Patrizia Heidegger
"The definitive 1971 novel"
Tahmima Anams "Zeit der Verheißungen"

Bangladesch habe nun endlich den definitiven Roman zum Unabhängigkeitskrieg von 1971, schreibt Khademul Islam, Literaturkritiker der Tageszeitung The Daily Star: Tahmima Anams A Golden Age – Zeit der Verheißungen. Es sei verwunderlich, dass bis dato niemand einen großen Roman zu diesem so entscheidenden Jahr der Geschichte Bangladeschs geschrieben habe. In den 36 Jahren nach der Unabhängigkeit habe es vor allem nicht-fiktionale Auseinandersetzungen mit dem Krieg gegeben.

Eines der bekanntesten Bücher zu dem Thema ist sicherlich das Tagebuch von Jahanara Imam, der Mutter eines 1971 getöteten Freiheitskämpfers: Ekatturer Deengulo, die Tage von 71. Doch ganz stimmt die These Khademul Islams nicht: Humayun Ahmed, einer der bekanntesten bangladeschischen Autoren, dessen Vater auch dem Krieg zum Opfer fiel, schrieb mehrere Romane, die sich mit dem Unabhängigkeitskrieg beschäftigen, sowie das Theaterstück 1971. Aber auch Shahriyar Khabir, Imdadul Haq Milon oder Anisul Hoque setzen sich in ihren Romanen mit den Kriegsmonaten auseinander. A Golden Age ist sicher nicht der einzige, und schon gar nicht der erste Roman über 1971. Was ihn aber besonders macht, ist, dass er der erste englischsprachige Roman mit britischem Verleger über diese für Bangladesch so entscheidende Zeit ist. Somit hatte er im Gegensatz zu den Werken der bengalischsprachigen Autoren die Möglichkeit, viel stärker international rezipiert zu werden. Spätestens seit dem Bestseller Brick Lane von Monica Ali im Jahr 2002 sind neben den alten und neuen Stars der indo-englischen Literatur wie Salman Rushdie oder Kiran Desai auch Autorinnen mit bangladeschischen Wurzeln, die auf Englisch schreiben, relevante Größen auf dem Buchmarkt.


A Golden Age erschien im Frühjahr 2007. Im darauffolgenden Jahr erhielt Tahmima Anam den renommierten Commonwealth Writers’ Prize für ihren Debütroman. Mittlerweile ist der Roman in mehr als 20 Sprachen übertragen worden. Die deutsche Übersetzung ist 2010 unter dem Titel Zeit der Verheißungen bei Suhrkamp/Insel erschienen.


Die Autorin wurde 1975 in Dhaka, im unabhängigen Bangladesch geboren. Weil ihre Eltern bei UNICEF arbeiteten, wuchs sie in Paris, New York und Bangkok auf. Die Eltern kehrten später nach Dhaka zurück. Ihr Vater ist einer der bekanntesten Journalisten des Landes, früher Herausgeber der großen bengalischsprachigen Tageszeitung Prothom Alo, heute Herausgeber des Daily Star, der größten englischsprachigen Tageszeitung des Landes. Tahmima Anam studierte an amerikanischen Universitäten und promovierte in Harvard. Heute lebt die Autorin in London, wo sie unter anderem für den New Statesman schreibt.

Der Roman
Im Zentrum der Erzählung stehen die Witwe Rehana Haque und ihre fast erwachsenen Kinder Maya und Sohail, 17 und 19 Jahre alt. Nicht unähnlich einigen englischsprachigen Romanen von indischstämmigen Autorinnen, die sich mit der Unabhängigkeit und Teilung Indiens im Jahr 1947 beschäftigten, entfaltet auch Anam ihre historische Erzählung am Leben einer Frau. Der Roman zeichnet im Gegensatz zum klassischen historischen Roman ein Bild der Geschichte einer Nation aus der Perspektive einer marginalisierten Figur: Rehana verfügt als alleinstehende Frau ohne Eltern und Ehemann über kein hohes soziales Standing, ihr Leben verläuft in ruhigen Bahnen und nicht im Zentrum der historischen Ereignisse. So handelt der Roman auch nicht von den blutigen Schlachten, den riesigen Demonstrationen und dem Heldentum des Guerilla-Kriegs der Mukhti Bahini, der Freiheitskämpfer. Rehana hat – so scheint es zumindest zunächst – keinerlei Einfluss auf die politischen Entwicklungen. Ihr Leben beschränkt sich großteils auf Haus und Garten sowie die regelmäßigen Besuche am Grab ihres Mannes. Sie gehört nicht zu den gebildeten Frauen aus der Mittel- und Oberschicht, die sich politisch engagieren: Symbolisch für ihr Leben in politischer Abgeschiedenheit steht, dass sie im Gegensatz zu ihrer Nachbarin Sultana’s Dream von Begum Rokeya – das feministische Standardwerk in Bangladesch – nie gelesen hat.


