Theodor Rathgeber
Editorial Südasien 4/2020

Liebe Leserinnen und Leser,

 

Warum nicht? Warum sollen die USA keine Vizepräsidentin haben. Woanders, speziell in Südasien, gibt es ja längst Frauen in höchsten Staatsämtern. Als die Mutter von Kamala Harris, Shyamala Gopalan, als Teenagerin in die USA einreiste, wurde Sirimavo Bandaranaike ein Jahr später, 1960, Premierministerin von Sri Lanka. Frau Bandaranaike wiederholte ihre Amtszeit zwischen 1970 und 1977 und nochmals von 1994 bis 2000. Wobei von 1994 bis 2005 ihre Tochter Chandrika Kumaratunga als Präsidentin des Landes amtierte. In Indien wurde Indira Gandhi im Januar 1966 zum ersten Mal als Premierministerin Indiens vereidigt. Pratibha Patil war von 2007 bis 2012 Präsidentin des Landes. In Pakistan diente Benazir Bhutto zuerst von 1988 bis 1990 und erneut von 1993 bis 1996 als Premierministerin (in einem muslimischen Staat). In Bangladesch war Khaleda Zia ab 1991 erste Premierministerin und wechselte sich in diesem Amt mit Sheikh Hasina Wazed ab (1996 erstmals gewählt, ab 2008 wiedergewählt und bis heute im Amt). Es ist wohl die List der Geschichte, dass mit Kamala Harris die USA jetzt eine Vizepräsidentin bekommen, die mütterlicherseits aus Südasien stammt. Also, warum nicht?

 

Bekanntheit nimmt Südasien auch im Bereich Aufrüstung, Waffenbeschaffung und bewaffnete Praxis in Anspruch. Der Glaube an militärische Gewalt zur Politikgestaltung ist in dieser Region nicht sonderlich anders als in anderen Teilen der Welt. Vielleicht, dass der Gestus der militärischen Gewalt selbstverständlicher offen zur Schau gestellt wird. Die Galauniform auf der Titelseite verleiht diesem Denken und Handeln den angemessenen Ausdruck. Und mit Absicht fehlt das Bedrohliche – in die Abgründe müssen die Opfer schauen. 

 

Damit ist der Bogen zu den inhaltlichen Beiträgen zum Schwerpunkt gespannt. Statistische Angaben haben wir auf Notwendiges beschränkt. Solche Angaben finden sich hinreichend im Internet bei den einschlägigen, unabhängigen Institutionen wie dem Stockholmer Friedensinstitut SIPRI, der Carnegie-Stiftung für Internationalen Frieden, dem Brookings Institute oder der Weltbank. Die NATO ist entschieden knausriger, was Datenmaterial für ihre Auslandseinsätze betrifft. 

 

Im Vordergrund der Heftbeiträge stehen politische Prozesse, die das Sich-Rüsten eines Staates und einer Gesellschaft begleiten. Das beginnt damit, sich über die regionalen und internationalen Verflechtungen einer militärgestützten Sicherheitsdoktrin Rechenschaft abzulegen – und was davon die Politik als handlungsleitende Erkenntnis zulässt. Der berühmte Sack Reis, der in einem Heftbeitrag nicht in China, sondern in den USA umfällt – die Vertragskündigung mit Russland – erschüttert durchaus die Region Südasien und verändert die Stellschrauben einer prekär austarierten Balance. 

 

Und wem es gelingt, militärisch unterlegte Konflikte sprachlich angemessen zu erfassen, also nicht gleich und nur von Wettrüsten zu sprechen, hat den Blick frei für existierende Dialogprozesse als Option zur Konfliktlösung. Die Artikel über die bewusste Produktion von Feindbildern und zur Identitätsbildung durch Atomwaffenbesitz lassen erkennen, wie wenig selbstverständlich die Herstellung von Frieden ist. 

 

Im Jahr 2018 ging schon einmal ein Schreiben in der Redaktion ein, in dem die Verfasserin bedauerte, dass sie in SÜDASIEN ihr Land nicht recht wiedererkannte. Ein wichtiger Teil, das Schöpferische, die Lebensfreude, die Kunst des Lebens unter widrigsten Umständen, sei unterbelichtet. In dieser Ausgabe ermuntert ein Leserbrief, sich intensiver mit dieser Schlagseite zu beschäftigen – und dies nicht nur durch die Redaktion, sondern erwünscht auch seitens der Leser/-innen. 

 

Als ob es abgesprochen gewesen wäre, führt die Lyrikerin Jacinta Kerketta die Diskussion um Identitätsbildung aus Heft 3-2020 fort - mit ihrem Wortschatz im buchstäblichen Sinn. Mit Amartya Sen und Arundhati Roy haben wir zwei prominente Sprach- und Denkvirtuosen in das Heft aufnehmen können.

 

Die Länderberichte sind wieder grau unterlegt, nicht nur in der Rubrik „Überblick“. Farbe kommt hier in den Beiträgen zur Wirkung, in dem sie die Realität nicht nur aufschreiben, sondern die Perspektive der Veränderung einbringen.

 

Die Feiertage und der Jahreswechsel nähern sich, vieles wird 2020 anders sein als gewohnt. Ein Stück vertrauter, vielleicht ein aufgefrischter Alltag könnte diese Ausgabe der Zeitschrift sein. 

 

Im Namen der Redaktion wünsche ich entspannte Feiertage, einen guten Start in das neue Jahr und auf jeden Fall die Zeit, dieses Heft mit Muse und Gewinn zu lesen, 

 

Theodor Rathgeber

Südasien 4/2020