Martin Fuchs
Slum als Lebenswelt – Dharavi, Mumbai
Die Bedrohung lokaler Selbstorganisation

Der Autor gibt zunächst einen kurzen Überblick über Dharavi, wie es vor einigen Jahren war und in vielen Teilen noch ist, und widmet sich dann speziell den informellen Selbstverwaltungsstrukturen. Interessant ist hierbei der Kontrast zu zeitgenössischen Slums in westlichen Ländern. Er schließt mit einigen Bemerkungen zur Zukunft eben dieses – auch dank seines Erfolges – gefährdeten Modells.

Altes und neues Dharavi (c) Martin Fuchs

Altes und neues Dharavi: die neuen Wohnbauten © Martin Fuchs

Das Bild Dharavis

Eine eigenartige Faszination scheint heute von Slums auszugehen. Es ist noch nicht so lange her, dass die meisten derer, die nicht in Slums leben müssen – die Mittelklasse im Westen wie (in unserem Fall) in Indien –, Slums nur als Orte von Schmutz, Elend und Unreinheit und als Zentren der Kriminalität sahen. Nicht nur vermied man, soweit es ging, Slums zu betreten; lange herrschte auch die Meinung vor, Slums seien zu schleifen und die dort lebenden Menschen zu vertreiben. Genau die Malaise dieser Menschen wiederum scheint heute viele zu faszinieren. Dharavi (Mumbai), der archetypische und lange Zeit größte Slum Indiens, wenn nicht Asiens, wurde in den letzten Jahren zum Ziel eines organisierten Slum-Tourismus und durch den mit acht Oscars ausgezeichneten Film Slumdog Millionaire zu einer weltweiten Attraktion – auch wenn tatsächlich nur wenige Szenen des Films in Dharavi selbst gedreht worden waren. Künstler veranstalten Ausstellungen zu Dharavi und Studentengruppen aus aller Welt finden es mittlerweile schick, nach Dharavi zu gehen. All dem ging voraus, dass NGOs seit dem Ende der 1970er Jahre Dharavi in den Brennpunkt ihrer Arbeit gerückt hatten, später gefolgt von Journalisten und Wissenschaftlern. Einige wollten etwas für die Wohlfahrt und Entwicklung der Bewohner tun, andere waren an Dharavi als einem Ort von Konflikten, insbesondere als einem Zentrum der Pogrome von 1992 und 1993 interessiert. Auch der Autor dieser Zeilen gehört zu dieser Wissenschaftlerkohorte.


Die Bewohner Dharavis, um die es eigentlich gehen soll und die keineswegs eine einheitliche Kategorie bilden, werden bei alledem allzu leicht zu puren Objekten. Andererseits ist es gerade die öffentliche Aufmerksamkeit gewesen, die die Bewohner Dharavis bisher vor großflächigem Abriss und Vertreibung bewahrt hat (kleinere Vertreibungen kamen vor) und zu den heutigen Plänen der Slumentwicklung geführt hat. Das Verhältnis zur breiten Öffentlichkeit ist also durchaus ambivalent. Bestimmte Teile der Bevölkerung nutzen die Möglichkeiten der publicity aktiv – angefangen hatte dies bereits mit den Kämpfen und Bewegungen der 1980er und 1990er Jahre, die auf Dharavi und die Slumproblematik überhaupt erst aufmerksam machten. Das große Eigenengagement der damaligen Bewohner Dharavis ist heute allerdings fast in Vergessenheit geraten. Zugleich aber bedroht das wachsende Interesse Außenstehender an Dharavi die Dynamik und die Lebensweise, die so charakteristisch für Dharavi war: Die Verachtung, die den Menschen in Dharavi früher entgegenschlug, ließ ihnen gleichzeitig den Raum, ihr Leben selbst zu organisieren, anknüpfend an älteren Traditionen der Selbstverwaltung. Der heutige Hype um Dharavi dagegen ist mit einem zusehenden Hineinregieren äußerer Kräfte in die Angelegenheiten der Bewohner verbunden.


