Maren Bellwinkel-Schempp
Bhagwan Das 1927-2010
Ambedkarianer, Buddhist und Kämpfer für die Rechte der Dalits

In den vergangenen Monaten seit dem Tod von Bhagwan Das, der am 18. November im Alter von 83 Jahren starb, sind viele Nachrufe erschienen, die seine bedeutende Leistung für die Dalit-Bewegung in Indien würdigen. Er war sicherlich eine der wichtigsten Persönlichkeiten der Dalit-Bewegung in Nordindien, und hat wesentlich dazu beigetragen, das Gedankengut Dr. Bhimrao Ambedkars zu verbreiten. Sein großes Verdienst besteht darin, dass er die Bewegung auch für diejenigen geöffnet hat, die selbst innerhalb der „unberührbaren“ Kasten ganz unten stehen: Latrinenreiniger und Straßenkehrer. Und er hat es verstanden, das Problem der „Unberührbarkeit“ schon frühzeitig zu internationalisieren, unter anderem durch sein Eintreten für die Burakumin in Japan, die ähnlich wie die Straßenkehrer und Latrinenreiniger in Indien als Bevölkerungsgruppe kollektiv diskriminiert werden.

Bhagwan Das zu Hause (c) Maren Bellwinkel-Schempp

Bhagwan Das zu Hause © Maren Bellwinkel-Schempp

Bhagwan Das wurde 1927 in Shimla geboren. Er war Chuhra oder Lal Beghi, wie die Straßenkehrer und Latrinenreiniger des Panjab nach dem rebellischen Prophet der Bhangis genannt werden. Der Name Bhangi ist an sich schon eine Verunglimpfung, denn er bedeutet wörtlich übersetzt, diejenigen, die bhang (Cannabis) als Rauschmittel zu sich nehmen.


In der Kolonialzeit waren manche von ihnen eng mit dem britisch-indischen Militär verbunden. Lal Beghis wurden als Dienstboten, als Reinigungskräfte, aber auch als Kellner und Köche beim Militär eingestellt. Sie kamen auf diese Weise in Positionen, die die Diskriminierungen des traditionellen Kastensystems unterliefen.


So wuchs Bhagwan Das in einer Garnison auf, in der sein Vater beim Telegraphenamt beschäftigt war. Die Familie konnte es sich leisten, ihre Kinder in gute Privatschulen mit Englisch als Unterrichtssprache zu schicken. Die gute Schulbildung ermöglichte ihm, nach dem Abschluss (matriculation, 10. Klasse) im Alter von 16 Jahren der Royal Indian Air Force beizutreten. Zu dem Zeitpunkt, 1943, befand sich Britisch-Indien im Krieg, an der ostindischen Front versuchte die kaiserlich-japanische Armee mit Unterstützung der Indian National Army zum indischen Kernland vorzudringen. Bhagwan Das wurde für die gerade erst entwickelte Radarüberwachung ausgebildet und eingesetzt. Da sein Englisch ausgezeichnet war, kam er bestens mit den britischen Mannschaftskameraden und Offizieren zurecht und genoss die Achtung, die ihm von seinen englischen Kameraden zuteil wurde. Gerne wäre er nach Kriegsende in der Royal Air Force geblieben, doch es scheiterte an dem Betrag von 5 000 Rupien, die seine Familie für ein Offizierspatent hätte aufbringen müssen.


Ambedkarianer und Buddhist

Von Babasaheb Dr. Ambedkar, dem großen Staatsmann und Führer der Unberührbaren, hatte Bhagwan Das schon während seiner Schulzeit gehört. 1943 hatte er zum ersten Mal Gelegenheit, ihn in Shimla zu treffen. Daraus entwickelte sich ein anhaltender Kontakt, dessen Höhepunkt die prägende Zeit als Ambedkars Privatsekretär in den Jahren 1955/56 wurde. Bhagwan Das bot sich an, Ambedkar bei der Aufarbeitung seiner Schriften, Reden und Vorträge zu helfen. Er tat dies unentgeltlich für ein paar Stunden am Tag. Aus dieser durch den Tod Ambedkars Ende 1956 unterbrochenen Arbeit ging später eine vierbändige Publikation hervor: Thus Spoke Ambedkar (So sprach Ambedkar), die Das zwischen 1963 und 1980 in Jalandhar im Verlag Bhimpatrika von Lahori Ram Balley herausbrachte. Diese Publikation ist deshalb so wichtig, weil sie eine der ersten Werkausgaben von Ambedkars war, lange bevor die Regierung von Maharashtra seine gesammelten Werke und Reden unter dem Titel Dr. Babasaheb Ambedkar‘s Writings and Speeches herausbrachte.


