Gerhard Klas
Mikrokredite in Bangladesch
Ausweg aus der Armut?

Die Krise der Mikrofinanz, so stellt es die Symbolfigur dieser „Bewegung“ – Muhammad Yunus – dar, sei eine regionale und ausschließlich auf den indischen Bundesstaat Andhra Pradesh begrenzt. Dabei stehen er und seine Grameen Bank selbst in der Kritik: Vor Gericht muss er sich wegen Verleumdung verantworten, ein norwegischer Dokumentarfilm wirft ihm vor, westliche Steuergelder veruntreut zu haben, einige Zeitungen in Bangladesch behaupten, er habe Vetternwirtschaft betrieben und Grameen-Ressourcen für eine Verpackungsfabrik im Besitz seiner Familie abgezweigt und die Premierministerin Sheikh Hasina bezeichnete Ende des letzten Jahres die Mikrokredit-Institute als „Blutsauger der Armen“. Auch wenn viele westliche Medien dahinter „politisches Kalkül“ vermuten, ist die reine Anhäufung der Vorwürfe in den vergangenen Wochen Grund genug, genauer hinzuschauen.

Bruder des verstorbenen Geschäftsmanns Abdus Shoban (c) Gerhard Klas

„Ganipur, Noakhali Distrikt. Geschäftsmann nimmt sich das Leben, weil er Kreditraten der Grameen-Bank nicht bezahlen konnte.“ So titelt die bengalischsprachige Tageszeitung Amader Shomoy – „Unsere Zeit“ – am 25.Februar 2010. Abdus Shoban hatte mit Geld der Grameen Bank eine Teebude aufgemacht. Dann erkrankte er an Blasenkrebs und die Familie geriet in Zahlungsverzug, nahm einen neuen Kredit auf. „Mein älterer Bruder hat sich umgebracht, weil er nicht mehr das Geld verdienen konnte, das seine Frau zurückzahlen musste“, sagt Rob Shoban, „dieser Druck hat ihn einfach fertig gemacht.“

„Die Armen brauchen keine Almosen, sondern Kredite“, lautet seit jeher das Motto des Friedensnobelpreisträgers. Der Banker aus Bangladesch tut so, als hätten die verheerenden Ereignisse in Indien – Zinswucher, Überschuldung und Selbstmorde – mit seinen Mikro-Geschäften nichts zu tun. „Soziale“ Mikrokredite, so versucht Yunus sich und seine Grameen Bank zu retten, sollten die Zinsen auf Refinanzierungskosten plus zehn, maximal fünfzehn Prozent begrenzen. Lieber als eine gesetzliche Regulierung, so betont Yunus, würde er allerdings ein freiwilliges Einlenken seiner in Verruf geratenen Kollegen sehen.


Es geht um viel, denn Mikrokredite gelten seit einigen Jahren als das Mittel zur Bekämpfung der Armut vor allem in den so genannten Ländern der Dritten Welt. Sie sind ins Zentrum der Entwicklungspolitik gerückt. Mit Krediten und Zuschüssen der Weltbank, der US-amerikanischen Entwicklungsagentur USAID und der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau ist Bangladesch zu einem Zentrum und Experimentierfeld für dieses Finanzinstrument geworden: Ein Fünftel der Bewohner – 30 Millionen – sind heute Kunden bzw. Kundinnen bei einer Mikrofinanzinstitution. Mehr Menschen als irgendwo sonst auf der Welt.


Fragwürdige Erfolgsmeldungen
An Erfolgsmeldungen mangelt es nicht. „Laut einer internen Erhebung der Grameen Bank“ so Muhammad Yunus in seinem Buch Die Armut besiegen, hätten „64 Prozent der Kreditnehmerinnen, die fünf oder mehr Jahre von uns betreut wurden, die Armutsgrenze hinter sich gelassen“. Doch auch in Bangladesch sinkt der Stern des Mikrokredits – und das nicht erst seit gestern.


Roshida Khatoom, Kleinbäuerin im Distrikt Manikganj, wünscht sich, die Mikrokredite hätte es nie gegeben. Das erste Kleindarlehen besorgte sich die Mutter dreier Töchter 1988 bei der Grameen Bank, nachdem eine Flut ihre Ernte vernichtet hatte. Doch ihr Mann und sie schafften es nicht, die wöchentlichen Raten zu bezahlen. Roshida Kathoom schuldete um, lieh Geld bei Nachbarn, nahm weitere Kredite bei anderen Anbietern auf. Seitdem kam die heute 38-jährige nicht mehr aus der Schuldenspirale heraus. Als eines Tages Mitarbeiter der Grameen Bank auf ihren Motorrädern vorfuhren und sie wegen der säumigen Raten bedrohten, ging ihr Mann zu den Verleihern im Dorf, die über 100 Prozent Zinsen verlangen. Schließlich musste das Ehepaar noch die Hälfte seines Ackers verkaufen – ein Viertel Hektar, auf dem die beiden Bohnen, Guaven, Kokosnüsse und Papayas anbauten.