Exkurs: Die notwendigen „Fakten“

Dharavi liegt auf der Südseite des Mahim Creek, zwischen dem alten Bombay und den neuen Mittelklassevierteln, und ist verkehrsmäßig sehr gut angebunden. Gegenüber, auf der anderen Seite des Creek, ist in den letzten Jahren ein neues finanzielles und Business-Zentrum entstanden, der Bandra-Kurla Complex. Als die Entwicklung Dharavis in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts begann, lag das Gebiet jedoch noch außerhalb der Grenzen Mumbais, am Rande der Stadt.


Das moderne Dharavi begann sich seit 1887 zu entwickeln. In jenem Jahr wurden die erste industrielle Gerberei und die erste Moschee in Dharavi gegründet. Das Land, auf dem im Laufe der Jahre das modeme Dharavi entstehen sollte, war zum großen Teil Mangrovensumpf, der sukzessive aufgefüllt wurde, zum einen mit dem Müll der Bombay Municipality, zum anderen durch Erde und Abfall, die die neuen Siedler herbeischafften, um für ihre Hütten Land zu gewinnen.


Im Jahr 2001 sollen etwa 900 Tausend bis 1 Million Menschen in Dharavi gelebt haben, nimmt man den Durchschnitt von Schätzungen verschiedener in Dharavi tätiger NGOs. Von diesen Menschen sollen ca. 25-30 Prozent Muslime sein, die übrigen Bewohner mehrheitlich (d.h. ca. 60 Prozent) Dalits und Angehörige anderer marginalisierter Gruppen mit niedrigem sozialem Status. Die Schätzungen schwanken auch deswegen, weil jede Organisation die Grenzen Dharavis etwas anders zieht. Entsprechend bewegen sich die Angaben zur Fläche Dharavis zwischen 1,7 und 2,2 km2. In jedem Fall haben wir es mit einer der höchsten Bevölkerungsdichten weltweit zu tun – und mit einem der kosmopolitischsten Orte Indiens. Als eines der Migrationszentren Mumbais beherbergt Dharavi Menschen aus fast allen Ecken des Subkontinents, mit Ausnahme des Ostens und Nordostens. Entsprechend breit ist die Palette der in Dharavi vertretenen Sprachen, Religionen und natürlich der dort lebenden Kasten und anderen Gemeinschaften. Als Verkehrssprachen dienen, wechselnd nach Kontext und Sprechern, neben Hindi als der wichtigsten vor allem Marathi und Englisch.


Sehr lange Zeit fehlte jegliche moderne städtische Infrastruktur. Es gab nur ein paar Wasserzapfstellen, die von wenigen Leuten kontrolliert wurden, und keinerlei Toiletten. Heute finden sich Wasserleitungen im ganzen Gebiet, etwa 80 Latrinengebäude, Strom- und Telefonverbindungen, und viele der offenen Abwasserkanäle sind inzwischen abgedeckt. Zu verdanken ist diese Entwicklung in erster Linie den Bewohnern Dharavis selbst. Sie begannen sich Ende der 1970er Jahre in neuer Form zu organisieren, in diversen Aktionskomitees und -gruppen. Einen wichtigen Katalysator in diesem Prozess bildeten die neuen CBOs1/NGOs und Menschenrechtsgruppen, die dem Widerstandswillen der Bewohner Dharavis und ihrem Selbstorganisationspotential eine klare Stoßrichtung zu geben vermochten.


