Heinz Werner Wessler
Das Scheitern der militärischen Option
Afghanistan zwischen Hoffen und Bangen

Zwanzig Jahre nach dem Anschlag auf die beiden Türme des World Trade Centers in New York werden in Afghanistan die amerikanischen Soldaten und mit ihnen die Soldaten der NATO-Verbündeten abgezogen. Teilweise mehr als 100.000 gut ausgebildete und modern ausgerüstete Soldaten haben gegen diffuse Fraktionen des Widerstands gekämpft – ohne sie besiegen zu können. Die vom Ausland aufgepäppelten afghanischen Sicherheitskräfte haben das Land in diesen zwanzig Jahren im Kampf um Territorium oft das Nachsehen gehabt. Der Autor geht der Frage nach, was dies für ethische Verfassung der Bevölkerung absehbar bedeutet.

In den letzten Jahren entglitt den afghanischen Sicherheitskräften mehr und mehr die Kontrolle über weite Teile des Landes. Den Taliban war es immer wieder gelungen, selbst in Hochsicherheitszonen einzudringen. Die junge Bevölkerung des kargen Gebirgslandes mit 38 Millionen Einwohner(inne)n steht vor einer Zeit der Ungewissheiten. Wird sich die Regierung Aschraf Ghani, ja lässt sich überhaupt eine Regierung ohne die Taliban halten können? Werden die Taliban nach 25 Jahren noch einmal in den Endkampf um Kabul einsteigen? Das schlimmste Szenario ist eine Neuauflage des Bürgerkriegs wie in den 1990er-Jahren, als Millionen von mittellosen Flüchtlingen von ihrer Heimat nach Pakistan und Iran vertrieben wurden.

 

Für Menschen in weniger bedrohten Regionen ist es nahezu unbegreiflich, wie sich todesmutige junge Männer für einen schlecht ausgerüsteten Widerstand rekrutieren lassen. Selbst am Nachschub von bereitwilligen Selbstmordattentätern scheint es nicht zu mangeln. Der Nachschub an Waffen, Munition und Sprengstoff vor allem aus Pakistan hat all die Jahre funktioniert. Der geballte Militäreinsatz der USA und ihrer NATO-Verbündeten, musste ohne Erfolg abgebrochen werden – das hatten sowohl Präsident Barack Obama als auch Robert Trump angekündigt, Joe Biden wird es vollenden. Und es ist eine gewaltige Niederlage westlicher Interventionspolitik, die das Land befrieden und nebenbei auch noch für die Implementierung von guter Regierungsführung, Demokratie, Bildung für alle, Frauenrechte und vieles andere mehr Sorge tragen wollte. Allein die Bundeswehr hat im Laufe ihres Einsatzes 12,3 Milliarden Euro in den afghanischen Sand gesetzt – was hätte man nicht alles mit diesem sagenhaften Betrag in der Entwicklungszusammenarbeit finanzieren können!

 

Weltweiter Islamismus

 

Die Selbstbewaffnung von Dörflern, die Mobilisierung von Stammesidentitäten, ein diffuser Nationalismus – der in ausländischen Soldaten per se Feinde sieht, der Opiumexport, die Korruption und die Ausbreitung von rigorosen Formen von Islamismus haben in den letzten zwei Jahrzehnten keineswegs nachgelassen. Im Gegenteil ist zu befürchten, dass diese Faktoren eine kritische Masse bilden, die das Land in den Abgrund reißt. 

 

Seit dem epochalen „9/11“ galt die Devise, dass der Islamismus dort militärisch bekämpft werden muss, wo er entsteht. Diese Devise galt auch für die militärischen Einsätze in der Subsahara unter französischer Leitung. Frankreich lässt sich im Kampf gegen den Terror dabei wie eh und je auch mit dubiosen Machthabern ein, solange sich diese als Kämpfer gegen den Islamismus inszenieren – etwa mit dem kürzlich verstorbenen Alleinherrscher im Tschad, Idriss Déby. Diese Strategie bringt wiederum Menschen gegen die ausländischen Militärs auf, die im Islam eine Ressource des Widerstands sehen. Dies bereitet den Boden für die Kombination von Gangstertum und Islamismus vor, für die der Name Boko Haram steht. Ähnliches lässt sich sagen für Mozambique und Nigeria. Der Rückzug aus Afghanistan steht für Ratlosigkeit.

