Altaf Ullah Khan
Eine Nation verliert die Hoffnung
Der Tod von Osama bin Laden wird in Pakistan und weltweit diskutiert. Für Pakistan ist die Vertrauenskrise zwischen den Eliten und der pakistanischen Bevölkerung eine große Herausforderung

Der Verlust der Hoffnung ist heute das größte Problem der Menschen in Pakistan, schreibt Altaf Ullah Khan. Sie leben in ständiger Todesfurcht für sich selbst oder ihre Angehörigen. Die emporschießenden Preise für alle Dinge des täglichen Bedarfs treiben jedermann in abgrundtiefe Armut. Die politischen Akteure hüllen sich in Schweigen: Wie ein positiver Wandel erreicht werden kann, bleibt offen.

Pakistan ist eins der Länder, das wir beschönigend als Schwellenland oder als „Gesellschaft im Wandel“ bezeichnen. Der Wandel ist jedoch durch Apathie und mangelnde Bereitschaft von Staat und Gesellschaft, aus der Übergangsphase in einen stabilen neuen Zustand zu gelangen, in Stagnation und Fäulnis übergegangen.


Gegenwärtig leben die Menschen in ständiger Unsicherheit und Furcht. Niemand fühlt sich noch irgendwo sicher. Überall können Terroranschläge stattfinden, in großen wie in kleinen Städten. Gezielte Morde gehören in Karachi, Pakistans größtem Finanzzentrum, zur Tagesordnung. Explodierende Preise treiben die weitgehend arbeitslose Jugend und zahlreiche Familien, die vom Einkommen eines oder weniger Mitglieder abhängig sind, in entwürdigende Armut. Der jüngste Anstieg der Ölpreise wird alle Lebensbereiche im Lande beeinträchtigen. Der häufige Zusammenbruch der Elektrizitätsversorgung lähmt die gesamte Industrie und das kleine Gewerbe. Für Tagelöhner ist es fast unmöglich, eine Mahlzeit für ihre Familien zu verdienen. Während die Menschen in Pakistan ums nackte Überleben kämpfen, setzen die herrschenden Eliten ihre Prioritäten ganz anders.


Unmittelbar drängt sich die Frage auf: Was tut die Regierung? Welche Schritte hat sie unternommen, diesen Herausforderungen zu begegnen? Die herrschende Elite ist damit beschäftigt, neue Allianzen zu schmieden und immer mehr finanzielle und politische Macht an sich zu ziehen. Korruption ist weit verbreitet. Die Machthaber in diesem Land sind vor allem darauf aus, neue Partner zu finden, um ihre Machtstellung zu festigen. So auch während der Koalitionskrise Anfang des Jahres: Die Regierungspartei, die Pakistan People’s Party (PPP)1, hat es zu guter Letzt geschafft, den unwahrscheinlichsten aller Verbündeten zu finden, die Pakistan Muslim League-Quaid (PML-Q)2. Nach einem Koalitionsaustritt ist auch die Muttahida Qaumi Movement (MQM)3 wieder im Boot. In ihrer Verzweiflung war die Regierungspartei bereit, für ihren Machterhalt jeden Preis zu zahlen. Analytiker glauben, dass dem neuen Regierungspartner in Teilbereichen unbegrenzter und unkontrollierter Einfluss gewährt wurde. Die Zeit wird zeigen, wie ausgewogen die Allianz zwischen PPP und PML-Q wirklich sein kann.


Die Kluft zwischen den Massen und der herrschenden Elite wie auch zwischen Regierung und Opposition hat sich auf ein gefährliches Maß erweitert. Heute ist in Pakistan die Ansicht verbreitet, dass sich die Regierung nicht im Geringsten um die Sorgen und Nöte des kleinen Mannes kümmert. Die ganze politische Klasse wird als separate Einheit angesehen, die vor allem damit beschäftigt ist, ihren eigenen Besitzstand zu sichern. Die Bevölkerung bleibt hierbei vollständig außen vor, dazu verurteilt, in bitterer Armut zu verharren.


