Peter Dietzel
„Wir können das“
Mikrokredite plus Selbstorganisation - Erfahrungen aus einem Prozess des Empowerment in Bangladesch

Alle Armen an allen Orten der Welt haben etwas gemeinsam: Sie sind ohne Macht und ohne Stimme. Kleinkredite, die fast überall in Bangladesch erhältlich sind, ändern daran wenig. Wer ganz am Rand steht, ist selbst von diesen Dienstleistungen ausgeschlossen. Die Ärmsten können dennoch Macht und Stimme erlangen. Das zeigen Frauen im Distrikt Chuadanga. Bangladesch gilt als Musterland der Kleinkredite. Doch die Darlehen verändern nicht die herrschenden Strukturen: Es fehlt an Mitsprache, Chancengleichheit und einer unabhängigen Justiz. Auch Jagorani Chakra vergibt Mikrokredite an die ärmsten Frauen Bangladeschs, doch diese organisieren sich in Selbsthilfe-Gruppen und handeln in eigener Verantwortung. Peter Dietzel von der Organisation NETZ schildert seine persönlichen Eindrücke des Empowerment-Prozesses.

Masura Begum und Idris 2002 (c) Peter Dietzel

Masura Begum und Idris im Jahr 2002 © Peter Dietzel

Jede Stunde wachte Masura Begum nachts auf, ihr Sohn Idris schrie vor Hunger. Sie legte ihn an die Brust und sobald er wieder eingeschlafen war, bettete sie ihn auf eine Bastmatte auf dem Lehmboden. Doch Idris wachte bald erneut auf, immer noch hungrig, denn Masura hatte zu wenig Milch. Er war ihr drittes Kind. Am Tag kochte die Alleinerziehende einen Teller Reis. Dazu ein paar Blätter, die sie am Wegrand gesammelt hatte. Mehr gab es nicht. Milch, Eier oder gar Fleisch standen nie auf dem Speiseplan. Wer den zehn Monate alten Idris auf den Arm nahm, erschrak. So leicht war er. „Älter als ein Jahr wird er nicht werden“, sagte Mazed Namaz, ein bangladeschischer Entwicklungsaktivist, beim Besuch des Dorfes im Bezirk Darshana, im Westen Bangladeschs, nahe der indischen Grenze.


Das war vor neun Jahren. Damals wäre niemand auf die Idee gekommen, Masura einen Kleinkredit zu geben. Die Mitarbeiter der weltberühmten Grameen Bank nicht und auch nicht die anderen Frauen im Dorf, die in einer Kreditgruppe füreinander bürgten. Doch Masura bekam eine Chance, die sie nutzte, und ihr Sohn Idris überlebte.


Kleinkredite sind kein Allheilmittel
Bangladesch gilt als Musterland der Kleinkredite. Muhammad Yunus, Wirtschaftswissenschaftler aus Bangladesch, ist quasi der Erfinder der Mikrokredite. Die Idee ist einfach: Arme Menschen, die üblicherweise kein Darlehen erhalten oder nur zu sehr hohen Zinssätzen, sollen Kleinkredite erhalten, um sich Vieh zu kaufen oder ein Geschäft aufzubauen. So sollen die Kreditnehmer langfristig aus der Armut herausfinden.


Doch Mikrokredite haben auch ihre Schattenseiten. Familien nehmen gleich mehr Kredite auf und geraten damit in die Schuldenfalle; viele waren bald überschuldet. Außerdem entstand ein wahres Geschäft mit Mikrokrediten – nach zahlreichen Nichtregierungsorganisationen (NROs) entdeckten auch Banken den Mikrokredit-Markt für sich. In den letzten Jahren vermehrte sich die Kritik, doch Mikro-Kredite bleiben zunächst ein wichtiges Mittel im Kampf gegen die Armut.


