatte. Knapp 300 Jahre später erwies sich diese Örtlichkeit allerdings als unbequem für die Darstellung der Hindu-Anhänger von Vishva. Sie bestanden darauf, dass die Babri-Moschee genau an der Stelle gebaut worden war, an der Ram geboren wurde. Mit einem Kunstgriff wurde der Ort der Moschee 1991 zunächst als Sita Rasoi (Sitas Küche) eingeordnet und im Juli 1992 mit sieben weiteren alten Tempeln zerstört und abgerissen. Historisch war der Komplex Ram JanmabhoomiBabri Masjid auf drei Seiten von Tempeln umgeben, die über Friedhöfen errichtet worden waren. Historisch verbürgt ist ebenso, dass Ayodhya erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einem größeren Ort der hinduistischen Anbetung, zu einem Hindu-Ramanandi-Pilgerzentrum wurde, mit Tempeln, Ashrams und Dharamshalas. Hindus bauten in der Zeit große Herrenhäuser, die während der jährlichen Pilgerfahrten genutzt wurden.

 

Wenig bekannt ist ebenso, dass die Regierung von Uttar Pradesh bereits 1991 zahlreiche Tempel rund um den Babri-Moschee-Komplex abgerissen hatte. Darunter befanden sich der Sankat Mochan Temple, Lomash Ashram, Gopal Bhavan, Keshav Das Temple, Churakarm Temple, Abhi Ram Mandap, Char Bhaiyon ka Mandir, Sumitra Bhavan, der Ganesh Ashram und eine Ausstellungsgalerie sowie mehrere Geschäfte. Im Juli 1991 war ein großer Teil der Fläche gegenüber der Moschee im staatlichen Auftrag von Bulldozern geräumt worden. Darunter hatten sich Gebäude befunden, die zu den ältesten in Ayodhya gehörten.

 

Perspektiven für wen

 

So ist Ayodhya seit mindestens 800 Jahren von der Perspektive der Religion bestimmt – und wird es weiterhin sein. Laut Auskunft des Statistikamtes vom 9. August 2017 – die Angaben mussten über das Informationsklagerecht (Right to Information Act) eingeklagt werden – verfügt eine Siedlung mit nur 7000 Häusern heute über 45 Moscheen und 101 Tempel. Ob all diese Moscheen und Tempel noch als Kultstätten funktionieren, geht aus der Auskunft nicht hervor.

 

Über die Zukunft von Ayodhya wurde absehbar vom Obersten Gerichtshof entschieden. Die Bewohner/-innen von Ayodhya selbst haben derzeit wohl wenig Kontrolle darüber, wie es mit ihrer Stadt weiter gehen soll. So wie sie in der Vergangenheit keine Kontrolle hatten. Ähnlich steht bislang nirgends geschrieben, dass wahrscheinlich Hirten, Jäger und Sammler in der Vergangenheit mit der Siedlung Ayodhya koexistiert haben. Von ihnen ist auch in der Gegenwart nichts zu lesen, obgleich sie weiterhin koexistieren und den Alltag der Stadt begleiten.

 

Den Interessierten außerhalb der Stadt ist zu empfehlen, ein Ayodhya zu suchen, das nicht nur in Valmikis Ramayana, sondern auch in den anderen, späteren Erzählungen erwähnt wurde. Wenngleich auch alle späteren Erzählungen zunächst einen imaginären Raum darstellen. In Valmikis Ramayana ist der Schauplatz seiner Geschichte Ayodhya, die Hauptstadt des Königreichs Kosala. Andere Städte wie Shravasti, Banaras und Pataliputra blicken auf eine reiche und lange Geschichte ihrer Königreiche zurück. Ayodhyas Herrlichkeit beruht hingegen darauf, die Stadt des Gottes Ram auf dem Papier zu sein, eine Abstraktion für die meisten, die die Geschichte hören.

 

Aus dem Englischen übersetzt
von Theodor Rathgeber

Zur Autorin

Supriya Varma lehrt Archäologie am Centre for Historical Studies an der Jawaharlal Nehru Universität in New Delhi.

 

Literaturhinweis

Der Originaltext erschien bei EPW, Vol. 54, Ausgabe 45, 16. November 2019 unter dem Titel The Many Histories of Ayodhya.

 

Endnoten

Valay Singh: Ayodhya: City of Faith, City of Discord. Aleph Book Company, New Delhi, 2018.

Kleine Bauwerke und Monumente, Anm. der Red.

Todesjahr des Großmoguls von Indien, Muhammad Aurangzeb Alamgir, Anm. der Red.

Südasien 4/2019