Anja Mertineit
Das indische Drama
Warum der Hunger trotz Wirtschaftswachstum in Indien bleibt

Indien löst sehr unterschiedliche Assoziationen bei uns aus: Gandhi und der gewaltfreie Protest, katastrophale Hungersnöte, das Kastensystem, und heute das „Shining India“ der IT-Welt mit einem beeindruckenden Wirtschaftswachstum. Indien, das Land der extremen Gegensätze, ist ein Schwellenland, also kein armes Land. Vor diesem Hintergrund ist es schwer zu verstehen, ja geradezu skandalös, dass jeder Fünfte in Indien Hunger leidet, während in den Medien vom steigenden Wohlstand und Fleischkonsum der Inder zu lesen ist. Der folgende Artikel erklärt die Ursachen. Er zeigt mit vielen anschaulichen Beispielen aus der Praxis der zivilgesellschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit die Chancen für Gegenwehr und zukunftsfähiges Wirtschaften.

Segnung des Saatguts (c) DULAL-Misereor

Segnung des Saatguts als Auftakt eines Saatgutfestivals © DULAL/Misereor

Das Hungerproblem ist nicht nur in besonders armen Bundesstaaten wie Madhya Pradesh alarmierend, sondern mittlerweile auch in vergleichsweise gut entwickelten Bundestaaten, wie Pand­schab, Kerala und Andhra Pradesh sehr verbreitet.1 Kinderarmut und Unterernährung bei Kindern sind erschreckend und nehmen den Menschen vor allem auf dem Land die Zukunft. Hier zeigt sich, dass wirtschaftliche Entwicklung allein keine Lösung für Hunger und Armut ist, denn in Indien hat sich der Hunger in Zeiten des Wirtschaftswachstums noch verschärft.


Warum gelingt es diesem Wirtschaftsgiganten mit seinem demokratischen System nicht, Hunger und Armut zu beseitigen oder zumindest signifikante Fortschritte zu erzielen? Die Gründe dafür sind vielfältig: Armut und Hunger resultieren aus einer extremen Ungleichheit in allen Bereichen – Verteilung von Ressourcen, Mitwirkungsmöglichkeiten, Rechtssicherheit… Diese Ungleichheit scheint in der Kultur verankert, durch Korruption zementiert zu sein.


Die Fallstricke der Regierungsprogramme und der subventionierten Lebensmittel

Indien, gerne als größte Demokratie der Welt bezeichnet, ist eines der wenigen Länder, dessen Verfassung den Bürgern ein Recht auf Leben, und darüber auch auf Ernährung, garantiert. Zurzeit gibt es 22 Regierungsprogramme, vom Mittagsmahl an Schulen bis hin zur nationalen Mission für Ernährungssicherheit, die zur Absicherung und Ernährungssicherung der armen Bevölkerung beitragen und den nicht selbsthilfefähigen Menschen ein Auskommen sichern sollen. Ein zurzeit auf Ministerebene entwickelter Gesetzentwurf zur Hungerbekämpfung wird nach Aussage von Sanjay Rai, FIAN India2-Koordinator, allerdings sehr kontrovers diskutiert. Die Mittel, die Indien für das öffentliche Nahrungsmittelverteilungssystem PDS bereitstellt3, das den unter der Armutsgrenze lebenden Menschen Zugang zu subventionierten Grundnahrungsmitteln gewährt, sind in der Summe deutlich geringer als z.B. die Steuervergünstigen für Gutverdienende. Kritische Beobachter wie FIAN India beklagen, dass die Kosten der Ernährungssicherungsprogramme gesenkt werden, in dem einfach die Zuteilungen für viele Familien von 35 Kilogramm Getreide auf 25 Kilogramm herunter gesetzt werden, und indem die Armutsgrenze immer weiter herabgestuft wird, um so die Zahl der Bedürftigen künstlich zu reduzieren. Nach Einschätzung verschiedener Experten leben nicht 20, sondern sogar 37 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, insbesondere wenn man der Empfehlung einer Kommission des obersten indischen Gerichtshofes folgt, dass alle, die weniger als 100 indische Rupien (ca. 1,50 Euro) pro Tag haben, als arm eingeschätzt werden sollten.


