Heinz Werner Wessler
Editorial Südasien 2/2016

Liebe Leserinnen und Leser!

Korruption ist ein sehr komplexes Thema, und es ist beinahe uferlos. Über verschiedene Aspekte der Veruntreuung und Unterschlagung in Südasien, die gewissenlose Nutzung von Entwicklungshilfegeldern als lukrative Einnahmequellen der Projektträger, aber auch über die unermüdliche Auseinandersetzung mit den Grundsätzen einer good stewardship in Nichtregierungsorganisationen und Selbsthilfebewegungen, berichten wir im vorliegenden SÜDASIEN-Heft.

Es ist nur schwer, Korruption zu definieren. Auch ist es fast unmöglich, sie präzise zu messen oder regelmäßig aufzudecken, weil die Mitwisser einer korrupten Handlung diese in der Regel geheim halten. Manche Hilfswerke in Deutschland haben deswegen bereits eine offizielle, computergestützte Einladung an Whistleblower aus dem Partnerfeld herausgegeben, sich anonym zu melden. Denn dass das Thema immer wieder heikel ist, ist klar; auch wir haben es erfahren – verschiedene Autoren wollten nur unter Pseudonym schreiben oder haben lieber ganz abgelehnt, um sich nicht in Gefahr zu bringen.

Sanjay Patra und Manoj Fogla von der Finance and Monitoring Service Foundation (FMSF) in Noida bei New Delhi untersuchen in ihrem Beitrag den strukturellen Nährboden für Korruption in zivilgesellschaftlichen Organisationen und machen überzeugende Vorschläge zur Vorbeugung. Die Debatte darüber ist in allen Ländern Südasiens in vollem Gange. Der diesbezügliche Aus- und Weiterbildungsbedarf unter den Projektträgern in Südasien ist riesig.

Für die Einschätzung, wie korrupt ein Land ist, sind immer auch kulturelle Faktoren mitbestimmend. Wir lernen, wie schwer es ist, in manchen Kulturen eine Grenze zu ziehen zwischen gegenseitiger Unterstützung in der Familie und Vorteilsnahme. Aus westlicher Perspektive betrachtet sind Vetternwirtschaft, Klientelismus und ein nicht funktionstüchtiger Staatsapparat die Kennzeichen, die failed states ausmachen. Denn diese Phänomene können einen Staat am effektiven Handeln, vor allem im Interesse der Armen, hindern. Der Harvard-Anthropologe Andrea Chiovenda untersucht in seinem Beitrag, welche Rolle traditionelle Loyalitäten in Afghanistan bezüglich der herrschenden Korruption im Lande spielen.

In diesem Heft berichten wir aber auch über einzigartige Beispiele von Menschen, die sich beharrlich und unbeirrbar für benachteiligte Minderheiten einsetzen. Hier ist besonders Henri Tiphagne zu nennen. Er erhielt im April 2016 in Berlin – im Beisein von Bundespräsident Joachim Gauck – den Menschenrechtspreis der deutschen Sektion von Amnesty International. Mit seiner Organisation People‘s Watch in Madurai, Tamil Nadu unterstützt er seit mehr als 20 Jahren Opfer von Diskriminierung, Unrecht und Gewalt und verhilft ihnen zu ihrem Recht. People’s Watch zählt in Indien zu den bedeutendsten Menschenrechtsorganisationen. 1997 gründete Tiphagne das Institut für Menschenrechtsbildung. Es organisiert Fortbildungen für Lehrer und Veranstaltungen, in denen Schüler über ihre Rechte aufgeklärt werden und lernen, wie sie diese einfordern können. Ein Foto von der Preisverleihung sehen Sie auf der Heftrückseite.

Die zurzeit in Indien wieder wachsende Ausgrenzung von Minderheiten ist auch Thema mehrerer Artikel:

• Ein Interview mit einer Menschenrechtsanwältin über muslimische und christliche Dalits sowie über die zunehmende Hinduisierung Indiens.

• Ein Beitrag ruft auf zur Chancengleichheit in der Bildung, denn den marginalisierten gesellschaftlichen Gruppen der Dalits, Adivasis und anderer Minderheiten könnte die höhere Bildung den sozialen Aufstieg und die Überwindung eines Teils der Kastendiskriminierung erleichtern.

• Und schließlich ein Beitrag über die 31. Tagung des UN-Menschenrechtsrates (MRR) im März 2016 in Genf; dort legte die Sonderberichterstatterin (Special Rapporteur) zu Minderheitenfragen, Rita Izsák-Ndiaye, ihren Jahresbericht vor, der sich dieses Mal mit dem Kastensystem befasste. Unter der Dokumentnummer A/HRC/31/56 stellen die Vereinten Nationen amtlich fest, dass rund 250 Millionen Angehörige weltweit diskriminiert werden und inhumaner Behandlung unterworfen sind, allein aufgrund der Tatsache, dass sie einer Kaste oder einem vergleichbar ererbten Status angehören – die Mehrheit davon in Südasien.


In zwei Artikeln gibt es aber auch etwas zu feiern – nämlich zwei Jubiläen: 10 Jahre Literaturforum Indien und das 10-jährige Bestehen des Draupadi Verlags Heidelberg.

Eine spannende Lektüre wünscht Ihnen Heinz Werner Wessler