Erkämpftes Landnutzungs– und Bleiberecht

Hauptadressat des Kampfes für die Legalisierung des Slums und für bessere Lebensbedingungen waren die Stadtverwaltung und die Regierung des Staates Maharashtra. Beim wichtigsten Punkt, der Sicherung des Wohnrechts, wurde 1983 der entscheidende Durchbruch erreicht: Für einen Zeitraum von 30 Jahren wurde den Bewohnern der Kerngebiete Dharavis das Recht auf Nutzung der jeweiligen Grundstücke gewährt, gegen eine relativ geringe monatliche Zahlung an die jeweiligen Grundbesitzer, zum größeren Teil die Öffentliche Hand selbst. Daraus folgten zwei entscheidende Konsequenzen für die Stabilisierung Dharavis: zum einen beendete die Bombay Municipal Corporation weitgehend ihre Versuche, die Hütten der Bewohner Dharavis niederzureißen und die Bewohner zu vertreiben. Zum anderen wurde es dadurch für viele Bewohner Dharavis denkbar und praktikabel, die Hütten durch festere Bauten aus Ziegelsteinen und Zement zu ersetzen.


Ökonomisch zeigt sich die spezifische Form der (unvollständigen) gesellschaftlichen Integration Dharavis in der florierenden Kleinindustrie (informeller Sektor) und der Existenz einiger mittelgroßer Betriebe. Durch seine zentrale Lage und durch die vor allem handwerklichen Fähigkeiten seiner Bewohner ist Dharavi zu einem zentralen Produktionsstandort in Mumbai geworden, der praktisch keine Arbeitslosigkeit kennt und immer noch neue Arbeitskräfte anzieht. Der Gesamtumsatz soll sich 2007 nach Schätzungen auf ca. 510 Millionen Euro belaufen haben. Viele der Produzenten sind Teil eines globalisierten Zulieferersystems international operierender Großunternehmen. Dharavi ist in ganz Indien für seine Lederwaren bekannt (vor allem Handtaschen, Aktentaschen, Geldbörsen, Gürtel), die auch in den Export gehen – etwa nach Deutschland. Allerdings mußten die großen Gerbereien in den 1980er Jahren wegen der extremen Umweltbelastung schließen. Zudem wird Oberbekleidung produziert, die teilweise auf den Weltmarkt gelangt - auch deutsche Bekleidungsunternehmen lassen hier Waren anfertigen, z.B. C&A. Weitere wichtige Produktionszweige in Dharavi sind Töpferei, Schmuck und Lebensmittelverarbeitung, insbesondere Backwaren und Salzgebäck. Eine internationale Firma stellt mitten in Dharavi Wundfäden her. Arbeitsgesetze finden in Dharavi natürlich fast nirgendwo Anwendung und viele Menschen arbeiten zwischen 70 und 80 Stunden in der Woche. Nach Vermutungen sind etwa 90 Prozent der Produktionsstätten von Dharavi nicht genehmigt oder registriert.


Während die meisten Produkte von Hand in winzigen Workshops von 9 bis 16 m2 Grundfläche hergestellt werden, oft auf Dachgeschossen untergebracht, in denen bis zu vier oder fünf Arbeiter unter harten und oft ungesunden Bedingungen arbeiten, finden sich in einer Außenzone des Slums kleine Läden, ausgestattet mit Marmorböden und Airconditioning, in denen die Angehörigen der Mittelklasse insbesondere Lederprodukte kaufen können.


Etwa ein Drittel der arbeitenden Bevölkerung von Dharavi ist außerhalb beschäftigt: nicht selten als ungelernte Arbeiter in großen staatlichen und städtischen Einrichtungen: im Hafen, bei den Eisenbahnbetrieben, in der Stadtverwaltung (insbesondere der Stadtreinigung), und in verschiedenen Großunternehmen. Man findet aber auch immer mehr besser gestellte Angestellte und Selbständige; dennoch können viele sich Wohnungen in „besseren“ Stadtteilen nicht leisten. Viele der Bewohner Dharavis, die es in die Mittelschicht geschafft haben, bleiben aber auch bewusst dort wohnen, in den Gemeinschaften und Nachbarschaften, von denen sie selbst getragen wurden und die sie umgekehrt jetzt unterstützen.