Das Versagen der Grünen Revolution in der Hungerbekämpfung

Am Beispiel der Landwirtschaft lassen sich einige Gründe für das Hungerproblem erklären. Sie bietet vielfältige Lösungen für die Hungerproblematik, trägt gleichzeitig aber auch entscheidend dazu bei, dass immer mehr Bauern in Hunger und Armut versinken und von staatlichen Programmen abhängig werden, statt ihren Beitrag für die Ernährungssicherheit ihrer Familien und für die Belieferung lokaler Märkte zu leisten. Die Berichte über indische Bauern, die sich mit ihren eigenen Pflanzenschutzmitteln das Leben nehmen, weil sie keinen Ausweg mehr aus Armut und Verschuldung sehen, sind auch in Deutschland bekannt.


Eine Reihe von Hungersnöten zur Zeit der Unabhängigkeit hat dazu geführt, dass die indische Regierung ihre landwirtschaftliche Produktion stark kontrolliert, Nahrungsmittelreserven angelegt und ein System subventionierter Läden für Grundnahrungsmittel im Rahmen des PDS eingerichtet hat. Es wurde auch eine große Landreform geplant, die aber nie umgesetzt wurde.


Alle waren sich einig, dass die Produktivität gesteigert werden müsse, und die internationale Gemeinschaft hatte in den 50er und 60er Jahren große Hoffnungen in die Arbeit des Internationalen Reisforschungsinstituts IRRI (International Rice Research Institute, Manila) gesetzt. IRRI hat Hochertragssorten entwickelt, die vor allem in Indien eine Lösung für den Hunger bringen sollten und den „Siegeszug“ der sogenannten Grünen Revolution eingeleitet haben. Leider hat sich diese Hoffnung nicht bestätigt. Obwohl die Getreideproduktion in den landwirtschaftlichen Zentren, vor allem Pandschab, stark angestiegen ist, ist die Zahl der Hungernden weiterhin hoch, und wetterbedingte Ernteausfälle führen regional immer noch zu Nahrungsengpässen, wie z.B. die unregelmäßigen Regenfälle in Orissa im Jahr 2010.


In Indien ist die absolute Nahrungsmittelproduktion theoretisch ausreichend für die Ernährung aller Menschen in Indien, die Zahl der Hungernden konnte aber trotzdem und auch bei gefüllten Getreidelagern nicht radikal reduziert werden. Hier zeigt sich, dass es sich vor allem um ein strukturelles Problem und fehlenden politischen Willen handelt: nicht nur die Produktionsressourcen und Geldeinkommen sind extrem ungleich verteilt – auch führt die durch die Grüne Revolution geprägte Landwirtschaft in den klimatisch weniger begünstigten Regionen, immerhin ca. 70 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen, zu geringen Erträgen und großer Krisenanfälligkeit.


Wegen des Klimawandels gefährden Katastrophen wie Dürren, Stürme und Starkregen mit Überschwemmungen in vielen Gebieten die Existenz der Bevölkerung, denn soziale Sicherungssysteme funktionieren nur unzureichend.


Durch die Einbindung Indiens in den Weltmarkt, verbunden mit der Marktöffnung und dem Subventionsabbau, hat sich die indische Landwirtschaftspolitik auf Kosten lokaler Märkte und Nahrungsmittelproduktion neu ausgerichtet.


Die lokale Situation in Indien ist regional sehr unterschiedlich und komplex. Allgemeingültige Aussagen für alle Landesteile und Bevölkerungsgruppen sind deshalb schwierig. Einige Beispiele sollen aber helfen zu verstehen, wie fehlgeleitete – nationale und internationale – Landwirtschaftspolitik Hunger erzeugt. Zugleich zeigen sie, wie die lokale Bevölkerung mit relativ einfachen Mitteln ihre Ernährung wieder sichert und damit neue Wege in Richtung Ernährungssouveränität weist.


