Laura Sabater
Umwelt, Gender, Ungleichheit
Von der Zerstörung der natürlichen und sozialen Umwelt

Umweltzerstörungen wirken sich in einer Weise auf unser Leben aus, dass sie eigentlich niemand mehr ignorieren kann: von der Ernährung über Arbeitsplätze bis hin zur Fragen der Sicherheit. Der Schaden, den die Menschen der Natur zufügen, umfasst auch die Gewalt gegen Frauen. Der Text und die zugrundeliegende Studie der IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) beschreiben nicht nur die Dringlichkeit des Handelns, der Umweltzerstörung Einhalt zu gebieten. Der Kontext zu Fragen der geschlechtsspezifischen Gewalt rührt an die unmittelbare, kritische Selbstreflexion jedes und jeder Einzelnen.

Die Studie Gender-based violence and environment linkages (siehe Texthinweis am Ende) hat Daten und Fallstudien aus über 1000 Quellen dokumentiert, um die umfangreichen Verbindungen zwischen Umweltzerstörungen, Gewalt aus der Gender-Ungleichheit und geschlechtsspezifischer Gewalt kenntlich zu machen. Die Gewalt wird systemisch zur Stärkung bestehender Privilegien und Machtungleichgewichte eingesetzt, wenn über Rollen und Zugang zu knappen Ressourcen wird. 

 

Aufgrund des Klimawandels werden begrenzte natürliche Ressourcen noch knapper. Für Frauen und Mädchen erhöht sich das Risiko, beim Zugang zu und der Verteilung von Ressourcen systemisch diskriminiert zu werden und geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt zu sein. Dies offenbart sich etwa im Bereich der Umweltkriminalität wie Wilderei oder illegaler Ressourcengewinnung. Dort werden Menschenhandel und Zwangsarbeit, um solche illegalen Aktivitäten zu ermöglichen. In der Region Südasien kommt es etwa zu sexuellem Missbrauch und Kinderarbeit in der informellen Herstellung von Textilien oder der illegalen Fischerei.

 

Wovon sprechen wir?

 

Die Studie stellt fest, dass in allen Umweltkontexten Muster geschlechtsspezifischen Missbrauchs zu beobachtet sind.1 Die Verbindungen zwischen Gender-Gewalt und Umweltfragen sind ohne Zweifel komplex und vielschichtig,2 sie sind jedoch in allen Kontexten allgegenwärtig. Dies betrifft Gesetze und Gewohnheitsrecht, gesellschaftliche Geschlechternormen und traditionelle Geschlechterrollen. Sie alle bestimmen, wer Zugang zu natürlichen Ressourcen hat und diese kontrollieren kann. Umgekehrt verstärken Konflikte um die Umwelt und Ressourcen die Gender-Ungleichheit und Machtungleichgewichte in Gemeinschaften und Haushalten, die mit Ressourcenknappheit zurechtkommen müssen. Diskriminierende Geschlechternormen und Stereotypen prägen nicht zuletzt die Beziehungen zwischen Frauen und Männern, wenn sie sich gemeinsam für den Schutz und die Erhaltung der Umwelt einsetzen. In Asien ist Umweltschutz und Umweltverteidigung nach wie vor eine Männerdomäne.3

 

Gender-Ungleichheit im Umweltkontext gefährdet jedoch nicht nur die Sicherheit und das Wohlergehen von Einzelpersonen, sondern insbesondere die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung. Verwurzelt in historisch gewachsenen, diskriminierenden Geschlechternormen, sind in allen Gesellschaften Phänomene der Kontrolle, Unterwerfung und Ausbeutung von Frauen und letztlich Gemeinschaften zu beobachten. Dies wird oftmals befördert durch Straflosigkeit und insgesamt einer mangelnden Durchsetzung der Rechtsstaatlichkeit. Was dabei zusätzlich erschüttert: Die Gewaltausübung zeigt sich eben auch im Bereich der Umweltmaßnahmen zur Verteidigung und Erhaltung von Ökosystemen. Laut Bericht der Weltbank aus dem Jahr 20194 erlebt hier schätzungsweise jede dritte Frau und jedes dritte Mädchen im Laufe ihres Lebens geschlechtsspezifische Gewalt. 