Infrastruktur – die große Herausforderung

Dieser Faktenüberblick ist nur vollständig, wenn wir die Fortführung des Kampfes um Wohnraum berücksichtigen. Die Anerkennung des Wohnrechts für die Bewohner Dharavis ging einher mit der Anerkennung des Rechts auf menschenwürdige Wohnbedingungen. Dazu gehört über die Bereitstellung der Infrastruktur die Bereitstellung von angemessenen Wohnungen („Sozialwohnungen“). Seit 1985 wurden verschiedene Programme aufgelegt, die im Prinzip auf Hochbauten setzen, in denen Wohnungen von zur Zeit ca. 20 m2, für die Einwohner Dharavis zur Verfügung gestellt werden sollen, die eine Wohnberechtigung vorweisen können. Viele solcher Bauten sind bereits entstanden; auch Banken haben erstmals Filialen in Dharavi eröffnet.


Aktuell soll in Dharavi ein neues slum redevelopment project aufgelegt werden. Von dem Architekten Mukesh Mehta ausgearbeitet und von der Zentralregierung im Februar 2004 auf den Weg gebracht, hat die Regierung des Staates Maharashtra im Jahre 2007 ein Programm von 1,54 Milliarden Euro ausgeschrieben. Nach Zahlen von 2010 soll der Wert bei 2,5 Milliarden Euro liegen. Die Zuteilung der Bau- und Entwicklungsaufträge für die fünf Sektoren, in die Dharavi eingeteilt wurde, ist aus verschiedenen Gründen aber noch nicht erfolgt. Developers sollen nicht nur neue Wohnblocks errichten, in die die Slumbewohner umgesiedelt werden, sie sollen gleichzeitig die Infrastruktur (Wasser, Abwasser, Straßen) und soziale wie kulturelle Einrichtungen (Schulen, Colleges, Krankenhäuser) (neu) errichten. Die Einbeziehung der Produktionsstätten, die Dharavi auszeichnen, ist aber nur in begrenztem Umfang geplant. Außerdem hat die Staatsregierung die Abschaffung der alten Zustimmungsregelung für Bauten auf staatseigenem Land verkündet (früher ein Quorum von 70 Prozent, zuletzt 60 Prozent der von einer Baumaßnahme betroffenen Mitglieder einer cooperative society). Die Bevölkerungszahlen, die der Planung zugrundegelegt werden, sind umstritten und systematisch zu niedrig angesetzt. Geplant ist die Errichtung sehr vieler zusätzlicher Wohnungen, die an Personen von außerhalb Dharavis verkauft werden sollen. Dharavi, das bereits eine der höchsten Wohndichten der Welt aufweist, soll Wohnraum bereitstellen für diejenigen, die in den neuen kommerziellen Zonen wie dem Bandra-Kurla-Komplex arbeiten.


„Mini-India“

Dharavi ist nicht homogen. Im Gegenteil, Dharavi kennzeichnet eine große soziale und kulturelle Vielfalt. Niemand, auch kein Bewohner Dharavis selbst, vermag diese Vielfalt zu überblicken. Eine breite Zahl von Kasten und Gemeinschaften und viele der in Indien gesprochenen Sprachen finden sich in Dharavi, aber auch ein breites Spektrum an Religionen, alle mit eigenen Tempeln und Verehrungsstätten: Man findet Tempel der großen indischen Gottheiten, von den Bewohnern Dharavis selbst geführt, aber auch gurudwaras eher egalitärer (sant bhakti) hinduistischer Strömungen wie ebenso Schreine anikonischer Dorfgottheiten; Moscheen, die verschiedene islamische Strömungen repräsentieren; christliche Kirchen der verschiedensten Denominationen, von Anglikanern, Katholiken und Lutheranern über Methodisten und die Heilsarmee bis zu den evangelikalen Pentecostals (Pfingstlern); Buddhismus in der von Ambedkar wiederbelebten ethisch-rationalistischen Form; schließlich sogar Jainismus bei einigen Juwelieren. Ebenso sind die verschiedensten politischen Parteien, gesamtindische und regionale, in Dharavi vertreten. Es gibt die unterschiedlichsten Vereine sowie selbst gegründete Schulen neben den wenigen staatlichen. Ein großer Teil der Aktivitäten vollzieht sich außerhalb der Wahrnehmung der breiteren indischen und internationalen Öffentlichkeit. Dharavi bildet in vielem eine eigene Welt, und die meisten Menschen dort wollen auch nicht, dass sich Außenstehende zu sehr einmischen. Sie sind vielmehr stolz auf das, was sie in Dharavi geschaffen haben: Immer wieder, gerade zu Anfang meiner Arbeit in Dharavi, wurde mir selbstbewusst gesagt, Dharavi sei „Mini-India“, eine Repräsentation der Vielfalt indischer Kultur und Sozialität.