 

Es gibt auch brutale Gangstergruppen mit christlich verbrämter Ideologie, die morden und brandschatzen. Die vielleicht bekannteste ist die Lord’s Resistance Army, die von Uganda aus operiert. Die im Namen des Islam operierenden Gruppen sind allerdings bei weitem größer, ideologisch leichter mobilisierbar und besser vernetzt. Auch ohne Osama bin Laden, ohne Daesh (Islamischer Staat) und ohne strukturierte Organisation wird der rigorose Islamismus weiter sein Unwesen treiben und weiter direkt oder indirekt Unterstützung in den reichen Golfstaaten finden. Das Problem besteht nicht nur in der Existenz von kleinen, extrem radikalisierten Gruppen und Individuen. Es besteht auch darin, dass sich selbst die gebildete muslimische Geistlichkeit den Extremisten nicht entschieden genug theologisch, juristisch, pastoral und institutionell entgegenzustellen weiß.

 

Säkular und religiös

 

Der kürzlich verstorbene Theologe Hans Küng hatte mit dem von ihm angestoßenen „Projekt Weltethos“ durchaus andere Absichten als Schönwettertheologie am Schreibtisch. Spätestens die islamische Revolution im Iran 1979 hatte vor Augen geführt, dass die Säkularisierung der Welt keineswegs eine universalhistorische Einbahnstraße darstellt. In einer sich globalisierenden Welt sah er den interreligiösen Dialog als Königsweg, den eirenischen, für friedliches Zusammenleben werbenden Gehalt von Religion in die Globalisierung einzubringen. In Küngs Worten: Ohne eine Mobilisierung der religiösen Ressourcen in unterschiedlichen Religionen kein Weltfriede. Papst Franziskus betreibt den christlich-islamischen Dialog auf höchster Ebene und mit viel Symbolpolitik weiter und greift damit genau dieses Anliegen auf.

 

Ein absolut säkularistischer Politikansatz, der die Tiefendimensionen der religiösen Sinngebung ganz ausblenden muss, wird darin höchsten eine rhetorische Begleiterscheinung von säkularen Modernisierungsprozessen sehen können. Längerfristig ist aber gerade die innere Transformation das Entscheidende auf dem Weg zu einem fundierten Frieden. Bis dahin ist es aber weiterhin ein unübersehbar weiter Weg. Der Kommentar eines Bundeswehroffiziers, der im Gespräch von einem „Mullah-Nachmittag“ bei seiner Einheit in Kunduz berichtet, ist abgründig skeptisch. Die eingeladenen muslimischen Geistlichen hätten sich der Diskussion entzogen, indem sie einfach ihre eintrainierten Argumente für die Überlegenheit des Islam über das Christentum abgespult hätten. 

 

Kein Neuaufbruch, nirgends?

 

Das Image der Paschtunen im Ausland ist denkbar schlecht: Männer mit der Kalashnikov im Anschlag, Frauen in der Burka, „archaisches“ Stammesdenken im Kopf, willkürlich ausgewählte Koranzitate im Mund. Die Dämonisierung der Paschtunen in der internationalen Medienwelt ist weit fortgeschritten. Doch wie alle anderen Menschen will auch die große Mehrheit der Paschtunen eigentlich in Ruhe und Frieden leben, Ausbildung und ein besseres Leben für ihre Kinder, und ein wenig Liebe und Freundschaft. 

 

Der Versuch, mit gewaltigem Aufwand Afghanistan militärisch und von außen zu befrieden, ist voll gescheitert. Die USA und ihre Verbündeten stehen vor dem Scherbenhaufen ihrer Afghanistan-Politik. Als besonders kurioses Kapitel in dieser Geschichte des Scheiterns dürfte der unbeholfene Versuch der Regierung Trump eingehen, mit mehr oder weniger selbsternannten Taliban-Führern in Doha einen Friedensvertrag einzufädeln. Das sichtbarste Resultat dieser Verhandlungen ist die Freilassung von Tausenden von Taliban-Kämpfern aus afghanischen Gefängnissen – eine der Vorbedingungen der Taliban für Gespräche mit der Regierung. Nachdem das erreicht war, blockierte die Taliban-Delegation den weiteren Prozess mit fadenscheinigen Gründen. 

