Fabian Falter
Indien und China: Impfdiplomatie
Im Kampf um internationalen Einfluss

Als „Schmetterlingseffekt“ (butterfly effect) bezeichnet man die Untersuchung, wie sich kleine Änderungen an einem Grundstock auf die langfristige Entwicklung eines großen Systems auswirken. Wie etwa der Flügelschlag eines Schmetterlings auf das Klima. In der heutigen Zeit der Corona-Pandemie setzen Indien und China auf einen speziellen „Schmetterling“, um ihre diplomatischen Beziehungen mit anderen Staaten zu verbessern: Impfstoff.

Ein Schmetterlingsschlag war beispielsweise die Freundschaft eines US-amerikanischen und eines chinesischen Tischtennisspielers Anfang der 1970er-Jahre, um diplomatische Beziehungen zwischen den USA und der Volksrepublik China in Gang zu setzen. Dieser als „Ping-Pong-Diplomatie“ bekannt gewordene Schmetterlingseffekt war in China allerdings nichts Neues. Bereits im 7. Jahrhundert unserer Zeit hatte China ein Panda-Paar zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen nach Japan übersandt. Diese „Panda-Diplomatie“ setzte sich bis heute weltweit erfolgreich fort. 

 

Während die EU in einem „Impf-Desaster“ versinkt und sich heftig über die Besorgung und Verteilung von Impfstoffen gegen das Coronavirus streitet, begann Indien am 20. Januar 2021 mit seiner von Premierminister Modi als vaccine maitri (Impf-Freundschaft) betitelten Kampagne. In den ersten Tagen wurden etwa fünf Millionen Dosen an Nachbarländer und Länder in der Region geschickt: Bangladesch, Nepal, Bhutan, Sri Lanka, die Malediven, Mauritius, Myanmar, Bahrain und die Seychellen. Es folgten Länder, in denen eine signifikante indisch-stämmige Minderheit lebt – wie Kambodscha oder die Mongolei, die nebenbei als von China beeinflusst gelten. Indien beteiligte sich außerdem am WHO-Programm COVAX, das weltweit Impfdosen für ärmere Länder zur Verfügung stellen soll. Darüber, wie viele Impfdosen bis Ende Februar verschickt wurden, gibt es unterschiedliche Angaben. Seriös scheint die Einschätzung zu sein, dass Indien etwa 30-35 Prozent der Lieferungen kostenlos zur Verfügung stellte und 65-70 Prozent verkaufte.

 

Führender Vakzin-Hersteller

 

Indiens inländische Impfkampagne begann am 16. Januar 2021. In einem ersten Schritt sollen bis Ende Februar alle medizinischen Fachkräfte geimpft worden sein. Am 7. März zeigte der täglich aktualisierte Impfticker des Gesundheitsministeriums einen Stand von über 20 Millionen Impfungen an (https://www.mohfw.gov.in). Indien verfügt zweifelsohne über die wissenschaftlichen und technologischen Ressourcen, um riesige Mengen Impfstoff herzustellen. Bereits dem ersten Premierminister Nehru schwebte in den 1950er-Jahren eine Führungsrolle Indiens auf dem Bereich der Medizintechnik und -forschung vor. Schritt für Schritt entwickelte sich Indien dann zur „Apotheke der Welt“. Einen großen Anteil daran hatte die Herstellung von Generika. Dies erzürnte zwar die großen Pharmakonzerne, ermöglichte es aber, ärmere Länder mit wichtigen Medikamenten etwa zur Bekämpfung von HIV oder Impfstoffen gegen Masern und Polio zu versorgen. Das 1966 von Cyrus Poonawalla – einem Parsen – gegründete Serum Institute of India (SII) in Pune ist der weltgrößte Vakzin-Hersteller mit einer Kapazität von etwa 1,5 Milliarden Impfdosen pro Jahr.

