Theodor Rathgeber
Editorial Südasien 1/2020

Liebe Leserinnen und Leser,

 

als die Redaktion die Schwerpunktthemen für das Jahr 2020 festlegte, war kein Coronavirus nirgends erkennbar. Jetzt könnten wir ein ganzes Heft mit dem Thema Risikobewältigung einer Naturkatastrophe füllen. Die Folgen des Virus haben natürlich Einzug in die Länderartikel gehalten. Dort zeigt sich in frappierender Weise, wie in manchen Ländern – so Sri Lanka – angesichts fundamentaler Herausforderungen das kleine Karo nicht etwa verschwindet, sondern die feindselige Abgrenzung gegen die politische Konkurrenz oder dissidente Geisteshaltungen weiterhin vorherrscht. Es ist solchen Ländern zu wünschen, dass die Bevölkerung sich als klüger erweist. 

 

Das Coronavirus und das Schwerpunktthema Umwelt halten auch ungewohnte Nebeneffekte bereit. Allein die Berichte, dass über Städten wie Delhi, Karatschi, Dhaka, Mumbai oder Kolkata blauer Himmel gesichtet wurde, wären unter normalen Bedingungen spektakulär und der Darstellung wert. Aus der Restriktion und Verzweiflung geboren, ist der lokalen Bevölkerung – und dem Planeten – zu wünschen, dass sich die Sehnsucht nach einer natürlicher vorkommenden, gesünderen, menschgemäßeren Umwelt auch nach dem Zwangsstillstand Bahn brechen kann. 

 

Wenngleich die Dissonanz zwischen erstrebter Umwelt und der – strukturellen – Hemmnisse in Form von Wirtschaft, Konsum und Wohlfahrt nicht allein durch Wollen zu überbrücken ist. Der Beitrag zum Thema Umwelt und Vereinte Nationen belegt wiederum, dass dieses Streben nicht utopisch sein muss. Der Text zur Luftverschmutzung in Delhi macht deutlich, wie dringlich es ist. Der Literaturteil und die Rezensionen verleihen der Auseinandersetzung um die Umwelt ihre eigene Sprache.

 

Der Schwerpunkt Umwelt in Südasien streift überwiegend konzeptionelle Bearbeitungen. Dass selbst das Engagement zugunsten einer besseren Umwelt Gender-diskriminierende Aspekte enthält, mag in feministischen Diskussionsforen bekannt sein. Der Artikel zur IUCN-Studie kehrt allerdings hervor, dass der Mainstream im Umweltbewusstsein und in der Programmplanung immer noch patriarchal strukturiert ist. Der Artikel schlussfolgert überdeutlich: Das schmälert nicht nur die Ergebnisse des individuellen Engagements. Es ist in Bezug auf das Ziel einer besseren Umwelt trotz aller Teilerfolge kontraproduktiv und für den Planeten nicht nachhaltig. 

 

Der Artikel zur kleinbäuerlichen Landbewirtschaftung geht ins Detail der Anpassungsstrategien gegen eine sich bedrohlich ändernde Umwelt, beschleunigt durch den Klimawandel. Die Menschen vor Ort besinnen sich auf tradierte Lösungsansätze, und der Text ergänzt Informationen, wie dieser Ansatz in größeren Einheiten fruchtbar gemacht werden kann. In einem solchen basisbezogenen Konzept verliert der Fachbegriff der „Resilienz“ auch einiges von seinem Geruch, der Notwendigkeit der Ursachenbekämpfung in Sachen Umweltdegradierung und Klimawandel aus dem Weg gehen zu wollen. 

 

Diese Ursachenbekämpfung ist ohne Zweifel im Bereich der Handelsstrukturen zu führen. An sich schon ein dickes Brett. Die Ausführungen zu den Möglichkeiten, diesen Streit im Zusammenhang mit den Festlegungen des Pariser Klimaabkommens zu führen, verdeutlichen zum einen den durchaus praktischen Wert solcher Übereinkommen. Sie erlauben, Regierungen mit aller Legitimation auf Veränderungen zu drängen, die sie selber beschlossen haben. Gleichzeitig wird deutlich, wie viel Beharrungsvermögen auch bei rhetorisch Gutwilligen zum Vorschein kommt. Der Text lässt anklingen, dass ohne zivilgesellschaftliches Schwungrad nicht viel zustande kommt. 

 

Umfangreich geworden ist die Darstellung der aktuellen Situation in Indien, gekennzeichnet von einer veritablen Krise des gesellschaftlichen Zusammenhangs. Die Analysen stimmen nicht hoffnungsvoll, dass eine baldige Änderung zum Besseren zu erwarten ist. In die dunklen Ecken eines Henry Kissingers führen die Absprachen zwischen den Taliban und den USA. Hingegen lüftet der Beitrag zur Zivilgesellschaft in Pakistan ein wenig den bleiernen Vorhang, der sonst bei Beiträgen zu diesem Land auf der Wahrnehmung lastet.

 

Wir haben auch Erfreuliches: Die Zeitschrift SÜDASIEN beginnt ihren 40. Jahrgang. Im Schwäbischen ist dies eine Jahreszahl, ab der bei den Menschen die Klugheit beginnt. Diese war meiner Beobachtung nach auch in den Jahren zuvor in der Zeitschrift nicht abwesend, aber lassen Sie sich überraschen, was jetzt erst kommt.

 

Eine erhellende und auch vergnügliche Lektüre wünscht Ihnen

 

Theodor Rathgeber

Südasien 1/2020