Nausheen H. Anwar, Malini Sur
Reparieren und Instandhalten
Armutsgerechte Zukunft in Städten Südasiens

Die großen Städte in Südasien verwandeln sich in Metropolregionen. Zukunftsszenarien benutzen für den Ausblick häufig Vokabeln wie Zusammenbruch und Chaos. Das ist nicht grundsätzlich falsch, aber beleuchtet nur einen Teil des Möglichen. Einen anderen Blick auf die Zukunft werfen die Autorinnen, die dafür mit der Lupe in Milieus unterwegs sind, von denen selten Zukunft erwartet wird.

Schon möglich, dass die Urbanität in Südasien für viele ihrer Bewohner/-innen auch in der Zukunft ein ständiges Desaster, eine endlose Katastrophe darstellen wird. Es gibt sie aber schon heute und auch in der Zukunft: Die männlichen und zunehmend weiblichen Handwerker, Reparateure und Stadtpfleger. Ihre Reparaturen und Instandhaltungen der alltäglichen Pannen, Unterbrechungen und Ausfälle formen die Urbanität und ihre Transformation ebenso, nur nicht so spektakulär wie andere. 

 

Natürlich muss dabei von informellen Beschäftigungs- und Lebensverhältnissen gesprochen werden. An deren kritikwürdigen, prekären Umständen ist nichts zu beschönigen. Das heißt aber keineswegs, dass aus diesem Bereich keine Beiträge zur zukünftigen Urbanität zu erwarten wären – im Vergleich zu den blendenden Versprechungen einer von Mühen befreiten Moderne in offiziellen Planungen. Ohne jede Romantik gegenüber Armut: Offensichtlich bewegen sich die Protagonist(inn)en in Räumen mit fragilen Infrastrukturen, die sie in Funktion, am Leben halten. In den Beispielstädten Kolkata, Karatschi und Mumbai versuchen sie, die Bürden eines belastenden Alltags von den zerbrechlichen Beziehungen im sozialen Miteinander so weit wie möglich fernzuhalten. Möglicherweise sind solche Soft Skills für die Zukunft einer als lebenswert empfundenen Stadt sogar entscheidend.

 

Was Städte am Leben hält

 

Schon seit längerem richtet sich in der Wissenschaft die Aufmerksamkeit auf den Aspekt der Instandhaltung als grundlegendes Element allein für das Funktionieren einer Gesellschaft. In der Anthropologie und Geografie entstand seit der Jahrtausendwende eine reichhaltige Forschung, die spektakuläre urbane Zukunftsentwürfe1 ebenso wie die alltäglich profane Funktionsweise von Infrastrukturen2 in den Vordergrund stellt. Unser Sammelband erweitert diese Forschungen, indem wir die einzelnen Tätigkeiten als unorganisierte Netzwerke kombinieren, etwa von Fahrrad- und Baumaschinenreparateuren, bei der Müllverwertung oder bei Beschäftigten im Gesundheitswesen – die alle zur sich verändernden urbanen Landschaft beitragen. 

 

Anhand des Bereichs Reparatur- und Instandhaltung werten wir städtische Infrastrukturen neu aus, die eher unsichtbar sind oder als belanglos erachtet werden. Wir forschen nach den Beziehungen zwischen Händlern, Ladenbesitzern, Mechanikern, Lastenradfahrern oder Routinen der Bereitstellung lebenswichtiger Dienste wie Wasser oder Impfstoffe. Alle Beteiligten sind Teil der städtischen armen Bevölkerung und durch ihre Armut gezwungen, für sich selbst zu sorgen. Die Staats- und Stadtführung scheint dazu nicht in der Lage. Automatisch geraten wir dadurch an die Orte der Unzufriedenheit und des Misstrauens – und entdecken den Wert der Verwandtschaft, nachbarschaftlicher Bünde und anderer dichter sozialer, auch spontan affektiver Beziehungen. Beziehungen, die als selbstverständlich gelten und doch aktiv unterhalten oder wiederhergestellt werden müssen. Gegenseitige Verpflichtungen und Vereinbarungen haben in Südasien im Übrigen eine lange Geschichte. Bemerkenswerterweise positionieren sich diese vermeintlich vormodernen „Systeme“ ständig neu in Bezug auf die Kreisläufe der kapitalistischen Extraktion.

 

Historisch gesehen waren Kolkata, Karatschi und Mumbai im 18. und 19. Jahrhundert wichtige Hafenstädte sowie Tore für Handel und Eroberung in Britisch-Indien. Die Teilung des indischen Subkontinents und der allmähliche Niedergang des traditionellen Seehandels bestimmte das postkoloniale Dilemma dieser Städte. Der Aspekt des Niedergangs im weltweiten Handelsnetz wurde teilweise von Immobilienbooms aufgefangen, prägte die Anziehungskraft der Urbanität allerdings eher bei Menschen aus dem Landesinneren. Jede dieser Städte ist auf ein dichtes Netz von großen und kleinen, öffentlichen und privaten Infrastrukturen angewiesen, um zu funktionieren. 

 

Das tägliche Leben der arbeitenden armen Bevölkerung besteht aus Behelfsarrangements, es sind prekäre, instabile Existenzen. Dessen unbeschadet werfen unsere Studien einen Blick auf Konstellationen, unter denen neue urbane Verbindungen in südasiatischen Städten teilweise buchstäblich neu geschmiedet werden. Unsere Studien verweisen auf die vielfältigen Praktiken des Lebensunterhalts der lokalen Akteure und Akteurinnen, die aus historischen, räumlichen und soziopolitischen Kontexten entstanden sind. Wir gehen an Orte der Reparatur, der urbanen Armenviertel, der lokalen Märkte, Werkstätten und Müllverwertungszentren. Orte, an denen Körper, Materialien und Beziehungen aller Art das Leben in der Stadt nachhaltig gestalten.

