Tobias Zollenkopf
Der Kampf um Ernährungssouveränität im indischen Deccan-Hochland
Ein Besuch bei Selbsthilfeorganisationen in Andhra Pradesh

Die Antwort auf Hunger und Unterernährung, die lokale und weltweite zivilgesellschaftliche Netzwerke geben, heißt: Ernährungssouveränität. Was dieses Konzept beinhaltet und wie es umgesetzt werden könnte, demonstrieren bereits heute indische Selbsthilfegruppen, NRO und – beispielhaft über ihre punktuellen Förderungen – deren Partnerhilfswerke. Der Autor besuchte als Mitarbeiter der Berliner Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt (ASW) von dieser geförderte Bauernorganisationen, Frauengruppen und NRO in Andhra Pradesh.

Feldarbeit in Andrha Pradesh (c) PV Satheesh Deccan Development Society

Frauen arbeiten auf einer gepachteten Farm in Andhra Pradesh © P V Satheesh, Deccan Development Society

Die Deccan-Hochebene rund um die boomende indische Metropole Hyderabad ist gekennzeichnet von langen Trockenperioden. Außerhalb des jährlichen Monsuns regnet es selten und der Boden beginnt zu verkarsten.


Hier arbeiten zwei indische Nichtregierungsorganisationen (NROs) zusammen mit der lokalen Bevölkerung am Thema Ernährungssouveränität: das Deccan Development NGOs Network (DDNN) mit Sitz in der Provinzhauptstadt Bhonghir und die Deccan Development Society (DDS), die in Zahirabad etwa 80 km nördlich von Hyderabad ihr Büro hat. Bei beiden NROs sind Frauen-Selbsthilfegruppen die treibende Kraft auf dem Weg zur Ernährungssouveränität. DDNN ist ein Zusammenschluss von neun NROs in den drei Bezirken Medak, Warangal und Nalgonda. Unter diesem Dach sind mittlerweile über 20 000 Frauen in Selbsthilfe- und Spargruppen organisiert. Kern der Arbeit von DDS sind die von Dalitfrauen geführten Sanghams (Gemeinschaften) in 75 Dörfern der Region um Zahirabad. Die ASW unterstützt die Grüne Schule und die Permakultur-Aktivitäten von DDS. In der Grünen Schule erhalten Dalitkinder eine den ländlichen Verhältnissen und der Natur angepasste Berufsausbildung.


Staatliche Ernährungssicherung ist hier gescheitert
Das öffentliche Verteilungssystem zur Sicherung der Grundernährung, das der indische Staat schon in den 50er Jahren eingeführt und dann mehrmals reformiert hat, basiert auf der massenhaften Produktion von Reis und Weizen durch Intensivlandwirtschaft, die allerdings nur in den fruchtbaren und wasserreichen Regionen des Landes funktioniert. Über ein subventioniertes Verteilungssystem sollte das Getreide zu den Anspruchsberechtigten gelangen. Das war und ist der Grundgedanke der staatlichen Ernährungssicherheit.


Dass dieses System einige entscheidende Haken hat, davon ist DDNN überzeugt. Da ist zunächst die in Indien weit verbreitete Korruption. Die Lebensmittel kommen häufig nicht bei den Bedürftigen an oder werden viel teurer als geplant weitergegeben. Reis und Weizen werden bevorzugt angebaut und verdrängen traditionelle Getreidesorten und den Gemüseanbau. Für den Anbau in den Trockenregionen des Deccan sind beide Getreide nicht geeignet. Das subventionierte Angebot von Reis und Weizen führte vielfach dazu, dass die Kleinbauern lieber einige Tage arbeiten gingen, um sich die Grundnahrungsmittel zu kaufen. Die schwer zu bewirtschaftenden Äcker blieben brach liegen und wurden als billiges Land von Spekulanten aus Hyderabad aufgekauft. Als Folge dieser Entwicklung wurde die Ernährung in den vergangenen Jahren im Deccan-Hochland immer einseitiger und schlechter. Die Symptome von Mangelernährung nahmen in den ärmeren Bevölkerungsschichten erschreckende Ausmaße an. Deshalb ist das staatliche Konzept der Ernährungssicherheit der falsche Ansatz. Es muss vielmehr um die Herstellung von Ernährungssouveränität gehen.


