Ruby Hembrom
Trauer um Abhay Flavian Xaxa
Sein Leben und sein Vermächtnis

Dr. Abhay Flavian Xaxa verstarb am 14. März 2020 an einem Herzstillstand im Alter von 40 Jahren – mitten in der Arbeit am Aufbau eines Adivasi-Bildungszentrums. Er war ein Adivasi-Aktivist, dessen Lebenswerk jetzt schon als exemplarisch gelten kann. Ein Nachruf.

Abhay Flavian Xaxa war ein begnadeter Redner, Schriftsteller und Dichter, im besten Sinne ein Intellektueller, Führer und Hoffnungsträger der Adivasi. 

 

„Bildung ist das wichtigste Werkzeug für uns alle. Wir sind aber nur deswegen bis hierher gekommen, weil wir einfach Glück hatten. Es gibt viele Brüder und Schwestern, die intelligenter und fleißiger sind als wir, und die es allein aufgrund ihrer widrigen Umstände nicht geschafft haben. Sehen wir uns als einen privilegierten Teil der [Adivasi-] Gemeinschaft. Verstehen wir unsere Fähigkeiten und unsere Stellung als Darlehen, das wir zurückzahlen müssen. Es ist nicht so, dass wir besonders fähig wären. Andere rackern sich schwer für uns ab, und denen müssen wir was zurückgeben. Vergessen wir nicht, dass auf dieser Welt nichts umsonst ist.“ 

 

Diese Worte wählte Abhay Xaxa im Jahr 2010 anlässlich eines Interviews. Er wusste, wovon er sprach. Seine Ausbildung in Schule und Hochschule war von Brüchen gezeichnet. Im Jahr 2008 erwarb er gleichwohl einen Master in Anthropologie mit dem Schwerpunkt Entwicklung und soziale Transformation an der Universität Sussex in Großbritannien. Er war der erste Adivasi-Angehörige, der ein Stipendium der Ford-Foundation zugesprochen bekam. Im Jahr 2019 wurde er an der Jawaharlal-Nehru-Universität zum Doktor in Soziologie promoviert.

 

Abhay Xaxa brachte sich im Eigenstudium und aus eigener Anschauung viel bei, um als Adivasi-Aktivist wirkungsvoll arbeiten zu können. Schon in jungen Jahren erhielt er Anschauungsunterricht. Sein Vater wurde aus seinem Richteramt aufgrund institutioneller Diskriminierung entfernt. Er war im Bundesstaat Madhya Pradesh der erste Richter aus dem Kreis der Adivasi gewesen. Die Familie musste nicht zuletzt aus finanziellen Gründen nach Jashpur im heutigen Bundesstaat Chhattisgarh zurückkehren. Die Familie fiel in Armut, und Xaxas aktives Leben begann genau dort.

 

Er organisierte Jugendliche vor Ort, engagierte sich im Rahmen seines Studiums, arbeitete mit NGOs, wirkte in Medien und Forschungseinrichtungen. Er befasste sich mit Budgetfragen staatlicher Einrichtungen in Bezug auf Dalits und Adivasi, mit Schuldknechtschaft, Migration, lokaler Selbstverwaltung, Vertreibung im Namen der Entwicklung, Kasten- und Rassendiskriminierung von Dalits und Adivasi an der Hochschule sowie mit den Waldrechten für Adivasi. Seine Versuche, eine Lehrtätigkeit im akademischen Bereich zu finden, blieben jedoch erfolglos, da er ein „Aktivist“ war – eine Abwertung und Bedrohung in einem.

 

Sein Herz hörte auf zu schlagen, obwohl er noch so unendlich viel bewegen wollte. Eine unbeschreibliche Leere ist entstanden, in seiner Familie, in seinen Arbeitsbezügen, in der Adivasi-Bewegung. Wir werden versuchen, manches zu füllen, und lassen uns davon leiten, dass unser Dasein und unsere Fähigkeiten eine Leihgabe an unsere Gemeinschaft darstellen. Handeln wir danach.

Aus dem Englischen übersetzt
von Theodor Rathgeber

 

Abhay Xaxa
I am not your data 

Januar 2016

I am not your data, nor am I your vote bank,
I am not your project, or any exotic museum object,
I am not the soul waiting to be harvested,
Nor am I the lab where your theories are tested,
I am not your cannon fodder, or the invisible worker,
or your entertainment at India habitat center,
I am not your field, your crowd, your history,
your help, your guilt, medallions of your victory,
I refuse, reject, resist your labels,
your judgments, documents, definitions,
your models, leaders and patrons,
because they deny me my existence, my vision, my space,
your words, maps, figures, indicators,
they all create illusions and put you on pedestal,
from where you look down upon me,
So I draw my own picture, and invent my own grammar,
I make my own tools to fight my own battle,
For me, my people, my world, and my Adivasi self!

 

 

Ich bin nicht euer Datenlieferant

Ich bin weder euer Datenlieferant noch euer loyaler Wählerblock,
Ich bin weder euer Projekt noch ein exotisches Museumsobjekt,
Ich bin nicht die Seele, die abzugreifen ist,
Und ich bin auch nicht das Labor, in dem ihr eure Theorien testen könnt,
Ich bin nicht euer Kanonenfutter oder unsichtbar bleibender Arbeiter,
Nicht euer Unterhaltungsprogramm in Indiens Habitat Centre.
Ich bin nicht euer Acker, euer Publikum, eure Geschichte,
Eure helfende Hand, eure Verantwortung, eure Trophäen, 
Ich verweigere eure Etikettierungen, weise sie zurück, widersetze mich,
Euren Urteilen, euren Zeugnissen, euren Zuschreibungen,
Euren Idealen, Führern und Gönnern,
Sie leugnen meine Existenz, meine Visionen, meinen Lebensraum,
Eure Wörter, Landkarten, Zahlen, Kennziffern,
Schaffen allesamt Illusionen und heben euch auf ein Podest,
Von dem ihr auf mich herabseht.
Also zeichne ich mein eigenes Bild und erfinde meine eigene Grammatik,
Ich stelle meine eigenen Werkzeuge her, um meinen eigenen Kampf zu führen,
Für mich, meine Leute, meine Welt und mein Adivasi-Ich!

 

Aus dem Englischen übersetzt von
Ingrid von Heiseler und Theodor Rathgeber

 

 

Zur Autorin

Ruby Hembrom ist Gründerin und Direktorin des adivaani-Verlages mit Sitz in Kolkata, der sich die Förderung der Adivasi-Literatur und –Sprache zum Ziel gesetzt hat. 

Südasien 1/2020