Almuth Degener
Romane zu Klima und Umwelt
Beispiele aus Südasien

Südasien gehört zu den von Umweltproblemen am stärksten betroffenen Regionen der Welt. Extreme Trockenheit einerseits, Starkregen und Überschwemmungen andererseits, aber auch Smog, Lärm und die Verschmutzung der Gewässer prägen längst das tägliche Leben von Abermillionen Menschen. Die Autorin sichtet diesen Befund in ausgewählter Literatur aus der Region.

Im Jahr 2016 stellte der Erfolgsautor Amitav Ghosh fest, dass Klimakatastrophen und Folgen der Umweltzerstörung in der Literatur kaum widergespiegelt werden, außer in Science Fiction- oder Fantasy-Romanen, die sich aber nicht mit der Gegenwart beschäftigen.1 Fünf Jahre später bildet die sogenannte Climate Fiction einen wichtigen Bestandteil des globalen Buchmarktes, auch seriöse Belletristik zum Klimawandel boomt. Belletristik lenkt den Blick auf kulturelle Prozesse, sie ist insofern Ausdruck einer kulturspezifischen Haltung zum Klima und zum Klimawandel. Die Natur und die Beziehung des Menschen zu ihr spielten in der südasiatischen Literatur schon früher eine Rolle, so etwa in dem 2017 auf Deutsch erschienenen Roman von 1980 „Die fliegende Eidechse“ von K. P. Purnachandra Tejasvi.2

 

Die Klage über die Zerstörung von Bio-topen hat ihren Platz auch in Werken, die sich gar nicht ausdrücklich mit Ökologie beschäftigen. So klagt Tulsiram im Vorwort seiner 2010 auf Hindi erschienenen Autobiographie: „Den ‚Murdahiya‘, von dem ich hier geschrieben habe und wie er vor fünfzig oder sechzig Jahren existierte, gibt es nicht mehr. Alle Bäume wurden gefällt, das Gelände wurde in Felder umgewandelt, und als Folge davon sind auch Geier und ungezählte andere, oft seltene Vögel und Säugetiere wie Stachelschweine und Hasen verschwunden.“3 

 

Zur Klimaveränderung im Sinne einer langfristigen, unaufhaltsamen und bedrohlichen Veränderung des globalen Klimas samt ihren dramatischen, regional unterschiedlichen Folgen aber gibt es aus Südasien noch immer relativ wenig belletristische Reaktionen. Fünf in den vergangenen Jahren erschienene Romane, in denen Umweltzerstörung und Klimaveränderung eine zentrale Rolle spielen, wollen wir hier näher betrachten. 

 

Amitav Ghosh: Die Inseln

 

Wie Ghoshs früherer Roman Hunger der Gezeiten spielt Die Inseln4 in den Sundarbans im südlichen Grenzgebiet von Westbengalen und Bangladesch, dem größten Mangrovenwald der Erde und einem stark vom Klimawandel betroffenen Gebiet. Hier lebt unter anderem der Flussdelfin Orcaella brevirostris: 

 

“In den ersten Jahren waren deren Bewegungen nach einem regelmäßigen, vorhersehbaren Muster verlaufen. Dann aber begannen ihre Routen zu variieren und wurden zunehmend unberechenbar. Das lag, so glaubte Piya, an einer veränderten Zusammensetzung des Wassers in den Sundarbans. Mit steigendem Meeresspiegel und verringerter Süßwasserzufuhr war das Salzwasser weiter stromaufwärts vorgedrungen, sodass bestimmte Regionen zu salzhaltig für die Delfine wurden. Sie begannen, einige ihrer angestammten Wanderwege zu meiden, und wagten sich immer weiter den Fluss hinauf, in besiedelte, stark befischte Gebiete. So konnte es nicht ausbleiben, dass einige sich in Fischnetzen verfingen, andere mit Dampfschiffen und Motorbooten zusammenstießen.“5

 

Die Handlung spinnt sich um einen vorwiegend in den USA lebenden Mann aus Kolkata und Personen, denen er in Bengalen, aber auch in Europa und Amerika begegnet. Zusammengehalten wird sie durch historische und klimarelevante Beziehungen und Ereignisse, die die Bedrohung der Sundarbans mit Waldbränden, Stürmen und Flüchtlingsströmen in anderen Teilen der Erde und mit der Kleinen Eiszeit im 17. Jahrhundert verbindet. Was dieses Buch von früheren Romanen des Autors unterscheidet, ist der – manchmal etwas zu bemüht wirkende – Fokus auf den Klimawandel und die Art, in der dies geschieht. Vorahnungen, Träume und Prophezeiungen spielen eine wichtige Rolle. 

