Theodor Rathgeber
Editorial Südasien 2/2020

Als die Redaktion einen in Deutschland lebenden Kenner Sri Lankas einlud, einen Beitrag zum Schwerpunktthema dieses Heftes beizusteuern, winkte er geradezu resigniert ab. Er wolle nicht mehr so viel Energie mit Land und Leuten aufwenden, deren Pläne zur Versöhnung und zu Reformen so häufig verblichen wie sie kamen. Im Doppelheft 3-4 im Jahr 2015 schrieben wir in diesem Kontext von Erblasten. Basil Fernando greift in diesem Heft den von Hannah Arendt geprägten Begriff des „tiefen Staates“ auf, um die Dimension zu verdeutlichen, in der eine Überwindung der verfestigten Grabenkämpfe zu denken ist. Regierungen wie die der Familie Rajapaksa sind ja kein Betriebsunfall. Die ungenierte Selbstbedienung der Mächtigen und mafiöse Beziehungsstrukturen sind nicht grundsätzlich neu, wenngleich von den Rajapaksas merklich befördert.

 

Eine Reihe von Artikeln zum Schwerpunkt beschäftigt sich mit den heutigen Phänomenen dieser Erblasten. In der Gesamtschau – und zwischen den Zeilen – kommt gleichwohl die unermüdliche Courage derjenigen zum Vorschein, die sich mit der Zementierung von Diskriminierung, feindlich gesinnten Nachbarschaften und Sprechverboten über ungenügendes Regierungshandeln nicht abfinden wollen. Sie berichten nicht zuletzt von jungen Leuten, die im Rahmen ihrer informellen Möglichkeiten in informellen Medien einen Kontrapunkt gegen die vorherrschende Meinungsmache setzen. Und es ist dies nicht notwendigerweise Ausdruck von Protest, sondern von eigentlichem Bürgersinn, wie realitäts- und wahrheitsgerechtes Handeln sein sollte.

 

Die Redaktion wollte die Wahl zum nationalen Parlament in den Schwerpunkt aufnehmen. Nachdem die Wahl letztlich auf den 5. August verschoben wurde, ließen wir den Gedanken fallen und baten unsere Autor(inn)en, einige Gedanken zu möglichen politischen Konsequenzen nach der Wahl zu Papier zu bringen. Es gab solche Gedanken, vor allem in Form von Überlegungen, wie die demokratische und rechtsstaatliche Substanz verteidigt werden kann. 

 

Es macht sich niemand Illusionen über den Ausgang der Wahlen. Allenfalls wird gehofft, dass die aktuelle Regierung keine Zwei-Drittel-Mehrheit an der Wahlurne einfährt. Es mag verblüffen, wie schnell die Eigenschaften „energisches“ und „rasches“ Handeln in einer Krise dem autoritären Staatsverständnis zur Blüte verhilft. Im Übrigen ein weltweites Phänomen im Kontext der COVID-19-Pandemie und ein Virus, das alle Länder Südasiens heimgesucht hat. Das Thema ist „heimlicher“ zweiter Schwerpunkt in diesem Heft.

 

In den Überlegungen, wie es nach dem 5. August in Sri Lanka weitergehen kann, geraten mehrere Elemente in den Blick, die einer Resignation entgegenwirken könnten. Da ist zum einen die historisch gewachsene Gegenwehr zivilgesellschaftlich Engagierter, zum anderen die Versöhnungsidee, die in lokalen Umgebungen immer wieder fruchtet. Darüber hinaus ist in den knapp fünf Jahren der Präsidentschaft von Maithripala Sirisena, unbeschadet aller Kritik, ein normatives Gerüst errichtet worden, das dem Streben nach Gerechtigkeit und dem Protest gegen ungenügendes Regierungshandeln eine gewisse Stabilität verbürgt hat. 

 

Es liegt in der Natur von Gerüsten, dass sie schon vor Fertigstellung des festen Gebäudes abgebaut werden können. Zwei Beiträge zeigen jedoch auf, dass dies nicht mehr so einfach und ausschließlich von der Intention der srilankischen Regierung abhängt, sondern auch Gegenstand der internationalen Kooperation ist – so diese sich dafür stark macht. Schließlich richtet sich der Blick auf die künstlerische Betätigung und die ungebrochene Tatkraft der Künstler/-innen, dem Beharren auf der grundsätzlichen Vielfalt an Optionen öffentlich Ausdruck zu verleihen.

 

Teilweise im Verborgenen, ermuntert von internationalen Leitlinien, agieren gesellschaftlich Marginalisierte in Texten zu Nepal und Pakistan. Der marginalisierte Status hängt wesentlich damit zusammen, dass es sich um Frauen handelt. Die Frauen in Nepal fordern die Umsetzung normativer Garantien. Das Projekt der Frauen in Pakistan steckt das Areal der Beteiligung an der Entscheidungsfindung im Dorf wie in den Köpfen neu ab. Mehr Öffentlichkeit verdient haben auch der Konflikt um ein Kohlekraftwerk in den Sundarbans in Bangladesch unter Beteiligung eines deutschen Unternehmens sowie das Ringen um die Zukunft von Politik und Wirtschaft in Indien. Auch hier könnte das Eingebundensein in die internationale Kooperation hilfreich sein – wenn die Kooperationspartner denn wollten.

 

Es ist viel Lesestoff zustande gekommen, manches nicht notwendigerweise vergnüglich, aber ich wünsche eine anregende Lektüre,

 

Theodor Rathgeber

Südasien 2/2020