Ingeborg Flagge
Der Garten Lunuganga – ein gesegneter Ort

Von der grandiosen Architektur Sri Lankas ist außerhalb Asiens nur wenig bekannt. Obwohl der begnadete Architekt Geoffrey Bawa von seinen asiatischen Kollegen als Held und Guru gefeiert wird. Ingeborg Flagge berichtet von der faszinierenden Architektur Sri Lankas und dem Magischen Realismus.

Lunuganga (c) Nene La Beet bei flickr.com

Lunuganga © Nene La Beet bei flickr.com (CC BY-NC-SA 2.0)

Als Geoffrey Bawa am 27. Mai 2003 im Alter von 84 Jahren starb und in seinem Garten Lunuganga bestattet wurde, widmeten ihm englische Zeitungen ganzseitige Nachrufe. In Deutschland erschien nicht der kleinste Artikel über den sri-lankischen Architekten, der ein Kenner der europäischen Architektur war, der über den Barock-Architekten Balthasar Neumann promoviert und die Gärten Italiens geliebt hatte. Gleichzeitig war Bawa in der magischen Realität des alten singhalesischen Bauens zu Hause, die sein ehemaliger Landsmann, der Dichter Michael Ondaatje, poetisch so beschrieben hat: „Baue niemals drei Türen in gerader Linie, ein Teufel könnte sie einrennen, tief in dein Haus, tief in dein Leben.“


Vielleicht kann man angesichts der Architektur Bawas in Sri Lanka wirklich von magischem Realismus sprechen. Keiner bleibt davon unberührt, weder Besucher noch Kollegen. Sein berühmter malaysischer Kollege Ken Yeang fasste die Faszination Bawas einmal so zusammen: „Für viele unter uns asiatischen Architekten ist er der erste Held und Guru.“ Während man Bawa von Japan bis Australien kennt und verehrt, ist er in Europa so gut wie unbekannt geblieben, trotz einer Ausstellung 2004 im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main und trotz der Tatsache, dass er 2002 als erster Nichtmuslim den höchstdotierten Architekturpreis der Welt, den Aga Khan Award, für seine Bauten erhielt. Außerhalb Asiens ist der Vater der modernen Architektur Sri Lankas unbekannt – leider auch die Architektur des Landes insgesamt. Denn diese Architektur will gesucht und gefunden werden und ist nicht für alle Augen direkt sichtbar.


Der Tourismus kehrt nur langsam zurück

Sri Lanka ist ein gefährdetes Paradies, manche geben es längst verloren. Wer es liebt, hängt an ihm mit Verzweiflung. Korruption und Vetternwirtschaft sind an der Tagesordnung, Armut und soziale Chancenlosigkeit verbreitet. Der von 1983 an tobende Bürgerkrieg, der von der LTTE, der Liberation Tigers of Tamil Eelam, geführt wurde und einen separaten Tamilenstaat im Norden der Insel zum Ziel hatte, wurde vom Präsidenten Mahinda Rajapakse Mitte 2009 gewaltsam beendet. Der Krieg hat das Land tief gespalten und unzählige Opfer gekostet. Die Insel ist erschöpft, aber die Hoffnung auf einen Neuanfang groß.


Ein Entwicklungsmotor könnte der Tourismus sein. Er ist Sri Lankas wichtigste Einnahmequelle neben Tee, Edelsteinen und Gewürzen. Aber während 2004 noch über 500 000 Besucher ins Land kamen, waren es 2007 nur noch 30 000. Nach dem Tsunami Ende 2004 blieben selbst die Ayur­veda-Enthusiasten weg, die sonst, immun gegenüber Bomben und Attentaten, der Insel die Treue gehalten hatten. Die gesamte Tourismusbranche wurde arbeitslos, Investitionen blieben aus und selbst Luxushotels standen leer und wurden schäbig.


Doch der Investitionsstau bleibt überall sichtbar. Dies zu ändern wäre wünschenswert, aber nur durch die vereinten Kräfte von Regierung und Tourismusindustrie möglich. Präsident Rajapaksa muss beweisen, dass er nicht nur einen blutigen Frieden schließen, sondern der Insel auch einen wirtschaftlichen Neuanfang bescheren kann.