 

Außer den menschlichen treten verschiedene nicht-menschliche Figuren auf; es gibt Tiere als Botschafter sowie eine Göttin, die als alles regierende Macht aufzutreten scheinen. Vielleicht ist sie aber auch nur ausführender Teil einer umfassenderen Naturgewalt, und vielleicht ist all das, was als übernatürliche Einflüsse erlebt wird, auch ganz einfach naturwissenschaftlich erklärbar. Der Roman präsentiert unterschiedliche Einstellungen, ohne eine eindeutige Entscheidung zu erzwingen. Auch die Zeit ist nicht nur historisch fassbar. Die Protagonisten verfügen über Erinnerungen, die aus einer teils historischen, teils mythischen Zeit stammen: 

 

„Es war, als wäre irgendetwas Lebendes in meinen Körper eingedrungen, etwas Uraltes, das im Schlick geschlummert hatte. Ich konnte es nur mit Keimen, Viren oder Bakterien assoziieren, wusste aber, dass es nichts dergleichen war. Es war die Erinnerung, aber nicht meine, sie war weit älter als ich, ein verschütteter Aspekt der Zeit, der wieder zum Leben erwacht war, als ich den Schrein betreten hatte, etwas Furcht Einflößendes, Bösartiges, Übermächtiges, etwas, das mir nicht erlaubte, mich davon zu befreien.“6

 

Amna Mufti: Pānī mar rahā hai (Das Wasser stirbt)

 

Die Verknüpfung von historischen und mythischen Elementen mit dem Thema der Klimaveränderung findet sich auch in einem kürzlich auf Urdu erschienenen Buch aus Pakistan. 

 

Im Panjab zu beiden Seiten der indo-pakistanischen Grenze liegt die größte zusammenhängende Bewässerungslandwirtschaft der Welt. Seit in der britischen Kolonialzeit der Ausbau eines gewaltigen Kanalsys-tems gefördert wurde, entwickelte sich dieser Landstrich zu einer dicht besiedelten und agrarisch äußerst produktiven Region. Nach der Teilung des Landes wurde das Recht auf den Zugang zum Wasser am Oberlauf zum Politikum. Im Indus-Wasservertrag von 1960 wurden Pakistan die Nutzungsrechte für die westlichen, Indien für die östlichen Flüsse zugesprochen. Da bedeutende landwirtschaftlich genutzte Gebiete auf pakistanischer Seite von den östlichen Flüssen gespeist wurden, erhielt Pakistan das Recht, mit Hilfe von Staudämmen und Talsperren für die Speicherung und Umleitung von Wasser zu sorgen. Unter anderem entstanden die Mangla-Talsperre und der Tarbela-Stausee. Die leichte Verfügbarkeit des Wassers führte zusammen mit der Einführung von Getreidesorten mit höherem Wasserbedarf und dem Gebrauch von Pestiziden dazu, dass der Aufbau weitverzweigter Kanalanlagen sich nicht nur segensreich auswirkte. Heute hat aufgrund von Überbewässerung und Übernutzung die Bodenfruchtbarkeit vielerorts Schaden gelitten, außerdem herrscht im fruchtbaren Panjab zunehmende Wasserknappheit. 

