Theodor Rathgeber
Editorial Südasien 4/2019

Liebe Leserinnen und Leser,

 

Über Glaubensfragen in SÜDASIEN einen Schwerpunkt zusammenzustellen, dieses Unterfangen führt leicht ins Minenfeld. Abgesehen davon, dass das Thema ganze Bibliotheken füllt, sind die Begriffe und Aussagen von vorneherein hochgradig mit unterschiedlichsten Vorannahmen konnotiert, um es vorsichtig auszudrücken. Es muss andererseits nicht verwundern. Glaubensfragen rühren an innerste Überzeugungen, an die grundlegende Auseinandersetzung eines Individuums, einer Gemeinschaft oder einer Gesellschaft über Grundlagen und Zukunft eines möglichst selbstbestimmten Lebens. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass die damit verbundene emotionale Wucht häufig und gerne instrumentalisiert wird, um selbst glaubensentfernte Interessen mit aggressiver Entschiedenheit durchsetzen zu können.

 

Der Schwerpunkt im vorliegenden Heft greift in Bezug auf diese Instrumentalisierung exemplarisch Beispiele aus unterschiedlichen religiösen Bezügen auf. Sie berichten von der Exklusion der anderen und gleichzeitig der dadurch verursachten Beschränkung der eigenen Möglichkeiten, weil die Exklusion das Potenzial der Vielfalt – ureigenstes Prinzip der Evolution – vernachlässigt oder gar vernichtet. Einige Berichte im Länderteil etwa zu Indien setzen solche Nachrichten notgedrungen fort.

 

Der Schwerpunkt legt aber ebenso Beiträge vor, in denen die Frage nach dem Glauben zu einer großen Reise zu sich selbst führt, zur Auseinandersetzung mit der Frage, warum es sich auch unter schwierigen Umständen zu leben und zu streiten lohnt. Die in den Artikeln beschriebenen, verschiedensten Wege unterschiedlicher Glaubensrichtungen berühren Aspekte der Friedenstiftung, der Erschütterung und Empörung über unhaltbare gesellschaftliche Zustände auf der Grundlage ethisch-religiöser Überzeugung, der heiklen Balance zwischen spiritueller Erkenntnis, Wandlung tradierter Lebensmuster und Einbettung in einen Lifestyle. Glaubensfragen in Südasien sind in ihrer Substanz nicht notwendigerweise von hiesigen Auseinandersetzungen unterschieden, aber mit deutlich größerem Risiko behaftet.

 

Der Literaturteil gräbt die Wiedergeburt des Harmoniums aus. Eine Geschichte, die so verrückt ist, dass sie schwerlich erfunden werden könnte. Der Beitrag zum Klimawandel und seinen Folgen für – religiöse – Feste lässt erahnen, wieviel Sprengstoff in dieser existenziellen Bedrohung sonst noch steckt.

 

„Der Tod als geringere Bedrohung“ lautet der Titel für den Beitrag zu Afghanistan. Er könnte ebenso zu anderen Länderbeiträgen herangezogen werden. Für Kenner/-innen der Materie mag es keine Neuigkeit bedeuten, aber ich war verblüfft, wie viele historische Betrachtungen es zu Ayodhya in Indien gibt, und wie wenig davon das Urteil des Obersten Gerichtshofes zum Streit um die Babri-Moschee widerspiegelt. Die Kolleg(inn)en des Online-Journals Economic and Political Weekly haben die Bewertung des Urteils bündig auf den Punkt gebracht: zwischen unvollständiger Gerechtigkeit und vollständiger Ungerechtigkeit.

 

Die eher ermutigenden Beiträge in diesem Heft beschreiben unter anderem die Gegenwehr gegen Infrastrukturprojekte in Nepal, ausgerechnet im Bereich erneuerbarer Energien, oder die Hoffnung auf Wandel durch Instrumentarien der Europäischen Union in Pakistan. Die Gesellschaft in Nepal ist insgesamt nicht zu beneiden. Im eisernen Griff mächtiger Nachbarn legt die Führungselite des Landes ein nachdenklich stimmendes Regierungsverständnis an den Tag. Insgesamt folgt auch dieses Heft der Maxime, die Welt in Südasien so darzustellen, dass Möglichkeiten der Veränderbarkeit sichtbar werden.

 

Im kommenden Jahr 2020 sind wieder vier Hefte geplant, dann mit den Schwerpunkten Sri Lanka, Umwelt, Älter werden (die Zeitschrift kommt übrigens in ihren 40. Jahrgang) sowie Auf- und Abrüstung. Die Redaktion freut sich auf Beiträge oder Hinweise aus der Leserschaft.

 

Die Feiertage und der Jahreswechsel stehen an. Zeiten, die in hiesigen Breitengraden von der Natur und von christlichen Glaubensgemeinschaften zum Innehalten und zur Erneuerung bestimmt waren, für manche noch sind. Ich habe mir vorgenommen, für mich selber diese Tradition wieder auszugraben.

 

Im Namen der Redaktion wünsche ich allen schöne, entspannte oder auch aufregende Feiertage, einen guten Start in das neue Jahr und auf jeden Fall die Zeit, dieses Heft mit Muse und Gewinn zu lesen,

 

Theodor Rathgeber

Südasien 4/2019