Autonomie über die Ressourcen und Solidarische Verteilung
Was wird vor Ort unter Ernährungssouveränität verstanden? Bei meinem Besuch zeigen mir selbstbewusste Frauen die Saatgut- und Getreidebanken, die aus den Erträgen der gemeinsam genutzten kommunalen Anbauflächen gespeist werden. Die mit Lehm abgedichteten Behälter sind gefüllt mit Saaten lokaler Pflanzensorten, die an die klimatischen Bedingungen der Region angepasst sind und auch in Trockenperioden Erträge liefern. In erster Linie handelt es sich um Sorghum und verschiedene Hirse-Sorten.


Eine Getreidebank ist Teil eines lokalen solidarischen Verteilungssys­tems. Eine große Karte wird vor mir aufgerollt. Hier ist das Dorf aufgemalt, die einzelnen Häuser sind in vier verschiedenen Farben eingezeichnet: Rot, blau, grün und gelb. Ein rotes Haus bedeutet, dass hier eine arme Familie wohnt, die gel­ben sind diejenigen mit Besitz. Diese Klassifizierung wurde in langen und zähen Auseinandersetzungen mit allen Dorfbewohnern ausgehandelt und ist von allen anerkannt. Mit der Zuordnung zu einer bestimmten sozialen Gruppe entsteht ein Anspruch auf Leistungen aus den Getreidebanken in schlechten Zeiten. Je ärmer eine Familie ist, desto mehr Getreide kann sie erhalten. Streit gäbe es da nicht, versichern mir alle Beteiligten. Es wurde schließlich basisdemokratisch so entschieden, weil alle die Vorteile für die Dorfentwicklung sahen.


Erste Schritte im Biolandbau
Ein zweiter elementarer Bereich ist die ökologische Anbauweise und das natürliche Ressourcenmanagement. Ich besuche verschiedene ökologisch bewirtschaftete Kleinstbetriebe, die auf höchstens zwei Hektar Fläche verschiedene Getreide und Gemüse anbauen. „Bio“ bedeutet hier nicht nur, eine gesunde und vielfältige Nahrung zu produzieren, sondern insbesondere die Abhängigkeit von teuren Pestiziden, Düngemitteln oder Hybridsaatgut zu vermeiden. Und damit von Krediten, die insbesondere die Baumwollfarmer der Gegend regelmäßig in Ruin und Selbstmord treiben. In einer kurzen Demonstration erfahre ich, wie einfach und effektiv die Herstellung von Vermikompost oder ein biologisches System zur Vernichtung bestimmter Gemüseschädlinge funktioniert. “Die Erträge sind zurückgegangen“ erzählt mir ein Farmer aus der Region um Bhongir, „aber die Kosten noch viel deutlicher. Vor allem bin ich jetzt mein eigener Herr und bestimme über das, was ich anbaue, esse und verkaufe.“


Um Landwirtschaft betreiben zu können, brauchen die Farmer vor allem zwei Dinge: Sicherheit über die Nutzung ihres Landes und eine ausreichende Bewässerung. Anbaufläche gewinnen die Dorfbewohner häufig, indem sie in gemeinschaftlichen Arbeitseinsätzen brachliegendes kommunales Land urbar machen. Dabei werden in den Hanglagen in mühsamer Arbeit Terrassen, kleine Kanäle und Dämme angelegt. So kann der Regen des Monsuns gezielt für die Bewässerung eingesetzt und gespeichert sowie die Erosion des stark verkarsteten Bodens verhindert werden. Ohne durchdachte Watershed-Programme, so der Name dieses Wassermanagementsystems, sind alle Bemühungen letztlich zum Scheitern verurteilt.


Ernährungssouveränität heißt, den Kampf um die Wahrnehmung der Menschen zu führen
Ein weiterer entscheidender Aspekt der Ernährungssouveränität ist die Ausrichtung auf den regionalen Markt. Sowohl DDS als auch DDNN vermarkten die ökologisch angebauten Nahrungsmittel der zur Kooperative zusammengeschlossenen Farmer. Es gibt Marktstände in Zahirabad und Bhongir und in Zahirabad sogar ein DDS-Biorestaurant. Auch nach Hyderabad werden ökologische Waren verkauft.