Das politische Bündnis hat die Verwirrung im ganzen Land noch verstärkt. Auf der einen Seite hat es die PPP bis hoch in die Führungsebene in Interessengruppen aufgespalten. Die Abneigung des Ministerpräsidenten gegen diese Allianz und sein öffentliches Bekenntnis, erst in letzter Minute davon informiert worden zu sein, führen im gesamten Land nur zu weiterer Unzufriedenheit und Verwirrung. Auf der anderen Seite wissen die frisch vereidigten Minister nicht einmal, wem sie Bericht erstatten sollen: dem Premierminister und damit dem Regierungschef einer parlamentarischen Demokratie, dem Präsidenten und eigentlichen Architekten dieser Allianz oder ihren eigenen Parteiführern Chaudhary Shujaat Hussain4 bzw. Chaudhary Pervaiz Elahi5.


Die in letzter Minute vorgenommenen Umbesetzungen in den zugesagten Ressorts kurz vor der Vereidigungszeremonie sind ein weiterer Streitpunkt. Die PML-Q gibt nun zur Gesichtswahrung vor, sie sei nicht an den Ministerien für Wasser und Strom oder Finanzen interessiert gewesen, da diese aussichtslosen Ressorts nur ihren guten Ruf bei den nächsten Wahlen ruinieren würden. Es ist allerdings kein Geheimnis, dass niemandem in der Partei der Dienst an der Öffentlichkeit am Herzen liegt. Genau hier nehmen die Dinge eine schlimme Wendung. Es ist kein intellektuelles Gerede, sondern eine allgemein bekannte Tatsache, ein offenes Geheimnis bei den Massen: Pakistan ist radikal in reich und arm gespalten. Die Stadt der Reichen und die Stadt der Armen befinden sich in den gleichen geografischen Grenzen, aber sie kommen nie zusammen. Diese Frustration in der Bevölkerung wurde am 3. Mai 2011 vom ehemaligen Informationsminister, Muhammad Ali Durrani6, in einer populären TV-Show sehr gut beschrieben, als er sagte: „Ich schäme mich. Es ist eine Schande, dass die Menschen, die uns gewählt haben, nun zu Opfern unserer Apathie geworden sind.“ Der ehemalige Minister und Führer der PML-Q fuhr fort, indem er auf die Folgen des Egoismus der herrschenden Elite einging. Er stellte treffend fest, dass das gesamte System im Chaos versinkt und dass es keine Hoffnung für den kleinen Mann gibt.


Der Verlust der Hoffnung ist das eigentliche Problem der Menschen. Sie leben in ständiger Todesfurcht für sich selbst oder ihre Angehörigen. Die emporschießenden Preise für alle Dinge des täglichen Bedarfs treiben jedermann in abgrundtiefe Armut. Arbeitslosigkeit und soziale Ungleichheit nehmen täglich zu. Das unheilige Schweigen aller politischen Akteure, wie irgendein positiver Wandel im Lande erreicht werden soll, ist unerträglich geworden. Die etablierten politischen Parteien sind mit ihren privaten Vendetten beschäftigt und vergessen ihr öffentliches Mandat. So stellt sich die Situation dar, wie die Allgemeinheit sie tagtäglich in Form von Terrorismus, Korruption, sozialer und politischer Ungleichheit und wie auch die Jugend des Landes sie als Vertrauensverlust in ihre menschlichen Entfaltungsmöglichkeiten erlebt. Auch wenn die Sicherheit der Nation auf dem Spiel steht, sind die Herrschenden im Land mit ihren eigenen Mätzchen beschäftigt. Das Volk erwartet von der Regierung einen Plan für die nächste Zukunft. Aber sie hat keinen. Die Menschen in Pakistan sind hilflose Betrachter ihres eigenen Schicksals.


Das ist die gegenwärtige Situation Pakistans. Die Gegenwart schmerzt umso mehr, als sie bereits auf einer elenden Vergangenheit fußt. Mehr als ein Jahrzehnt des Terrorismus, weit verbreitete Korruption schon seit Beginn der nationalen Existenz und die seit Jahrzehnten herrschenden miserablen Lebensbedingungen für die Glücklosen haben ihren Tribut gefordert.