 

Das SII steht auch im Mittelpunkt der vaccine maitri-Kampagne, denn es produziert den AstraZeneca-Impfstoff, der in Indien Covishield heißt. Nach eigenen Angaben erreicht SII derzeit eine Kapazität von 2,5 Millionen Dosen am Tag. Covishield ist überwiegend auch der Impfstoff, der exportiert wird. Der zweite Impfstoff aus Indien, Covaxin, wurde vom Indian Council of Medical Research entwickelt und wird von Bharat Biotech in Hyderabad hergestellt. Während Covishield als sicher und schützend gilt, gab es Kritik an Covaxin: Der Impfstoff erhielt eine Notfallzulassung, obwohl die klinischen Tests noch nicht abgeschlossen waren. Daraufhin wurden Zweifel an der Wirksamkeit des Impfstoffes laut. 

 

Chinas Health Silk Road

 

Zweifel gibt es auch an den Impfstoffen aus China, das seine Vakzine überwiegend im Ausland getestet hat. Im Januar berichteten Medien, der in Brasilien getestete Impfstoff CoronaVac des Herstellers Sinovac Biotech sei in Studien nur zu gut 50 Prozent wirksam gewesen. Auch bei den Tests des Impfstoffes Convidecia des Herstellers CanSino Biotech gab es Streitigkeiten mit anderen Ländern, unter anderem Kanada. Der Impfstoff soll aber bereits seit Juni 2020 an Militärangehörige der Volksbefreiungsarmee verimpft worden sein. Der dritte Impfstoff ist Vero des Herstellers Sinopharm. Er wurde gemeinsam mit dem Wuhan Institute of Virology entwickelt und in mehreren Ländern getestet. Es ist der einzige Impfstoff, zu dem bislang Daten veröffentlicht wurden und der als der wirksamste der drei Impfstoffe gilt. Um die Außenwahrnehmung der eigenen Impfstoffe zu stärken, veröffentlichten chinesische Medien angebliche Risiken oder Sicherheitsmängel bei den westlichen Impfstoffen. 

 

China exportiert vor allem die Impfstoffe von Sinovac und Sinopharm und geht dabei – vergleichbar Indien – ebenfalls geostrategisch vor. Auf der Liste der Abnehmer finden sich beispielsweise Pakistan, das keine Impfstoffe aus Indien bezieht, Serbien und die Türkei, die sich von der EU benachteiligt sehen, oder Mexiko und Brasilien, die sich von den USA benachteiligt fühlen. Auch zur chinesischen Health Silk Road gibt es unterschiedliche Angaben, wie viele Dosen bislang exportiert wurden. Die chinesischen Impfstoffe sind deutlich günstiger als jene von BionTech-Pfizer, Moderna oder AstraZeneca. Da China sie jedoch nicht verschenkt, wurde die „Impf-Diplomatie“ mancherorts bereits zur „Schulden-Diplomatie“ umformuliert. 

 

Unterschiedliche Strategien

 

Bei den Verkäufen ins Ausland liegen die indischen und chinesischen Impfstoffe – auch der AstraZeneca-Impfstoff aus Indien – überwiegend unter fünf US-Dollar pro Dosis und damit weit unter BioNTech-Pfizer (rund 20 US-Dollar) oder Moderna (über 30 US-Dollar). In diesem Preissegment befindet sich auch noch der russische Impfstoff Sputnik V (unter zehn US-Dollar), der in der EU und Deutschland bislang sträflich vernachlässigt wurde. 

 

