Heinz Werner Wessler
Editorial Südasien 4/2010-1/2011

Was macht eine Regierung, wenn das Volk sie nicht mehr haben will? Einem alten Ostblockstaatenwitz sucht sie sich dann ein anderes Volk. In Tunesien und Ägypten ist das Volk dieser Tage auf die Straße gegangen und hat ihre Regime gewaltfrei zur Abdankung gezwungen.Die Machthaber in Westpakistan wollten sich dagegen 1970/71 nicht auf das unruhige ostpakistanische (d.h. bengalische) Volk einlassen, als die bengalisch dominierte Awami League unter ihrem Führer Mujibur Rahman bei freien Wahlen zur stärksten Partei wurde. Präsident Yahya Khan übergab den Auftrag zur Regierungsbildung stattdessen dem Sieger im westpakistanischen Teil, Zulfiqar Ali Bhutto und seiner Pakistan Peoples Party. Damit war der Damm gebrochen:Es kam der Volksaufstand, Militärherrschaft, extreme Brutalität der pakistanischen Armee und der rasch aufgebauten pro-pakistanischen Milizen in Ostpakistan, bis zu drei Millionen Tote, 20-30 Millionen Flüchtlinge.Dabei zieht sich eine durchgehende Linie von der Unterdrückung der bengalischen Schrift und Sprache bis hin zur systematischen Ermordung bengalischer Intellektueller in einer finalen Blutorgie kurz vor dem Untergang pakistanischer Herrschaft im Dezember 1971. Der schon vor der Unabhängigkeit gefeierte Tag des Studentenaufstands vom 21.2.1952 gegen die Unterdrückung des Bengali durch das von Pakistan aufoktroyierte Urdu als Amtssprache wird heute auch international jährlich als UNESCO-Tag der Muttersprache begangen.


Bangladesch feiert am 26.3. den 40. Jahrestag der Unabhängigkeit – den Tag des legendären Militäraufstandes unter Führung von Ziaur Rahman in Chittagong. Vollzogen wurde die Staatsgründung formell erst am Ende dieses schmerzhaften Jahres am 16. Dezember mit der Kapitulation der pakistanischen Armee. Die Erinnerung an die Schrecken des Unabhängigkeitskrieges sind noch sehr lebendig, auch wenn inzwischen mit nahezu 170 Millionen mehr als doppelt so viele Menschen hier leben als 1971. Nur die wenigsten waren Zeugen der Schrecken. Doch immer noch entstehen neue Denkmäler, wie etwa das in den späten 1990er Jahren gebaute zentrale Denkmal für die ermordeten Intellektuellen (S.27). Mehr noch als dieses künstlerisch anspruchsvolle Mahnmal erlauben vielleicht die spontaneren Denkmäler der früheren Jahre, wie auf der Titelseite, einen Eindruck der Befindlichkeit einer zugleich jungen, verarmten, stolzen und trotz allem Elend (Platz 129 auf dem Index für menschliche Entwicklung) in die Zukunft blickenden Nation.Diese Denkmäler und die damit verbundene Erinnerungskultur sind ein wichtiger Teil bangladeschischer Identität.


40 Jahre Bangladesch sind uns Anlass, dieses Heft der Rückschau auf die Gründung des jungen Staates zu widmen – ein Staat, der sich trotz Armut, Korruption, dramatischer Überbevölkerung und Sorgen vor der Erhöhung des Meeresspiegels wie Indien gerne als stabile und aufstrebende Wirtschaftsmacht in Südasien präsentiert. Die Beiträge im Bangladesch-Teil dieses Heftes entstanden in Zusammenarbeit mit NETZ Bangladesch und erscheinen auch in der etwa zeitgleich entstehenden Ausgabe der Zeitschrift „NETZ“. Gedankt sei Patrizia Heidegger und insbesondere Niko Richter für diese erfolgreiche Kooperation.


Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auf den 150. Jahrestag der Geburt des berühmten bengalischen Intellektuellen und Autor Rabindranath Tagore (1861-1941) am 8. Mai, den sowohl die indische wie auch die bengalische Regierung zum willkommenen Anlass für staatstragendes Gedenken nehmen – die Texte der Nationalhymnen beider Länder stammen vom Verfasser der Gedichtsammlung Geetanjali, für die er 1913 als erster nicht-abendländischer Autor den Nobelpreis für Literatur erhielt. – Wir freuen uns über den Beginn einer Kooperation mit der Deutsch-indischen Gesellschaft (DIG). Angefangen mit dieser Ausgabe sollen jeweils ca. zwei Seiten von der DIG beigesteuert werden, die damit an die über viele Jahre lang betriebene Publikationstätigkeit mit der Zeitschrift IndoAsia anschließen will, wie der DIG-Vorsitzende Hans-Joachim Kiderlen in seinem Grußwort erläutert.


Anfang Januar haben wir uns im erweiterten Vorstand des Südasienbüros mit der Leserbefragung (S.79-80) und mit Zukunftsperspektiven der Zeitschrift beschäftigt. Dabei haben wir uns entschieden, einstweilen bei dem gewohnten Printformat zu bleiben. Ein solides Magazin, so glauben wir immer noch, verschafft mehr Durchblick als der unstrukturierte Informationswust übers Internet – das scheinen auch unsere Leser so zu sehen. Doch wollen wir im Laufe des Jahres ernsthaft an den Aufbau eines online-Archivs gehen. Wichtig ist uns weiterhin die Kooperation mit suedasien.info, zu dem wir keine Konkurrenz aufbauen wollen. – Noch ein Hinweis in eigener Sache. Berufliche Pflichten, die mich neuerdings von Bonn nach Uppsala geführt haben, machen es mir zunehmend schwer, mich der Redaktionsarbeit nebenbei und mit der nötigen Intensität zu widmen. Nach beinahe sechs Jahren übergebe ich diese Aufgabe, die mir nicht nur Arbeit, sondern auch sehr viel Freude gemacht hat, an Claudia Koenig, die schon bei dieser Ausgabe intensiv mitgewirkt hat.Ich freue mich, dass sich eine so gute Nachfolgeregelung ergeben hat und wünsche schon mal gutes Gelingen!

Südasien 4/2010-1/2011