 

Im neuesten Roman von Amna Mufti geht es um die Eitelkeit menschlicher Bemühungen, Gewalt über die Natur zu erlangen, insbesondere um den Umgang mit den Wasserreserven des Tales von Indus und Beas.7 Einer der Protagonisten ist der Ingenieur Irfan, der mit der Konstruktion von Staudämmen befasst ist, bis er Besuch von einem mysteriösen Asketen bekommt:

 

„Er war von weither gekommen. Das war Irfan gleich klargeworden, als er ihn gesehen hatte, aber er hatte gesagt, er sei von Mangla gekommen, wo der Tempel der Göttin Mangla Mai war und wo die Mangla-Talsperre gebaut werden sollte. Er hatte ihm etwas mitgebracht. Eine schwarze Schlange, wie sie in den Hügeln von Mangla lebte, und er hatte ihm erklärt, wie schrecklich all das war. Konnte man Flüsse etwa teilen? Was könnte es Törichteres geben, als in einem Boden, wo es unmöglich war, Wasser zu speichern, eine Grube auszuheben? Konnte man das Wasser der Flüsse etwa sammeln? Dann hatte er ihm erklärt, was mit denen geschah, die Staudämme bauten. ‚Mein Freund! Der Mensch ist schwach. Er ist eigensinnig und dumm. Er hasst das Fließen der Gewässer, er mag nicht das Wehen des Windes. Er hat Angst vor Vögeln, Säugetieren, Insekten. Sobald die Menschen all diese Wesen getötet haben, töten sie einander. Der Mensch ist sehr von seiner eigenen Größe überzeugt, aber, mein Freund, die Flüsse sind hartnäckig und wild. Sie berauschen sich mehr noch als der Mensch an der eigenen Kraft. Weißt du, was mit den Fesseln geschieht, die ihr den Flüssen anlegen wollt?‘“8

 

Anstatt an dem Projekt weiterzuarbeiten, zieht Irfan in die Bhuriyan, einen kargen hügeligen Streifen Ödland in einem ausgetrockneten Flussbett, der sich quer durch bebautes Land zieht und deshalb den Großbauern ein Dorn im Auge ist. In enger Verbindung mit Pflanzen und Tieren leben dort verschiedene ungewöhnliche Personen, unter anderem eine Nixe. Sie finden in der Wildnis Zuflucht vor den Zugriffen der Menschen, doch damit ist es nicht getan. Unerhörtes und Schreckliches geschieht, ungewöhnliche Vögel tauchen auf, Ziegen verhalten sich seltsam, Menschen sterben auf unerklärliche Weise, Kinder werden geboren, die nur teilweise menschliche Gestalt haben. All das scheint mit der Störung des ökologischen Gleichgewichts zu tun zu haben und einer Haltung, die den Menschen einerseits als Mittelpunkt und Krönung der Schöpfung betrachtet, andererseits keine Skrupel hat, auch Menschen umzusiedeln, wenn die Projekte es erfordern:

 

„Die erste Talsperre, die gebaut wurde, um den Wassermangel auszugleichen, war die Mangla-Talsperre am Fluss Jhelum. Für die Leute, die deswegen obdachlos wurden, hielt die Regierung Arbeitserlaubnisse für Großbritannien bereit. Die Bewohner von Mirpur mussten jetzt nach England ziehen. Als Shahida das hörte, wurde sie traurig, aber für Irfan war es eine Nebensächlichkeit, schließlich war auch er von woanders gekommen und heimisch geworden, was machte es aus, wenn ein paar mehr Leute umgesiedelt wurden?“9

 

Irfans Familie wurde im Gefolge der Teilung Indiens fast gänzlich ermordet. Wie in Amitav Ghoshs „Die Inseln“ wird in Pānī mar rahā hai die Zeit ausgedehnt, von der Gegenwart des 21. Jahrhunderts über die Zeit der Teilung des Subkontinents bis in die mythische Vergangenheit des Rishi Vishwamitra. Die Zeit verläuft zyklisch: Geht eine Ära mit der fast völligen Auslöschung des Menschengeschlechts zu Ende, so entsteht ein neues Zeitalter. Aber letztlich geht es weder um die Anklage bestimmter Personen oder Gruppen noch um die Prophezeiung eines kommenden Weltuntergangs, sondern um eine Einladung dazu, die eigene Einstellung zu ändern. Nicht durch Kontrolle einer vermeintlich bedrohlichen Natur, so die Botschaft dieses verstörenden und stellenweise grotesk wirkenden, aber bemerkenswerten Buches, kann eine Katastrophe verhindert werden, sondern nur durch eine Wahrnehmung der Welt als ein lebendiges Gebilde, in dem Wesen unterschiedlichster Art gleichermaßen Anspruch auf natürliche Ressourcen wie Wasser, Luft und Boden haben.