 

Methodische Anmerkungen

 

Das Wissen um Ungleichheit und daraus entstehender Gewalt ist im Allgemeinen gut erforscht. Der Bezug zu Fragen der Umwelt ist schon weniger offenkundig. Die Antworten auf unsere Umfragen verwiesen auf bemerkenswerte Lücken im Wissen um Gender-Ungleichheit bei Umweltfragen. Es zeigen sich ebenso Mängel bei den methodischen Werkzeugen zur Erfassung dieses Themas. Insgesamt bearbeitete die Studie 85 Fallstudien. Die meisten behandeln die Region Lateinamerika, gefolgt von Asien und dem Pazifik und Afrika südlich der Sahara. 71 Prozent der Befragten gaben an, dass aufgrund der Sensibilität beim Thema sexualisierte Gewalt spezifische Fragestellungen entwickelt werden mussten. Für manche Zusammenhänge mussten überhaupt erst Wahrnehmung, Bewusstsein und Verständnis auf Seiten der Umfragebeteiligten geschult werden.

 

Die IUCN-Studie hat eigene Feldstudien betrieben und dabei mit anderen Organisationen zusammengearbeitet. Aufgrund der Möglichkeit, viele und verlässliche Daten vor Ort zu erheben, erwies sich die Zusammenarbeit mit der US-Agentur für internationale Entwicklung (US Agency for International Development, USAID) und der Fördergesellschaft Advancing Gender in the Environment (AGENT) als besonders ertragreich. AGENT will das Bewusstsein für die Zusammenhänge zwischen geschlechtsspezifischer Gewalt und Umwelt schärfen. Alle Akteure in den Bereichen Umwelt und nachhaltige Entwicklung sollen in die Pflicht genommen werden, um einen rechtebasierten, geschlechtsspezifischen Ansatz in der Umweltpolitik, bei Umweltprogrammen und -projekten berücksichtigen. 

 

Die Studie wertet über 1000 Quellen und Erfahrungen aus der Praxis aus. Dies reicht von internationalen Akteuren, nationalen Regierungen, Zivilgesellschaft, Umweltpraktiker(inne)n und –politiker(inne)n, Aktivist(inn)en und Akademiker(inne)n in verschiedenen Umweltkontexten. Die Untersuchung wurde durch eine Umfrage und einen Aufruf zu Fallstudien ergänzt. Dabei konnten über 300 Antworten und 85 Fallbeispiele gesammelt werden. Wir überprüften unsere Daten und Schlussfolgerungen beständig durch Interviews mit wichtigen Informant(inne)en, Validierungs-Workshops und umfangreiche Rückmeldungen durch Fachexpert(inn)en (Peer-Review). 

 

Exemplarische Beispiele

 

Als häufigste Zerstörungen der Umwelt und gleichzeitig Risiken für Verteidiger/-innen der Umwelt wurden genannt: Zugang zu natürlichen Ressourcen, Klimawandel, Rechte und Territorien indigener Völker, Wald und biologische Vielfalt. Statistisch gesehen berichteten 59 Prozent der Befragten von geschlechtsspezifischer Gewalt in einer Vielzahl von Umweltbereichen. Dies umfasste sexualisierte psychische Gewalt, Menschenhandel, Vergewaltigung, Kinderheirat in Verbindung mit Umweltkrisen und anderes mehr. Immer wieder genannt wurden Konflikte um Landbesitz und Eigentumsrechte, Schutzgebiete, Energie und Infrastruktur, Rohstoffindustrien, Wasserzugang, Maßnahmen zur Risikominderung bei Katastrophen, Forstwirtschaft, Kämpfe um die biologische Vielfalt aber auch Konflikte am Arbeitsplatz bei Fragen der Umsetzung von Projekten für Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung. Am Arbeitsplatz herrscht nach wie vor häufig eine Kultur des Wegsehens und der Verharmlosung. Wir haben es insgesamt mit gravierenden Hindernissen für den Schutz der Umwelt und dem Einsatz für eine nachhaltige Entwicklung zu tun. 

 

Indigene Gemeinschaften stehen an vorderster Front. Sie verteidigen ihre Territorien, Ressourcen und Rechte gegen extraktive Projekte, illegalen Holzeinschlag, infrastrukturelle Erschließungen und entsprechend mächtige Unternehmensinteressen. Folglich sind indigene Frauen mit Formen geschlechtsspezifischer Gewalt nicht nur als Personen konfrontiert.5 Sie kämpfen mit ihrer Gemeinschaft um den Zugang zu und Kontrolle über natürliche Ressourcen, um Land, Wälder, landwirtschaftliche Flächen, Wasser oder Fischgründe. Sie unterliegen dabei geschlechtsspezifischen Rollen auch in den Gemeinschaften und deren Formen der Entscheidungsfindung. 