Adivasis – Meister des nachhaltigen Wirtschaftens

Misereor-Partnerorganisationen, die mit Adivasis, den indigenen Völkern in Indien, arbeiten, bezeugen durch zahlreiche Beispiele, wie die sogenannte Modernisierung der Landwirtschaft bestehende Systeme zerstört hat. In den Adivasigebieten in dem südostindischen Bundesstaat Orissa zum Beispiel lebten die Menschen relativ unabhängig vom Handel mit der „Außenwelt“ von einem auf Hirse beruhenden Mischkultursystem, das an die Dürrebedingungen angepasst war. Ergänzt durch die Nutzung von Wildpflanzen und von verschiedenen Waldprodukten hat es ihnen ein Überleben in einer prekären Umwelt ermöglicht und entsprach ihrem eigenen Selbstverständnis als Teil der Schöpfung.


Die in Indien massiv geförderte Grüne Revolution ist auch bis in die entlegenen Dörfer von Orissa vorgedrungen. Die traditionellen Mischkultursysteme wurden weitgehend aufgegeben, weil die Regierung mit Subventionen eine auf Hochertrags-Reis aufbauende, monokulturell ausgerichtete Landwirtschaft gefördert hat, die hohe Investitionen (in Saatgut und Betriebsmittel wie Dünger und Pflanzenschutz) erfordert, aber unter den lokalen Bedingungen erhebliche Risiken mit sich bringt, wie z.B. Missernten bei ungünstigem Klima, und damit Verschuldung, wenn Produktionsmittelkredite nicht zurückgezahlt werden können. Sie ist daher, obwohl staatlicherseits massiv propagiert, keine tragfähige Option. Was als Waffe gegen den Hunger gedacht war, hat für die Adivasis zu vermehrtem Hunger und zu Verschuldung geführt und ihnen das Gefühl eigener Minderwertigkeit und Rückständigkeit vermittelt.


Einige lokale Entwicklungsorganisationen konnten in Reflexionsprozessen4 die Adivasis vor Ort dabei unterstützen, die tatsächlichen Probleme in der Landwirtschaft zu analysieren. Dieser Prozess wurde von Misereor begleitet und gefördert. Sie erkannten, dass die Reis-Hochertragssorten und die nicht an lokale Bedingungen angepasste Landwirtschaft nach dem Modell der Grünen Revolution das Problem war, und nicht etwa ihre „rückständige Landwirtschaft“. Sie nahmen wahr, dass die Krisenanfälligkeit und Verschuldung durch die hohen Investitionen in die Produktion ihre Lage so prekär werden ließ, und nicht etwa „Steinzeitmethoden“, wie es die staatlichen Beratungsdienste, aber auch die Medien, den Adivasis eingeredet hatten.


Mit der Neuentdeckung der Prinzipien traditioneller Mischkulturen konnte eine diversifizierte Landwirtschaft wieder belebt werden, die auch bei ungünstigen Wetterbedingungen ausreichend Nahrung produziert. Traditionelle Praktiken sowie alte Sorten und Nahrungspflanzen wurden neu ausprobiert und weiter entwickelt. In der Praxis zeigt sich dieses System der kostenintensiven „modernen“ Landwirtschaft weit überlegen, denn es ist den Menschen gelungen, mit eigenen Mitteln ihre Ernährung zu sichern, dabei nachhaltig zu produzieren, die lokale Biodiversität zu erhalten und Produktionsrisiken zu minimieren. Ihre soziale, ökonomische und auch kulturelle Lage hat sich verbessert und stabilisiert.