Bhagwan Das war in seiner Jugend stark von christlichen Missionaren beeinflusst. Freimütig erzählte er, wie er als Jugendlicher allmorgendlich bei einem methodistischen Missionar vorbeizuschauen pflegte, um mit ihm zu beten und dann anschließend seiner Arbeit nachzugehen. Als besonders bemerkenswert stellte Bhagwan Das heraus, dass er von dem Missionar nicht den geringsten Druck verspürte, zum Christentum übertreten zu müssen.


Mehrere Jahre vor der berühmten Konversion Dr. Ambedkars im Oktober 1956 wurde Bhagwan Das bei aller christlichen Prägung Buddhist. Dies ist wohl zunächst auf den Einfluss von Bodhanand Mahastavir (1874-1952) in Lucknow zurückzuführen, aber auch auf eine Gruppe von Buddhisten, die ursprünglich vom Arya Samaj im Panjab beeinflusst war und die in Delhi sowohl im Ambedkar Bhawan als auch in Privatwohnungen regelmäßige wöchentliche Gebets- und Predigtstunden abhielt.


Bhagwan Das wurde, wie er mir schilderte, in Lucknow auf Betreiben von einer Gruppe von Buddhisten um Bodhanand mit einer gut ausgebildeten und gebildeten Frau aus der Kaste der Dhanuk verheiratet – „zu meinem Besten“, wie er betonte. Es muss eine der ersten buddhistischen Hochzeiten in Dalit-Kreisen gewesen sein. Ungewöhnlich war außerdem, dass es eine kastenüberschreitende Heirat war. Die Dhanuk sind eine kleinere Unberührbarenkaste und arbeiten meist als Schweinehirten und Gemüsebauern. Bhagwan Das Frau war Volksschullehrerin, und erarbeitete für die Familie den Lebensunterhalt, während ihr junger Ehemann weiter Jura studierte und später Rechtsanwalt wurde. Sie haben zwei Töchter und einen Sohn. Die älteste Tochter Zoya Hadke ist Beamtin im höheren indischen Staatsdienst, der Sohn Rahul Das ist Arzt und die jüngere Tochter Shura Darapuri ist Professorin an der Universität Lucknow. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Werk ihres Vaters in 23 Bänden herauszugeben.


Wissensdurst und Kampf

Wie schon sein Vater, so war auch Bhagwan Das wissensdurstig und kaufte sich nicht nur getreu seinem großen Vorbild und Mentor Babasaheb Dr. Ambedkar viele Bücher, sondern er las auch, wie er mir schilderte, in der Bibliothek aus Enzyklopädien ganze Artikel, wenn er zu einem bestimmten Wissensgebiet etwas wissen wollte. So wie wir heute über das Internet in Wikipedia nachschauen – nur musste man damals die lange Anfahrt zu einer der wenigen guten Bibliotheken in Kauf nehmen. Wissen war für die Dalits, die nach der brahmanischen Kastenordnung vom Wissen ausgeschlossen waren und nur dienen sollten, von unglaublicher Bedeutung. Es ging nicht nur darum, die Welt zu begreifen, sondern vor allem darum, die Welt zu verändern und den Dalits in dem demokratischen und sozialistischen unabhängigen Staat einen angemessenen Platz zu erkämpfen. Das war für Bhagwan Das so wie für Ambedkar eine Lebensaufgabe.


