Reinhold Schein
Die Fülle und das Kreative
Leserbrief zur Gewichtung der Zeitschrift

Die Redaktion hat den Autor ausdrücklich ermuntert, seine Anmerkungen zu veröffentlichen. Wir würden uns über Antworten darauf freuen.

Seit 16 Jahren lese ich SÜDASIEN, manchmal rezensiere ich auch ein Buch oder übersetze einen Artikel. Trotzdem ergreift mich, wenn ich ein neues Heft aufschlage, oft ein gewisses Fremdeln: Fast erkenne ich die Region nicht wieder, in der ich selbst lange Jahre gelebt habe.

 

Zwölf Jahre war ich als Deutsch-Lektor in Pune und Varanasi. Insgesamt eine sehr lebendige und bereichernde Zeit mit einer Fülle an Eindrücken und Begegnungen. Danach war ich oft wieder für kürzere Zeit in Indien. 

 

Keine Frage, als DAAD-Lektor ist man in einer komfortablen Position, gut versorgt, kommt überwiegend mit der städtischen Mittelschicht zusammen, selten mit den Armen, Ausgebeuteten, Entrechteten. Dass es soziale Ungerechtigkeit gibt, Korruption, Umweltprobleme und anderes, war dennoch nicht zu übersehen, aber im täglichen Umgang mit Kollegen, Studenten, Nachbarn (natürlich sind immer beide Geschlechter gemeint) war der überwiegende Eindruck: kluge, humorvolle, kreative Menschen, die ihr Leben meistern. Auch unter den Handwerkern, Gärtnern, Dienstboten und anderen begegnete ich bewundernswerten Leuten, die Herausforderungen mit genial einfachen Mitteln bewältigten.

 

Schwerpunktsetzungen in SÜDASIEN

 

In SÜDASIEN stehen die gesellschaftlichen Verhältnisse auf dem Subkontinent im Mittelpunkt. Theo Rathgeber gelingt es, wie schon früheren Redaktionschefs und -chefinnen, fundierte, gut recherchierte Artikel zu finden, in Auftrag zu geben oder selbst zu schreiben.

 

In seinem Beitrag zum 40-jährigen Bestehen von SÜDASIEN erläutert Peter Ripken diese redaktionelle Tradition. Er sieht den Ursprung der Zeitschrift in den Ausläufern der 1968er Bewegung und ihrer Solidarität mit der Dritten Welt. Nachklänge davon sind im sprachlichen Stil vieler Artikel spürbar: ein akademisches Deutsch, reich befrachtet mit soziologischem Vokabular, Endnoten und Weblinks. Für Sozialwissenschaftler/-innen wohl nützlich, für andere eine etwas mühsame Lektüre. Lesefreundlicher sind journalistische Beiträge wie etwa „Ein chinesischer weißer Elefant in Lahore“ von Ulrich Schmid, oder der erfrischend provokante Artikel „Konkubine im US-Harem?“ des pensionierten Diplomaten MK Bhadrakumar, beide in Heft 3/2020.

 

Eine regelmäßige Rubrik sind die grau unterlegten Seiten „Im Überblick“ zu allen acht Ländern der Region, auf denen wichtige Ereignisse und Pressemeldungen der vergangenen Monate zusammengefasst sind. Fraglos gibt es viele Missstände und Fehlentwicklungen, sie müssen bekannt gemacht und bekämpft werden, aber insgesamt entsteht doch ein ziemlich graues Bild dieses vielfarbigen Subkontinents. Liegt es daran, dass für SÜDASIEN ebenso wie für viele andere Medien gilt: Good news is no news?

 

Mehr Farbe, mehr kreativer Alltag

 

Gut ist, dass die Gegenwartsliteratur einen festen Platz hat. Auch literarische Texte sind ja oft sehr sozialkritisch. In Form eines Gedichts oder einer Geschichte kann solche Kritik sogar viel stärkere Wirkung entfalten als in einem Sachtext. 

 

Ein Element der Auflockerung sind die Fotos. Titel- und Rückseite setzen meist einen frischen, manchmal humorvollen Akzent, oft auch die schwarz-weißen Fotos im Inneren. 

 

Als Fachzeitschrift über gesellschaftspolitische Entwicklungen in der Region erfüllt SÜDASIEN eine wichtige Aufgabe für den speziell interessierten Leserkreis. Aber wäre da nicht auch Raum für mehr Beiträge außerhalb der Kernthematik?

 

Gut möglich, dass ich mit meinem „Fremdeln“ allein stehe. Es wäre aber interessant, einmal die Leser/-innen zu befragen, was ihnen an SÜDASIEN gefällt, was weniger, ob sie etwas vermissen.

 

Zum Autor

Reinhold Schein übersetzt Gegenwartsliteratur aus Indien, verfasst eigene Beiträge über deutsch-indische Literaturbeziehungen und ist 1. Vorsitzender des Literaturforums Indien e.V. 

Südasien 4/2020