In Bangladesch können in fast jedem der 87 000 Dörfer die Haushalte einen Kredit von 50, 100 oder 300 Euro aufnehmen, um das Geld in ein kleines Gewerbe zu investieren. Mikrofinanz-Institutionen, wie die von Friedensnobelpreisträger Mohammed Yunus gegründete Grameen Bank, machen es möglich. Eines haben sie gewiss erreicht: Sie haben die Macht der privaten Geldverleiher auf dem Land gebrochen – 20 Jahre dauerte das. Kleinbauern, die Saatgut oder eine Kuh anschaffen wollten, konnten das nötige Kapital früher nur von der reichen Dorfelite erhalten. Die Zinsen betrugen 250 Prozent und mehr. Die Mächtigen wurden reicher, und viele Kleinbauern verschuldeten sich, bis sie schließlich ihr Land verkaufen mussten.


Die meisten NGOs in Bangladesch setzen auf Kleinkredite. Doch es reicht nicht, Geld zu verleihen und es wieder einzusammeln. Damit schafft man nicht die Armut ab. In Bangladesch herrschen andere Gesetze: Die Reichen holen die Fische aus öffentlichen Teichen, auch wenn diese den Landlosen zustehen. Wer aufmuckt, bekommt Besuch von Mastans – angeheuerten Schlägern. Die Kleinkredite allein dämmen den Machtmissbrauch nicht ein. Kleinkredite allein stärken nicht die Rechte der Frauen. Denn in Bangladesch erhalten vor allem Frauen Kredite, so sollen sie zugleich gefördert werden. Doch oft ist es letztlich der Ehemann, der das Geld investiert oder auch durchbringt, und die Frau haftet. Sie haftet auch dann, wenn der Mann sie verlässt. Der Fokus der NGOs liegt auf dem Kreditgeschäft; nur wenige schaffen es, einen Kredittopf zu organisieren und zugleich wirksam für strukturelle Veränderungen zu kämpfen.


Kredite plus Anleitung zur Selbsthilfe
„Wir geben den Frauen die Macht. Denen, die ausgeschlossen sind. Den Notleidenden. Auch Macht über das Geld“, sagt der Aktivist Mazed Namaz. Das klingt utopisch. Gemeinsam mit anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Entwicklungsorganisation Jagorani Chakra sucht er konsequent die Ärmsten im Bezirk Darshana auf: Mütter mit unterernährten Kindern aus den Tagelöhnerfamilien, Witwen, Frauen wie Masura, die von ihren Männern verlassen wurden. Durch Gelegenheitsjobs bei der Ernte, durch Betteln oder Schmuggel haben sie sich irgendwie über Wasser gehalten. Am Tag verdienen sie durchschnittlich 25 Cent. Das muss für die ganze Familie reichen. Wer mit einer der Familien die einzige verfügbare Schale Reis teilt, dem bleibt es im Halse stecken. So miserabel ist die Qualität des Essens.


Jagorani Chakra startete sein Projekt 2002 , zunächst mit 3 300 Frauen. Sie schlossen sich zu Selbsthilfe-Organisationen zusammen, mit jeweils etwa hundert Frauen. Nur wenige von ihnen hatten die Schule besucht. Wenn sie bei den ersten Treffen etwas sagten, zogen sie verlegen das Ende ihres Saris vor den Mund. Die Regel ist bis heute, dass jede einen Kleinkredit erhalten kann. Die einzige Voraussetzung ist extreme Armut. Auch Masura bekam einen Kredit, sie kaufte davon drei Ziegen. „Ich bin glücklich“, erzählte sie. „Endlich kann ich etwas Eigenes aufbauen.“ Eine andere Muslimin begann, mit Reis zu handeln. Täglich kaufte sie einen Sack davon auf dem Markt in der Stadt und verkaufte ihn kiloweise im Dorf. Eine Hindu-Witwe erwarb Bambusrohre und verarbeitete sie zu Körben. Eine Christin züchtete Kühe. Hier endete jedoch die Gemeinsamkeit mit üblichen Mikrokredit-Programmen.