 

Eine Position des „Südens“

 

Methodisch gesehen nehmen wir eine erste Blickveränderung dadurch vor, indem wir etwa bröckelnde Betonbrücken oder wiederkehrende Ausfälle in der Versorgung von Wasser, Strom und anderen öffentlichen Gütern oder Diensten, die in allen südasiatischen Städten omnipräsent sind, nicht ausschließlich als Ausdruck eines Zusammenbruchs einordnen. Indem wir die alltäglichen Elemente von Reparatur und Wartung mit hinzunehmen, kommen wir zu Beobachtungen, dass diese Tätigkeiten einen produktiven Beitrag zur Stadtgestaltung leisten. Es handelt sich um urbanes Wissen mit spezifischen räumlichen Praktiken und mechanischen Bestandteilen, die das alltägliche Leben in den Städten mitbestimmen. Und nicht nur die Reparatur oder die Instandhaltung selbst, sondern beispielsweise auch die Verhandlungen um eine Instandhaltung oder die Preisgestaltung für Reparatur- und Wartungsarbeiten. Auch wenn sie anderes erstreben: Arbeiter/-innen in informellen Verhältnissen verfügen über ein Wissensreservoir zum Überleben unter Bedingungen begrenzter Lohnarbeit und bei fragilen Existenzsicherungssystemen. Diese Umstände werden so schnell nicht verschwinden und sollten nach Potenzialen abgefragt werden, in denen die Handelnden die Rolle eines Subjekts einnehmen können. 

 

Der Begriff des Informalen beschreibt den wichtigen Aspekt einer reduzierten sozialen Ökonomie. Methodisch birgt eine darauf konzentrierte Erforschung des Lebensalltags allerdings das Risiko, allein die Reduzierung und die Abhängigkeit der Handelnden in den Vordergrund zu stellen.3 In unseren Studien erforschen wir die verschiedenen, teilweise innovativen Bemühungen um einen lebensfähigen Lebensunterhalt in Anlehnung an den Begriff der „populären Ökonomie“, also Volkswirtschaft im eigentlichen Sinn.4 Ein solches Unterfangen ermöglicht es, solche Aspekte aufzuspüren, in denen die Handelnden an größeren Kreisläufen des gesellschaftlichen Lebens teilnehmen, dadurch aktiver Bestandteil einer öffentlichen Infrastruktur sind und auf die Gestaltung dieser Infrastruktur wiederum Einfluss nehmen. Dieses Wissen macht Städte im globalen Süden nicht allein für Wohlhabende funktional. Indem wir Praktiken der Reparatur und der Instandhaltung in den Mittelpunkt vergleichender Darstellungen südlicher Urbanität stellen, schlagen wir neue Wege vor, über urbane Arbeit, Freizeit, Dienstleistung oder die Bereitstellung öffentlicher Güter so nachzudenken, dass die unmittelbaren Handelnden sichtbar werden.5

 

Aus dem Englischen übersetzt
und bearbeitet von Theodor Rathgeber

Zu den Autorinnen

Nausheen H. Anwar (links) ist Professorin für Stadt- und Regionalplanung an der School of Economics & Social Sciences in Karatschi sowie Direktorin am Karachi Urban Lab (KUL). 

 

Malini Sur (rechts) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institute for Culture and Society der Western Sydney University und lehrt dort Anthropologie. 

 

Texthinweis

Der umfangreichere Originaltext erschien bei Economic and Political Weekly (EPW), Vol. 55, Ausgabe 51, am 26. Dezember 2020 unter dem Titel Keeping Cities in Motion.

 

Endnoten

1 Brian Larkin: The Politics and Poetics of Infrastructure, in: Annual Review of Anthropology, Vol 42, 2013, S. 327–43, ebenso Christina Schwenkel: Spectacular Infrastructure and Its Breakdown in Socialist Vietnam, in: American Ethnologist, Vol 42, Nr. 3, 2015, S. 520–34.

2 Stephen Graham, Nigel Thrift: Out of Order: Understanding Repair and Maintenance, in: Theory, Culture & Society, Vol 24, Nr. 3, 2007, S. 1–25, ebenso Nikhil Anand: Hydraulic City: Water and the Infrastructures of Citizenship in Mumbai, Duke University Press, Durham, 2017.

3 Eine schon frühe Kritik von Jan Breman: A Dualistic Labour System? A Critique of the ‘Informal Sector’ Concept: II: A Fragmented Labour Market, in: Economic & Political Weekly, Vol 11, Nr. 49, 1976, S. 1939–1944.

4 AbdouMaliq Simone: Contests over Value: From the Informal to the Popular, in: Urban Studies, Vol 56, Nr. 3, 2019, S. 616–619, siehe auch AbdouMaliq Simone, Edgar Pieterse: New Urban Worlds: Inhabiting Dissonant Times, John Wiley & Sons, London, 2017.

5 Gautam Bhan: Notes on a Southern Urban Practice, in: Environment & Urbanisation, Vol 31, Nr. 2, 2019, S. 639–654, siehe auch Nikhil Anand 2017, op.cit., Fußnote 2.

Südasien 1/2021