Ein Treffen mit den DDNN-Landwirten zeigt jedoch auch ihre Sorgen. Um die eigene Unabhängigkeit zu sichern, müssen sie höhere Preise nehmen als für subventionierte oder agroindustriell angebaute Erzeugnisse verlangt werden. Hier fehlt dann gerade im ländlichen Bereich die wirtschaftliche Basis. In den städtischen Mittelschichten, die finanziell in der Lage wären, für gesunde Nahrung auch mehr Geld auszugeben, fehlt jedoch oft noch das Bewusstsein.


Bildung für alle und der Aufbau autonomer Medien sind Herzensangelegenheiten des DDS. Die Frauengruppen werden konsequent geschult – Lesen und Schreiben sind die Grundlage des mündigen Menschen. DDS unterhält ein eigenes lokales Radio und eine Medien-Frauengruppe produziert Videofilme zur Aufklärung über lokale und globale Zusammenhänge der Ernährungsproduktion. Auf diese Weise werden auch diejenigen erreicht, die nicht lesen.


Und die weiteren Visionen für die Arbeit im Deccan? DDNN und DDS meinen, dass die benachteiligten Gruppen eine basisdemokratische Macht in ihren Dörfern und eine starke Lobbygruppe für die Rechte der Dalits, Armen und Frauen werden müssen, um die Einhaltung ihrer Menschenrechte und die Ernährungssouveränität zu sichern. Bis diese Vision wirklich mit Leben gefüllt ist, ist es noch ein gutes Stück Weg zu gehen.

Zusatzinformationen

Was ist Ernährungssouveränität?

1996 wurde der Begriff der Ernährungssouveränität von der internationalen Kleinbauern- und Landarbeiterbewegung La Via Campesina in die internationale Diskussion über Ernährungs- und Handelspolitik eingebracht. Seither findet das dahinter stehende Konzept zunehmend an Beachtung und wird in zivilgesellschaftlichen Diskussionen kontinuierlich mit Leben gefüllt und weiterentwickelt.
Die ursprüngliche Definition von La Via Campesina lautete: „Ernährungssouveränität ist das Recht jeder Nation, ihre eigenen Kapazitäten zur Herstellung von Nahrung zur nationalen und kommunalen Ernährungssicherung zu erhalten und weiterzuentwickeln, und dabei die kulturellen Unterschiede und die Vielfalt der Produktionsmethoden zu respektieren“.
Es ist ein politisches Konzept, das faire Welthandelsbeziehungen und soziale Gerechtigkeit für Kleinbauern und -bäuerinnen sowie Landarbeiter/-innen einfordert. Während der Begriff der Ernährungssicherheit sich auf den Zugang zu Lebensmitteln konzentriert, ist Ernährungssouveränität eher im umfassenderen Kontext des Menschenrechts auf Nahrung einzuordnen. Die weltweite Ernährungskrise und insbesondere der Bericht des Weltagrarrates (IAASTD) zur Bedeutung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft (2008) lassen das Konzept Ernährungssouveränität weiter an Bedeutung gewinnen.
Mit der „Erklärung von Nyeleni“ des 1. Internationalen Forums zur Ernährungssouveränität in Mali 2007 wurde der Begriff konkretisiert:
„Ernährungssouveränität ist das Recht der Völker auf gesunde und kulturell angepasste Nahrung, nachhaltig und unter Achtung der Umwelt hergestellt. Sie ist das Recht auf Schutz vor schädlicher Ernährung. Sie ist das Recht der Bevölkerung, ihre Ernährung und Landwirtschaft selbst zu bestimmen. Ernährungssouveränität stellt die Menschen, die Lebensmittel erzeugen, verteilen und konsumieren, ins Zentrum der Nahrungsmittelsysteme, nicht die Interessen der Märkte und transnationalen Konzerne.“ Ausdrücklich abgelehnt werden offene und versteckte Subventionen zum Preisdumping in der Landwirtschaft und die Ausbreitung der Gentechnik.
Inzwischen sind es nicht nur die NROs und lokalen Bewegungen, die sich für das Recht auf Ernährungssouveränität einsetzen. So haben die Regierungen von Senegal, Mali, Venezuela und Nepal das Ziel der Ernährungssouveränität inzwischen in ihre Verfassungen aufgenommen.

Zum Autor
Tobias Zollenkopf, Sozialwissenschaftler und Fundraiser, ist seit 2003 bei der ASW für Fundraising und Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Südasien 3/2011