Claudia Koenig
Editorial Südasien 3/2011

In den Industrieländern herrscht Nahrungsmittelverschwendung. Wer den im September angelaufenen Film Taste the Waste sehen konnte, den lässt diese Wahrheit nicht mehr kalt. Die FAO schätzt, dass jedes Jahr 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel in den Müll wandern. Das entspricht etwa einem Drittel der globalen Nahrungsmittelerzeugung. Die Lebensmittel vergammeln auf dem Weg zum Verbraucher, werden wegen angeblicher Schönheitsfehler untergepflügt und auch die Konsumenten vergeuden Nahrungsmittel. Hier liegen die Hausaufgaben des Nordens, das sei vorangestellt!


Gleichzeitig schreit vielerorts in den Ländern des Südens der Hunger zum Himmel. Trotz anhaltenden Wirtschaftswachstums ist auch in Südasien das Problem keineswegs vom Tisch. Diese Ausgabe von SÜDASIEN wartet auf mit Hintergrundanalysen, anschaulichen Berichten und ermutigenden Beispielen der Selbsthilfe aus verschiedenen süd­asiatischen Ländern.


Knapp zwei Milliarden Menschen sind weltweit chronisch unter- oder mangelernährt. Was das im Alltag für die ländliche Bevölkerung in Indien bedeutet, schildert Martin Kämpchen in seinem Beitrag.


Das Recht auf angemessene Ernährung ist seit 1966 als Menschenrecht verankert in Artikel 11 des Internationalen Pakts über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte. Diesen multilateralen völkerrechtlichen Vertrag haben bisher 160 Staaten ratifiziert. Doch viele Regierungen in Südasien sind weit davon entfernt, das Recht auf Nahrung einzulösen. In vielen Regionen treiben die ungleiche Verteilung von Land und der um sich greifende Landraub durch Bergbau und Industrialisierung die Menschen auf die Straße. Anja Mertineit schildert, welche Wege indische Adivasi und lokale NRO eingeschlagen haben, um Nahrungssouveränität durchzusetzen. „Die Tatsache, dass in Indien die absolute Nahrungsmittelproduktion ausreichend ist, die Zahl der Hungernden aber trotz gefüllter Getreidelager nicht abnimmt, zeigt: Es handelt sich um ein strukturelles Problem“, so Mertineit.


Ohne Wasser kann das Recht auf Nahrung nicht verwirklicht werden. Der Zugang zu sauberem Wasser für den persönlichen Gebrauch als Trinkwasser, zum Kochen und zur Hygiene ist mehr denn je bedroht. Dabei ist auch das Recht auf Wasser ein Menschenrecht und - zu gleichen Anteilen - Teil des Rechts auf Nahrung und des Rechts auf Gesundheit. Aber wie diese Rechte umsetzen? Samuel Luzi gibt in seinem Artikel erhellende Anregungen aus den Erfahrungen mit Trinkwasserbehandlung in mehreren Ländern.


Inwiefern gefährden Patente auf Saatgut und andere lebende Organismen die Verwirklichung des Rechts auf Nahrung auch in Indien? Seit Bauern systematisch dazu verleitet werden, auf teure Hochertragssorten und gentechnisch verändertes Saatgut zu setzen, ist die Selbstmordrate unter ihnen hochgeschnellt. Zwischen 1997 und 2009 haben sich bis zu 220 000 indische Bauern nach Missernten das Leben genommen, weil sie keinen Ausweg aus der Verschuldungsfalle sahen. Gisela Felkl und Mira Kamdar richten den Blick auf die Risiken, die mit der sogenannten „Zweiten Grünen Revolution“ verbunden sind – für die Gesundheit der Produzenten, ihre Böden und die Artenvielfalt beim Saatgut.


In Bangladesch sind es vor allem der Zugang zu Land und mangelnde Landrechtssicherheit, in Pakistan das Fehlen einer an den Bedürfnissen der Armen orientierten Politik, die der Ernährungssicherheit im Wege stehen. Die Autor/-innen dieser SÜDASIEN-Ausgabe beleuchten die Hintergründe und nehmen Stellung.


Aber es gibt auch ermutigende Entwicklungen. Zunehmend stellen sich zivilgesellschaftliche Netzwerke und NRO der Aufgabe, am Jahrhunderte alten Wissen über Witterung, widerstandsfähige alte Getreidesorten, Wasserwirtschaft und Terrassenanbau anzuknüpfen. Adivasi und Kleinbauern werden gestärkt und weitergebildet, wo es um ihre Rechte oder um zukunftstaugliche und zugleich innovative Landbaumethoden geht. Mehrere Autor/-innen widmen sich in dieser SÜDASIEN-Ausgabe deshalb auch den Anstrengungen kleinbäuerlicher Selbsthilfebewegungen, um nachhaltiges Wirtschaften zu erreichen.


Afghanistan – was bewegt sich zurzeit in Sachen Friedensverhandlungen? Zwei lesenswerte Beiträge, darunter ein Interview, setzen sich mit der wahrnehmbaren Verhandlungsbereitschaft der Taliban und mit den Chancen der für Dezember 2011 in Bonn geplanten zweiten Petersberg-Konferenz auseinander.


Außerdem finden Sie im vorliegenden Heft noch einmal zwei Beiträge zu Rabindranath Tagore, der im laufenden Jahr anlässlich seines 100-jährigen Geburtstags gefeiert und (hoffentlich) auch wieder gelesen wird.


Ihre Wünsche, kritischen Hinweise und Verbesserungsvorschläge sind weiterhin herzlich willkommen – auch, wenn Sie nur Zeit für eine kurze Mail finden!


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Südasien 3/2011