Geetanjali Shree
Erdwürmer und Masken
Virus und Dharma

Fortschritt, Beschleunigung, Grenzen- und Sorglosigkeit, das Verschieben physischer Grenzen: ein davon anderes Leben schien nur wenigen überhaupt vorstellbar geworden. Dann kam ein Virus, provozierte Rückblenden und die Erinnerung an optionale Lebens-entwürfe. Im Nachfolgenden eine literarische Befassung.

Es war meine Kindheit. Bis vor kurzem schien sie mir nicht so sehr weit entfernt, aber jetzt plötzlich doch. Nicht, weil ich es besonders weit gebracht hätte, sondern weil ich jetzt das Gefühl habe, ich könnte auf der anderen Seite des Spektrums stehen, dem Ende nahe!

 

In dieser Kindheit gab es manchmal seltsame Geräusche, ein fernes Dröhnen am damals noch ziemlich blauen Himmel. Dann rannten wir nach draußen und schauten hinauf. Eine Maschine mit Flügeln, die hoch droben dahinflog, weit, weit hinweg. In ferne Länder. Sehnsuchts-Länder. Länder, die man niemals sehen würde.

 

„Ein Flugzeug, ein Flugzeug!“, riefen wir Kinder dann.

 

Mehr als ein fernes Dröhnen. Es war das Wachrütteln unserer Träume und Sehnsüchte.

 

Heute: Ein Dröhnen am Himmel. Ein Geräusch, ebenso selten wie in meiner Kindheit. Der Himmel ist ebenso blau. Ich renne nicht nach draußen, sondern gehe etwas ermattet zum Fenster oder auf den Balkon – meinen Zugang zur Außenwelt während des Lockdowns. Ich schaue nach oben, ein bisschen traurig, noch immer ein wenig sehnsuchtsvoll, aber die Träume fühlen sich ziemlich lädiert an. Es ist dieselbe Maschine mit Flügeln, die hoch da oben fliegt, weit, weit fortfliegt, an Orte, die alle für mich erreichbar geworden waren, die aber jetzt vielleicht für immer unerreichbar sind.

 

Es lag ein Zauber darin, als der Horizont so weit war. Die Träume nährten sich von Möglichkeiten. Aber der Mensch war schnell und leistungsstark, ehrgeizig und voll Selbstvertrauen. Er machte Riesenschritte voran. Wurde allzu schnell, allzu selbstsicher, rücksichtslos ehrgeizig.

 

Die Begleiteffekte gefielen mir. Ich stieg in Flugzeuge und überflog den Horizont. Ich schweifte in unbekannte Länder. Träume wurden Wirklichkeit. 

 

Alles wurde möglich. Alles öffnete sich. Alles lag zu meinen Füßen. Die Bäume meiner Kindheit, die meinem Haus Schatten spendeten, waren jetzt Bäume, über die sich meine Wohnung in einem vielstöckigen Haus erhob. Nun waren sie wie Zwerge.

 

Der Mensch, der Herr über alles und niemandes Freund.

 

Auf dem Markt. Im globalen Wettbewerb. Im Grenzen-Überschreiten. Überall, auf dem Lande, im Stadtzentrum, an den Rändern, im Himmel, im Wasser und bereit, in den Weltraum auszugreifen.

 

Wir haben alles radikal verändert und fühlten uns gut dabei. Auch ich als mittelbare Nutznießerin dieser glitzernden, hochgejubelten, überdrehten Welt. Wobei unser Tempo ständig zunahm. Doch alles radikal verändern bedeutete, dass alles ständig in Bewegung war. 

 

Dieses alles war lebendig. Wir haben keine unbelebte Welt in Bewegung gesetzt. Wir schüttelten alles Lebendige durcheinander. Die Erde. Die Luft. Die Planeten. Die Berge. Die Würmer.

 

Es gab Warnungen. Alles wird durchgeschüttelt, und wir mit, und es wird noch an Fahrt aufnehmen. Tempo ist erregend, doch es tötet auch.

 

Aber wir hielten uns für unsterblich.