Bhagwan Das lebte in den letzten Jahrzehnten mit seiner vor einigen Jahren verstorbenen Frau, dem Sohn Rahul, der Schwiegertochter und den beiden Enkeln in einer kleinen Eigentumswohnung im vierten Stock eines Hochhauses in Munirka, einer Siedlung, die von den Delhi Development Authorities erstellt worden war. Sie liegt in unmittelbarer Nähe der Jawarharlal Nehru Universität. Jedes Mal, wenn ich in den letzten Jahren in Delhi war, schaute ich bei Bhagwan Das vorbei. Er kannte keine zeitraubende und pompöse Etikette. Ein Anruf genügte und der Termin war ausgemacht. Besucher wurden im Wohn- und Arbeitszimmer empfangen, das von oben bis unten mit Büchern gefüllt war, meist juristischen Inhalts. Wir kamen auch immer sofort zur Sache. Immer ging es um die Situation der Dalits, die Buddhistische Bewegung, die Menschenrechtssituation. Für viele Akademiker und Aktivisten ist er Inspiration und Auskunftsquelle gewesen, so auf deutscher Seite für Walter Hahn, den Koordinator der Plattform Dalit Solidarität, für den Sozialwissenschaftler Martin Fuchs und für den Indologen Heinz Werner Wessler.


Internationalisierung

Bhagwan Das großes Verdienst ist es, die Dalit-Problematik internationalisiert zu haben. Als Buddhist war er Gründungsmitglied der World Conference of Religions for Peace (WCRP), die 1969 in Kyoto ins Leben gerufen wurde und sich alle vier Jahre traf. Es war schon Ambedkars Anliegen gewesen, die Dalit-Problematik aus einer rein nationalen Perspektive herauszuholen und in einen weltweiten Kontext zu stellen, doch fehlte ihm die richtige Bezugsgruppe. Ambedkar hatte die Dalits mit den Sklaven des römischen Reichs und mit den Schwarzen der amerikanischen Ghettos verglichen. Doch waren diese Vergleiche zu ungenau. Bhagwan Das hingegen legte eine Wunde der japanischen Gesellschaft frei, als er 1979 auf einer Konferenz des WCRP in Princeton die Lage der Dalits in Indien mit der Situation der Burakumin in Japan verglich. Die Burakumin mussten in der traditionellen japanischen Gesellschaft in gesonderten Stadtteilen wohnen, ihnen wurden die dreckigen Arbeiten der Abfallbeseitigung und der Kadaververwertung übertragen, sie waren von Bildung ausgeschlossen und galten als unrein. Diese Situation ist der der Dalits sehr ähnlich.


Im August 1983 legte Bhagwan Das, unterstützt von einer Reihe von Dalit-Organisationen, vor der United Nations Subcommission on Human Rights in Genf über die immer noch bestehende Diskriminierung der Dalits Zeugnis ab. Das widersprach der offiziellen indischen Darstellung, die behauptete, dass die durch den Verfassungstext und durch mehrere Ausführungsgesetze verbotene Diskriminierung von Dalits eine Angelegenheit der nationalen Rechtsprechung und damit eine interne Angelegenheit Indiens sei. Bhagwan Das spielte auch eine führende Rolle in der Internationalen Dalit-Konferenz in Kuala Lumpur (Malaysia) im Jahre 1998, die als ein Vorläufer der „Weltkonferenz gegen Rassismus“ in Durban (Südafrika, 31.8.-7.9.2001) angesehen werden kann.


Bhagwan Das ist auch mit den Anfängen der deutschen Dalit-Solidaritätsbewegung eng verbunden. Im Jahre 1993 wurde unter der Ägide der Friedrich-Naumann-Stiftung in Bonn eine Tagung der evangelischen und katholischen Hilfswerke zur Situation der ehemaligen „Unberührbaren“ in Indien einberufen. Dazu waren Dalit-Vertreter der Christen, Muslime, der Sikhs und der Buddhisten eingeladen worden. Während dieser Tagung, bei der Bhagwan Das die Buddhisten vertrat, kam es zur Gründung der Dalit Solidarity People, ein erster indischer Zusammenschluss mit Unterstützung der internationalen Gemeinschaft. Das sollte das Muster für nachfolgende Vernetzungen werden, darunter als Höhepunkt die Gründung des „Internationalen Dalit Solidaritäts-Netzwerks“ (IDSN) 2000.


