Südasienbüro e.V.
Friedenspreis für Amartya Sen
Globale Gerechtigkeit ist preiswürdig

Der Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph Amartya Sen ist der Friedenspreisträger 2020 des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Dies gab die Organisation am 17. Juni bekannt. Amartya Sen sei ein Vordenker, der sich seit Jahrzehnten mit Fragen der globalen Gerechtigkeit auseinandersetze, teilte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Frankfurt mit. Seine Arbeiten trügen zur Bekämpfung sozialer Ungleichheit bei und seien heute so relevant wie nie zuvor. Dem pflichtet das SÜDASIENBÜRO e.V. nachdrücklich bei. Wir freuen uns und beglückwünschen Amarty Sen zu dieser Auszeichnung. 

Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins und Vorsitzende des Stiftungsrats begründete die Wahl damit, dass Amartya Sens inspirierendes Werk als Aufruf verstanden wird, eine Kultur politischer Entscheidungen zu fördern, die von der Verantwortung für andere getragen ist und niemandem das Recht auf Mitsprache und Selbstbestimmung verwehrt.

 

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist mit 25.000 Euro dotiert und wird in Zeiten, die nicht von COVID-19 bestimmt sind, jeweils im Oktober in der Paulskirche im Rahmen der Frankfurter Buchmesse verliehen. Falls möglich, wird der Preis am 18.10.2020 in Anwesenheit des Bundespräsidenten und zahlreicher Honoratioren verliehen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels verleiht diese Auszeichnung seit 1950 gemeinsam mit Buchhandlungen und der Berufsorganisation der Verlage. 

 

Mit dem angesehenen Friedenspreis werden Persönlichkeiten aus Kunst, Literatur und Wissenschaft geehrt, „die in hervorragendem Maße vornehmlich durch ihre Tätigkeit auf den Gebieten der Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen hat“. Im vergangenen Jahr, 2019, erhielt mit Sebastião Ribeiro Salgado aus Brasilien erstmals ein Fotograf den Preis. Salgado ist außerdem als Umweltaktivist und Humanist weltweit bekannt. Unter den Preisträger(inne)n früherer Jahre befinden sich Albert Schweitzer (1951), Martin Buber (1953), Nelly Sachs (1965), Ernst Bloch (1967), Astrid Lindgren (1978), Hans Jonas (1987), Annemarie Schimmel (1995), Jürgen Habermas (2001), Susan Sontag (2003), Liao Yiwu (2012) oder Carolin Emcke (2016). Laut Statut des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels dienen Stiftung und Preisverleihung dem Frieden, der Menschlichkeit und der Verständigung der Völker.

 

Amartya Sen

 

Aus seiner unmittelbaren Erfahrung in Indien schöpfend und in der geistigen Tradition Mahatma Gandhis schlussfolgerte Amartya Sen, gesellschaftlicher Wohlstand könne nicht allein am Wirtschaftswachstum gemessen werden. Das Streben nach Wohlstand müsse sich an den Entwicklungsmöglichkeiten für die Schwächsten erweisen. Nicht zuletzt dafür hatte der Ökonom 1998 den Wirtschaftsnobelpreis erhalten. Damals verbunden mit der Hoffnung auch innerhalb der Solidaritätsbewegungen, einen konzeptionellen Gegenentwurf zum neoliberalen Mainstream und dessen Mantra der freien, der entfesselten Märkte zu befördern. Amartya Sen verlangt eine kritische Analyse der Auswirkungen von Marktsystemen auf die Menschen.

 

Amartya Sen beschäftigt sich zeitlebens mit Fragen der Entwicklungsmöglichkeiten der unterentwickelten Welt, aber auch, wie die Länder des globalen Südens sich zu individuellen Rechten verhalten. Der Index der menschlichen Entwicklung, den die Vereinten Nationen seit 1990 veröffentlichen, geht maßgeblich auf seine Vorschläge zurück. Ebenso ein Index, der Ungleichheit bemisst. Für Amartya Sen hängen Armut, Hunger und Krankheit mit fehlenden freiheitlichen Strukturen zusammen. In Forschungsarbeiten in den 1970er Jahren zeigte er auf, dass Hungersnöte nicht allein auf Versorgungsdefizite zurückzuführen, sondern dass gesellschaftliche und politische Bedingungen gleichbedeutend ursächlich sind. Eine seiner vielen Formulierungen lautet: „Die Freiheit der Wahl gibt uns die Möglichkeit zu entscheiden, was wir tun sollten, aber damit zugleich auch die Verantwortung für das, was wir tun - soweit unsere Handlungen frei gewählt sind.“

 

 

Zur Person

Amartya Sen wurde 1933 in Shantiniketan (Westbengalen) in einem akademisch geprägten Elternhaus geboren. Er selbst lehrte und forschte unter anderem in Stanford, Berkeley, Oxford und Harvard und lebt in Cambridge (Massachusetts/USA). Heute ist er als ehrenamtlicher Berater der Organisation Oxfam tätig.

Südasien 2/2020