Biodiversität erhalten – Risiken minimieren

In den rund 130 Dörfern im Majurbanjh-Distrikt im Nordosten von Orissa, dem Arbeitsgebiet des Misereor-Partners DULAL5, hat sich einiges getan, seit die Adivasi-Gruppen der Santal, Ho und Bhathudi sich organisieren und über die Art der Landwirtschaft entscheiden, die sie betreiben wollen:

  • Durch die auf Hirse basierende Mischkultur konnten bisher schon 15 ha Ödland wieder in Kultur genommen werden – Land, das für den Reisanbau nicht geeignet war.
  • 1 600 Familien haben auf 12 ha ihre Landwirtschaft auf organischen Anbau umgestellt, d.h. sie sparen sehr viel Geld, das früher für Düngemittel ausgegeben wurde. Durch den Verzicht auf Agrochemikalien erscheinen wieder Wildpflanzen und –tiere, die traditionell wichtig für den Speiseplan waren.
  • Gerade in 2010, dem Jahr mit besonders unberechenbaren Regenfällen, hat sich die Überlegenheit des neuen Systems gezeigt: die Familien haben geerntet, wo Bauern, die Hochertragsreis anbauen, einen Totalausfall hatten.
  • Einzelne Familien bauen auf ihren kleinen Flächen von unter einem ha jetzt wieder bis zu 90 verschiedene Nahrungspflanzen und Sorten an. Insgesamt hat sich die Vielfalt auf den Feldern deutlich erhöht. Die Zahl der kultivierten Hirsesorten pro Betrieb ist gestiegen, ebenso die Zahl der Betriebe und die Fläche mit Hirse. Auch der Anbau traditioneller Reissorten, die besser an die lokalen Bedingungen angepasst sind, sowie der Anbau von Hülsenfrüchten haben deutlich zugenommen.


Die systematische Herabwürdigung der indigenen Lebensweise in der indischen Gesellschaft, in der Adivasis als rückständig gebrandmarkt werden und deren Zugang zu Hilfsprogrammen sich nach der Klassifizierung ihrer Lebensweise bemisst – „primitiv“ mit besonderen Rechten oder „fortschrittlich“, hat die Zerstörung nachhaltiger, lokal angepasster Systeme sehr begünstigt. Dabei wurde die unglaubliche Biodiversität, die durchdachten Nutzungssysteme, aufbauend auf sozial akzeptierten Regeln und einer großen Verantwortung für die Schöpfung, einfach ausgeblendet.


Trotz der Erfolge von Initiativen wie der Adivasis aus Majurbanjh geht die Regierung von Orissa weiterhin einen anderen Weg. Durch einen breit angelegten Protest ist es der indischen Zivilgesellschaft zwar gelungen, die Einführung der gentechnisch veränderten Aubergine zunächst zu verhindern. Die indischen Agrarminister ganz aktuell mit Vertretern der Agroindustrie eine Großoffensive für die Einführung von Hybridsaatgut gestartet haben.


Um diese Entwicklung zu verhindern, helfen nur eine breit angelegte Aufklärung der Bäuerinnen und Bauern und deren Vertrauen, dass ihre nachhaltige Landwirtschaft ihnen entgegen den Versprechungen der staatlichen Beratungsdienste ein besseres Auskommen ermöglicht.


Landraub und der Kampf um Adivasi-Rechte

Die Erfahrung der von Misereor geförderten Projekte zeigt, dass die Wiederbelebung einer diversifizierten, lokal angepassten Mischkultur auf Grundlage des traditionellen Wissens nicht nur die Ernährung der Menschen sichert, sondern auch ihr Selbstbewusstsein und den Glauben an ihre eigenen Möglichkeiten enorm stärkt. Dies beweisen die Adivasi-Gruppen im Arbeitsgebiet der Partnerorganisation KIRDTI6. KIRDTI musste feststellen, dass allein die Umstellung auf nachhaltige Landwirtschaft den Menschen nicht hilft, wenn ihr Zugang zu Land gleichzeitig immer stärker bedroht ist.