Heute lebt Roshida Khatoom allein mit ihrer jüngsten, 14-jährigen Tochter in einer kleinen Hütte. An der Wand hängt ein Bild ihres Mannes. Er ist vor zwei Jahren an Nierenversagen gestorben. Ihre zwei älteren Töchter sind verheiratet und leben bei ihren Männern. „Mein Mann ist wegen dieser Schulden gestorben“, klagt Roshida Khatoom, die noch immer Kundin der Grameen Bank ist. Der ewige Stress wegen des Geldes, so fügt sie hinzu, habe seine Genesung verhindert. Unter Tränen berichtet sie über das Schicksal ihrer Tochter. „Sie muss jetzt auf dem Feld arbeiten und helfen, die Schulden abzubezahlen, während andere Mädchen in ihrem Alter die Schule besuchen können.“


Anu Muhammad, Leiter der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften an der Jahangirnagar Universität in der Nähe der Hauptstadt Dhaka, hält anders als die Grameen Bank Mikrokredite nicht für ein geeignetes Mittel, die Armut zu bekämpfen.


„Unsere Studien und die anderer Wissenschaftler haben ergeben, dass nur 5-10 Prozent der Kreditnehmer von den Mikrokrediten profitiert haben,“ so der Ökonom. Das seien vor allem diejenigen, denen noch andere Einkommensquellen zur Verfügung stünden, also nicht die Ärmsten der Armen. „Sie landen in der Schuldenfalle“, stellt Anu Muhammad fest.


Roshida Khatoom ist demnach keine Ausnahme. In einem Wolkenkratzer im Herzen von Dhaka residiert die 2006 ins Leben gerufene Mikrokredit-Aufsichtsbehörde. Lila Rashid, die Direktorin, hat die staatliche Behörde mit aufgebaut. Sie hat in den USA Wirtschaftswissenschaften studiert und vorher für die Zentralbank in Bangladesch gearbeitet. Ihre Behörde erteilt Lizenzen für Mikrofinanzorganisationen. Seit 2006 haben sich mehr als 4000 Nichtregierungsorganisationen um eine Lizenz beworben. 500 hat die Behörde seitdem erteilt, etwa ebenso viele abgelehnt, die anderen werden noch geprüft. Lila Rashid ist davon überzeugt, dass Mikrokredite grundsätzlich etwas Gutes sind und den Armen helfen, indem sie durch Kleinstkredite in den Markt integriert werden. Aber auch sie sieht Probleme – nicht nur wegen der 20-40 Prozent Zinsen, die Kreditnehmerinnen zahlen müssen.


„Viele Nichtregierungsorganisationen haben ihr Programm umgestellt, nämlich von anderen sozialen Aktivitäten auf Mikrokredite“, beschreibt sie die Entwicklungen der letzten Jahre. Die große Konkurrenz unter den Mikrofinanzorganisationen und Banken wie der Grameen Bank entwickelt eine Eigendynamik, der jedes Unternehmen in einer Marktwirtschaft unterworfen ist: Das Geld darf nicht ruhen, es muss immer in Umlauf bleiben, damit die Mikrofinanzinstitution konkurrenzfähig bleibt. Die Folge schildert Lila Rashid: „Vor einigen Jahren waren es noch 40 Prozent der Kreditnehmer, die bei mehr als einer Mikrofinanzinstitution verschuldet waren. Heute sind es schon 70 Prozent. Das macht uns wirklich Sorgen.“


Finanzkapital in aller Welt
Umgerechnet etwa 2,4 Milliarden Euro sind derzeit in Bangladesch als Mikrokredite in Umlauf. Und die Geldmenge erhöht sich ständig, da auch internationale Investoren das Geschäft mit den Kleinstkrediten entdeckt haben. BRAC, die Konkurrenz der Grameen Bank, finanziert sich hauptsächlich über Investoren. Sie leiht sich unter anderem Geld bei der ehemaligen britischen Kolonialbank Standard Chartered. Die Citibank und die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau haben 2006 Forderungen von BRAC an die Kreditnehmerinnen verbrieft, dass heißt sie haben sogenannte „forderungsgedeckte Wertpapiere“ ausgegeben. Allein diese Verbriefung hat ein Gesamtvolumen von 150 Millionen Euro. Für die internationalen Banken sind das Peanuts, aber es ist viel Geld für BRAC: Knapp zwei Millionen weitere Mikrokredite, die verteilt werden müssen.


