Franziska Koch
Die dunkle Seite der Modebranche
Covid-19-Maßnahmen schleifen Menschenrechte

Im Zuge der Bekämpfung der Corona-Pandemie häufen sich die Nachrichten, dass weltweit Grundrechte eingeschränkt werden, die sich nicht mit medizinischen Erfordernissen begründen lassen. Die Regierung in Sri Lanka gehört zu denen, die am liebsten Schweigen verordnet und darüber hinaus ihre ureigensten Sorgfaltspflichten verletzt.

Der Covid-19-Ausbruch Anfang Oktober in einer Textilfabrik der Firma Brandix in Sri Lanka hat die mediale Aufmerksamkeit lokaler Medien auf die katas-trophalen Arbeitsbedingungen in der globalen Modeindustrie gelenkt. Die unerbittlich steigende Nachfrage aus dem Westen nach billiger modischer Kleidung setzt die lokalen Fabriken auch in Zeiten der Pandemie unter Druck, ihren Verträgen mit internationalen Bekleidungsunternehmen nachzukommen.

 

Arbeits- und Wohnbedingungen der Textilarbeiter/-innen

 

Hatte Sri Lanka im März und April dieses Jahres mit sehr harten Maßnahmen – wie etwa landesweiten Ausgangssperren, Unternehmens- und Schulschließungen – das Infektionsgeschehen epidemiologisch gut unter Kontrolle gebracht, fällt eine Mehrheit der mittlerweile bestätigten Fälle und Todesopfer in den Zeitraum der letzten acht Wochen.1 Das größte aktive Cluster an Covid-19 positiv getesteten Fällen befindet sich im Distrikt Gampaha. Allein 1000 der 1400 Beschäftigten der Brandix-Fabrik in Minuwangoda – etwa 40 Kilometer nördlich der Hauptstadt Colombo gelegen – wurden positiv getestet. Die Covid-19-Pandemie zeigt deutlich die Missstände in den Arbeits- und Wohnbedingungen der Textilarbeiter/-innen und Tagelöhner/-innen auf: Viele müssen ohne angemessene Schutz- und Hygienemaßnahmen arbeiten. Sie werden nachdrücklich angehalten, am Arbeitsplatz zu erscheinen, auch wenn sie sich krank fühlen. Da sie keine Kompensation, wie etwa Krankengeld oder Ausfallzahlungen, erhalten, erscheinen sie. Auch in den fabriknahen Wohnheimen, in denen viele Arbeiter/-innen auf eigene Kos-ten untergebracht sind, ist es kaum möglich, die Abstands- und Hygienevorschriften einzuhalten. 

 

Brandix ist einer der größten Bekleidungshersteller in Südasien und beschäftigt weltweit über 55.000 Mitarbeiter/-innen. Allein in Sri Lanka betreibt Brandix insgesamt 27 Fabriken und beliefert internationale Marken wie M&S, Victoria‘s Secret, Calvin Klein und GAP. Berichten zufolge sollen Ausbruch und Verbreitung in der Brandix-Fabrik auf grobe Fahrlässigkeit des Unternehmens zurückzuführen sein. Die Unternehmensführung soll Präventivmaßnahmen, wie Temperaturkontrollen und das konsequente Tragen einer Alltagsmaske, vernachlässigt und die Arbeiter/-innen trotz Anzeichen einer Corona-Erkrankung nur an den Betriebsarzt verwiesen haben. Dieser stellte mit Medikamenten sicher, dass die Arbeiter/-innen in die Produktion zurückkehren konnten. 

 

Zwangseinlieferung in militärisch geführte Quarantänelager

 

Der Standort der Brandix-Fabrik grenzt an die älteste Freihandelszone Sri Lankas, Katunayake. Dort sind insgesamt etwa 50.000 Arbeiter/-innen beschäftigt. Ende Oktober wurde das gesamte Gebiet unter Quarantäne gestellt. Augenzeug(inn)en berichteten, dass etwa 20.000 vermutete oder bestätigte Covid-19-Infizierte gewaltsam mit Bussen in Quarantänezentren gebracht worden seien. Sie waren ohne Vorwarnung aus ihren Häusern geholt oder zur Selbstquarantäne und Selbstisolation in Wohnheimen und Pensionen aufgefordert worden. Sie hatten keine ausreichende Zeit, ihre wichtigsten Utensilien in Sachen Gesundheit, Hygiene und Lebensmittel zu besorgen. Den Quarantänezentren, die unter haftähnlichen Umständen durch das Militär geführt werden, mangelt es ihrerseits an einer hinreichenden Gesundheits-, Hygiene- und Nahrungsmittelversorgung. Die von der Regierung bereitgestellten Hilfsmaßnahmen sind qualitativ und quantitativ unzureichend. Die Arbeiter/-innen sind unter den beengten Umständen der Quarantänezentren natürlich einem erhöhten Risiko einer Corona-Infektion ausgesetzt. Außerdem stehen keine ausreichenden Testkapazitäten zur Verfügung. 