Power entwickeln
„Das Geld gehört den Selbsthilfe-Organisationen der Frauen“, stellt Mazed klar, „keiner Bank oder NGO. Die Frauen entscheiden, wer von ihnen einen Kredit bekommt und in welcher Höhe.“ Die Frauen beziehen den Kredit direkt von der Selbsthilfe-Organisation, an der sie teilhaben. Verwaltet wird der Fonds zunächst von Jagorani Chakra. Doch die Frauen gehen selbst zur Bank, zu Fuß und per Rikscha. Sie zahlen ihre Tilgung und die eigenen Ersparnisse auf ihr Konto ein: Jede Selbsthilfe-Organisation hat eines bei einer Geschäftsbank im nächst größeren Ort eröffnet. Der Zinssatz für die Kleinkredite liegt nominal bei zehn Prozent. Real sind es durchschnittlich achtzehn, je nachdem, wie rasch das Gewerbe Gewinn bringt. Jede Kreditnehmerin zahlt ein Prozent des Darlehens in eine Versicherung. Diese hilft, wenn das Kapital verloren geht, etwa wenn die Kuh oder Ziege stirbt. So gerät keine Frau in die Schuldenfalle. Auch der Versicherungstopf gehört den Frauen.


Außerdem führt Jagorani Chakra Schulungen durch: Alphabetisierung, Tierhaltung, Gesundheitsvorsorge, Frauenrechte. Doch probieren geht über studieren. „Wie organisieren wir die Treffen der Dorfgruppen? Wie wählen wir unser Leitungsteam? Was soll das Team alleine entscheiden, was nicht? Alles mussten wir lernen“, berichtet Anzira Khatun, die Sprecherin einer der Selbsthilfe-Organisationen. Stück für Stück übernehmen die Frauen das Management ihrer Ersparnisse und Kredite. Heute hält bei den Treffen kaum noch eine Frau beim Sprechen den Sari vor den Mund. Nach und nach gibt Jagorani Chakra die Verantwortung aus der Hand.


Anzira weiß um die Brüchigkeit der Organisationen und die möglichen Fallstricke: „Gehen lernt man durch hinfallen“, sinniert sie. „Zwei Kassiererinnen hatten Geld aus ihren Selbsthilfe-Organisationen in die eigene Tasche gesteckt. Sie mussten es zurückgeben. Und wir mussten lernen, die Finanzen zu kontrollieren.“


Heute gibt es 33 Selbsthilfe-Organisationen. Jede hat inzwischen eine eigene Mitarbeiterin angestellt. Zumeist sind es junge Frauen aus den Dörfern, die zehn oder zwölf Jahre die Schule besucht haben. Sie machen die Buchhaltung, organisieren die Rechtsberatung und sorgen dafür, dass der Tierarzt ins Dorf kommt. Bezahlt werden sie aus den Zinsen für die Kredite. Gewinne aus dem gemeinsamen Kredittopf schütten die Selbsthilfe-Organisationen an die teilnehmenden Frauen aus.


Selbst entscheiden
Jagorani Chakra heißt auf Bengalisch „Rad der Entwicklung“. Neu erfunden haben die NGO-Aktivisten das Rad nicht. Im Gegenteil, sie haben viel abgeschaut, bei der Pädagogik der Unterdrückten aus Brasilien genauso wie beim professionellen Management herkömmlicher Kleinstkredite. „Wichtig ist uns die Bewegung“, verdeutlicht Mazed den Namen der NGO. Der stämmige Mann koordinierte sechs Jahre lang den Aufbau der Selbsthilfe-Strukturen. Jeden Tag schob er den Entwicklungsprozess in Darshana mit an. Vor zwei Jahren gab er die Leitung des Projekts ab.


„Wir wollen Empowerment“, sagt Mazed, „die ärmsten Frauen entscheiden selbst, über das Kapital, über ihre Vertretungsorgane, ihre Aktionen, ihre Entwicklung.“ Empowerment hat in verschiedenen politischen und kulturellen Zusammenhängen unterschiedliche Bedeutungen. Mit seiner knappen Aussage benennt Mazed das, was allen gemeinsam ist. Es geht um die Freiheit der Entscheidung und des Handelns, und um die Ausdehnung dieser Freiheit: Die Armen weiten ihre Fähigkeiten sowie ihre Ressourcen aus und sie wirken in Institutionen mit, die ihr Leben bestimmen.


