Theodor Rathgeber
Editorial Südasien 1/2021

Liebe Leserinnen und Leser,

 

der Schwerpunkt im ersten SÜDASIEN-Heft in diesem Jahr – die Frage nach dem Schachbrett – stößt nicht nur in der Fachliteratur auf große Resonanz. Artikel allein zu Chinas Neuer Seidenstraße in der Region Südasiens sind unüberschaubar. Im Vergleich zu anderen Schwerpunktausgaben in der Vergangenheit erfreute sich das Thema auch in unserer hauseigenen Autor(inn)enschaft eines regen Interesses. Auch wenn vieles in anderen Fachzeitschriften gesagt ist, bündelt der Schwerpunkt wesentliche Aspekte zu einer Gesamtschau, in der die Antwort auf die Fragestellung nochmals zugespitzter ausfällt und die Ambivalenz im Verhältnis zwischen Südasien und China einprägsam zum Ausdruck kommt. Wie im Schachspiel ist das Ende offen, unbeschadet einer günstigeren Figurenstellung auf Seiten Chinas. Das Ergebnis in dieser Ausgabe knüpft an die Gesamtschau zur Militärstrategie in Heft 4-2020 und die dort analysierten, informellen Balancen an.

 

In der Rubrik Gegenwartsliteratur befasst sich ein Text mit der Perspektive des urbanen Raums aus Sicht der Unterprivilegierten. Eigentlich kommen die Autorinnen zu einer banalen Feststellung, dass in einer Stadt, die nicht nur aus Reichen und beständigen Neuanschaffungen bestehen kann, immer etwas repariert und instand gehalten werden muss. Allein der veränderte Blick jedoch, dass solche Fähigkeiten Ausgangspunkt einer Zukunftsplanung für urbane Räume in Südasien sein können, und worauf besonders zu achten wäre, erlaubt einen erfrischenden Ausblick.

 

Ebenso erfrischend einmal mehr, darauf hingewiesen zu werden, wie viel uns Südasien, im konkreten Fall Indien, bei der kritischen Aufarbeitung und Debatte zur Verfassung unserer eigenen Gesellschaft sagen kann. Dies zuzulassen, da hapert es bei uns, gerade auch in intellektuellen Kreisen doch erheblich. Der Dünkel der Erhabenheit gegenüber anderen in Sachen Werte wird in Teilen noch nicht einmal wahrgenommen. Um ehrlich zu sein, auch der Redakteur hielt an der einen und anderen Stelle des Interviews nachdenklich inne, etwa bei anscheinend tief verwurzelten Stereotypen.

 

Eine Umkehrung des Blicks bei der Frage, was heißt eigentlich systemrelevant, ermöglicht der Aufsatz über die Wanderarbeit in Indien. Die Blickumkehr könnte aber genauso gut in vielen anderen Ländern, auch für Deutschland und Europa mit den Systemen der Vertrags- und Leiharbeit vorgenommen werden. Auch hier ist der Weg noch lang, bis Staat und Gesellschaft ihnen den gebührenden Platz einräumt.

 

Kritisch ausgeleuchtet werden die Reaktionen der Regierungen in allen Staaten Südasiens auf verschiedene Situationen – nicht, weil wir alles besser wissen, sondern weil (Hundert-) Tausende in den Ländern ihre Kritik vortragen und sie in dieser Zeitschrift eine Plattform dafür vorfinden. Indiens Regierungen halten sich viel auf die Berücksichtigung des ländlichen Raums zugute. Aktuell, und besonders im Licht der Proteste der Bäuerinnen und Bauern, kommt der Staat jedoch allenfalls in der klassischen Rolle des Stiefvaters daher.

 

Schleichend und erschreckend entwickelt sich in Indien die Kriminalisierung des Protests. Das Strafgesetzbuch und ein schlichtes Verwaltungsgesetz zur Registrierung von Nichtregierungsorganisationen führen zu einer merklichen Selbstzensur nicht nur in Indien. Es ist inzwischen gar nicht mehr so selten, dass Veranstaltungen in Deutschland zu einem kritischen Thema in Indien immer weniger Veranstalter finden, da Nachteile für Partnerorganisationen in Indien befürchtet werden. 

 

Mit einer gewissen Wehmut redigierten wir die Berichte zu Nepal und Sri Lanka. Wie viel Hoffnung floss in die vorübergehenden, reformorientierten politischen Verhältnisse, und wie brüchig erweisen sie sich inzwischen – bis hin zur Posse. 

 

Bangladesch feiert in diesem Jahr seinen 50. Gründungstag. Wir werden diesen Jahrestag in allen vier Ausgaben behandeln. Auch hier wird die Kluft zwischen heutigem Alltag und den Visionen der Freiheitskämpfer eher größer. Erdrük-kend die Situation auf den Malediven, wo eine reformorientierte Regierung durch die Schuldenlast des Vorgängers in ihrem Handlungsspielraum entscheidend gehemmt wird. Der Inselstaat hätte eine engagierte Unterstützung westlicher Staaten verdient.

 

Mit Sugathakumaris Tod betrauern wir den endgültigen Abschied von einer großen Poetin und leidenschaftlichen Verteidigerin der Umwelt. 

 

Es ist ein ziemlich umfangreiches Heft geworden. Ich hoffe, der Umfang ist für Sie, werte Leser/-innen auch gehaltvoll. Wir haben den Hinweis aus Heft 4-2020 zumindest ein Stück weit beherzigt und dem Aspekt Lesevergnügen grossen Raum gewährt. Lassen Sie sich mitnehmen in das diesjährige Gambit zu Südasien.

 

Theodor Rathgeber