 

Zitat einer Arbeiterin, die am frühen Morgen des 12.10.2020 gegen ihren Willen in ein staatliches Quarantänecenter gebracht wurde:

“The military came in the middle of the night and gave us only 10 minutes to pack our essentials and get onto the bus. The military told us not to delay them, because they had been having sleepless nights and were very tired. ‘We have no time to check. We are overworked’, they told us. I had just received my negative PCR test zwo days ago, but I wasn’t even given the chance to tell them this. They didn’t allow anyone to speak! They just herded us into buses and took us away.”2

 

Den Beschreibungen der Betroffenen und ihrer Unterstützer/-innen nach zu urteilen, erfüllen die erzwungene Isolation und Inhaftierung durchaus den Tatbestand der unmenschlichen und erniedrigenden Behandlung laut Artikel 7.1 des Internationalen Pakts über zivile und politische Rechte (Zivilpakt). Aktivist(inn)en haben bei der Menschenrechtskommission Sri Lankas eine Beschwerde eingereicht, dass einige Arbeiter/-innen gegen ihren Willen in staatliche Quarantänezentren gebracht wurden. Diesen Umstand dementieren die Behörden. Der Armeechef, der das nationale Operationszentrum für die Prävention von Covid-19 leitet, sagte, dass die Truppen zur Durchführung „präventiver Evakuierungen“ eingesetzt würden.

 

Der Mangel an Informationen, unhygienische Quarantäneeinrichtungen und das Versäumnis systematischer PCR-Tests vor der Zwangsevakuierung der Beschäftigten in Bussen oder bei der Einfahrt in die Zentren stellen zudem einen klaren Verstoß gegen die staatlichen Covid-19-Bestimmungen dar. Gewerkschaften hatten zwischenzeitlich versucht, die Situation in den Quarantänezentren und Wohnheimen mit eigenen Mitteln zu verbessern. Sie stießen jedoch auf den Widerstand des Militärs. So fordern sie den Staat auf, ausreichende Rationen von lebensnotwendigen Gütern und Medikamenten sicherzustellen, Ausfallprämien an alle Arbeitnehmer/-innen durch die Unternehmen zu zahlen und regelmäßige PCR-Tests durchzuführen. Zahlreiche Berichte von Arbeiter/-innen deuten jedoch darauf hin, dass die Hilfsmaßnahmen der Unternehmen und der Regierung weiterhin nicht in ausreichendem Maße ankommen. 

 

Händewaschen in Unschuld

 

Brandix hat die betroffene Fabrik in Minuwangoda mittlerweile geschlossen und lässt offiziell erklären, alle verbindlichen Regierungsbestimmungen im Zusammenhang mit Covid-19 befolgt zu haben. Die internationalen Mode-Label stellen sich hinter ihren Zulieferer und weisen jegliche Verantwortung für die Versorgung der Arbeiter/-innen von sich. Calvin Klein betonte, dass das Unternehmen von allen Zulieferern erwartet, sich an die Richtlinien und Bestimmungen der Regierung zu halten. M&S beteuerte, alle Schritte unternommen zu haben um sicherzustellen, dass die Lieferanten Maßnahmen zum Schutz der Arbeiter/-innen umsetzen – wie etwa Abstandsregeln, Hygienepraktiken, die Bereitstellung angemessener Schutzausrüstung und zusätzliche Aufklärungsmaßnahmen über das Virus. Victoria‘s Secret ließ in einem Statement verlauten, ihrem langjährigen Partner Brandix zu vertrauen, die Situation angemessen zu regeln.

 

Brandix hat inzwischen eine interne Untersuchung der Vorfälle eingeleitet und versichert, dass kranke oder sich in Quarantäne befindliche Arbeiter/-innen eine Kompensationszahlung erhalten sollen. Nach Aussage von Brandix sei aber jede Fabrik selbst dafür verantwortlich, die Arbeiter/-innen mit den notwendigen Hilfsmaßnahmen zu versorgen. Der Generalstaatsanwalt Sri Lankas will die Anschuldigungen gegen Brandix prüfen und klären, ob die offensichtliche Ausbreitung der Krankheit von der Brandix-Fabrik in Minuwangoda hätte verhindert werden können, da sie „Menschenleben gefährdet“ habe. 

 

Zur Autorin

Franziska Koch koordiniert das Netzwerk Sri Lanka Advocacy.

 

Endnoten

1 Siehe https://Covid19.gov.lk/Covid-19-stats.html.

2 „Das Militär kam mitten in der Nacht und gab uns nur zehn Minuten, um unsere wichtigsten Sachen zu packen und in den Bus zu steigen. Das Militär sagte uns, wir sollten sie nicht aufhalten, da sie schlaflose Nächte gehabt hätten und sehr müde seien. ‚Wir haben keine Zeit, um nachzusehen. Wir sind überlastet‘, sagten sie uns. Ich hatte gerade vor zwei Tagen meinen negativen PCR-Test erhalten, aber ich hatte nicht einmal die Möglichkeit, ihnen dies mitzuteilen. Sie ließen niemanden zu Wort kommen! Sie trieben uns einfach in Busse und brachten uns weg.“ Das Zitat und weitere Dokumentationen mussten aus dem Gelände geschmuggelt werden – Anm. d. Red.

Südasien 4/2020