 

Einer der Zyniker unter den Afghanistan-Fachleuten meinte einmal im privaten Gespräch: „10 Millionen Han-Chinesen ansiedeln und das Problem ist gelöst!“ Auch in Afghanistan selbst ist der Zukunftspessimismus weit verbreitet, auch und gerade in der jüngeren Generation, die von den verbesserten Ausbildungsmöglichkeiten in den letzten zwei Jahrzehnten sehr profitiert hat. Die Taliban, die in den 1990er-Jahren von Pakistan unterstützt aufgebrochen waren, um Frieden zu bringen, die Korruption zu beenden und eine verlässliche Rechtsordnung zu etablieren, sind selbst in den Strudel der partikularistischen Politik hineingeraten und werden die junge Generation kaum mehr begeistern können. Aber sie können jeglichen Neuaufbruch nach wie vor problemlos blockieren.

 

Was kann das Ausland tun, um jetzt einen neuen, mit modernen Waffen geführten Krieg der verschiedenen Konfliktbeteiligten in Afghanistan zu verhindern? Die USA und ihre Verbündeten werden sich auf absehbare Zeit nicht noch einmal auf ein derartig teures und aufwändiges militärisches Abenteuer einlassen.

 

Hoffnungszeichen Mausoleum

 

Die vergangenen 20 Jahre haben den erhofften Durchbruch für ein gesichertes Staatswesen in Afghanistan nicht gebracht. Minderheiten sind weiterhin stark unter Druck und zu einem erheblichen Teil geflohen. Die Minderheiten von Hindus und Sikhs sind insbesondere in den letzten 20 Jahren dramatisch geschrumpft. Die Al-Kaida ist nach wie vor im Land, die Taliban stellen sich ungebremst als Verteidiger der afghanischen Nation und des Islam dar. Afghan(inn)en
blicken mit Ungewissheit und Angst in die Zukunft. 

 

Auf der anderen Seite gibt es heute eine Schicht einer jungen und gebildeten städtischen Bevölkerung, die in den Taliban einfach einen Bestandteil des Sumpfs sieht, aus dem sich Afghanistan herausziehen muss, und die auf der Suche nach geistigen Ressourcen für ein neues und friedliches Afghanistan ist.

 

Eines ist klar: Ressourcen für die gewaltfreie Austragung von Konflikten und für Frieden gibt es in jeder menschlichen Gesellschaft. Wirksamer Friede muss im eigenen Land und in der eigenen Kultur verankert sein. In dieser Situation gilt es erneut an einen historischen Kämpfer für einen friedlichen Islam zu erinnern, Abdul Ghaffar Khan (1890-1988), ehrenvoll genannt Bacha Khan. Seine Autobiographie wurde vor einigen Monaten in einer verbesserten zweiten Auflage in deutscher Übersetzung von Ingrid von Heiseler herausgebracht (Mein Leben : Autobiografie des Abdul Ghaffar Khan).1 

 

Als gewaltfreier Kämpfer gegen die britische Kolonialherrschaft wurde er auch Frontier Gandhi genannt. Der eigentliche Kern der koranischen Botschaft war für ihn die Gewaltfreiheit. Bacha Khan stammte aus dem östlichen Paschtunistan im heutigen Pakistan. Seinem Wunsch gemäß wurde sein Leichnam jedoch jenseits der schmerzlich empfundenen Grenze zu Afghanistan in Jalalabad beigesetzt. Die Durand-Linie, die von Afghanistan noch immer nicht anerkannte afghanisch-pakistanische Grenze, zieht sich mitten durch die traditionellen paschtunischen Siedlungsgebiete, die ungefähr dem alten Kulturgebiet Gandhara entsprechen, ein historisch wichtiger Begegnungsraum der griechischen, iranischen und südasiatischen Kulturwelt. Der Mahayana-Buddhismus entstand in dieser Region und breitete sich von hier aus vor 1500 Jahren weiter nach Zentral- und Ostasien aus.

 

Die Zahl der Trauergäste bei der Beerdigung von Bacha Khan 1988 – mitten in einer Zeit schwerer Auseinandersetzungen – wurde auf 200.000 geschätzt. Vor einigen Jahren wurde dort ein zu seinen Ehren gebautes Mausoleum als Denkmal für ein friedfertiges Paschtunistan errichtet – und, so bleibt zu hoffen, für eine bessere Zukunft sowohl für Afghanistan wie Pakistan.

 

 

 

Zum Autor

Heinz Werner Wessler ist Professor für Indologie an der Universität Uppsala. Er war von 2005 bis 2011 Redakteur der Zeitschrift SÜDASIEN und ist Vorstandsmitglied im Verein Südasienbüro (www.suedasienbuero.de).

 

Endnote

1 http://ingridvonheiseler.formatlabor.net/?p=220 – Anm. d. Red.

Südasien 2/2021