Amalini de Sayrah
„Wir sind von hier“
Kunst generiert Gegenöffentlichkeit

Gentrifizierung ist ein weltweites Phänomen, Sri Lanka bildet keine Ausnahme. Mit Kunstaktionen und Wandmalereien setzen einige Aktivist(inn)en jedoch ein Zeichen in der Hauptstadt Colombo, das von Widerstand gegen das vermeintlich Unvermeidliche zeugt. Ob er erfolgreich werden kann, lotet die Autorin aus.

Eine Reihe von Ladenfronten in der Malay Street in Colombo wirkt verlassen. In einigen hängt ein Hinweis auf den Umzug und eine Kontaktnummer. Andere, deren Fassaden bereits abgerissen sind, blicken wie leere Gesichter auf die belebte Straße. Es ist die erste Märzwoche 2020, und der Abriss ist frisch. Um die nächste Ecke liegt eine neu angelegte Straße, Türme ragen in den Himmel, der Lärm von Maschinen erfüllt die Luft. Einige der Türme sind Teil eines Luxus-Lifestyle-Entwicklungsprojekts. Die anderen - bereits fertiggestellt - sind hohe Blöcke mit kleinen Wohnungen. Sie wurden den Bürger(inne)n zugewiesen, deren Häuser der Abrissbirne zum Opfer fielen, um das Projekt zu ermöglichen.

 

Firi Rahman, Vicky Shahjahan und Parilojithan Ramanathan gründeten das Projekt „Wir sind von hier“ (We Are From Here). Sie gehen in ein neu erbautes Hochhaus, das den Bewohner(inne)n von Colombos sogenannter Sklaveninsel (Slave Island) zugewiesen wurde. Ihre Schritte hallen in den langen, leeren Korridoren wider. Sie riefen das Projekt ins Leben, um der zu starken Vereinfachung der Lebenserfahrungen und den stereotypen Darstellungen von der Sklaveninsel etwas entgegenzusetzen. Die wahren Geschichten sollen durch Kunst und Archivarbeit geschrieben werden. Der Aufzug braucht zu lange, also steigen die drei die Treppen hinauf zu einer Terrasse im dritten Stock. Dort hat ein Bewohner einen kleinen Laden eingerichtet, in dem er Tee, Baabath und Pasthol verkauft.1

 

City der Weltklasse

 

Während der Ladenbesitzer den Tee zubereitet, blicken die drei von der Terrasse auf Glas- und Betonfassaden mehrerer Lifestyle- und Luxus-immobilien, Mehrzweckflächen für Einkaufszentren, Wohnhäuser und Firmenbüros. Daneben gibt es noch kahle Flächen, die Trümmer der bunten Häuser, die 2010 abgerissen wurden. Schwere Maschinen räumen die letzten Trümmer weg. Viele Bewohner/-innen aus den abgerissenen Häusern bekamen Wohnungen in Hochhäusern zugewiesen, wie in dem, in dem die drei sich jetzt aufhalten. Andere wurden in das Stadtviertel Dematagoda umgesiedelt, etwa sechs Kilometer von Slave Island entfernt.

 

Der frühere Präsident Sri Lankas (2005 bis Januar 2015), Mahinda Rajapaksa, wollte Colombo in eine „Stadt der Weltklasse“ umwandeln. Alles sollte schnell verschönert und modernisiert werden. Er stampfte aufwendig ausgestattete Organisationen zur Durchführung aus dem Boden, so das Slave Island Redevelopment Project und das Urban Regeneration Project. Die Vision manifestierte sich im Slogan Mahinda Chinthana, aus Sicht der Regierung eine Metapher für Wachstum, soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Richtig Schwung erhielt das Projekt allerdings erst, als die ausführende Behörde Urban Development Authority (UDA) dem Verteidigungsministerium unterstellt wurde – damals geleitet von Mahinda Rajapaksas Bruder Gotabhaya, dem heutigen Präsidenten. Das Militär sicherte die großflächige Vertreibung der armen Stadtbevölkerung und die Zerstörung der Häuser ab. 

 

Die von der UDA betriebenen Räumungs- und Umsiedlungsprozesse waren nicht transparent und durchsetzt mit Fehlinformationen und Fehlinterpretationen. Was die UDA als „Baracken“ definierte, waren Häuser mit zwei oder mehr Stockwerken, die über die Jahre mühsam ausgebessert, gestrichen und nach dem Geschmack der Bewohner/-innen eingerichtet worden waren, mit Grünpflanzen, die die vorderen Stufen einrahmten, und Vögeln, die die Balkone besuchten. Die Hochhauswohnungen, in die die Vertriebenen umgesiedelt wurden, sind weit entfernt von den luxuriösen Wohnkomplexen auf den Trümmern ihrer Häuser. Die fremde Umgebung des Hochhauses hat zu einer Zerstörung der Gemeinschaft geführt, zusätzlich zu den Problemen mit Versorgungseinrichtungen und Platzmangel. Da eine Wohnung für ein abgerissenes Haus zugeteilt wurde, finden sich Großfamilien, die sich bequem ein Haus teilten, nun in einem kleinen Wohnbereich zusammengepfercht. Es wäre wohl möglich gewesen, eine Wohnung pro Familie einzuteilen, sodass Großfamilien wieder ihren Platz gefunden hätten. Einige dieser Wohnungen waren erst vier bis sechs Jahre nach der Räumung fertig, sodass die Familien gezwungen waren, für diesen Zeitraum in Mietwohnungen zu leben.