Dass Dharavi eine eigene Welt bildet, heißt jedoch nicht, dass es eine Welt für sich ist. Was auch das bunte Bild vom „Mini-India“ nicht explizit artikuliert, ist das Faktum der doppelten Marginalisierung Dharavis. Einerseits Angehörige der großen diskriminierten sozialen Kategorien Indiens – Dalits, denotified (oder ex-criminal) und nomadic tribes und Moslems – sind die Bewohner Dharavis gleichzeitig – oder waren es lange Zeit, bis einige sich hocharbeiten konnten – Teil des marginalisierten Sektors innerhalb der modernen Ökonomie, Teil der „urban poor“.


Informalität

Mehrdimensional waren, und sind, denn auch die Kämpfe der Bewohner Dharavis. Offensichtlich ging es zunächst um die Sicherung des Überlebens, um Verdienstmöglichkeiten, wie um das Wohn- oder Bleiberecht und die Schaffung menschenwürdiger Lebensbedingungen. Genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger, war für viele derer, die ich in Dharavi traf, der Kampf um soziale Anerkennung, um Überwindung der systematischen Diskriminierung, Stigmatisierung und Erniedrigung. Viele meinten, dies sei das Wichtigste für sie. Nicht nur die Not – der Umstand, dass man nur wenige Ressourcen besitzt und außerhalb der formalen Arbeitswelt und sozialen Sicherungssysteme gehalten wird – sondern auch das eigene Selbstbehauptungsbedürfnis führten zu den besonderen Lebensstrukturen in Dharavi, deren Hauptkennzeichen ihre Informalität ist. Informell sind nicht nur ein großer Teil der wirtschaftlichen Strukturen sondern auch die soziale Organisation und die Formen von governance oder Selbst-„Verwaltung“.


Ich kann diese informellen Strukturen hier nur knapp umreißen. Ökonomisch ist Dharavi, wie gesehen, ein hoch dynamischer Stadtteil. Der größte Teil der Produktion in Dharavi geschieht in Form des Verlagssystems und des sub-contracting, durch Kleinunternehmer oder einfach durch das findige Ausnutzen ökonomischer Nischen. Dies sind typische Kennzeichen informeller Ökonomie. Nicht untypisch ist auch die wachsende interne Reichtumsdifferenzierung und zunehmende interne „Gentrifizierung“2 in Dharavi.


Bemerkenswerter ist hingegen die soziale Funktionsweise Dharavis, die man, parallel zur informellen Ökonomie, als informelle Form der Sozialität bezeichnen kann. Diese selbst geschaffenen Formen der Sozialität, die im Folgenden kurz umrissen werden sollen, bilden die Basis für die Teilhabe ansonsten unterprivilegierter Menschen an der Zivilgesellschaft, eine Grundlage für gesellschaftliches Engagement und für die Möglichkeit, aktiv an der Verbesserung der eigenen Lebensumstände zu arbeiten. Diese sozialen Aspekte erschließen sich einer rein planerischen, sozialtechnokratischen, entwicklungsorientierten Perspektive nicht, noch werden sie von staatlichen und finanziellen Institutionen geachtet.