 

Veena Nagpal: Radius 200

 

Auch in Veena Nagpals Roman Radius 20010 geht es um das sensible System der Flüsse, die von den sogenannten „Wassertürmen“ der Hindukusch-Himalaya-Region gespeist werden, und wieder geht es um die Rechte zweier Länder, Indien und China. Beide sind mit massiven Problemen des Wassermangels in Teilen ihres Staatsgebiets, mit Überschwemmungen und Starkregen in anderen konfrontiert. In beiden wurden und werden weiterhin zur Strom- und Wasserversorgung Kraftwerke und Staudämme gebaut. Seit etwa 20 Jahren sind höchst umstrittene Pläne Chinas bekannt, einen großen Staudamm an der Stelle zu bauen, wo der Yarlung Tsangpo seine Laufrichtung ändert und zum mächtigen Brahmaputra wird, der sich weiter durch Nordostindien bis nach Bangladesch schlängelt. 

 

Seither gibt es Befürchtungen, der Wasserstand des Brahmaputra werde nach Fertigstellung des Staudamms sinken und China könnte die Wasserzufuhr nach eigenem Gutdünken drosseln, was sogar einen Krieg zwischen Indien und China nach sich ziehen könnte. Verstärkt werden solche Ängste durch die wirtschaftliche und politische Präsenz Chinas weltweit und auch in Südasien. 

 

Der Roman spielt in der nicht allzu fernen Zukunft. Im Jahr 2040 schlägt ein indischer General vor, den bis dahin fertiggestellten chinesischen Staudamm zu sprengen: 

 

„The diversion will completely sap Brahmaputra’s energy, triggering tidal surges of salt water further inland, leading to widespread destruction of farmlands and townships. ... Gentlemen, if we do not challenge them now, it will be too late.”11

 

Die Sprengung erfolgt, und wie befürchtet, reagieren die Chinesen mit der stärksten Waffe, die sie haben. Etwa 20 Jahre später begegnet der Leserschaft einer Gruppe von Menschen, die in einem Sperrgebiet von 200 Kilometern rund um die Ruinen des Forts von Allahabad dahinvegetieren. Es sind Überlebende des atomaren Angriffs durch die Chinesen auf die Kumbh Mela, die schon damals an einem fast ausgetrockneten Ganges stattgefunden hat. Der Wassermangel ist mittlerweile ein so drängendes Problem, dass die kleine Gemeinschaft bereit ist, Menschenopfer zu bringen. Einer der Überlebenden ist Om, früher ein Offizier der indischen Armee. Für die Menschen außerhalb des Sperrgebiets gilt er seit dem Unglück als verschollen und wahrscheinlich tot. Eine Journalistin und frühere Geliebte Oms will das nicht wahrhaben und versucht hartnäckig, eine Erlaubnis zum Betreten des Sperrgebiets zu erwirken. 

 

Und noch jemand will um jeden Preis dorthin: Ein Geologe, der das Wasserproblem Indiens lösen will, indem er den verschwundenen mythischen Fluss Saraswati aufspürt. Nach den Berechnungen einer Gruppe von Wissenschaftlern fließt er noch immer unterirdisch in Allahabad, dem Ort des Sangam oder Zusammenflusses der drei heiligen Flüsse Ganga, Yamuna und Saraswati und nun dem Ort, der in der radioaktiv belasteten Sperrzone liegt. Was passieren könnte, wenn der Kampf um die knappen Ressourcen zum Krieg führt, das ist die Fragestellung, die dem Roman zugrunde liegt. Er ist eine Warnung, dass dann alles vernichtet werden könnte, was das Leben lebenswert macht.

 

Shubhangi Swarup: Latitudes of Longing

 

Auch in dem ersten und viel beachteten Roman von Shubhangi Swarup hat die Politik einen Platz, und dennoch hat dieses Buch einen vollkommen anderen Charakter.12 Der Titel Latitudes of Longing verweist auf die Verschränkung von Geographie (latitude: Längengrad) und Psychologie (longing: Sehnsucht), und den roten Faden bildet eine fiktive Verwerfungslinie, eine tektonische Störungslinie, die sich von Süden nach Norden über den Subkontinent hinzieht, von den Andamanen bis in die Berge des Karakorum. 