„Die Grameen Bank hat bewiesen, dass die Armen ein großer Markt für das Geschäft mit den Mikrokrediten sind – das ist ein wichtiges Signal für das Finanzkapital in aller Welt“, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler Anu Muhammad.


Die Grameen Bank hat in Bangladesch einen Sonderstatus. Sie untersteht nicht der Regulierungsbehörde. Auf Betreiben von ihrem Gründer Muhammad Yunus verabschiedete die Regierung in Dhaka bereits 1983 ein maßgeschneidertes Grameen-Gesetz. Damals herrschte in Bangladesch eine Militärdiktatur. Im Gegensatz zu den anderen Mikrokredit-NGOs darf die Grameen Bank z.B. freiwillige Spareinlagen von Dritten einsammeln. Vor allem die Ober- und Mittelschicht in Bangladesch hat auf diesem Wege umgerechnet eine Milliarde Euro in die Grameen Bank gesteckt. Alle, einschließlich der Grameen Bank, müssen keine Steuern auf ihre Zinsgewinne bezahlen. Schließlich, so heißt es, handele es sich um soziale Unternehmen.


Eine Obergrenze für die Zinssätze der Mikrokreditinstitutionen, wie sie die Regulierungsbehörde gerne definieren würde, passt nicht ins Konzept der mächtigen Weltbank und anderer Förderer der Mikrokredite. „Zinsobergrenzen sind keine Lösung“, heißt es in einer Expertise der Weltbanktochter ADB von 2006, „sie verursachen Verluste für die Gläubiger und schrecken poten­tielle Investoren ab, die die Mikrofinanzindustrie unterstützen wollen“. Denn viele Mikrofinanzinstitutionen in Südasien finanzieren sich mittlerweile aus Fonds internationaler Großbanken, die ihren Anlegern eine ansehnliche Rendite versprechen. Auf 250 Milliarden Dollar weltweit schätzt die Deutsche Bank Research das potentielle Geschäftsvolumen für Mikrokredite.


Aber die Krise hat sich auch in Bangladesch derart zugespitzt, dass die Regulierungsbehörde sich gezwungen sah, die Zinsobergrenze auf 27 Prozent festzulegen. In Kraft treten soll diese Richtlinie ab Juli 2011. Aber Zahid Hussein, Weltbankökonom in Dhaka, kann sich nicht vorstellen, dass die Behörde mit ihren weniger als 100 Mitarbeitern diese Richtlinie durchsetzen kann. Auch Sprecher anderer Dachorganisationen der Mikrofinanz in Bangladesch haben sie kritisiert.


Der Wirtschaftswissenschaftler Anu Muhammad sieht ein grundsätzliches Problem der Mikrokredite – egal ob kommerziell oder auf non profit-Basis: Es werde „vorausgesetzt, dass alle Bedingungen – also die Natur, die Familiensituation, die Gesundheit, das ganze Umfeld und natürlich der Markt immer konstant und vorteilhaft bleiben“. Das ist ein völlig unrealistisches Szenario, ganz besonders in Bangladesch, das regelmäßig von Überschwemmungen und Zyklonen heimgesucht wird. Jeder Schuldner der Grameen Bank muss zwar seit Ende der 90er Jahre mit der Aufnahme eines Kredites eine Riskiolebensversicherung abschließen. Angeblich soll sie die Familie beim Tode der Kreditnehmerin gegen wirtschaftliche Nöte absichern. Tatsächlich dient sie in den meisten Fällen dazu, den Ausfall der Ratenzahlungen zu refinanzieren und steigert zusätzlich zu den hohen Zinssätzen die Kosten des Kredits. Für die Armen in Bangladesch gibt es nach wie vor keine flächendeckenden Kranken-, Alters- oder Unfallversicherungen.

Zum Autor

Gerhard Klas arbeitet als Journalist und Autor für Tageszeitungen, Fachmagazine und vor allem für den öffentlich-rechtlichen Hörfunk. Im Frühjahr reiste er – ohne Begleitung durch die Grameen-Bank – mehrere Wochen durch Bangladesch. Im Frühjahr 2011 erscheint sein Buch Die Mikro-Finanzindustrie – Die große Illusion oder das Geschäft mit der Armut.

Südasien 4/2010-1/2011