Theodor Rathgeber
Editorial Südasien 3/2020

Liebe Leserinnen und Leser,

 

die Frage der guten, angepassten und angemessenen Behandlung alternder Bevölkerungen in Südasien durch Politik und Gesellschaft hat an Fahrt aufgenommen. An Publikationen und Konferenzen wissenschaftlicher wie politisch-konzeptioneller Art mangelt es nicht. Wie immer kann die Zeitschrift SÜDASIEN nur einen Bruchteil zum Lesen anbieten. Ein längerer Übersichtsartikel befasst sich mit den demografischen, sozialen, politisch-programmatischen und theoretischen Entwicklungen in und zu Südasien – und das für SÜDASIEN-Verhältnisse eingehend. Der Autor versteht seinen Beitrag selbst als Perspektivenpapier, und so deuten seine Ausführungen an, was an Chancen entwickelt werden könnte, wenn Regierungen eine gute Praxis anstreben. Die empirischen Bestandsaufnahmen zu alternden Bevölkerungen in Nepal und Indien untermauern eine solche Herangehensweise und verweisen darauf, dass manches verwirk-lichbar ist. Der Überblick zu weiteren Ländern geht darauf ein, wie viel eigenes Potential in den Gesellschaften Südasiens gehoben werden kann, und welche Hilfestellung von außen zur Verfügung steht. Dies alles kann durch eine Vielzahl an Literaturhinweisen in eigener Regie seitens der Leser/-innen weiter vertieft werden.

 

Dieses Jahr jährt sich die Herausgabe der Zeitschrift zum 40sten Mal und war uns Anlass, eine kleine Rückschau zu halten. Begleitet von der Frage, inwieweit eine gedruckte Zeitschrift in der Art von SÜDASIEN eine größere Verbreitung und entsprechenden Widerhall erzeugen kann. Wir tragen einen ersten Teil bereits insofern dazu bei, indem wir eine Möglichkeit gefunden haben, ältere Ausgaben zu digitalisieren – und gleichzeitig eine umfassende Renovierung unserer Webseite in Auftrag geben. 

 

In der Rubrik der Gegenwartsliteratur finden sich dieses Mal literarische und künstlerische Bearbeitungen der Pandemiezwänge, des Älterwerdens und der autoritären Zurichtung einer Gesellschaft. Wieviel Energie und Herzblut das Sich-Einlassen auf Literatur in Anspruch nehmen kann, bezeugen die Beiträge zum Übersetzen und zur Hommage an einen begnadeten Buchhändler. Hin und wieder finden sich in dieser Rubrik auch Debattenbeiträge, dieses Mal zum strittigen Thema der Identität. 

 

In den Länderteilen kommen einmal mehr das Corona-Virus und die desaströsen Folgen für Teile der jeweiligen Gesellschaft zum Vorschein. Verstärkt durch inkompetentes oder grob fahrlässiges Regierungshandeln, das die Verarmung großer Bevölkerungsteile nicht bedachte und viel zu spät wahrnahm – wenn es denn überhaupt wahrnehmen wollte. Entwaffnend eindimensional sind anscheinend selbst Politikkonzeptionen, die über Krieg und Frieden entscheiden – sei es in Afghanistan, im Konflikt China-Bhutan oder bei Indiens Ausflügen in militärische Allianzen, die jegliche Erfahrungen der blockfreien Politikgestaltung über Bord werfen und sich stattdessen an einen schlecht beleumundeten Partner zu binden versuchen.

 

Ohne Zweifel entspringt nicht jedes Politikkonzept einer Regierung in Südasien einer eindimensionalen Betrachtung. Die Volksrepublik China ist in diesem Heft in mehreren Beiträgen Gegenstand der Erörterung und offensichtlich in vergleichbare Überlegungen verstrickt, Länder und Regierungen an sich zu binden. Dies im Auge zu behalten, wird auch die Schwerpunktplanung für das kommende Jahr beeinflussen.

 

Die Wende ins autoritäre Regieren ist der zweite Virus, der viele Länder Südasiens befallen hat und Infektionswege verfestigt. In Indien erhebt sich noch Protest und Spott, in Sri Lanka sind viele Kolleg(inn)en erst einmal fassungslos. Die Aufhellung der politischen Geschichte in Nepal lässt erahnen, wie tiefgründig ein Wandel angelegt sein müsste, um tatsächlich von einer anderen Politik sprechen zu können.

 

Das nächste Heft 4-2020 wird das Thema (Auf-) Rüstung in Südasien zum Schwerpunkt haben. SÜDASIEN befasst sich damit – meines Wissens – zum ersten Mal. Es gibt also viel zu sagen, und wir laden zu Beiträgen herzlich ein.

 

Aus mehreren Gründen ist die Ausgabe Heft 3-2020 ziemlich umfangreich geworden. Wir hoffen gleichwohl, dass die Beiträge Ihre Konzentration frisch halten und wünschen daher eine spannende Lektüre,

 

Theodor Rathgeber

Südasien 3/2020