Auch ist die „Impf-Diplomatie“ für Indien und China mit Risiken verbunden. Bereits im vergangenen Jahr hatte China eine großangelegte Kampagne gestartet und im Rahmen der „Masken-Diplomatie“ medizinische Ausrüstung exportiert. Mangelnde Qualität sowie selbst ausgehandelte Deals mancher findiger Geschäftsleute hatten jedoch mancherorts zu einem Imageschaden geführt. Das möchte die Regierung in Beijing dieses Mal unbedingt vermeiden, was auch die harsche Zurückweisung kritischer Berichterstattung über die Wirksamkeit der Impfstoffe belegt. In Indien werden unterdessen Forderungen laut, zunächst die eigene Bevölkerung mit Impfstoff zu versorgen. Mitte Februar entschuldigte sich der Exekutivdirektor (CEO) des Serum Institute of India, Adar Poonawalla, bereits vorsorglich bei den Partnerländern, sollte es demnächst zu Lieferengpässen kommen. Auch auf die herkömmliche Diplomatie wird noch Arbeit zukommen, um die Impulse durch die „Impf-Diplomatie“ weiterzuführen. Dabei fällt auf, dass in beiden Ländern auch interne Gründe zu dem Schritt geführt haben, Impfstoffe frühzeitig ins Ausland zu exportieren. In China gab es zum Zeitpunkt der klinischen Tests offiziell kaum mit dem Coronavirus infizierte Menschen, die die Tests hätten durchlaufen können. In Indien produzierte das SII wohl so viel Impfstoff, dass das Gesundheitssystem nicht hinterherkam, die Dosen sofort an die eigene Bevölkerung zu verimpfen. Es mussten also Überkapazitäten abgebaut werden. 

 

Indien tut sich historisch eher schwer mit ideologisch geprägten Allianzen, die ihren Ursprung nicht auf dem Subkontinent haben. Dies zeigt etwa die Initiative für die Gründung der Blockfreien-Bewegung im Kalten Krieg. Oder mit anderen Worten: Indien sieht sich als bestimmende Kraft in der Region und Vorreiter für seine Nachbarländer. Die „Impf-Diplomatie“ wird als Gelegenheit angesehen, sich durch generöses Auftreten wieder größeren Einfluss auf die Nachbarländer zu sichern sowie den in den letzten Jahren gewachsenen chinesischen Einfluss zurückzudrängen. Zudem begründet die Regierung Modi ihre Kampagne mit einer moralischen Verpflichtung zur Unterstützung ärmerer Staaten. Auch hier lassen sich wieder Bezüge zu Nehru herstellen, der eine Vorbildfunktion Indiens für den globalen Süden skiz-ierte. Auch wenn der Großteil der Impfstoffe an andere Länder verkauft und nicht verschenkt wird, wird die eigene Kampagne als Gegengewicht zu den kommerziellen Interessen des Westens und Chinas dargestellt. 

 

Die chinesische Regierung verfolgt ihrerseits eine zentralistische Staatsphilosophie in der Tradition des „Reiches der Mitte“. Hierbei wird vor allem mit einem niedrigen Preis und grossen Mengen an Impfstoff argumentiert. Neben wirtschaftlichen Interessen liegt das Hauptaugenmerk aber vor allem darauf, das Narrativ über die Pandemie zu prägen. Kritische Berichterstattung, beispielsweise zur Anfangsphase der Pandemie, wird entschieden bekämpft. Stattdessen spricht Präsident Xi von einer community of common health (Gemeinschaft zum Gemeingut Gesundheit), mit der China Vertrauen gewinnen und den eigenen globalen Führungsanspruch untermauern möchte.

 

Gegner oder Partner?

 

Eine einzige Impfdosis ist nicht der Rede wert. Die millionenfachen Exporte Indiens und Chinas weltweit haben jedoch große Auswirkungen auf den Kampf gegen das Coronavirus, die Eindämmung von Mutationen und die Weltordnung nach der Pandemie. Welche Auswirkungen dieser Schmetterlingseffekt haben wird, kann man im Frühjahr 2021 noch nicht abschätzen, da die Impfkampagnen in vielen Ländern erst anlaufen. 

 

Auf den ersten Blick scheinen sich Indien und China hierbei in einem Wettlauf um Einfluss und Absatzmärkte gegenüber zu stehen. Beide Länder begleiten ihre jeweiligen Kampagnen medienwirksam über herkömmliche Kanäle und in sozialen Medien. Dies verdeutlicht zwar die Anstrengungen beider Länder, auf der Weltbühne möglichst positiv wahrgenommen zu werden und die diplomatischen Beziehungen weltweit zu verbessern, lässt aber zum jetzigen Zeitpunkt kaum Rückschlüsse auf die Wirksamkeit der Vakzine oder die Erfolge der Impfkampagnen in den einzelnen Ländern zu. 