 

Frauendiskriminierung und Gewalt werden häufig geradezu systematisch als Mittel zur Aufrechterhaltung eines Machtungleichgewichts eingesetzt. Frauen auf Agrarmärkten erleben intime Gewalt durch ihre Partner, wenn diese die Kontrolle über die Haushaltsfinanzen beizubehalten und wirtschaftliche Abhängigkeiten aufrechtzuerhalten versuchen. Auch die Beschaffung von Brennholz und Wasser versetzt Frauen in eine verwundbare Position und bestärkt geschlechtsdifferenzierte Rollen mit sozialen Hierarchien.6 Im Bereich Landbesitz lassen Behörden anklingen, Landrechte gegen sexuelle Gefälligkeiten gewähren zu wollen. In der Rohstoffindustrie belästigen männliche Vorgesetzte Frauen sexuell, missbrauchen oder bestrafen diejenigen, die sich nicht unterwerfen, mit gefährlicher Arbeit oder schlechten Arbeitszeiten.7 Militär- und Sicherheitskräfte oder andere bewaffnete Akteur einschließlich Aufständische, die an groß angelegten Infrastrukturentwicklungen und Bergarbeiten eigene Interessen haben, oder auch Forstbeamte setzen Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen als Mittel ein, um Druck auf die lokalen Gemeinden auszuüben und sie auszubeuten. Nicht anders sind die Ergebnisse selbst beim Risikomanagement, soweit es Gender-blind betrieben wird, und das sind die meisten.8

 

Es gibt aber auch Ansatzpunkte in den Fallbeispielen, in denen Umweltengagement und Frauenpartizipation in einer emanzipatorischen Herangehensweise miteinander verknüpft werden. Eine Studie über Fachfrauen im sogenannten WASH-Sektor in Südasien (Wasser- und Sanitärversorgung sowie Hygiene) bestätigte, dass Frauen nicht nur ein anderes Set an Wissen, Werten und Einstellungen bieten, sondern auch besser mit anderen Frauen und Männern kommunizieren. Bei Wasserprojekten in Sri Lanka war die Beteiligung von Frauen aus den lokalen Gemeinschaften von zentraler Bedeutung für die Vermittlung des Wissens um Hygienemaßnahmen.9

 

Diese Umstände sind immer noch eine Herausforderung für die internationale entwicklungspolitische Zusammenarbeit. Dies betrifft nicht zuletzt die Prioritätensetzung der Geber, die Hilfs- und Finanzierungsmechanismen, auch Strategien und Pläne für eine nachhaltige Entwicklung. Unreflektiert bleiben solche Konzepte ein Risiko für Gender-Beziehungen wie für die Umwelt. 

 

Fazit

 

Die Umweltzerstörung und Knappheit der natürlichen Ressourcen stellen eine erhebliche Bedrohung für Ökosysteme dar. Dies führt, ohne Gegenmaßnahmen, zu einem Verlust an biologischer Vielfalt, Nahrungsmittelsicherheit, zu Armut, Vertreibung, Verlust von traditionellem und kulturellem Wissen. Gefangen in stereotypischen Verhältnissen bedeutet der Kampf gegen die Zerstörung der Umwelt ebenso ein Risiko für partizipativ-emanzipatorische Gender-Beziehungen. Die anhaltenden Spannungen und der Konflikt um knappe Ressourcen werden in Gemeinschaften und Haushalte hineingetragen und verstärken normative, diskriminierende und ausbeuterische Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern.

 

Geschlechtsspezifische Gewalt wird als Mittel zur Kontrolle von Umwelt- und Akteuren eingesetzt. Die Gewalt gegen Umweltaktivistinnen nimmt insgesamt zu. Sie erleben in zunehmendem Maße geschlechtsspezifische Gewalt, die darauf abzielt, ihr Engagement und ihre potenzielle Durchsetzungsfähigkeit zu unterdrücken, ihre Glaubwürdigkeit und ihren Status innerhalb der Gemeinschaft zu untergraben und andere Frauen davon abzuhalten, sich zu engagieren, selbst tätig zu werden. 