Dharavi bildet kein unstrukturiertes Konglomerat. Formal ist es eingeteilt in cooperative societies, früher chawls genannt, die jeweils etwa 150-200 Häuser (Hütten oder Wohneinheiten) einschließen. Für die staatliche Bürokratie wie für viele NROs bilden diese die wichtigsten Leitplanken. Trotzdem war der Staat in Dharavi bislang nur wenig präsent und die Behörden besitzen nur oberflächliche Kenntnisse der lokalen Bedingungen. Die staatlichen Organe, die Beziehungen zu oder sogar Dienststellen in Dharavi unterhalten (u. a. Polizei, Gesundheitszentren, Behörden für Slummodernisierung und Wohnungswesen), wirken eher wie Brückenkopfe, die der Staat auf unbekanntem Territorium zu errichten vermochte. Dharavi bildet keine Verwaltungs- oder sonst wie politisch-historisch etablierte Einheit, ist technisch kein eigener Stadtbezirk.


Kasten, Religonen, Nachbarn, Netzwerke

Um das Funktionieren von Dharavi trotz oder gerade angesichts des Fehlens einer effektiven Administration und formeller Verwaltungsstrukturen zu erklären, muss man die vielschichtigen sozialen Strukturen verstehen.


Da ist zum einen die Vielzahl an „Gemeinschaften“ – Kasten und kastenähnliche Gruppen, religiöse Gemeinschaften –, die in Dharavi auf einander treffen. Deren Netzwerke reichen oft weit über Dharavi hinaus, vor allem in die (ländlichen) Herkunftsregionen der Menschen. Kasten bilden aber kein einheitliches soziales Phänomen, sind von sehr unterschiedlichem Umfang und sehr unterschiedlich organisiert. Dennoch ist ein kennzeichnendes Merkmal vieler Kasten ihre relativ starke interne Autonomie. Lokale und manchmal regionale Subgruppen regeln interne Streitigkeiten, organisieren Heiraten wie auch gemeinsame Projekte. In Dharavi bilden solche Kastengruppen Solidaritätsnetzwerke, die nicht nur bei der Ansiedlung und der Arbeitssuche sondern oft auch in Notfällen helfen.


Der Schlüssel zum Verständnis von Sozialität und Selbstregierung in Dharavi – und dies ist der zweite Aspekt – liegt in den beständigen kleinen Vorgängen der Abstimmung und Verständigung sowohl innerhalb von als auch zwischen den sozialen Gemeinschaften. Manche Gruppen bleiben weitgehend unter sich. Viele hingegen leben in „gemischten“ Nachbarschaften und haben dadurch täglichen Austausch mit denen, die „anderen“ Gruppen zugerechnet werden. Dies erlaubt es dann auch, die oft sehr andersartigen Gewohnheiten, Rituale und Überzeugungen der anderen kennen zu lernen und zu akzeptieren oder sogar deren Feste mitzufeiern. Oft geht dies einher mit einem bewussten Respektieren kultureller und religiöser Differenz sowie universalistischen Idealen, aufbauend auf Ideen von bhakti, Buddhismus, Christentum und Islam. Natürlich gilt dies nicht für alle Menschen in Dharavi, doch ist die Anhängerschaft der Hindu-Rechten noch begrenzt, trotz der Pogrome von 1992/93, die von außen (vor allem der Shiv Sena) stark angeheizt wurden – oder vielleicht gerade wegen dieser Erfahrung.


Versucht man diese Übersetzungsprozesse soziologisch zu fassen, so lassen sich im Kontext Dharavis zwei institutionelle Formen festhalten: Zum einen die vielfältigen und unterschiedlich weit ausgreifenden Formen von sozialen Netzwerken über Gemeinschaftsgrenzen hinweg, von den CBOs bis zu diversen informellen Selbsthilfegruppen; beeindruckend waren vor allem die zivilgesellschaftlichen Initiativen im Gefolge der Pogrome von 1992/93. Zum anderen gibt es spezifische Formen sozialer Mediation. Hier handelt es sich um besonders anerkannte Individuen, so genannte „social worker“, meist Männer, die als Vermittler oder Makler, als Ratgeber und Anwälte agieren. In Dharavi finden sich social worker von sehr unterschiedlichem Typus und Status und mit unterschiedlichem Rollenverständnis. Bedingung in allen Fällen ist, dass den social workers von ihrem sozialen Umfeld besonderes Geschick und Gespür oder eine besonders gute Kenntnis der lokalen sozialen Beziehungen zugebilligt wird.


