Theodor Rathgeber
Editorial Südasien 2/2021

Liebe Leserinnen und Leser,

 

Ausgangspunkt für das Schwerpunktthema war der 100. Geburtstag von Phanishwar Nath Renu am 4. März 2021. Er gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller der modernen Hindi-Literatur. In deutscher Übersetzung ist allerdings nur wenig erschienen. Eine schmale Auswahl von Erzählungen unter dem Titel Pfauentanz. Dorfgeschichten aus Bihar erschien 1983, übersetzt von Hedy Sadoc und Lothar Lutze. Heinz Werner Wessler gab den Anstoß für den Schwerpunkt, den er dann auch inhaltlich betreute und ihm Kontur verlieh. Im Vorgespräch zur Schwerpunktgestaltung sprach er von einem immer noch weitgehend unentdeckten Schatz von Weltliteratur indischen Ursprungs, der weiterhin weitgehend seiner Entdeckung harrt. 

 

Der Schwerpunkt profitierte außerdem von einer Jubiläumsveranstaltung der Universitäten Göttingen und Uppsala in Zusammenarbeit mit dem Tagore Centre in Berlin, dem Literaturforum Indien e.V. sowie der Kulturabteilung der Botschaft Indiens in Berlin anlässlich des 100. Geburtstages von „Renu“. Die dort gehaltenen Beiträge bilden das Gerüst dieses Schwerpunkts und verleihen ihm die Sachkunde, die dem sonst verantwortlichen Redakteur in dieser Materie verborgen geblieben wäre. Renu steht zugleich mit seinem Namen als Begründer eines Literaturzweigs in Indien, der unter der Bezeichnung „Regionalismus“ in die Literaturgeschichte eingegangen ist – wobei es Renu und seinen Nachfolgern gerade nicht um Folklorisierung ging, sondern im Gegenteil eher um ein Korrektiv der verstädterten Schreibkultur durch eine bessere Erdung mit der Wirklichkeit in Südasien.

 

Die Texte von Indu Prakash Pandey und Heidemarie Pandey, Heinz Werner Wessler und Gautam Liu befassen sich direkt mit Renu, seinem gesellschaftspolitischen Kontext und Stellenwert in der Hindi-Literatur. Rahman Abbas und Arian Hopf beleuchten kritische Aspekte der Urdu-Literatur, die einen spezifischen Regionalismus widerspiegelt, gleichzeitig aber noch mehr als die Literatur in der Schwestersprache Hindi zu entdecken bleibt – so zumindest einer der Autoren. Der Beitrag von Hurmat Ali Shah in der Rubrik Gegenwartsliteratur benennt Urdu als Sprache, die durch den Kontext der Staatswerdung ein ambivalentes Ausdrucksmittel für populäre Literatur bleibt. 

 

Reinhold Schein stellt eine Auswahl wichtiger Neuerscheinungen indischer Literatur in deutscher Übersetzung vor. Almuth Degener weist mit ihrer Auswahl von Romanen zu Klima und Umwelt auf eine ungewohnte Perspektive für zukünftige große Literatur hin. Im Prinzip ähnliches gilt für die Stimmen der Adivasi, die ebenfalls noch der Entdeckung im deutschen Sprachraum weitgehend harren. Im Podiumsgespräch mit Christian Weiss und Aditi Maheshwari wie auch im Text von Rachel John kommen die systemisch eingebauten Blockierungen zur Sprache, die dazu führen, dass Regionalliteratur immer wieder und leicht übersehen wird.

 

Der Schwerpunkt und die Rubrik Gegenwartsliteratur haben einen Umfang, der sonst fast schon ein Heft ausmacht. Es gibt jedoch aus den Ländern vieles mehr zu berichten, und so ist dieses Heft wieder einmal weit über den geplanten Umfang hinaus gewachsen. Das Virus und seine Folgen für Gesellschaft, Politik und nicht zuletzt Sprache beherrschen eigentlich immer mehr die Diskurse um Gegenwart und Zukunft. Sollte es zutreffen, dass die ineffektive Bekämpfung der Pandemie der Regierung von Narendra Modi einen bleibenden Imageschaden einbringt, kann das Virus auch zu einem Wendepunkt nicht nur in der indischen Politik werden. 

 

Was mit der Zeit ebenfalls immer deutlicher zutage tritt, ist die unglaubliche Kreativität, mit der zivilgesellschaftliche Initiativen sich der Pandemie aber auch sozialen Verwerfungen etwa in Sri Lanka entgegenstellen. In Pakistan geht es solchen Initiativen, aber auch Teilen der Justiz um nicht weniger als die Wiedergewinnung von Rechtsstaatlichkeit: Chapeau!

 

Aus unserer Verwandtschaft ist zu vermerken: Die Zeitschrift „Meine Welt“ wird seit kurzem von der Deutsch-Indischen Zusammenarbeit (DIZ) herausgegeben. Unserem Kollegen Rainer Hörig und den DIZ-Kolleg(inn)en wünschen wir aufrichtig gutes Gelingen. 

 

Heute jedoch steht die Lektüre von SÜDASIEN Heft 2-2021 an. Bei aller Bescheidenheit: es könnte zum Vergnügen werden.

 

Theodor Rathgeber

Südasien 2/2021