Sri Lanka, mit seinem Beisammen aus Ozean, weißen Stränden, Dschungel, Lagunen, Teeplantagen und hohen Bergen ist eine der schönsten Inseln weltweit. Viele Strandurlauber mögen zwar deren Hochkultur mit den alten Hauptstädten Anaradhapura und Polunnawara sowie den großen Buddha-Heiligtümern nicht besuchen, aber mindestens haben sie davon gehört. Doch hingegen gänzlich unbekannt ist, dass Sri Lanka das faszinierendste Kleinod moderner Architektur in Südasien ist, das sogar seinen großen Nachbarn Indien in den Schatten stellt.


Der Garten Lunuganga – ein gesegneter Ort

David Robson, Autor zahlreicher Bücher über die zeitgenössische Architektur Sri Lankas, spricht von „einem Füllhorn aufregender Bauten“ der letzten 20 Jahre. Robson hat bereits 2004 eine zweibändige Biografie über Bawa verfasst. 2007 hat er ein umfangreiches und vorzüglich gemachtes Buch geschrieben, in dem er erneut den Versuch unternahm, für Bawa und seine talentierten Nachfolger in Sri Lanka, Singapur, Malaysia und Bali mit guten Texten und traumhaften Fotos zu werben (Beyond Bawa. Modern Masterworks of Monsoon Asia. Thames & Hudson, 2007, 39.95 engl. Pfund).


Geoffrey Bawas berühmteste Architektur ist Lunuganga, ein magischer Name und ein magischer Ort, heute einer der schönsten Gärten Südasiens. 1948 hatte er die aufgelassene Gummiplantage am Rande einer Lagune erworben und nach den Ideen des Architekten Palladio in einen verzauberten Garten verwandelt, eine Mischung aus englischem Landschaftspark, italienischer Renaissancelandschaft und tropischem Dschungel. Über 40 Jahre hat Bawa Hügel versetzt, Terrassen gebaggert, Wälder gepflanzt, Sichtachsen angelegt, Aussichtspunkte gebaut, Kunst aufgestellt – das Ergebnis ist kein Kunstwerk der Natur, sondern eine kultivierte Wildnis, das Werk eines visionären Geistes. Ein „gesegneter Ort“, wie ein Besucher einmal sagte, am Rande der Zeit und der Natur, die nur darauf wartet, ihn wieder zu überwuchern.


In Lunuganga ist nichts Zufall, weder das Spiel von Licht und Schatten noch die Kombination aus vielfältigen Grüntönen, weder die Spiegelungen in der Lagune, noch der Wechsel schachbrettförmiger Reisfelder mit sanft geschwungenen Hügeln. Für den Architekten war sein Garten zeitlebens Zufluchts- und Rückzugsort aus der Welt, wohin nur wenige Freunde Zutritt hatten.


Lunuganga kann heute besucht werden, ist aber noch immer ein intimer ruhiger Ort. Öffentlich und frequentiert dagegen sind Bawas Hotels, die besten in Sri Lanka und Kultorte für diejenigen, die den Architekten schätzen. Die meisten dieser Hotels liegen am Meer und sind spektakuläre Inszenierungen aus offenen Räumen, Licht und Wasser. So das Lighthouse Hotel, eine minimalistische Architektur vor der dramatischen Kulisse des Indischen Ozeans.


Geoffrey Bawa kam erst spät zur Architektur. Der Spross einer europäisch-muslimisch-singhalesischen Familie ging 1938 nach Cambridge, um Literatur und Jura zu studieren. Danach reiste er einige Jahre durch Europa, lernte Italien lieben und kaufte dann Lunuganga, um seinen persönlichen Traum vom Paradies zu verwirklichen. Doch sein Garten lehrte ihn, dass er vom Bauen nichts verstand. Deshalb schrieb sich der Mitdreißiger in London ein, studierte Architektur und machte 1957 sein Diplom. Danach eröffnete er sein Atelier in Colombo.


Zu diesem Zeitpunkt begann sich Sri Lanka aus dem englischen Empire zu lösen. Bawa wollte an der Identitätssuche seiner Insel mitarbeiten. Mehr als 200 Häuser beweisen, was und wie gute Architektur dazu beitragen kann. Dazu gehören neben Hotels vor allem private Wohnhäuser, ebenso Schulen, Universitäten und das Parlament von Sri Lanka.


