Claudia Koenig
Editorial Südasien 2/2011

An News und Kurznachrichten herrscht kein Mangel. Doch um die News zu verstehen, um Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden zu können, braucht man Analysen, Kommentare und Hintergrundberichte. Das ist und bleibt die Philosophie von SÜDASIEN!


Anfang Mai 2011 begingen Indien und Bangladesch gleichermaßen den 150. Geburtstag des bengalischen Autors und kritischen Intellektuellen Rabindranath Tagore. In Deutschland kann er mithilfe der in den letzten Jahren entstandenen Direktübersetzungen aus dem bengalischen Original heute ganz neu entdeckt werden. In unserer Rubrik zur Gegenwartsliteratur schildert sein Biograph und Übersetzer Martin Kämpchen die Begegnungen Tagores mit deutschen Schriftstellern und Gelehrten in der Zeit zwischen 1913 und 1921.


Die Nachricht vom Tod Osama Bin Ladens ging am 2. Mai wie ein Lauffeuer um die Welt. Die spontanen transatlantischen Jubelreaktionen bis hin zur Bundeskanzlerin wichen aber rasch der Nachdenklichkeit über die in vielfacher Hinsicht überraschende US-amerikanische Kommandoaktion. War dies eine gezielte Tötung? War die Angst vor den Schwierigkeiten einer Überstellung in die USA oder vor einem langwierigen Strafprozess zu groß? Wie war es möglich, dass die pakistanische Regierung angeblich weder etwas von der Anwesenheit Bin Ladens in Abottabad noch von den monatelangen Ermittlungen der USA wusste? Selbst die säkularen Kräfte in Pakistan fühlen sich wieder einmal von den Amerikanern vorgeführt. Diese Ausgabe von SÜDASIEN verzichtet darauf, alle diese Fragen erneut zu behandeln. Stattdessen kommt mit Otmar Steinbicker ein Autor zu Wort, der sich mit den Wirkungen der US-Militäraktion auf Afghanistan befasst und andere Fragen stellt: Wird Bin Ladens Tod den Abzug aus Afghanistan beschleunigen oder – womöglich – verzögern? Welche Chancen haben Verhandlungen über eine Nachkriegsordnung für Afghanistan unter Einbeziehung der Taliban? Ist ein kultursensibler Prozess der Verständigung und des politischen Ausgleichs mit den Taliban der richtige Weg?


In Pakistan stehen Politiker, die sich auf der Straße mit Killerkommandos bekämpfen, auf Botschaftsempfängen lächelnd nebeneinander, so brachte es die SPIEGEL-Reporterin Susanne Koelbl einmal auf den Punkt. Seit 20 Jahren beobachtet der in Leipzig promovierte pakistanische Medienwissenschaftler Altaf Ullah Khan als kritischer Augenzeuge die leidvolle Geschichte seiner Heimat aus der Nähe. Er bezeugt in seinem Beitrag eine wachsende Hoffnungslosigkeit der Menschen in Pakistan angesichts des politischen Versagens der herrschenden Elite.


Fukushima ist überall: Zurzeit verfügt Indien über 20 Atomreaktoren; 23 weitere sind im Bau oder in Planung. Auch nach dem GAU in Japan hält die staatliche Nuclear Power Corporation of India (NPC) an ihren Plänen fest, mit ihrem französischen Partner Areva in Jaitapur die größte Atomkraftanlage der Welt zu errichten. Dabei werden voraussichtlich 40 000 Menschen vertrieben, die sich seit vier Jahren nach Kräften wehren. Praful Bidwai berichtet von diesen Kämpfen sowie von der Gefährdung für die Biodiversität in den Bergen der Westghats südlich von Mumbai.


Elende Behausungen, Abriss, Vertreibung und Umsiedlung sind die Stichworte, die jedem einfallen, der an Slums in Indien denkt. Nicht zuletzt wegen der unmenschlichen Wohnverhältnisse in seinen tausenden von Slums rangiert Indien im April 2011 trotz anhaltendem Wirtschaftsboom nur auf Platz 119 des Human Development Index (HDI) der UN. Diese SÜDASIEN-Ausgabe enthält drei Beiträge zum Thema:

  • Anna Zimmer sieht in der Debatte über die „slumfreie Stadt“, die derzeit in indischen Großstädten geführt wird, einen Ausdruck der sinkenden Toleranz der städtischen Eliten Indiens für Slumgebiete und ihre Bewohner.
  • Martin Fuchs widmet sich den informellen Selbstverwaltungsstrukturen in einem der größten Slums des Subkontinents – Dharavi in Mumbai. Denn die Zukunft der indischen Slums lässt sich nicht von ihrer Entstehungsgeschichte, der Selbstorganisation seiner Bewohner und dem lebendigen Strukturwandel trennen. Interessant ist hierbei der vom Autor beschriebene Kontrast zu zeitgenössischen Slums in westlichen Ländern.
  • Über 30 000 Straßenreiniger und Kanalarbeiter in Mumbai – fast alle Dalits – sammeln den täglichen Müll der 14 Millionen Einwohner, reinigen die Gossen und Bürgersteige und steigen in die Kanalisation hinab. Eine Wanderausstellung mit Bildern des Fotojournalisten Sudharak Olwe zeigt die Kehrseite des Glanzes der Metropole Mumbai. Sie können die Wanderausstellung kostenfrei ausleihen. Wo und wie – das steht auf der vorletzten Seite dieser Ausgabe.


Zu kurz gekommen sind in diesem Heft einige der Kurzmeldungen, sonst üblicherweise im jeweiligen Länderüberblick zu finden. Doch sie werden im Septemberheft wieder ihren gewohnten Raum einnehmen.


Ihre kritischen Hinweise und Verbesserungsvorschläge sind herzlich willkommen – auch, wenn Sie nur Zeit für eine kurze Mail finden! Ihr Feedback ist mir – als neuer verantwortlicher Redakteurin von SÜDASIEN – besonders wichtig.

Südasien 2/2011