Die Menschen trauen keinem mehr. Sie denken nicht einmal an einen Wandel. Das ist gefährlich. Wenn ein Volk alle Hoffnung verliert, neigt es verständlicherweise dazu, in einer verzweifelten Lage verzweifelte Schritte zu ergreifen. Unter derart anarchischen Verhältnissen kann es zu Bürgerkriegen kommen. Wenn niemand hilft, greift man zur Selbsthilfe, nimmt die Kontrolle selbst in die Hand. Wenn kleine Teile einer Gesellschaft gezwungen sind, so zu denken, entschließen sie sich, es auf ein Armageddon, die Entscheidungsschlacht zwischen Gut und Böse, ankommen zu lassen. Sie sind überzeugt, dass das Schicksal sie zum Sieg bestimmt. Sie sind von der Gerechtigkeit ihrer Sache überzeugt. Teilweise stimmt das sogar. Ihre Beschwerden sind begründet und ihr Kampf ist berechtigt. Das Problem beginnt jedoch mit der Art und Weise des Kampfes um Emanzipation und den endgültigen Sieg der Wahrheit. Die Menschen in Pakistan sind wahrhaft Opfer willentlich verübter Gewalttaten. Das Problem liegt in der Art und Weise, wie sie ihr Elend bekämpfen. Sie haben keine klare Sicht der eigentlichen Ursachen ihrer Schwierigkeiten und sie haben keine intellektuellen Führungspersönlichkeiten, die an der Spitze einer analytisch-strategischen Bewegung für den Sieg des Rechts über das Unrecht stehen könnten. Die oberflächlichen Analysen in Fernseh-Talkshows sind zurzeit der einzige intellektuelle Aktivposten, den die armen Leute haben. Die politische Führung ist bereits diskreditiert und täglich wächst dieser Personenkreis, der sich sakrosankt gleich heiligen Kühen wähnt.


Aufrufe zum zivilen Ungehorsam gehören bereits zum Alltag. Der Mann auf der Straße nennt ihn vor laufenden TV-Kameras als Lösung für alle Probleme. Die Energieengpässe werden zum unmittelbaren Anlass einer landesweiten Empörung. Der Tagelöhner kann am Ende des Tages das Essen für seine Kinder nicht bezahlen, da der Klein- oder Großbetrieb, in dem er arbeitet, nicht mit Strom oder Gas versorgt wird. Er ist deshalb arbeitslos und seine Kinder warten vergebens, dass der Vater ihnen einen Brosamen mitbringt. Die Regierung allerdings spuckt große Töne. Niemand in der herrschenden Klasse kommt auf den Gedanken, auf die Bevölkerung einzugehen. Stattdessen werden ständig der Internationale Währungsfonds, die Weltbank und das Haushaltsdefizit zitiert und als Grund für die ständigen Preissteigerungen und Energieengpässe vorgeschoben. Die Regierung denkt keinen Moment darüber nach, dass der einfache Bürger eine Erklärung für seine jetzigen Lebensverhältnisse braucht. Eine Erklärung, die ihm Hoffnung gibt oder zumindest plausible Gründe nennt, die ihm verständlich machen, wie lange er noch mit einem Hungerlohn auskommen muss und wann es endlich konkrete Maßnahmen zur Armutsbeseitigung geben wird. Der Gegensatz zwischen Arm und Reich gibt natürlich jedem zu denken. Wenn die Dinge tatsächlich so schlecht stehen, warum tragen alle diese Typen trotzdem noch Designer-Klamotten, fahren in teuren Autos und wohnen in Luxusvillen? Die Regierungsvertreter, die über Armut und Unglück reden, sind immer Musterbeispiele für Reichtum und Wohlergehen. Die Medien übertragen das „live“. Jedermann konnte verfolgen, dass der Premierminister während des Cricketspiels zwischen Indien und Pakistan, das in Mohali (Indien) stattfand, täglich dreimal seinen Anzug wechselte.


Der neue private TV-Kanal 24/7 deckt alle Fakten auf, manchmal sogar unbeabsichtigt, auf jeden Fall werden die Zuschauer informiert. Er ist ein aufmerksamer Beobachter, eine ständige Instanz der Wachsamkeit.