Im Prolog erfahren wir, dass Rehana, die aus einer wohlhabenden Familie aus Kalkutta stammt, als junge Witwe ihre Kinder der Obhut ihres Schwagers Faiz und dessen Frau in Lahore überlassen musste. Die Haupterzählung setzt im März 1971 ein: ein Gartenfest in der Road No. 5 in Dhanmondi, eine gute Adresse in Dhaka. Alles scheint in bester Ordnung. Rehana feiert wie jedes Jahr in ihrem Haus die Rückkehr ihrer Kinder, die den Mittelpunkt ihres Lebens bilden. Doch während sie ihren Gästen das Festtagsgericht Biryani und süße Ladoos serviert, ist längst klar, dass das Land an einem Wendepunkt steht: Der Oppositionsführer Sheikh Mujibur Rahman hat die gesamtpakistanischen Wahlen gewonnen und die Regierung in Islamabad erkennt seinen Wahlsieg nicht an. Wie grausam der Freiheitskampf sein wird, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand.


Tochter Maya, die eine neue Frauengeneration verkörpert, engagiert sich im Studentenflügel der Kommunistischen Partei, während der ältere Sohail Parteien verabscheut, aber keine politische Debatte auf dem Campus der Universität von Dhaka auslässt. Beide waren im November 1970 in das Katastrophengebiet gefahren, das ein furchtbarer Wirbelsturm hinterlassen hatte: Der Bhola-Zyklon forderte im damaligen Ostpakistan bis zu einer halben Million Menschenleben. Die Opposition um Mujibur Rahman kritisierte die pakistanische Führung scharf für die schleppende Katastrophenhilfe. Die Menschen in Ostpakistan fühlten sich von ihrer Regierung in Westpakistan vernachlässigt. Wie auch für Maya und Sohail im Roman beschleunigte dieses Gefühl vieler Menschen das Auseinanderdriften von West- und Ostpakistan.


Als die Straßen Dhakas schließlich die grausame Gewalt der pakistanischen Armee und ihrer Kollaborateure erleben, die Mukhti Bahini ihren Kampf gegen die Armee aufnehmen und Millionen in Flüchtlingslager nach Indien strömen, wird die Familie um Rehana in den Strudel der Ereignisse gezogen. Rehana hat dabei vor allem ein Ziel: ihre Kinder zu beschützen. Und sie muss riskante Entscheidungen treffen: Auf wessen Seite steht sie? So wird der Unabhängigkeitskrieg auch für sie zu einer Zeit der Befreiung aus einem isolierten Leben und eine Zeit der Veränderung.


Drei Generationen
Es waren Tahmima Anams Eltern, die aktiv am Unabhängigkeitskrieg teilnahmen und sie zu dieser Geschichte inspirierten, sowie die Großmutter, die wohl Vorbild für die Figur der Rehana war. Für ihren Roman recherchierte sie zwei Jahre lang in Bangladesch und sprach mit Hunderten von Freiheitskämpfern. Sie wolle ihren Lesern etwas über Bangladesch beibringen, sie wolle, dass die Menschen mehr über ihr Heimatland erfahren als nur von Naturkatastrophen und Generalstreiks, sagte Anam in einem Interview. A Golden Age – Zeit der Verheißungen ist sicherlich nicht der definitive Roman zu 1971, aber es ist der Roman zum Unabhängigkeitskrieg von Bangladesch, der die kaum bekannten Ereignisse einer größeren Leserschaft außerhalb Bangladeschs zugänglich gemacht hat.

Zur Autorin

Patrizia Heidegger arbeitet als politische Beraterin und ist Mitglied dieser Redaktion.

Südasien 4/2010-1/2011