Im Jahre 2001, drei Jahre nachdem innerhalb Indiens die „Nationale Kampagne für die Menschenrechte der Dalits“ (NCDHR) gegründet worden war, kam es schließlich zur Gründung der deutschen Plattform Dalit Solidarität, die zunächst bei dem evangelischen Hilfswerk Brot für die Welt angesiedelt war, und die inzwischen eine dauerhafte Institution ist. Die zentralen Personen bei der Gründung der Kampagne wie Ruth Manorama, S.K.Thorat oder Martin Macwan trugen damit die Flamme von Bhagwan Das weiter.


Bhagwan Das wichtigste Buchpublikation ist eine Art fiktionale Sozialgeschichte der Straßenkehrer in Hindi unter dem provokativen Titel Main Bhangi hum (Ich bin ein Bhangi). In diesem Buch schildert er in aufwühlender Form, wie die Bhangis über Jahrtausende unterdrückt, von ihrem Land vertrieben und durch Kriege und Verwüstungen heimatlos gemacht wurden. Als an den Rand der Gesellschaft gedrängte Gemeinschaft, so will Bhagwan Das zeigen, haben sie dennoch ihren Stolz und ihren eigenen Ethos behalten. Der wurde ihnen erst durch die Reinheitskampagnen (shuddhi) des Arya Samaj genommen, der versuchte, sie in einem gereinigten und konformen Hinduismus unterzubringen und sie damit ihrer Aufmüpfigkeit zu berauben. Diese Vereinnahmung der nun „Valmikis“ genannten Lal Beghis sollte sie an eine brahmanische Tradition anbinden. Dagegen geht Bhagwan Das mit allen seinen Argumenten vor und sieht für die Bhangis das Heil in einem von Ambedkar geprägten sozial emanzipatorischen Buddhismus.


2005 lud der langjährige Koordinator der Plattform Dalit Solidarität Walter Hahn Bhagwan Das zur Jahrestagung nach Bonn ein. Daran schloss sich ein Vortrag in der Bonner Indologie an – ein für Bhagwan Das bewegendes Erlebnis, denn in Bonn hatte sich im Jahre 1921 Babasaheb Dr. Ambedkar zum Studium der Volkswirtschaft eingeschrieben – unter anderem mit der Intention, bei dem damals berühmten Indologen Hermann Jacobi Sanskrit zu studieren, was ihm in Indien als Dalit verwehrt war. Dass daraus nichts wurde, weil er weder die Zeit, noch das Geld für ein solches Studium hatte, ist eine andere Sache (vgl. Südasien 3-2010).


Bhagwan Das war beeindruckt von den im Universitätsarchiv erhaltenen Dokumenten zu Ambedkars Zeit in Bonn, unter anderem ein handgeschriebener Brief in deutscher Sprache. Er freute sich auch, die Räumlichkeiten der Abteilung für Indologie zu sehen und ging staunend an der großen Sammlung von Sanskrit-Texten in der Bibliothek vorbei. Ein Besuch im Bonner „Haus der Geschichte“ ließ uns das Thema der Erinnerungskultur anschneiden – bislang gibt es nur wenige Museen und kaum Erinnerungsstätten der Unterdrückung der Dalits in Südasien und zur Geschichte der Dalit-Emanzipationsbewegung.


Schon 2005 war zu spüren, dass die Kräfte des langjährigen Kämpfers für die Menschenrechte der Dalits langsam nachließen. Auch im hohen Alter blieb er schlank und rank und hörte nicht auf, in aller Frühe aufzustehen und zu arbeiten. Von Ruhestand wollte er nichts wissen, stattdessen war er immer noch voller Pläne vor allem für weitere Publikationen, ging regelmäßig zu Veranstaltungen in dem von ihm mit gegründeten Panchasheela Institute in seinem Ortsteil Munirka und empfing Freunde, Journalisten und Wissenschaftler in seinem bescheidenen Arbeitszimmer. Manches Projekt blieb unvollendet, unter anderem eine angekündigte Fortsetzung seiner fiktionalen Geschichte der Bhangis. Die Publikation seiner Memoiren unter dem Titel In Pursuit of Ambedkar durfte er dagegen noch erleben. Einige Monate später, am 18. November 2010, starb mit Bhagwan Das einer der letzten, die Babasaheb Dr. Ambedkar noch persönlich kannten und direkt von ihm inspiriert waren.

Südasien 4/2010-1/2011