Keonjhar, mit seinen dichten Wäldern und vielen Bergen, ist heute der ärmste Distrikt in Orissa, weil hier die Zerstörung der ursprünglichen Landnutzung durch die Grüne Revolution besonders nachteilig gewirkt hat. Die Region ist extrem reich an Bodenschätzen wie Eisenerz, Quarz, Pyrophyllit, Mangan usw. Praktisch überall in Indien sind gerade die bergigen und unzugänglichen Adivasi-Gebiete mit diesem „Ressourcenfluch“ belegt. Extensiver Bergbau zerstört nicht nur die Umwelt, sondern nimmt den Menschen auch den Lebensraum. Darüber hinaus werden die meist schlecht informierten Adivasis durch illegale Landnahme und kommerzielle Plantagen – teils sogar im Rahmen des Emissionshandels mit Weltbankkrediten gefördert – von ihrem Land verdrängt.


KIRDTI hat den Adivasis geholfen, die Gründe für ihre systematische Unterdrückung zu verstehen und zu erkennen, dass sie Rechte haben und sich selbst helfen können. Bestärkt durch die Erfolge in der Landwirtschaft, haben sie begonnen, sich gegen den Landraub zur Wehr zu setzen.


In Indien sind die Landnutzungsrechte der Adivasis durch die Gesetzgebung im Grunde gut geschützt, und wenn die Behörden sich über diese Rechte hinwegsetzen wollen und ein öffentliches Interesse reklamieren, müssen sie gewisse Verfahren einhalten und der lokalen Bevölkerung ein Mitspracherecht einräumen.


In der Praxis werden Projekte im Interesse der Wirtschaft allerdings gegen den Willen der Bevölkerung durchgesetzt. Zwar konnte der Kampf der Dongria Kondh von Niyamgiri (der es durch einen Vergleich der Dongria Kondh mit den blauen Wesen in dem Kinofilm Avatar bis ins deutsche Fernsehen geschafft hat) gegen die geplante Bauxit-Mine des Multis Vedanta die Zerstörung der den Adivasis heiligen Nilgiri-Berge verhindern. Vedanta eignet sich an anderer Stelle allerdings weiterhin Land an – und wirbt in indischen Zeitungen mit der angeblichen sozialen Verantwortung des Unternehmens.7 Es ist auch fraglich, ob die Adivasis im Projektgebiet von KIRDTI sich gegen den Eisenerzabbau durch den Multi POSCO zur Wehr setzen können, der vom indischen Umweltminister trotz offensichtlicher Verfahrensfehler gerade genehmigt wurde: Geplant ist eine große Stahlfabrik mit dazugehöriger Infrastruktur sowie große Abbaugebiete, und damit würde zehntausenden von Menschen die Lebensgrundlage genommen. Die lokale Anti-POSCO-Bewegung kämpft als David gegen Goliath, und Misereor bleibt an der Seite der lokalen Bevölkerung und unterstützt sie lokal und durch Lobby und Protestbriefe.


Die Macht der globalen Agrarmärkte

Die Beispiele aus Orissa zeigen, dass zur Landwirtschaftspolitik nicht nur die Förderung einer bestimmten Anbauweise gehört, sondern dass eine nachhaltige landwirtschaftliche Produktion auch einen gesicherten und gerechten Zugang zu Land und anderen Ressourcen voraussetzt. In beiden Fällen sind die Probleme aber nicht nur „hausgemacht“, sondern zeigen die Interessenverflechtung der global agierenden Konzerne mit der nationalen Politik. Die Landwirtschaftspolitik folgt scheinbar eher den Interessen von Konzernen wie Monsanto und Bayer, als innovative, lokal funktionierende Lösungsmodelle aufzugreifen.