Ein Nichts aus großem Dach

Bawa verband radikale Modernität und lokale Tradition. Er ließ sich nie einer bestimmten Architekturrichtung zuordnen. Nur der genius loci, die Gegebenheiten eines Ortes, beeinflussten Bawas Architektur. Doch wie jeder gute Architekt fügte er sich nicht nur dem Ort, sondern entwickelte ihn weiter. Mit dem mexikanischen Architekturgenie Luis Barragan teilt er die Fähigkeit zu dramatischen Architekturkompositionen. Doch wo dieser den extremen Kontrast seiner Bauten zur Landschaft sucht, geht Bawa versöhnlicher auf sie ein. Im sensiblen Umgang mit Materialien und im Reichtum einfacher Details erinnert er an den Italiener Carlo Scarpa. Mit Mies van der Rohe teilt er bei einigen seiner schönsten Häuser den minimalistischen Ansatz. Michael Ondaatje nannte Bawas Haus in Mirissa, ein Nichts aus großem Dach, freiem Grundriss und transparenten Wänden; ein „offenes Netz“, das wie in den Kronen der Bäume zu schweben scheint.


Das Klima Sri Lankas ist heiß und feucht. Hier klimagerecht zu bauen, ist ein Muss, das wenig kosten darf. Innen und Außen sind bei diesem Klima kein Gegensatz. Wo es abgetrennte Räume brauchte, baute Bawa sie ohne technischen Aufwand und natürlich belüftet. Er war ein Meister in der Kunst, das Haus um einen Garten herum zu bauen und das Dach wie einen großen Schirm darüber. In seinem Polontalawa Haus entwickelt sich die freie Wohnlandschaft wie in einem offenen Zelt um große Felsbrocken herum.


Nicht nur über Bawa ist außerhalb Asiens wenig bekannt, ebenso ergeht es seinen talentierten Nachfolgern C. Anjalendran, Channa Daswatte, Milroy Perera oder der Architektin Amila de Mel, um nur einige zu nennen. Bawa und seine Nachfolger sind Meister in der Kunst, Architektur und Natur zu einem dramatischen Miteinander zu fügen. Das faszinierendste Beispiel hierfür ist das Boulder Garden Hotel von Lalyn Collure in Kalawana, das sich unter und zwischen riesigen überhängenden Felsen entwickelt und an die Luxusherberge eines Höhlenmenschen erinnert. Seine Nachfolger sind mehr als bloße Schüler Bawas. Sie sind das Resultat guter einheimischer Universitäten, eines selbstbewussten Architektenverbandes und der lebendigen, über 2000 Jahre alten Bautradition des Landes. Ihre ebenso pragmatische wie phantasievolle Architekturhaltung jenseits aller Moden verdankt sich auch wohlbetuchten Bauherren, die den Mut zum Bauen in heimischer Tradition, aber im modernen Gewand haben und keiner erfundenen nationalistischen Architekturrichtung anhängen. Der Ruhm dieser jungen Architekten verbreitet sich allmählich nach Indien, Indonesien und Singapur und ist ein interessanter Architekturexport, der Süd- und Südostasien zu prägen beginnt.


C. Anjalendran ist wohl der begabteste Nachfolger Bawas. Er ist ein Tamile, dessen Familie aus Jaffna im Norden stammt. Bevor er zur Architektur kam, lernte er Tanz und studierte Mathematik. Anjalendran ist ein kultivierter Mann und betreibt sein Bauen ohne Büro, ohne Sekretärin, ohne Handy, ohne schriftliche Verträge. Nicht nur in dieser Hinsicht ist er eine Ausnahmeerscheinung. Er ist nicht der arrogante, alles wissende Architekt wie Bawa, sondern einfühlsam in seinen Bauten und sensibel im Umgang mit Kollegen, wie mit dem exzentrischen alten Mann der Kunst Sri Lankas, Laki Senanayake, der Batikkünstlerin Ena de Silva oder der Farben- und Stoffdesignerin Barbara Sansoni, die mit ihrem Sohn, dem Architekturfotografen Dominik Sansoni, einen der schönsten Läden Colombos betreibt – das Barefoot.
Anjalendrans Architektur, das Haus unter dem Banyan Baum in Colombo (2002) oder sein transparentes Wohnhaus auf Mount Cinnamon in Mirissa (2008), um nur zwei von über hundert Bauten zu nennen, ist gleichzeitig zurückhaltend und spektakulär. Sein SOS-Kinderdorf bei Galle (1997) ist eine beispielhaft fröhliche und kindgerechte Anlage, eine humane Architektur in einem Land, das sonst für seine Kinder nicht allzu viel tut.

Zur Autorin
Prof. Dr. Ingeborg Flagge ist Archäologin und Architekturjournalistin; sie war von 2000-2005 Direktorin des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt.

Südasien 2/2011