Knut Henkel
Bedrohen, bestechen oder gar foltern
Der Journalist Sayed Yaqub Ibrahimi über die Arbeitsbedingungen in Afghanistan

In Afghanistan arbeiten einheimische Journalisten unter sehr schwierigen Bedingungen. Der 2010 mit dem Leipziger Medienpreis geehrte Journalist Sayed Yaqub Ibrahimi spricht in diesem Interview über die Arbeitsbedingungen in Afghanistan. Er stammt aus der nordafghanischen Stadt Mazar-e-Sharif in der Provinz Balkh und berichtet seit zehn Jahren über die Kriegsverbrechen, Korruption und Menschenrechtsverletzungen der Warlords. In Afghanistan gilt er als ihr schärfster Kritiker. Größter Erfolg von Yaqubs Arbeit war die vorläufige Schließung des weltweit größten Drogen-Waffen-Handelsplatzes an der Grenze der Provinz Badakshan. Die afghanische Regierung hatte sich dazu veranlasst gesehen, nachdem sie durch das Erscheinen des Reports Turning Afghan Heroin into Kalashnikovs des jungen Journalisten am 30. Juni 2008 unter Druck geraten war. Seine Berichterstattung über Menschenrechtsverbrechen von Warlords, über Korruption und organisierte Kriminalität haben ihn international bekannt gemacht – und zu einem Verfolgten. Zurzeit lebt er nach zahlreichen Morddrohungen wieder im Ausland, schreibt aber für mehrere Tageszeitungen und Internetmedien in Afghanistan.

Knut Henkel: Herr Ibrahimi, Sie reisen derzeit viel, um auf die Situation der Journalisten in Ihrer Heimat aufmerksam zu machen. Haben sich die Voraussetzungen für die Berichterstattung verbessert oder verschlechtert?


Sayed Yaqub Ibrahimi: Ich kann keine Verbesserungen feststellen, denn nach wie vor kontrollieren drei Gruppen den Informationsfluss: Warlords, die für zahllose Kriegsverbrechen verantwortlich sind; die im Westen ausgebildeten korrupten Technokraten; und die dritte Gruppe besteht aus den fundamentalistischen Islamisten. Die Warlords unterdrücken die freie Meinungsäußerung und die journalistische Recherche, weil sie genau wissen, dass dadurch ihre Kriegsverbrechen zutage gefördert werden. So würde das Risiko für sie steigen, vor internationalen Gerichten zur Rechenschaft gezogen zu werden. Die im Westen ausgebildeten Technokraten fürchten hingegen, dass die Medien aufdecken könnten, dass sie hemmungslos korrupt sind.


Und die Fundamentalisten?


. . . sind aus ideologischen Gründen gegen die freie Meinungsäußerung, weil sie darin ein Einfallstor für die Säkularisierung der afghanischen Gesellschaft erkennen.


Wie erfolgt die mediale Kontrolle, wie wird Einfluss genommen?


Wenn man Informationen publik macht, welche die Interessen einer oder aller drei Gruppen in Frage stellen, dann sieht man sich schnell einer Fülle von Problemen gegenüber – Drohungen, Gefängnis, Mordanschlägen.


Sie haben als Journalist diese rote Linie verletzt. Womit?


Ich arbeite seit 2001 als Journalist. Damals gab es einen Umbruch, die Taliban waren geschlagen, es roch nach Neuanfang, und es gab viele Möglichkeiten, als Journalist zu arbeiten. Man konnte sich durch Workshops und Seminare qualifizieren, bei den Nato-Mächten, bei Nichtregierungsorganisationen, und diese Chance habe ich ergriffen. Ich begann über Kriegsverbrechen zu recherchieren. Schon als Kind wurde ich Zeuge derartiger Verbrechen – in Kabul und Mazar-e Sharif, wo ich aufwuchs.


Was waren die Folgen?


Ich habe Morddrohungen erhalten, aber auch zahlreiche Anrufe, um mich zu bestechen. Die Angebote habe ich ausgeschlagen. Dann wurde mein Bruder Parvez K. Ibrahimi verhaftet, inhaftiert, verurteilt und gefoltert. Ich glaube, dass ich der eigentliche Adressat war – mein Bruder wurde verurteilt, um mich zu treffen.


Folglich reicht der Arm Ihrer Gegner weit hinein ins Establishment?


Die von mir genannten drei Gruppen sind in allen Bereichen des Staats, in der Regierung, im Parlament und im Justizsystem präsent – sie sind Teil des Staats. Viele Warlords haben zudem ihre eigenen Medien, ob Zeitungen, Radios oder Fernsehen. Sie konkurrieren mit anderen Medien, die durchaus unabhängige Strukturen haben, aber nicht unabhängig arbeiten können. Das Problem ist also vielschichtig. Der Westen, vor allem die Nato-Staaten, hat Geld in die Hand genommen, um den Medien des Landes auf die Beine zu helfen.


Woran hapert es?


Zwar unterstützten sie die Medien mit Geld und sichern ihnen zu, ihre Arbeit zu unterstützen, aber indirekt zeigen sie den Medien durchaus Grenzen auf. Auch sie haben ihre rote Linie, und wenn ein Sender dagegen verstößt, wird ihm die Unterstützung entzogen. Das widerspricht dem Credo der freien Meinungsäußerung, auch wenn die Nato auf der anderen Seite den Journalisten eine Menge Workshops anbietet.


Hilft das beim Aufbau eines unabhängigen Mediensystems in Afghanistan?


Wir haben unabhängige Journalisten in Afghanistan, wir haben unabhängige Medien. Wir brauchen aber auch ein politisches Umfeld, das den Journalisten die Arbeit ermöglicht. Wir müssen die Tabus auflösen, die Kriegsverbrechen aufklären, die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen – das sind zentrale Herausforderungen. Derzeit kümmern sich die Journalisten meines Landes um die normale nachrichtliche Berichterstattung, aber eben nicht um die wirklich brenzligen Hintergründe – es fehlt uns an investigativ arbeitenden Medien oder Redaktionen.


Im Oktober 2010 haben Sie den «Leipziger Medienpreis für Verdienste um Meinungs- und Pressefreiheit» erhalten. Welche Bedeutung haben derartige Preise für Journalisten in Afghanistan?


Ich habe den Preis stellvertretend für alle Journalisten in Afghanistan entgegengenommen, die unter den derzeitigen Bedingungen in Afghanistan arbeiten. Preise wie dieser sind ein Beispiel für die internationale Solidarität mit den Kollegen in Afghanistan. Ich denke, dass den Reportern in Afghanistan schon sehr geholfen wäre, wenn die internationalen Medienorganisationen ihre Solidarität intensivieren würden. Wir brauchen eine bessere, eine hintergründigere Berichterstattung über Afghanistan – im In- und im Ausland.


Wie arbeiten Sie derzeit?


Ich arbeite für Zeitungen innerhalb und außerhalb Afghanistans, aber auch für Blätter in den Nachbarländern. Zudem schreibe ich für zwei Websites in Afghanistan und beziehe mich dabei auf meine Quellen in Afghanistan – ich telefoniere viel. Generell ist der beste Platz für meine Arbeit Afghanistan. Ich möchte natürlich zurück – ich bin alles andere als zufrieden im Exil.


Das Interview führte Knut Henkel, Politikwissenschaftler aus Hamburg.

Südasien 2/2011