Indien hat jahrzehntelang dieser Globalisierung widerstanden, die lokalen Agrarmärkte geschützt und mit Förderprogrammen und Lagerhaltung versucht, die Ernährung des Landes zu sichern. Während die Politik der Grünen Revolution viele Kleinbauernbetriebe außer Acht gelassen hat, sollten sie direkt von der Weißen Revolution zur Steigerung der Milchproduktion in Indien profitieren. Die Logik dieser Politik folgte zwar dem Paradigma der Produktionssteigerung und wird von vielen Stimmen sehr kritisch gesehen, doch Kleinproduzenten, vor allem Frauen, liefern ca. 80 Prozent der in Indien produzierten Milch. Mit dem Eintritt Indiens in die WTO 1995 hat sich auch in diesem Bereich die Situation gewendet. Die Misereor-Partnerorganisation ANTHRA, die in Maharashtra und Andhra Pradesh mit Hirten und Dalit-Familien arbeitet, beobachtet die Entwicklung auf dem Milchmarkt sehr genau, denn der Verkauf von Büffel- und Kuhmilch ermöglicht vielen armen Familien, vor allem Frauen, ein kleines Einkommen zum Überleben zu erwirtschaften. Für Hirtengemeinschaften ist die Tierhaltung nicht nur die ökonomische Basis, sondern ihre gesamte Kultur und Identität ist mit ihrer meist nomadischen Lebensweise verbunden. ANTHRA hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht hat, lokale Haustierrassen und traditionelle Methoden der Viehhaltung zu schützen.


Es ist zu befürchten, dass durch das zurzeit verhandelte Freihandelsabkommen zwischen Indien und der EU Importzölle gegenüber EU-Importen für einige Milchprodukte definitiv verboten werden, was viele Kleinproduzenten vom Markt drängen würde. Desweiteren könnten auch die Kleinhändler ausgeschaltet werden, wenn sich immer mehr große Supermarktketten wie Metro, Carrefour und Tesco in Indien ansiedeln dürfen und mit ihrer Marktmacht den Handel kontrollieren. Misereor mit Partnern aus Deutschland und Indien will mit einer Folgenabschätzung dieses Abkommens auf das Recht auf Nahrung versuchen, die Ratifizierung eines menschenrechtswidrigen Abkommens zu verhindern.


Damit schließt sich der Kreis und es wird deutlich, dass auch ein Subkontinent wie Indien, weit entfernt von Europa und mit einer gut organisierten Agrarstruktur, von der europäischen Landwirtschafts- und Handelspolitik beeinflusst wird.


Zukunftsfähigkeit und nachhaltiges Wirtschaften

Wie sind diese Beispiele zu verstehen? Es kann demotivierend sein, wenn jeder kleine Fortschritt, den die Menschen erreichen, durch große neue Bedrohungen wieder in Frage gestellt wird. Weitere Entwicklungen wie z.B. die Ausweitung der Agroenergieproduktion und die Auswirkungen des Klimawandels scheinen gegen diese lokalen Erfolge zu sprechen.


Die Menschen in Indien lassen sich dennoch nicht entmutigen. Sie organisieren sich, treten für ihre Rechte ein – auch wenn sie dafür oft mit dem Leben bezahlen müssen – und machen auf die Ungerechtigkeit aufmerksam. Sie werden unterstützt durch engagierte Gruppen, die ihnen Informationen und Rechtshilfe anbieten, die Advocacyarbeit im Land vorantreiben und internationale Solidarität einholen. Die europäischen Akteure müssen nicht nur diese lokalen und nationalen Prozesse unterstützen, sondern auch im eigenen Land bzw. in der EU dafür eintreten, dass jedes Land seine menschenrechtlichen Verpflichtungen wahrnimmt und mit der Handelspolitik und Wirtschaftsförderung keinen Schaden anrichtet, den Menschen in armen Ländern zu spüren bekommen.


Ein Wirtschaftsmodell, das die Ressourcen dieser Welt über die Tragfähigkeit hinaus ausbeutet, das Klimawandel bewirkt und immer weniger Menschen nützt, ist nicht zukunftsfähig. Hier gibt es Handlungsbedarf auf allen Ebenen, und jeder ist aufgerufen, für eine nachhaltige Lebensweise einzutreten, damit alle menschenwürdig leben können.

