Fabian Falter
Christopher Kloeble: Das Museum der Welt
dtv, München, 2020, 528 Seiten, 24,00 Euro

Es ist schon eine Weile her, seitdem ein deutschsprachiger Roman über Südasien für Furore gesorgt hat. „Der Weltensammler“ von Ilija Trojanow aus dem Jahr 2006 fällt mir dabei ein, ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse. In den Buchläden liegt heute wohl der legitime Nachfolger bei den Neuerscheinungen aus und blickt potenzielle Leser/-innen aus schwarz-weißen Tigeraugen an: „Das Museum der Welt“. Es ist der vierte Roman von Christopher Kloeble (geb. 1982), der weiß, wovon er schreibt. Er ist Literaturwissenschaftler und hat immer wieder Gastprofessuren inne. Er lebt teilweise in Neu-Delhi und wurde von seiner Schwiegermutter, der Kunsthistorikerin Jain-Neubauer, auf die Fährte des Romanstoffes gesetzt. 

 

Die Romane „Das Museum der Welt“ und „Der Weltensammler“ weisen weitere Parallelen auf: Beide Werke sind ähnlich umfangreich und behandeln eine ähnliche Zeit: Kolonialisierung und Erforschung „des Orients“ in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Trojanow beschreibt in seinem Roman Richard Francis Burton (1821-1890) als Figur des europäischen Reisenden auf Identitätssuche, der aufgrund seines Ehrgeizes und seiner Gesinnung letztlich zum Scheitern verurteilt ist.

 

Kloeble geht in „Das Museum der Welt“ einen post-kolonialen Schritt weiter. Er beschreibt die dreijährige Forschungsreise der Brüder Schlagintweit, eine der größten im 19. Jahrhundert, und zwar nicht aus deren Sicht, sondern des Waisenjungen Bartholomäus. Der Autor sagt über ihn: „Da Bartholomäus in keiner Veröffentlichung der Schlagintweits vorkommt, könnte man behaupten, er ist erfunden. Aber ich bin mir ganz sicher: Es gab ihn […].“ (IX) Kloeble vertritt in seinem Roman den Anspruch, all den einheimischen Helfern der westlichen Forscher und Reisenden, die bislang nicht gehört wurden, eine Stimme zu geben. Dies gelingt ihm vortrefflich, denn Bartholomäus ist sprachbegabt, wissbegierig, kritisch, bisweilen frech und kann beobachten. So gelingt dem Autor eine spannende Handlung mit vielschichtigen Protagonisten. Diese stammen aus ganz unterschiedlichen Milieus und Gemeinschaften, wie etwa ein parsischer Buchhalter, ein Sikh-Gärtner oder ein Hindu aus einer Händler-Kaste mit einem jüdischen Namen. Die Erzählperspektive des Jungen ermöglicht, die historischen Ereignisse und sozialen Beziehungen innerhalb des Reisekonvois differenzierter darzustellen als aus der Sicht der Forscher. Bartholomäus hegt Sympathien und Abneigungen gegenüber den drei Brüdern, bewundert und verachtet sie, befürwortet manche Vorgehensweisen und missbilligt andere. Dadurch entgeht der Roman der reinen Abrechnung mit der Kolonialzeit und der Vorgehensweise westlicher „Entdecker“. Vielmehr spürt Kloeb-
le den kleinen Geschichten nach, die die menschlichen Beziehungen und die Komplexität des Zusammentreffens unterschiedlicher Kulturen widerspiegeln.

 

Bartholomäus‘ Beobachtungsgabe zeigt sich auch am Aufbau des Buches: An den Briten bewundert er das Museum: „Ihr Tempel [das British Museum] erinnert sie daran, wer sie sind: Ein Volk, das den halben Globus beherrscht!“ (20). So setzt er sich zum Ziel, das erste Museum Indiens zu gründen. Nachdem die ersten Exponate zerstört wurden, sammelt er alle weiteren „bemerkenswerten Objekte“ in einem Notizbuch – etwa die Bambusrute eines Missionars (Objekt No. 2), Personen wie die Schlagintweits (mehrere Objekte), aber auch Gefühle, Träume und Erinnerungen wie „Die Erinnerung an etwas, das man nicht wissen kann“ (Objekt No. 34) oder „Einsamkeit“ (Objekt No. 44). Insgesamt 94 Objekte beziehungsweise Kapitel kommen zusammen, drei Jahre lang (1854-1857) dauerte die Reise. 

 

Der Roman ist trotz seines Umfangs nicht langatmig. Christopher Kloeble schreibt informativ, spannend und humorvoll. Besonders gefällt mir, dass er fremdsprachliche Konzepte oder Begriffe, beispielsweise aus dem Hindustani, in bildlicher Sprache von den Protagonisten erklären lässt. Der Verzicht auf Anführungszeichen bei direkter Rede erschwert dagegen den Lesefluss. Konzentration ist auch erforderlich, wenn der zwölfjährige Bartholomäus den Missionar Ziegenbalg (gest. 1719) vorstellt oder die politischen Verstrickungen Großbritanniens, Russlands und Chinas reflektiert. Hier hat der Autor etwas zu viel gewollt. Dies schmälert allerdings nicht den Gesamteindruck, der für Kenner Südasiens, Fans von Abenteuerromanen und neue Südasien-Interessierte geeignet und unbedingt lesenswert ist! Christopher Kloeble und der deutschsprachigen Südasien-Literatur ist jedenfalls ein großer Erfolg zu wünschen. 

 

Fabian Falter

Südasien 2/2020