Wo steht Pakistan heute als Nation? Im Nichts. Das Land ist tief gespalten zwischen den Begüterten und den Habenichtsen. Die ganze Welt funktioniert zwar mehr oder weniger auf diese Art und Weise. Aber überall auf der Erde gibt es entweder eine Institution namens Regierung, die zwischen der Habsucht und Machtgier der Begüterten und dem Verlangen des gemeinen Volks nach Gerechtigkeit vermittelt. Oder es gibt eine wohlwollende Autokratie, die die Kluft in der Gesellschaft auszugleichen weiß. Bis vor kurzem war Pakistan das Beispiel des letzteren Modells. Anthony Giddens ordnete unser Land bereits 1980 in die Länderkategorie ein, die von „autokratischen Prätorianern“ regiert wird. Pakistan hat im Auf und Ab seines Bestehens mit der häufigen Machtergreifung durch das Militär viel davon erlebt. Gelegentlich bekamen zivile Regierungen ihre Chance, die sie durch Korruption und Inkompetenz wieder verspielten. Das Volk von Pakistan hat all dies mitgemacht und vom „gelobten Land“ geträumt. Das gelobte Land indes ist nicht mehr zu sehen. Und hier wird es ernsthaft gefährlich.


„Warum soll man der Regierung vertrauen?“, fragt die Laufschrift eines privaten TV-Senders, die das Thema des Tages in einer beliebten politischen Talk-Show ankündigt. Thematisiert wird eine sehr reale Problematik, die zeigt, wie abgrundtief gestört das Vertrauensverhältnis zur pakistanischen Regierung ist. Wenn sich dieses Vertrauensdefizit weiter verschlimmern sollte, dann könnte sich aus dem Zweifel eine Bewegung entwickeln. Es könnte tatsächlich zu einem zivilen Ungehorsam kommen und damit wäre die Autorität der Regierung direkt von eben den Massen angefochten, die es der Elite ermöglicht haben, im Zentrum der Macht zu sitzen. Es ist allerhöchste Zeit, zumindest den Willen zur Aufrichtigkeit zu vermitteln und ein transparentes Regierungssystem unter Beteiligung der Bürgerschaft sowie eine Politik der Verantwortlichkeit einzuführen.


Übersetzt von Reinhold Schein

Endnoten
1 Die Pakistan People‘s Party (PPP) wurde 1967 von dem Großgrundbesitzer Zulfikar Ali Bhutto als gemäßigt sozialistisch ausgerichtete Partei gegründet. Als programmatische Leitsprüche wurden „Unsere Religion heißt Islam, unsere politische Ordnung heißt Demokratie, unser Wirtschaftssystem heißt Sozialismus“ und „Roti, Kapra, Makan“ (Brot, Kleidung, Wohnung) gewählt. Die Machtbasis der Partei liegt in der südlichen Provinz Sindh, wo der Familienclan der Bhuttos beheimatet ist.
2 Die Pakistan Muslim League (Q) ist eine gemäßigt konservative Partei. In ihrer gegenwärtigen Form entstand die PML-Q vor den allgemeinen Wahlen von 2002. Sie wurde von dem früheren Staatspräsidenten Pervez Musharraf gegründet, der einen ausschließlich ihm ergebenen Ableger der Pakistan Muslim League schaffen wollte.
3 Die Muttahida Qaumi Movement (Vereinigte Volksbewegung; MQM) ist eine liberale Partei in Pakistan und zugleich die Interessenvertretung der Minderheit der Muhajir (der 1947 bei der Teilung des Subkontinents aus Indien nach Pakistan emigrierten Muslime). Sie ist die drittgrößte politische Partei Pakistans.
4 Chaudhary Shujaat Hussain (geboren 1946) war von Juni bis August 2004 Premierminister Pakistans.
5 Chaudhary Pervaiz Elahi (geboren 1945, Cousin von Chaudhry Shujaat Hussain) war von 2002 bis 2007 Ministerpräsident in Pakistans bevölkerungsreichster Provinz Punjab.
6 Mahmud Ali Durrani (geboren 1941) ist ein pensionierter Offizier. Er war bis Januar 2009 unter Premierminister Yousaf Raza Gillani nationaler Sicherheitsberater.

Zum Autor
Altaf Ullah Khan ist Journalist und promovierte 2004 am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig. Er ist seit 1990 Lehrbeauftragter an der Fakultät für Journalismus und Massenkommunikation an der Universität Peshawar.

Südasien 2/2011