 

Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass die Wohnungen den Vertriebenen einfach kostenlos hätten überlassen („geschenkt“) werden sollen. Dafür mussten sie erst kämpfen. In Wirklichkeit waren die Bewohner/-innen aufgefordert worden, der UDA bis zu einer Million Rupien (LKR, 5063 US-Dollar) für eine Wohnung zu zahlen, und zwar in Raten, die sich über 20 bis 30 Jahre erstrecken sollte. Die von der Sklaveninsel vertriebenen Bewohner/-innen begannen jedoch einen Rechtsstreit und reichten beim Obersten Gerichtshof Petitionen zu ihren Grundrechten ein. Das Gericht entschied, dass sie ihre neuen Wohnungen kostenlos erhalten und ihnen eine Mietzahlung für die Zeit des Baus gewährt wird.

 

Kunst auf der Sklaveninsel

 

Die Sklaveninsel ist ein Puzzle aus verschiedenen Geschichten und Gewerben. Dienstleistungen, auf die sich die Stadt Colombo verlässt, werden von den Bewohner(inne)n der Sklaveninsel möglich gemacht. Hotels, Krankenhäuser und mehrere Haushalte in der Stadt sind auf die Dhobis angewiesen, Wäschereiarbeiter/-innen, die Wäsche und Bettzeug waschen und trocknen. Das berühmte Straßenessen am Galle Face, einer öffentlichen Promenade mit Blick auf den Indischen Ozean, hat seinen Ursprung auf der Sklaveninsel. Die Verkäufer/-innen ziehen ihre Karren, gefüllt mit hausgemachten Snacks, jeden Nachmittag zwei Kilometer zur Promenade und in der Dunkelheit der Nacht wieder nach Hause.

 

Slave Island wurde auch zum Ort für Kunst und Straßenfotografie. Kurator(inn)en und Galerien haben Veranstaltungen abgehalten, wenngleich Firi und Vicky oft das Gefühl hatten, dass diese Veranstaltungen die Gemeinde als Kulisse und nicht als Mittelpunkt nutzten. Die Teilnehmer dieser Veranstaltungen stammten überwiegend aus der Oberschicht Colombos, liefen durch das Viertel und machten Fotos von den Bewohner(inne)n ohne deren Zustimmung.

 

Von dieser Beobachtung ausgehend, begannen Firi und Vicky ihre Dokumentation der Sklaveninsel mit Kunstmedien, die sie am besten kennen – etwa Fotos und Malerei. Bald schon brachten Nachbar(inne)n Ausschnitte aus Zeitungen, in denen ihre Arbeiten abgebildet waren. Die Leute waren stolz, dass jemand aus der Gegend Kunstwerke von ihrer Umgebung schuf. „Leute sahen sich das Bild von den Vorlagen an, die ich gezeichnet hatte, dann erkannten sie die Person darin und wollten es anderen zeigen“, sagte Firi.

 

Inkonformität an Wänden

 

Die erste Arbeit des Projekts bestand aus einer Reihe von Wandbildern in unverdächtigen Ecken entlang der Straßen von Slave Island. Die Bilder verfolgten einen doppelten Zweck: Die Bewohner/-innen sollten die Kontrolle über die Erzählung zu ihrem Zuhause übernehmen, auswärtige Besucher/-innen sollten mit den Bewohner(inne)n sinnvoll interagieren, während sie Bilder und Erzählung erkundeten. 

 

Das erste Wandbild stellte einen Herrn dar, der liebevoll „Onkel Milan“ genannt wird. Sein Maniok-Chips-Stand ist abends ein fester Bestandteil des Viertels. Milan, der fließend Singhalesisch, Tamil, Englisch und seine Muttersprache Malaiisch spricht, beklagt die Veränderungen auf der Sklaveninsel, die kulturellen wie die physischen. So verschwindet allmählich das Malaiische in der nächsten Generation. Sein Gesicht ziert die Wand in der Nähe seines Standes, und diese Nähe soll Gespräche über das Projekt erleichtern wie auch Kunden in die kleinen Geschäfte locken.