 

Ein junger Wissenschaftler und seine Frau, die mit den Bäumen spricht, ein politischer Gefangener in Birma, ein Drogenschmuggler, eine junge Tänzerin und der Patriarch eines Dorfes im Karakorum, dies sind einige der Akteure, die uns auf der Reise durch Zeiten und Räume begegnen. Die Kapitel tragen geographische Bezeichnungen: „Inseln“, „Verwerfungslinie“, „Tal“, „Schneewüste“. 

 

Der Roman deckt Beziehungen zwischen Menschen und von Menschen zur Natur, zu Tieren, Pflanzen, Göttern und Geistern auf. Menschliche Tragödien und politische Verwicklungen an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Epochen werden in einem geologischen Rahmen miteinander verknüpft und verändern den Blick auf den Stellenwert des Menschen in der Welt. Wo über Millionen von Jahren hinweg die Natur sich selbst verändert, ist der Mensch nur ein unbedeutender Faktor. Ein Tsunami, der die Andamanen trifft, erscheint weniger als Katastrophe denn als Episode der Erdgeschichte:

 

“The water hits the island shelf with a pure and overwhelming silence. The universe may have come to life with a bang, but the possibilities were conceived in silence. With time, it will all vanish. The islands, their civilizations, the coral, the ocean. Only silence will remain.“13

 

Rajat Chaudhuri: The Butterfly Effect

 

Einer der aufregendsten Klima-Romane der vergangenen Jahre ist The Butterfly Effect von Rajat Chaudhuri, einem mehrfach ausgezeichneten Autor, Kritiker, Übersetzer und Klimaaktivisten, dessen Werk es für den deutschen Markt noch zu entdecken gilt.14

 

In England arbeitet ein genialer Forscher an der Züchtung gentechnisch veränderter Reissorten, in der Hoffnung, damit das Ernährungsproblem der Weltbevölkerung zu lösen, bis ein Einbruch ins Labor alle Illusionen zerstört. Ein Privatdetektiv in Kolkata reist auf der Suche nach einer verschwundenen Reisegruppe nach Korea und gerät über eine Reihe fantastischer und unheimlicher Erfahrungen auf die Spur einer Umweltkatastrophe. 

 

Parallel zu diesen Geschehnissen, die ihren Ausgangspunkt in unserer Realität haben, tritt der Leserschaft eine albtraumhafte zukünftige Welt vor Augen, die, wie sich erst später herausstellt, nur durch wenige Jahrzehnte von unserer getrennt ist. In Darkland herrscht ein Diktator, die Menschen kämpfen um ihr Überleben, soweit es natürliche Nahrungsmittel überhaupt gibt, werden sie exportiert. Es fällt Regen, der so sauer ist, dass er rote Pusteln auf der Haut hinterlässt. Gegner der Regierung werden ermordet oder in Käfigen öffentlich ausgestellt. Aus Cleanland werden im Labor gezüchtete Arbeiter und Kämpfer importiert. Was hat dazu geführt, dass große Teile von Asien sich in eine Hölle verwandelt haben? Und warum sind einige Teile der Welt stärker davon betroffen als andere? Einige dieser Fragen werden im Laufe des Romans beantwortet, andere bleiben als Frage und Denkanstoß stehen. 

 

Nicht alle Leser/innen wird sich sofort in die mit allerlei befremdlichem Vokabular gezeichnete dystopische Welt von Darkland hineinfinden, aber die faszinierenden Beschreibungen, eine Handlung, die die Leserschaft in den Bann schlägt und nicht zuletzt der klimarelevante Bezug zur Gegenwart entschädigen reichlich für die anfänglich mühsame Lektüre und führen in eine Welt, in der Grenzen zwischen Ländern und Zeiten, zwischen Phantasie und Realität überschritten werden.

 

Fazit

 

Die wenigen hier vorgestellten Romane zeigen eine Tendenz an, die voraussichtlich weiter anhalten wird: die Verbindung des von ökologischen Dystopien mit regionaler und globaler Politik sowie mit gegenwärtiger wie älterer Geschichte. Gregers Andersen hat fünf typische Erzählmuster in dem festgehalten, was heute als Climate Fiction diskutiert und allmählich zu einem weltweiten Literaturtrend wird.15 Die Motive, die ihm zufolge regelmäßig in Öko-Romanen verwendet werden, benennt er mit den englischen Begriffen Social Collapse, Judgment, Conspiracy, Loss of Wilderness und Sphere. Was damit gemeint ist, wird im Zusammenhang gleich deutlicher.