Solidarisch kämpfen
Ein achtjähriges Mädchen wurde in einem der Projektdörfer vergewaltigt. Kein Polizist ermittelte, denn der Peiniger stammte aus einer einflussreichen Familie. Die Mutter des Mädchens ist Mitglied einer der Selbsthilfe-Organisation. Die anderen Gruppen solidarisierten sich mit ihr. „Sind Frauen etwa keine Menschen?“, stand auf ihren Plakaten beim Schweigemarsch durch die Distrikt-Stadt. Die Zeitungen berichteten. Polizei und Gerichte reagierten. Doch mit gezielten Drohungen und Geld bewirkte die Familie des Täters die Einstellung des Verfahrens.


Doch danach habe es keine Vergewaltigung mehr in der Region gegeben, erzählen die Frauen. Sie stärken sich gegenseitig, sie unterbinden Kinder-Ehen und Frauen-Handel. Jede Selbsthilfe-Organisation berichtet über ihre Erfahrungen im Kampf für ihre Rechte. Sie finanzieren 31 Vorschulen. Denn die Mütter wissen: Ihre Kinder haben sonst bei der Einschulung die schlechtesten Startbedingungen.


5 670 Frauen machen inzwischen mit. Und es werden immer mehr. Sie haben ihr Einkommen gesteigert, durchschnittlich um 130 Prozent. Die Selbsthilfe-Organisationen haben sich wiederum zu einem Frauenverband zusammengeschlossen, „Amrao Pari, heißt er“, berichtet die schmale Anzira Khatun: „Das bedeutet: Wir können das auch.“ Sie ist die erste Vorsitzende. Vierteljährlich überprüft Jagorani Chakra die Finanzen der 33 Selbsthilfe-Organisationen. Einmal im Jahr kommt ein Wirtschaftsprüfer. Neun Jahre hat die deutsche Bangladesch-Solidaritätsorganisation NETZ den Empowerment-Prozess der Frauen unterstützt, mit Spenden und Zuschüssen des deutschen Entwicklungsministeriums. Die finanzielle Förderung nimmt kontinuierlich ab. In drei Jahren wollen die Frauen alle Kosten selbst tragen. „Alle Frauen, die so elend dran sind, wie wir es waren, können mitmachen“, unterstreicht Anzira die Solidarität. „Wir haben den Hungerschmerz nicht vergessen.“


Nicht locker lassen
Empowerment der Armen hat vier Elemente. Informationen erhalten und zugänglich machen. An Empower­ment-Prozessen, die das eigene Leben bestimmen, teilhaben und mitentscheiden – sei es direkt oder indirekt. Die lokale Organisationsfähigkeit stärken. Öffentliche Institutionen rechenschaftspflichtig machen. Viele ehemals extrem arme Frauen aus Darshana sind inzwischen Mitglieder in Elternbeiräten, Marktvereinen oder Moscheekomitees. Drei Frauen wurden in den Gemeinderat gewählt und vertreten dort die Interessen der Ärmsten. Sie bestehen etwa darauf, dass die bedürftigsten Familien Lebensmittelkarten erhalten, und nicht die Verwandtschaft von Lokalpolitikern. Darshana ist ein Beispiel von vielen in Bangladesch.


Manche Frauen schaffen es, etwas Land zu erstehen, von dem sie nicht vertrieben werden können, und lassen es sogar auf ihren Namen ins Grundbuch eintragen. Masura gehört nicht dazu. Sie lebt nach wie vor in ihrer Bambushütte am Rande des Dorfes. Ihr ältester Sohn verkaufte die Ziegen, statt sie zu hüten, und brachte das Geld durch. Ihre Selbsthilfe-Organisation legte zusammen für einen Neuanfang. Andere Frauen der Gruppe passen jetzt auf die Ziegen auf, wenn Masura zum Markt geht. Zumindest stehen neben Reis jetzt öfter auch Gemüse und sogar Ei auf ihrem Speiseplan. Die Veränderung ist sichtbar. Und Idris besucht die Vorschule der Selbsthilfe-Organisation.

Südasien 3/2011