 

In einer anderen Passage, in der sich einst Burger-King befand, zeigt ein Porträt die Person Bhagya. Bhagya identifiziert sich als androgyn und hat ihr ganzes Leben auf Slave Island verbracht. Vicky, ebenfalls androgyn, ist auch auf einem Wandbild zu sehen. Sie erinnert sich, wie sie und Bhagya oft mit Fragen nach ihrer Sicherheit konfrontiert werden, weil sie in Slave Island ihre Gender-Identität leben. Außerhalb dieser Gegend haben sie Angst, nachts allein zu gehen. Aber in diesen Straßen kennt jede(r) jede(n) und dies vermittelt ein Gefühl der Sicherheit.

 

Ein nächster Schritt von We Are From Here ist die Dokumentation und Archivierung der Wandbilder. Mit der anhaltenden rasanten Entwicklung in der Gegend sehen sie sich mit der sehr realen Möglichkeit konfrontiert, dass diese Mauern in ein paar Jahren nicht mehr stehen. Das Team zeichnet die Abrissfälle akribisch auf. So kam heraus, dass die einmonatige Räumungsfrist für die meisten Bewohner/-innen unzureichend ist. Manchmal hätten sie keinen Schlüssel für ihre neue Wohnung bekommen und keine Zeit gehabt, ihr gesamtes Hab und Gut mitzunehmen. In den geräumten Häusern wurden viele Habseligkeiten zurückgelassen. Das Team fotografiert sie alle für die Archivierung. Im Idealfall gelingt es, das Wissen, die Geschichte und die Kultur von Slave Island zu digitalisieren und physisch zugänglich zu machen - sei es in Form eines Wandbildes oder eines Buches. 

 

In einer Serie mit dem Titel Until Tomorrow hielt das Team die Entwicklung durch Video- und Audio-aufnahmen fest. Die Videos wurden in der Reihe Held Apart, Together (Getrennt - Gemeinsam) gezeigt, die Colomboscope kuratierte, ein Festival für zeitgenössische Kunst und eine multidisziplinäre Kreativplattform mit Sitz in Colombo. Dokumentiert wurden Anrufe von Familien, die im Covid-19-Lockdown darum kämpfen, die Provinzen zu durchqueren, um sich wieder zu vereinen. Freunde, die sich gegenseitig per SMS um Hilfe bitten, während man an diesem Tag in der langen Schlange vor dem Supermarkt steht. Sprachnotizen von Menschen, die sich Sorgen machen, dass ihre Verwandten keinen Zugang zur Versorgung haben. Eine früher belebte Straßenszene, jetzt reduziert auf ein paar Maskenverkäufer, Brotverkäufer und geschlossene Geschäfte. Eine Frau schreibt Briefe an einen Regierungsbeamten wegen der verzögerten Entschädigung. Lichter, Fahnen und Interaktionen zwischen den Gemeinden in der Nachbarschaft anlässlich der Ramadan-Feierlichkeiten. 

 

Dokumentationen wurden auch von der zweiten Welle der Pandemie angefertigt, als Bewegungen in den Hochrisikogebieten gezielt eingeschränkt wurden. Allerdings sehen Ausgangssperre und Isolation auf der Sklaveninsel sehr unterschiedlich aus. In den Oberschichtvierteln wird auf die Selbstverantwortung vertraut, in den ärmeren Siedlungen patrouillieren bewaffnete Militärbeamte mit Schutzausrüstung durch die kleinen Straßen, in denen in Abständen Barrikaden errichtet wurden. Militärbusse sind in der Nähe geparkt, bereit, die Menschen in Quarantäne zu bringen, aber vor allem, um sie einzuschüchtern. Lieferanten dürfen nur bis zu den Barrikaden vordringen. Ältere Menschen sind auf die Großzügigkeit ihrer Nachbar(inne)n angewiesen, um an Lebensmittel zu gelangen.

 

Das Team beobachtet, wie der Wettlauf um Entwicklung und durch den Diskurs vorgegebene Wahrnehmungen von außen langsam die Seele der Sklaveninsel zerstören. Das Team hingegen kennt die Gesichter, die Stimmen und das Leben, die dem Viertel seinen Wert verleihen, sehr genau. Das verleiht ihrer Arbeit Sinn und die Entschlossenheit, einen Ort zu dokumentieren, den alle anderen auszulöschen versuchen.

 

Aus dem Englischen übersetzt
und bearbeitet von Theodor Rathgeber



Zur Autorin

Amalini de Sayrah recherchiert und schreibt über Menschenrechtsthemen unter anderem für Himal Southasian und The Guardian. Sie lebt in Colombo.

 

Texthinweis

Der Originaltext erschien am 16. Mai 2021 in HIMALAG unter dem Titel Reclaiming Space Through Art.

 

Endnote

1 Baabath ist ein traditionelles Gericht aus Kutteln, Pasthol sind frittierte Teigtaschen – Anm. d. Red.

Südasien 2/2021