 

Es schlug zu. Das Virus.

 

Bei einer Überschwemmung kletterte ein Skorpion auf die Schulter eines Schwimmenden und ließ sich sicher ans andere Ufer bringen. Auf halbem Weg stach er seinen Retter. Doch der Skorpion war unschuldig. Das Stechen war sein Dharma.

 

So ist es auch mit dem Virus. Es erfüllt einfach sein Dharma, Grenzen zu überspringen und Körper zu infizieren. Ganz unschuldig.

 

Aber der Mensch? Was ist sein Dharma?

 

Eine Frage.

 

Die Frage.

 

Und was ist mit mir? Denn ich bin, ob ich es will oder nicht, Teil der irrenden Menschheit. Als sekundäre Nutznießerin ihres Mangels an Selbstdisziplin und ihrer Liebe zum Tempo habe ich selbst die Kontrolle über mich verloren. Wie soll ich jetzt abbremsen und wie stark, nachdem ich Tempo-süchtig wurde? Nachdem ich exzessiv umhergeflogen bin, die Atmosphäre zerrissen habe, wie soll ich jetzt meine Flügel wieder falten, und wie weit?

 

Wir waren hypnotisiert von unseren Erfindungen. Unseren Maschinen. Begeistert von der virtuellen Welt, die wir immer stärker ausweiten.

 

Aber etwas ist schiefgegangen. Die Welt sollte nach unserer Pfeife tanzen. Wir planten andere zu knebeln, nicht uns selbst. Und nun ist es ausgerechnet ein Virus, das uns knebelt.

 

Sind wir also selbst die Außerirdischen und die Roboter, die wir aus euch machen und kontrollieren wollten? He du, vor mir, hinter der Maske in diesem dreiteiligen Schutzanzug: Bist du ein Mensch? Bin ich einer? Man sieht kein Lächeln auf dem Gesicht des anderen. Keine Umarmung, keinen Kuss, keine Berührung, keine Liebe.

 

Macht Platz, Menschen, eure Zeit ist abgelaufen. Ihr dachtet, ihr könntet Außerirdische und Roboter beherrschen. Jetzt seid ihr selbst wie Roboter und Außerirdische und steht in der Gewalt eines anderen.

 

Ich möchte entkommen, auch wenn du es nicht kannst.

 

Da war dieser Wurm, der seinen Kopf aus dem Schlamm hob und auf die Katastrophe ringsum starrte. Er sah einen anderen Wurm, der das Gleiche tat. Und er sagte zum anderen Wurm in einem Ton, so egoistisch und arrogant wie bei den Menschen: „Du kannst hier stecken bleiben. Ich breche auf zu anderen glücklicheren Weidegründen.“

 

Worauf der zweite Wurm, der ein bisschen den seltenen demütigeren Menschen glich, erwiderte: „Du Dummkopf, wir sind untrennbar verbunden, ich bin dein anderes Ende! Wo ich bin, da bist du auch, wohin du kriechst, dahin krieche ich auch. Aber wohin kann man überhaupt?“

 

„Hier“, sagte er, als ob er einen Entschluss gefasst hätte, „nimm diese Maske.“ 

 

Also – kein Ort, wohin man gehen könnte. Sowieso fliegen die Flugzeuge nicht, und wenn sie es doch tun, ist es riskant. Und wir: eine Sippschaft von Erdwürmern - einige die Köpfe, andere die Schwänze - wir sitzen alle im selben Schlamassel von Maßlosigkeit und Größenwahn. In Masken.

 

Gandhi war wohl doch nicht so ein Spinner!

 

Aus dem Englischen übersetzt
von Reinhold Schein

 

Zur Autorin

Geetanjali Shree ist eine indische Schriftstellerin, sie lebt und arbeitet in Neu-Delhi.

 

Texthinweis

Beitrag zu dem Band Tour du monde de la Covid-19, herausgegeben von S. Kuriyama, O. de Leonardis, C. Sonnenschein, I. Thioub, Verlag Manucius, Paris, erscheint 2021.

Südasien 3/2020