Netzwerke wie Formen sozialer Mediation, mit ihrer großen Variationsbreite, sind selbstentwickelte Formen lokaler governance. Das Bild Dharavis, das sich aus all dem ergibt, ist das einer Kette mit einander verzahnter Kreise von Diskussion, Entscheidung und Selbstverwaltung. Entsprechend dezentral ist die Öffentlichkeit des Slums: Dharavi besitzt weder eine alle Bewohner umfassende Sphäre öffentlicher Debatte noch irgendein anderes politisches oder soziales Zentrum. Dies gerade ermöglicht, entgegen der Annahme von Planern, Politikern und auch vielen Sozialwissenschaftlern, ein funktionierendes soziales Leben in Dharavi. Zugleich gibt dies Dharavi einen hohen Grad an Elastizität und Widerstandsfähigkeit. Nicht alles muß klappen, nicht jede Entscheidung ist glücklich, aber das Gesamtgefüge wird davon nicht tangiert – anders als von Regierungsentscheidungen, die mit einem Federstrich ganze soziale Lebensräume umkrempeln oder ausradieren können.


Um das, was im Vorangegangen gesagt wurde, noch einmal auf den Punkt zu bringen: Kennzeichnend für Dharavi ist seine Informalität, und dies auf allen Ebenen, der der Wirtschaft, der der selbst-organisierten Religion, und der von Koordination und Kooperation innerhalb und zwischen Gruppen, Vereinen, Organisationen. Diese Informalität sozialer Beziehungen ist nichts Geplantes, herausstechend sind der Erfindungsreichtum und die Kreativität der Menschen in Dharavi – die Selbstaktivität der Menschen am unteren Ende der sozialen Skala. Die informellen Strukturen kompensieren nicht nur die unwillige Verwaltung (Regierung) des Staates sondern schaffen zugleich einen Freiraum, in dem man den Staat auf Distanz hält.


Ein Vergleich soll das, was so besonders erscheint an Dharavi (und möglicherweise anderen Slums in Indien), noch deutlicher machen. Das Besondere an Dharavi erkennt man, wenn man Dharavi mit westlichen, europäischen und nordamerikanischen, Slums vergleicht. Ich beziehe mich hier auf Loïc Wacquants Untersuchung zeitgenössischer europäischer, besonders französischer, und nordamerikanischer „Ghettos“ oder „banlieues“,3 die er als „places of relegation“ oder „stigmatized neighbourhoods“ – „Orte der Verbannung” und „gebrandmarkte Nachbarschaften” – charakterisiert4. Gemeinsam sind den europäisch-amerikanischen slums und Dharavi die „wirtschaftliche Informalisierung“, die „Entsozialisierung der Lohnarbeit“ (oder auch „Entproletarisierung“) und die „territoriale Stigmatisierung“5. Hier wie dort werden die Bürgerrechte der Slumbewohner nicht voll respektiert6. Europäische und amerikanische Slums wie auch Dharavi sind ökologisch heruntergekommen (kontaminiert), die Bevölkerung wird kollektiv stigmatisiert. In Nordamerika, z.T. jetzt auch in Frankreich, geht dies wie in Dharavi mit einer ethnizistisch-rassistischen Diskriminierung einher7. Frappierend sind dann aber die Unterschiede. In Dharavi, anders als in den westlichen Fällen, ist die Identifikation mit dem Ort (sense of place) nicht erodiert und statt eines Prozesses der sozialen Fragmentierung eher das Gegenteil, nämlich engere, aktive Kooperation und Vernetzung, zu beobachten8. Weder sind die sozialen Netzwerke in Dharavi am Zerfallen, noch ist die Verbindung zum “sozialen Hinterland” (Wacquant) im Fall Dharavis abgebrochen. Während die gesellschaftliche Marginalisierung der Slums und ihrer Bewohner in den westlichen Fällen zunimmt, verringert sie sich im Fall Dharavis: Dort wird der Modus der Beziehung zum Staat und zur weiteren Gesellschaft sehr aktiv verhandelt.