 

Neben der glänzenden Außendarstellung und den möglichen Risiken zeigen beide Kampagnen aber auch, dass Indien und China technologisch dazu in der Lage sind, Impfstoffe schnell in großen Mengen herzustellen und auch selbst zu erforschen. Ebenso sind sie logistisch in der Lage, diese Impfstoffe an die eigene Bevölkerung wie an das Ausland weiterzugeben. Beide Staaten haben frühzeitig zugesagt, das WHO-Impfprogramm zu versorgen, während sich westliche Regierungen noch davor scheuten. Schließlich verfolgen Indien und China ein sehr ähnliches Ziel: auf der Weltbühne als einflussreicher Faktor wahrgenommen zu werden und das „asiatische Jahrhundert“ zu prägen. 

 

 

Zum Autor

Fabian Falter ist Vorstandsmitglied des Südasienbüro e.V. und hat sowohl in Indien als auch in China gelebt. 


Texthinweise

BBC: Sinovac – Brazil Results Show Chinese Vaccine 50.4% Effective. In: BBC, 2021, https://www.bbc.com/news/world-latin-america-55642648.

 

Jacob Mardell: China’s Vaccine Diplomacy Assumes Geopolitical Importance. In: Mercator Institute for China Studies (Merics), 2020, https://merics.org/de/kurzanalyse/chinas-vaccine-diplomacy-assumes-geopolitical-importance. 

 

Jacob Mardell: China’s “Health Silk Road”: Adapting the BRI to a Pandemic-Era World. In: Mercator Institute for China Studies (Merics), 2020, https://merics.org/de/kurzanalyse/chinas-health-silk-road-adapting-bri-pandemic-era-world.

 

Sam Meredith: Covid Vaccine Front-Runners: How Much They Cost, Who’s Bought Them and How They’re stored. In: CNBC, 2020, https://www.cnbc.com/2020/11/17/covid-vaccines-how-much-they-cost-whos-bought-them-and-how-theyre-stored.html.

 

MoHFW dashboard: Vaccination Dashboard. In: Government of India – Ministry of Health and Family Welfare, 2021, https://www.mohfw.gov.in/. 

 

Sanjeev Miglani: Vaccine Diplomacy – India Seeks to Rival China With Broad Shipments. In: Reuters, 2021, https://www.reuters.com/article/us-health-coronavirus-india-diplomacy-idUSKBN2A70C8.

 

Michael Safi, Milivoje Pantovic: Vaccine Diplomacy – West Falling Behind in Race for Influence. In: The Guardian, 2021, https://www.theguardian.com/world/2021/feb/19/coronavirus-vaccine-diplomacy-west-falling-behind-russia-china-race-influence.

 

Fabian Schmidt: Coronavirus: Wie wirksam sind die Impfstoffe aus China? In: Deutsche Welle, 2021, https://www.dw.com/de/coronavirus-wie-wirksam-sind-die-impfstoffe-aus-china/a-56361390.

 

Aditiya Sharma: Is India’s Covid Vaccine Giveaway Risky Diplomacy? In: Deutsche Welle, 2021, https://www.dw.com/en/is-indias-covid-vaccine-giveaway-risky-diplomacy/a-56590143.

 

Times of India: India’s Vaccine Diplomacy Wins Friends in the Caribbean, Draws Global Praise, 2021, https://timesofindia.indiatimes.com/india/indias-vaccine-diplomacy-wins-friends-in-caribbean-draws-global-praise/articleshow/81112044.cms.

 

Sameer Yasir: The Indian Vaccine Giant Expected to Supply Much of the World Warns That it Has Been Directed to Put Its Country’s Needs Ahead of Exports. In: The New York Times, 2021, https://www.nytimes.com/2021/02/21/world/serum-institute-india-covid-vaccine.html.

Südasien 1/2021