Cristel Taveras
Friedensinitiativen durch Frauen
Gegen kriegerische Denkfiguren in Indien

Beim Begriff „Friedensbewegung“ kommt man an Mahatma Gandhi nicht vorbei. Im Nordosten Indiens gibt es zwar keinen ausgewiesenen Bezug auf Gandhi. Aber Gandhis prominent gewordene Denkfiguren finden sich in heutigen Friedensbewegungen, die im Nordosten Indiens dominant von Frauen angeleitet werden.

Bis in den Sprachgebrauch hinein wenden sich die Frauenorganisationen für den Frieden gegen das martialische, kriegerische und patriarchale Element der Gesellschaften. Ohne Gandhi zitieren zu müssen, wagen sie ein Experiment. Sie denken ketzerisch darüber nach, warum Gewalt eines der erfinderischsten Gestaltmittel der Politik geblieben ist. Sie denken nach über Sicherheit und Grenzen in lokalen bewaffneten Konflikten, in denen – ethnisch orientierte – Grenzziehungen das Denken und Fühlen der Gemeinschaften prägen. Sie begreifen Frieden als ein Experiment, das im lokalen Lebensbereich, in der Nachbarschaft, in der Fürsorge für die soziale und natürliche Umwelt beginnt. Sie überlassen den Begriff der Selbstbestimmung nicht allein bewaffneten Akteuren, sondern fordern ihre nächste Umgebung dazu auf, Treuhänderschaft und Verantwortung für die Umwelt wie das eigene Leben zu übernehmen. 

 

Frauennetzwerk für Überlebende bewaffneter Konflikte

 

Eines der auch international bekannt gewordenen, exemplarischen Beispiele für diese Friedensinitiative ist das Manipur Women Gun Survivor Network (MWGSN). Das Netzwerk entstand durch die Initiative von Binalakshmi Nepram – mit vielen Preisen für ihr Engagement versehen.1 Sie war 2004 Zeugin eines vermutlich politisch motivierten Mordes an einem 27-Jährigen geworden, dessen Urheber bis heute unbekannt geblieben sind. Einige Tage nach dem Vorfall spendete Frau Nepram 4500 Rupien, um für die Witwe eine Nähmaschine zu kaufen. Diese Maschine ermöglichte es der Witwe, Kleidung für die Dorfbewohner/-innen zu nähen und zu schneidern und so ihren bescheidenen Lebensunterhalt zu sichern. 

 

Diese Initiative bildete den Beginn des MWGSN, das 2007 offiziell gegründet wurde und damals im Nordosten die erste und einzige Initiative dieser Art war. Das MWGSN will Frauen helfen, deren Leben sich durch die Schüsse auf einen geliebten Menschen dramatisch verändert hat. Es war eine Zeit, in der es viele Schusswechsel, extralegale Tötungen, fälschlich fabrizierte Feindberührungen, Säuberungen innerhalb der Aufständischen und konkurrierende Gebietsansprüche gab. Das Netzwerk versuchte, Frauen über das Trauma hinwegzuhelfen – etwa in Form finanzieller Hilfe für kleinunternehmerische Tätigkeiten, rechtlicher Unterstützung für Gerichtsverfahren und insgesamt Zuspruch, um im Leben weitermachen zu können. Es sollen aber auch die Narben geheilt werden, die die Gewalt in den lokalen Gemeinschaften hinterlassen hat.

 

Schon bald nach Gründung erweiterte sich das MWGSN zu einem Solidaritätsnetzwerk, das sich für die Kontrolle des Gebrauchs und der Verbreitung von Kleinwaffen einsetzte. So führte es auch eine Kartierung der von Waffengewalt betroffenen Gebiete durch. Darüber hinaus begann das Netzwerk aktive Lobbyarbeit zu betreiben und über die besondere Form der Gewalt gegen Frauen aufzuklären. Insgesamt entwickelte MWGSN zusammen mit anderen, etwa der Naga Mothers Association, gewaltfreie Formen und Techniken des Widerstands und der Resilienz im Lokalen. Sie unterstrichen die Notwendigkeit geschlechtssensibler Handlungsansätze. 

 

Das Engagement reicht über die nationale Grenze hinaus. Im Juli 2015 veranstalteten WILPF,2 MWGSN, Friedensfrauen aus verschiedenen Ländern und die internationale Baha‘i-Gemeinschaft am Sitz der Vereinten Nationen in New York einen Workshop zu den anhaltenden Konflikten in Südasien und den Friedensbemühungen von Frauen in der Region. Sie debattierten über die Auswirkungen des globalen Waffenhandels, seine Folgen für lokale Gemeinschaften und Indiens Rolle als einer der größten Importeure von Rüstungsgütern.

 

Aus dem Englischen übersetzt
von Theodor Rathgeber

 

Zur Autorin

Cristel Taveras lebt in New York, arbeitet als Kampagnenberaterin und kooperiert mit der Nichtregierungsorganisation WILPF.

 

Endnoten

1 https://www.ned.org/fellows/binalakshmi-nepram/ - Anm. d. Red.

2 Womens International League for Peace and Freedom Anm. d. Red.

Südasien 4/2020