Zusatzinformationen

Wirtschaftswachstum

Das hohe Wirtschaftswachstum der letzten Jahre ging nicht mit entsprechender Umverteilung einher, sondern die Kluft zwischen Arm und Reich nahm noch zu: Laut Weltbank (2005) müssen trotz der enormen Wachstumsraten von 8,8 Prozent in den letzten fünf Jahren und der weltweit größten Zahl an Millionären und Milliardären etwa 76 Prozent der Bevölkerung mit weniger als 2 US-Dollar am Tag auskommen. 2010 nimmt Indien nur Platz 119 von 169 Ländern im Human Development Report des United Nations Development Programme ein. Etwa ein Viertel der Hungernden auf der Welt leben in Indien, und in ländlichen Gebieten ist sogar mehr als ein Drittel der ländlichen Bevölkerung unterernährt.

Hybridsaatgut auf dem Vormarsch

Monsanto will Hybridmais einführen, der zur Produktion von Viehfutter genutzt werden soll. Dies berichten die Misereor-Partnerorganisationen aus Orissa. Dazu wird sowohl das Saatgut von der Regierung subventioniert (die Leute zahlen im ersten Jahr 20 Prozent, dann 40 Prozent und schließlich den vollen Preis), als auch der Dünger. Auf diese Art soll auf einer möglichst großen Fläche im ‚Hochland‘ Hybridmais angebaut werden. Dieses Land wird zurzeit von den Kleinbauern in lokal angepasster Mischkultur genutzt. Die Auflagen für die Subventionierung sind Anbau in Monokultur und die genaue Befolgung der Anweisungen der Agrofirmen. Den Bauern wurde ein guter Preis versprochen, der allerdings schon im ersten Jahr nicht eingehalten wurde. Der angebaute Futtermais hat keine Nahrungsmittelqualität für die Menschen. Bayer will die Einführung von Hybrid-Sonnenblumen vorantreiben. In allen Gebieten sind die Hybridsorten Herbizid-tolerant, so dass auch der Verkauf der Herbizide noch gefördert werden wird. Zurzeit werden Sonnenblumen in zehn Distrikten, Mais in 20 Distrikten (auf 22 000 ha) und Hybridreis auch in 20 Distrikten (auf 30 000 ha) angebaut. Dieses Projekt wird in Orissa von der ATMA (Agricultural Technical Management Agency) vorangetrieben und von der Weltbank finanziert. Trotz der Mitwirkung der NRO in der ATMA gelingt es ihnen nicht, diese Entwicklung aufzuhalten.

Gegenwehr der Adivasis

Gut 2 500 Adivasis, Männer und Frauen der Juang und Bhuyan, haben 2007 gegen einen Beschluss der Forstbehörde demonstriert, mehr als 4 500 ha Waldland in eine kommerzielle Plantage umzuwandeln. Die Adivasis konnten beweisen, dass sie dieses Land schon seit Generationen nutzen. Die Kampagne, die von den Adivasis selbst angeführt wurde, hat große Medienaufmerksamkeit erlangt, und die Plantagenpläne wurden auf Distriktebene aufgehalten. Dadurch bestärkt, setzen sich die Adivasis nun auch gegen Sondierungsstudien von Bergbauunternehmen für neue Abbaugebiete und gegen illegale Landtransfers zur Wehr. 36 Familien haben schon Anklage erhoben und Land zurückerhalten, das ihnen illegal abgenommen worden war. Diese Aktivitäten sind jedoch auch mit großer Gefahr verbunden, denn wer den lokalen Eliten in die Parade fährt, wird schnell als „Maoist“ gebrandmarkt und polizeilich verfolgt. Einige KIRDTI-Mitarbeiter haben ihr Engagement mit langen Gefängnisaufenthalten bezahlt. Die Adivasis haben erkannt, dass sie nur eine gute Organisation und die Solidarität anderer Adivasis, z.B. aus Majurbanjh und anderen Distrikten, schützen kann.

