Theodor Rathgeber
Editorial Südasien 3/2021

Liebe Leserinnen und Leser,

 

es ist nicht so, dass es an schriftlichen Zeugnissen zum Thema Dalits mangeln würde. Bei der Vorbereitung für den Schwerpunkt zu Heft 3 fiel jedoch rasch auf, dass es – aus nachvollziehbaren Gründen – zum einen eine klassische Herangehensweise an die Analyse gibt. Mit allen notwendigen Feststellungen zu den abscheulichen Verhältnissen und Verbrechen, denen Angehörige der Dalits unterliegen, und die einen bestimmenden Teil des Identitätsbewusstseins ausmachen. Der Schwerpunkt in diesem Heft hat diesen Strang der Dalit-Erzählung natürlich nicht ausge-spart. Darüber hinaus sind Texte eingeflossen, nicht zufällig auch aus der künstlerischen Perspektive und anstößig, die auf die heutige komplexere Identitätsbildung und Handlungsperspektive für Dalits eingehen. Wobei: Was heißt heutzutage? Das Instrumentarium, neue Formen des Dalit-Daseins zu entdecken, ist verfeinert worden. Das gesellschaftliche Umfeld hat sich so verändert, dass die von der klassischen Beschreibung abweichenden Handlungs- und Ausdrucksformen von Dalits eher akzeptiert werden. Einiges, was heute als neue Erkenntnis zutage gefördert wird, hat es also vermutlich schon in früheren Jahren gegeben – und Identität ausgebildet. Es hat nur niemand so recht bemerkt. Insofern bietet der Schwerpunkt tatsächlich Neues.

 

Der Schock über den dramatischen Verlust rechtsstaatlicher und gerechter Perspektiven in Afghanistan sitzt immer noch tief. Nicht, dass die den Taliban vorhergehenden Regierungen und ihre militärischen Bündnispartner sich damit hätten schmücken können. Auch sie kamen zum großen Teil über die militärische Zurichtung der Regierungspolitik kaum hinaus. Das Erschrecken gilt jedoch nicht nur gegenüber den Taliban, sondern auch der Erkenntnis, was alles unterblieb wider besseres Wissen. Mit den Texten in diesem Heft tragen wir dazu bei, erkennen zu können, was uns erwartet.

 

Die Artikel zu Indien sind alle getragen von Erfahrungen, die hier ebenfalls überwiegend die Schattenseiten beleuchten. Schattenseiten, die eine stetige Entwicklung vorweisen, also nicht überraschend in Erscheinung treten. Im Interview mit Colin Gonsalves wird überdies deutlich, wie leichtfertig die internationale Zusammenarbeit drängenden Fragen zum Kooperationspartner Indien und seiner Politik der Ausgrenzung aus dem Weg geht. Der Parlamentspräsident der Malediven zeigt sich hier optimistischer, wenigstens wenn es um das Thema Klimawandel geht.

 

Mit dem Sieg der Taliban in Afghanistan trat für einen Moment das Agieren pakistanischer Sicherheitsdienste und militärischer Unterstützung in das Rampenlicht. Beide Akteure sind intern wie extern von der gleichen Doktrin geleitet, einen einheitlichen Staat mit nationalistischer Ausprägung zu errichten, der Abweichungen etwa in Form föderaler Strukturen konsequent und zur Not repressiv verfolgt. Aber auch hier lohnt sich ein zweites Hinschauen. Unter der Oberfläche geht es mitunter durchaus bunt zu, und wieder sind es die Künste, hier die Musik, die Fluchten aus einem verordneten Gesellschaftsbild aufzeigen.

 

In Nepal beschäftigt sich die politische Klasse bevorzugt mit sich selbst und zerlegt staatliche Institutionen, die aus einer befreienden Praxis entstanden waren. Immerhin können Kritiker/-innen in Nepal öffentlich ihren Unmut äußern, wenn sie politische Führungspersonen schlicht für inkompetent halten. 

 

In Sri Lanka entwickelt sich ein Autoritarismus mit Ansage. Der dortigen Regierung muss man konzedieren, dass sie smarter geworden ist in der Ausschaltung von Dissens und Opposition – und dass sie davon ausgehen kann, dass etwa die Europäische Union (EU) ihr das durchgehen lässt. Die seit 2017 mit der EU vertraglich vereinbarte Abschaffung der Anti-Terrorismus-Gesetzgebung lässt nicht nur auf sich warten, sondern ist stattdessen Grundlage einer Reform mit noch schärferen Regeln. Was Europa daraus lernt? Colin Gonsalves würde es drastisch formulieren: Vermutlich gar nichts.

 

Die Prosa in diesem Heft wird durch Buchbesprechungen ergänzt, in denen eine vergleichbare Realität durch einige literarische Volten mit Witz und Humor wenigstens besser ausgehalten werden kann. Den besprochenen Büchern ist eine große Leserschaft zu wünschen.

 

Die wünschen wir uns von der Redaktion SÜDASIEN auch. Wenn Sie, geneigte Leserin, geneigter Leser, der Meinung sind, das unsere Zeitschrift lesenswert ist, werben Sie für uns. Wenn Sie meinen, wir sollten – noch – besser werden, schreiben Sie uns. Ich meine, Sie haben mit Heft 3-2021 wieder eine gute Grundlage in Händen, um eine begründete Meinung bilden zu können. So oder so, Vergnügen soll es auch sein,

 

Theodor Rathgeber

Südasien 3/2021