 

Im Wesentlichen finden wir Andersens Muster auch in den besprochenen Romanen wieder. Konflikte aufgrund der knapper werdenden Ressourcen (Social Collapse) spielen bei Veena Nagpal, Amna Mufti und Rajat Chaudhuri eine Rolle. Die Natur lehnt sich gegen die Zerstörung durch den Menschen auf (Judgment) bei Amna Mufti. Ein Zufluchtsraum für Menschen fern von der durch Klimawandel zerstörten Welt (Sphere) erscheint bei Rajat Chaudhuri und Amna Mufti. Das verlorene Paradies (Loss of Wilderness) ist ein Motiv bei Amitav Ghosh. Das Motiv der „Verschwörung“ (Conspiracy) - die Folgen des Klimawandels führen dazu, dass Elitegruppen die Macht an sich reißen, um andere Menschen zu kontrollieren und zu manipulieren - findet sich in den diktatorischen Staaten von The Butterfly Effect und auch in weiteren Romanen. Perumal Murugans 2016 auf Tamil erschienener politischer Roman Poonachi etwa wird aus der Sicht einer Ziege vor dem Hintergrund von anhaltender Hitze und Dürre erzählt.16 Poonachi ist kein Klima-Roman im engeren Sinn, gehört jedoch wegen seiner Verbindung von Politik und Umwelt in diesen Kontext. 

 

Aber vielleicht genügt es nicht, Andersens auf der Basis einer Analyse von Büchern und Filmen aus dem deutsch- und englischsprachigen Raum entwickeltes Schema anzuwenden. Mit Bezug auf einen unveröffentlichten Vortrag von Paul G. Raven heißt es in einem Forschungsbericht über Climate Fiction im allgemeinen: „What is needed are thus new kinds of narrative – ones that break with the established actor schemes and linear temporalities of Western narratology – and a new literacy on the part of both the author and the audience to write and read such narratives.”17 Können wir solche neuen erzählerischen Strategien in Romanen südasiatischer Autor/innen finden?

 

Amitav Ghosh hob in seinem Essay zum Great Derangement den unheimlichen Charakter von mit der Klimaveränderung verbundenen Naturerscheinungen hervor. Das, was Furcht einflößt, sei dabei aber nur oberflächlich betrachtet bösartig, vielmehr liege das Unheimliche darin, dass die Veränderungen der Umwelt sich nicht den seit der Aufklärung vorherrschenden Denkmustern fügen. In Die Inseln liegt mit der Erweiterung der zeitlichen Perspektive und der Einbeziehung von Lebewesen unterschiedlicher Art sein Versuch vor, diesem Unerklärlichen sprachlich und literarisch beizukommen. 

 

Obwohl fantastische und surreale Elemente in vielen Werken südasiatischer - und globaler - Literatur eine tragende Rolle spielen, ist hier am ehesten der Schlüssel zu einer möglicherweise kulturspezifischen Betrachtungsweise innerhalb der fiktionalen Literatur zu umweltpolitischen Themen zu finden. Nicht die Sorge um das eigene Überleben, sondern die Ehrfurcht vor einer übermächtigen Natur, das Erleben menschlichen Daseins als eines nur kleinen Teils der Wirklichkeit ist in Shubhangi Swarups Latitudes of Longing die Motivation zu einem rücksichtsvollen Umgang mit den Ressourcen des Planeten Erde. 