Das Beispiel Milcherzeugung

Die Stärkung des Milchsektors in Indien war für die politische Führung direkt nach der Unabhängigkeit Indiens ein erfolgversprechender Weg, die Ernährung der zum großen Teil vegetarisch lebenden indischen Bevölkerung zu verbessern. Nicht nur Produktionssteigerungen wurden in den Blick genommen, sondern auch der Handel, der durch die fehlende Organisation der Produzenten einen großen Teil der Gewinne abgeschöpft und den Konsumenten schlechte Qualität geliefert hatte. Durch die 1970/71 initiierte „Operation Flood“, unterstützt von Weltbank und EU, wurden die ländlichen Kleinproduzenten mit den städtischen Konsumenten über ein Netzwerk aus Milchkooperativen verbunden, und die Produktion hatte sich bis 1985 verdoppelt. Die staatliche Kontrolle schützte die Milchproduktion in Indien und die Vermarktung über Kooperativen trotz der beginnenden Einfuhren von Überschuss-Milch und –Butter aus Europa. Seit 1992, eingeleitet durch Reformen im Rahmen der WTO-Beitrittsverhandlungen, wurde diese staatliche Kontrolle des Molkereisektors teilweise aufgehoben, und der Privatsektor, multinationale Konzerne eingeschlossen, durfte Molkereien aufbauen. Welche katastrophalen Auswirkungen die Aufgabe staatlicher Kontrolle auf die Kleinproduzenten hatte, zeigte 1999/2000 die Abschaffung von Einfuhrquoten, nachdem die Zollobergrenzen für Milchpulverimporte im Rahmen der WTO bereits von 60 Prozent auf Null abgesenkt worden waren. Die Einfuhr von 130 000 Tonnen Magermilchpulver aus der EU, gefördert mit 5 Millionen Euro Exportsubventionen, hat die Märkte überschwemmt (www.oxfam.de/sites/www.oxfam.de/files/20091103_zurkassebitte_1326kb.pdf). Vor allem arme Familien mit ihren kleinen Produktionsmengen wurden vom Markt verdrängt – der Verlust dieses Einkommens bedeutete für sie Armut und Hunger. Durch lautstarke Proteste der betroffenen Milchproduzenten musste Indien mit der WTO nachverhandeln und hat erreicht, dass die Zollobergrenze von 60 Prozent zunächst wieder eingeführt werden konnte.

Mit verschiedenen Programmen versucht die indische Regierung weiterhin, die Milchproduktion in Indien anzukurbeln, allerdings erfolgt ein ständiger Umbau der Produktionsstrukturen hin zu größeren Produktionseinheiten. Die Privatisierung von Schlüsseldiensten wie Züchtung, Futterlieferung und Veterinärversorgung erzeugt Produktionskosten, die von armen Tierhaltern nicht aufgebracht werden können. Die zunehmende Vermarktung abgepackter Milch in Supermärkten verdrängt schleichend die sonst in Indien bevorzugte Büffelmilch, die von Kleinbauern und Nomaden geliefert wird. Hohe Hygienestandards stellen weitere Barrieren auf.

Endnoten
1 UN/DESA Working Paper No. 92, Ghosh, 2010
2 Food First Information Action Network India, www.fian.in
3 Public Distribution System
4 Strengthening people-led development, Hrsg. von Misereor, Aachen 2010
5 DULAL ist Santali und bedeutet „Love and concern“; Ergebnisse und Zahlen entnommen aus den Berichten des Projektpartners DULAL
6 Keonjhar Integrated Rural Development and Training Institute
7 Weitere Informationen: www.survivalinternational.de/indigene/dongria

Zur Autorin
Anja Mertineit ist Referentin für Ländliche Entwicklung in der Asienabteilung von Misereor. Sie hat Gartenbau studiert und war fünf Jahre als Beraterin des DED für "Gender und Entwicklung" in Kamerun tätig. Ihre aktuellen Schwerpunktthemen sind nachhaltige Landnutzung, Klimawandel, Waldschutz und Landraub in Asien. Im Fokus steht die Stärkung von lokal getragenen Entwicklungsprozessen.

Südasien 3/2011