Das bedrohte Modell

Die Gefahren für Dharavi drohen eher von anderer Seite. Es ist gerade die Hinwendung des Staates und der weiteren Gesellschaft zu Dharavi, die Risiken birgt. Es ist der Umstand, dass Dharavi weitgehend informell organisiert ist, der den Menschen dort zum Verhängnis werden kann.


Zu sehen war dies bei den Pogromen von 1992/93, die, von außen angestachelt, Nachbarn zu Tätern machten, und denen Dharavi nur bedingt etwas entgegenzusetzen vermochte – lediglich den Schutz einzelner und die anschließende Hilfe für die Opfer. Zu sehen ist dies jetzt wieder potentiell bei dem aktuellen Dharavi Redevelopment Project. Den Menschen Dharavis wird hierbei die Mitwirkung und Mitentscheidung bei der Entwicklung ihres Lebensraums abgesprochen – entscheiden sollen künftig allein die Baukonsortien, im Einverständnis mit staatlichen Stellen und abgefedert durch ein paar kooperierende NGOs. Gewachsene soziale Strukturen würden zerrissen, die Produktionstätigkeit in Dharavi, und damit der Lebensunterhalt seiner Einwohner, würde massiv beschnitten werden. Viele könnten sich die Unterhaltskosten für die neuen Wohnungen nicht leisten und müssten wieder migrieren. Nach allen bisherigen Erfahrungen zu erwarten ist auch, dass plötzlich Namen der Wohnberechtigten von den Listen verschwinden und durch Namen von Menschen, die dort nie gelebt haben, ersetzt werden. Ohne Wohnung würden auch alle die bleiben, die zur Miete oder Untermiete in den Hütten und Häusern wohnen, etwa 1/3 der Bevölkerung Dharavis, sowie diejenigen, die sich in Dharavi nach dem 1. Januar 2000 niedergelassen haben. Und es sollen noch einmal Hunderttausende Menschen zusätzlich nach Dharavi hineingepresst werden, die aus ganz anderen sozialen Zusammenhängen (untere Mittelklasse, mittlere Kasten) stammen. Auch ökologisch und von den Lebensbedingungen her, angesichts der dann zu erwartenden noch höheren Bevölkerungsdichte und angesichts des Umstandes, dass Dharavi zu einem großen Teil auf ehemaligem Sumpfland steht, wäre dies eine riesige Katastrophe. Die einzige Hoffnung, und diese hat immerhin bisher (von 2004 bis heute, 2011) Bestand, ist, dass die staatlichen Stellen zu große Angst vor den Protesten der Einwohner Dharavis haben – immerhin ein sehr großes Wählerpotential – und dass das finanzielle und Machtgerangel im Hintergrund den Fortgang des Projekts weiter blockieren wird.

Endnoten
1 CBO = Community Based Organisation.
2 Die Gentrifizierung (von engl. Gentry: niederer Adel), teils auch Gentrifikation (von engl. Gentrification), ist ein in der Stadtgeographie verwendeter Begriff, der den sozialen Umstrukturierungsprozess eines Stadtteils beschreibt.
3 Wacquant, Loïc (2008), Urban Outcasts. A Comparative Sociology of Advanced Marginality, Cambridge: Polity.
4 Wacquant 2008: 1, 147.
5 ibid.: 234f, 265.
6 cf. ibid.: 38; 251f.
7 ibid.: 3.
8 Wacquant 2008: 7; 241f; 244ff.

Zum Autor
Martin Fuchs ist Anthropologe, Soziologe und Religionswissenschaftler mit langjähriger Indienerfahrung am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt.

Südasien 2/2011