 

Diese Bedrohungen sind jedoch nicht unüberwindbar. Die Studie der IUCN will informieren und anstoßen: das Bewusstsein zu schärfen, Akteure stärken in den Bereichen Umwelt und nachhaltige Entwicklung sowie in der Politik- und Programmgestaltung zum Umweltschutz, damit sie rechtebasierte, geschlechtergerechte Ansätze in der Umweltpolitik einsetzen. Unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass die Förderung der Gleichstellung der Geschlechter und der Schutz der Umwelt durchaus positiv miteinander verbunden werden können. Erst damit sichern wir tatsächlich eine nachhaltige und gerechte Zukunft.

Aus dem Englischen übersetzt und
bearbeitet von Theodor Rathgeber

Zur Autorin

Laura Sabater hält einen Master an der Universität Aalborg (Dänemark) in Entwicklung und internationalen Beziehungen sowie einen Bachelor in Journalismus an der Universität von Zaragoza (Spanien). Zur Zeit ist sie Beraterin für Gender-Forschungen und unterstützt Projekte der Plattform Environment and Gender Information.

 

Texthinweis

Der Artikel beruht auf der Studie von Itzá Castañeda Camey, Laura Sabater, Cate Owren, A. Emmett Boyer, Jamie Wen (Hg.): Gender-based violence and environment linkages. The violence of inequality, veröffentlicht von der International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN) in Gland, Schweiz, 2020. Der Text ist abrufbar via https://doi.org/10.2305/IUCN.CH.2020.03.en.

 

Endnoten

1 Siehe auch Asia Pacific Forum on Women, Law and Development (APWLD): Climate Change and Natural Disasters Affecting Women Peace and Security, 2015, via http://apwld.org/wp-content/uploads/2015/03/Climate-change-Natural-disasters-Conflict.pdf.

2 S. Luithui, H. Tugendhat: Violence Against Indigenous Women and Girls: A Complex Phenomenon. Asia Indigenous Peoples Pact Foundation (AIPP) and Forest Peoples Programme (FPP), 2013, via http://www.forestpeoples.org/sites/default/files/publication/2013/07/vaiw-briefingfinalenglish.pdf.

3 T.H. Nafi, R. Lestarini, Tirtawening Inayati, S. Wulandhary, I.N. Aini, D. Utari: Legal protection for women environmental activists in urban areas, E3S Web of Conferences Vol. 52(00048), 2018, via://doi.org/10.1051/e3sconf/20185200048.

4 World Bank: Gender-Based Violence (Violence Against Women and Girls), 2019, via https://www.worldbank.org/en/topic/socialdevelopment/brief/violence-against-women-and-girls.

5 F. Wijdekop: Environmental defenders and their recognition under international and regional law- An introduction. IUCN National Committee of The Netherlands (IUCN NL), 2017, via https://www.iucn.nl/files/publicaties/environmental_defenders_and_their_recognition_under_international_and_regional_law.pdf.

6 M. Sommer, S. Ferron, S. Cavill. S. House: Violence, gender and WASH: spurring action on a complex, under-documented and sensitive topic, in: Environment & Urbanization 27(1), International Institute for Environment and Development (IIED), 2015, via https://doi.org/10.1177/0956247814564528; siehe auch M. Wan, C.J.P. Colfer, B. Powell: Forests, women and health: opportunities and challenges for conservation, in: International Forestry Review, 13(3), 2011, via https://doi.org/10.1505/146554811798293854.

7 UN Women: A Global Women’s Safety Framework in Rural Spaces: Informed by experience in the tea sector, 2018, via http://www.unwomen.org/en/digital-library/publications/2018/12/global-womens-safety-framework-in-rural-spaces-informed-by-experience-in-the-tea-sector.

8 V. Tauli-Corpuz, J. Alcorn, A. Molnar: Cornered by Protected Areas, 2018, via https://rightsandresources.org/wp-content/uploads/2018/06/Cornered-by-PAs-Brief_RRI_June-2018.pdf; Nellemann, C. Verma, R. and Hislop, L. (eds.) (2011). Women at the frontline of climate change: Gender risks and hopes. A Rapid Response Assessment. United Nations Environment Programme and GRID-Arendal. Available at: https://gridarendal-website-live.s3.amazonaws.com/production/documents/:s_document/165/original/rra_gender_screen.pdf?1484143050.

9 South Asia Consortium for Interdisciplinary Water Resources Studies (SaciWATERs): Situational Analysis of Women Water Professionals in South Asia, Hyderabad, India, 2011, via https://www.soppecom.org/pdf/SituationalAnalysisofWomenFULL7.pdf.

Südasien 1/2020