 

„I don’t believe in ghosts. But I don’t have to, to be scared of them”, sagt die Autorin in einem Interview.18 Es geht nicht darum, ob jemand daran glaubt, dass etwa in Die Inseln die Spinnen wirklich von der Schlangengöttin Manasa Devi geschickt werden (S. 219), sondern um eine Wahrnehmung, in der andere Lebewesen, domestizierte ebenso wie wilde, unvertraute und dämonische, ebenso selbstverständlich ihre Geschichten erzählen wie Menschen es tun. Diese Betrachtungsweise stellt klimatische Veränderungen in einen Rahmen, der von Menschen, Tieren, Pflanzen, Geistern und anderen Lebewesen in einem Spiel von Kräften gleichberechtigter Teilnehmer/-innen definiert wird, und setzt sich damit ab von der „westlichen“ Gegenüberstellung des Menschen einerseits und der Natur andererseits. Der Resspekt für alle Erscheinungen der Natur verbindet das in Südasien noch neue Genre des Klima-Romans mit einer Tradition, die weit in die indische Geistesgeschichte zurückreicht. In dieser Einstellung könnte ein bedeutender Beitrag zur globalen Climate Fiction liegen, und man kann nur wünschen, dass sich dieses Genre auch in Südasien weiterentwickelt und auf dem weltweiten Buchmarkt wahrgenommen wird.

 

 

 

Zur Autorin

Almuth Degener ist Indologin, Übersetzerin und außerordentliche Professorin im Arbeitsbereich Indologie an der Johannes Gutenberg Universität in Mainz. Ihre Forschungsschwerpunkte sind dardische und nuristanische Sprachen, Khotanisch, zentralasiatischer Buddhismus und Urdu.

 

Endnoten

1 Amitav Ghosh: The great Derangement. Climate change and the unthinkable. The University of Chicago Press, Chicago, 2016.

2 K.P. Purnachandra Tejasvi: Die fliegende Eidechse. Draupadi Verlag, Heidelberg, 2017.

3 Tulsi Ram: Murdahiya. Deutsch von A. Degener. Draupadi Verlag, Heidelberg, 2021.

4 Amitay Ghosh: Die Inseln, Roman. Blessing Verlag, München, 2019.

5 Ibid., S. 120.

6 Ibid., S. 133-134.

7 Amna Mufti: Pānī mar rahā hai. Al-Faisal, Lahore, 2019.

8 Ibid., S. 87-88.

9 Ibid., S. 62.

10 Veena Nagpal: Radius 200. A novel. Environment Education Promoters, Noida, 2017.

11 Ibid., S. 119. „Die Umleitung wird die Energie des Brahmaputra vollständig aufzehren und Flutwellen mit Salzwasser weiter landeinwärts auslösen, was zu einer weitreichenden Zerstörung von Ackerland und Ortschaften führt. ... Meine Herren, wenn wir ihnen jetzt nicht in den Arm fallen, wird es zu spät sein.“ – Übers. Red.

12 Shubhangi Swarup: Latitudes of longing. HarperCollins India, Delhi, 2018 und riverrun, London, 2020.

13 Ibis. 2018, S. 112f. „Das Wasser trifft auf das Inselschelf mit einer reinen und überwältigenden Stille. Das Universum mag mit einem Knall zum Leben erwacht sein, aber die Entfaltungspotenziale wurden in der Stille erdacht. Mit der Zeit wird das alles verschwinden. Die Inseln, ihre Zivilisationen, die Korallen, der Ozean. Nur die Stille wird bleiben“ – Übers. Red.

14 Rajat Chaudhuri: The Butterfly effect. Niyogi Books, New Delhi, 2018.

15 Gregers Andersen: Climate fiction and cultural analysis. A new perspective on life in the anthrocene. Routledge, London und New York, 2020.

16 Perumal Murugan: Poonachi or The story of a black goat. Translated by N. Kalyan Raman. Context, Chennai, 2017.

17 Ann-Kathrin Benner, Delf Rothe, Sara Ullström, Johannes Stripe: Violent climate imaginaries: Science - Fiction – Politics, IFSH Research Report #001, 2019, „Gefragt sind also neue Arten des Erzählens – solche, die mit den etablierten Handlungsschemata und linearen Zeitverläufen der westlichen Erzählstruktur brechen – und eine neue Alphabetisierung sowohl des Autors [oder der Autorin] als auch des Publikums, um solche Erzählungen zu schreiben und zu lesen.“ – Übers. Red.

18 Prakruti Maniar: Interview mit Swarup, Shubhangi, 2018, https://www.purplepencilproject.com/shubhangi-swarup-author/, „Ich glaube nicht an Gespenster. Aber das muss ich auch nicht, um mich gleichwohl vor ihnen zu fürchten.“ – Übers. Red.

Südasien 2/2021