Altaf Ullah Khan
Verliert Pakistan den Kampf gegen Hunger?
Kleinschrittige Politik kann keine leeren Mägen füllen

Zwei Notsituationen haben die Armen in Pakistan in der jüngeren Vergangenheit erlebt: Das Erdbeben 2005 und die Flutkatastrophe 2010. Altaf Ullah Khan hat beobachtet, dass weder die internationalen Hilfslieferungen noch die zugesagten Wiederaufbauhilfen die Bedürftigen im notwendigen Umfang erreichen. Deren Grundbedürfnisse nach Nahrung, einer menschenwürdigen Behausung und nach bezahlter Arbeit werden vielfach von den pakistanischen Medien dokumentiert, aber es fehlt den Armen die Kraft und der Zivilgesellschaft die Durchsetzungsmacht für langfristige, nachhaltige Lösungen, davon ist der Autor überzeugt.

In den letzten sechs Jahren hat die Ernährungssicherung in Pakistan zwei verschiedene Formen angenommen. Sie hat sich von Unterernährung und unzureichendem Zugang zu einer Grundversorgung nach dem Erdbeben von 2005 und nach der Flutkatastrophe von 2010 zu einer demütigenden abhängigen Hilflosigkeit entwickelt. Weitere Katastrophen, verursacht durch Terrorismus und Anti-Terror-Krieg, haben die Menschen aus ihrem Zuhause getrieben, so dass sie in ihrem eigenen Land Vertriebene sind, besonders in der Provinz Khyber Pukhtoonkhwa (KPK) und in den FATA-Gebieten (Federal Administered Tribal Areas), den Stammesgebieten.


Es hilft nicht, den Hunger zu definieren und in plausible Erklärungen zu fassen, um den Abwärtstrend in Pakistan zu stoppen. Hunger und eine fehlende Grundsicherung sind die traditionellen, sichtbaren und latenten Probleme in diesem Land. Wie Gandhi einmal sagte, hat die Welt eigentliche „genug Nahrungsmittel für alle“, und das gilt auch für Pakistan.


Die Armut hat strukturelle Wurzeln und führt zu Apathie
Der von früheren Monarchien ererbte degenerierte Feudalismus und dann die britische Kolonialherrschaft ließen die Mehrheit der pakistanischen Bevölkerung unterernährt, unterprivilegiert und an politischen Entscheidungsprozessen nahezu unbeteiligt zurück. Daraus resultierten Ungleichheit, mangelnde Chancen und Ungerechtigkeiten: Ein ideales Rezept zur Ausbeutung des Volkes durch einige wenige Privilegierte.


Strukturelle Lebensmittelknappheit ist das, was wir das „drohende Hungermonster“ nennen und was in der pakistanischen Gesellschaft als die „Mutter alles Bösen“ gilt. Die Abhängigkeit der Pächter von ihren Landbesitzern schon für jeden Krümel Brot macht sie unfähig, sich für Demokratie, Freiheit, Gleichheit oder soziale Gerechtigkeit einzusetzen.


Der bekannte revolutionäre Urdu-Dichter Habib Jalil (1928-93) fasst das auf ergreifende Weise in Verse; zum Beispiel: „Wann immer ich nach dem Grund für die Apathie in meiner Umgebung suche, so finde ich nur eine Erklärung: Die Sklaverei, die sich seit vielen Jahrhunderten fortsetzt ist der Grund für die soziale Apathie.“ Dies stimmt auch völlig mit der These von Frantz Fanon (1925-1961) zur „Verinnerlichung“ überein. Hier hat die Verinnerlichung keine rassistische Nuance. Es geht hier mehr um das Gefühl von Minderwertigkeit gegenüber der herrschenden Elite; darum, dass das Leben als unwiderlegbares Schicksal anerkannt wird. Wenn diese Verinnerlichung in der sozio-kulturellen Struktur erst einmal Wurzeln fasst, so stirbt der politische Wille für eine gerechte und soziale Gesellschaftsordnung.


Nothilfe – kommt oft nicht bei den Bedürftigen an
Die strukturelle und historische Armut wird verstärkt durch die Not, die sich als Folge übler Praktiken der Behörden wie der Hortung von Lebensmitteln, den Preiserhöhungen sowie aus den Naturkatastrophen ergibt, von denen Pakistan seit 2005 mehrere erlebt hat. Hinzu kommt die tägliche Bedrohung durch Terrorismus, die zur Massenflucht aus den betroffenen Gebieten führte. Das Land erlebt also in einem extrem korrupten politischen System viele menschengemachten und Naturkatastrophen.


Menschen, die 2010 durch die Flutkatastrophe alles verloren haben, leben immer noch unter dem gnadenlosen freien Himmel, wo der neue Monsun sie wieder schutzlos trifft.


Dies geschieht trotz der großen Hilfsversprechen, die die internationalen Organisationen wie auch nationalen NROs und natürlich die pakistanische Regierung gegeben haben und die allesamt behaupten, für Not- und Wiederaufbauhilfe große Geldbeträge ausgegeben zu haben. Sämtliche neueren Medienberichte – selbst die ganz oberflächlichen – legen die hässliche Wahrheit offen, dass diese Menschen sich selbst überlassen bleiben.


Die Stimmen der Armen
Am 26.8.2011 interviewte der einzige lokale Paschto-TV-Kanal AVT Khyber einige von der Flutkatastrophe im vergangenen Jahr betroffene Familien aus Charsadda (ca. 20 Autominuten von Peshawar) und zeigte, wie kläglich sich das Leben dieser Familien entwickelt hat, die bereits vor der Flutkatastrophe unterhalb des Existenzminiums gelebt haben.


Die befragten Personen belegten die traurige Wahrheit, dass Korruption, Vetternwirtschaft und Apathie die pakistanische Gesellschaft durchdringen. Dass die Menschen, die Hilfsorganisationen betreiben, oftmals eine Show veranstalten, um sich ungestraft bereichern zu können, um ihre Freunde und Verwandten zu begünstigen und ihre politischen Verbindungen zu pflegen; dass sie keinerlei Interesse an den unglücklichen Familien haben, die vor ihren Augen unter bitterer Not leiden. Nachdem Hilfsgüter und Geld bereits angeliefert waren, wurden sie den Flutopfern vorenthalten und an andere verteilt, die bereits genug hatten, während die Bedürftigen hungrige Zuschauer bleiben, die gezwungen sind, in der nächstgrößeren Stadt wie Peshawar um eine tägliche Essensration zu betteln.


In dem Fernsehbeitrag von AVT Khyber berichten verschiedene Menschen von ihrere Situation: „Wir hatten ein gutes Auskommen und ein eigenes Haus, drei Mahlzeiten am Tag, und wir konnten Kleidung für die ganze Familie kaufen. Das war nicht etwa vor langer Zeit, es war noch vor kurzem so. Die Flut hat uns alles genommen. Ich wohne in diesem kleinen Zelt, in dem es mehr regnet als draußen. Sie haben uns nichts gegeben. Ich bin gezwungen, mit meinem kleinen Kind täglich ums Essen zu betteln“, erzählt ein bärtiger Mann mittleren Alters. Er schluchzt während des Gesprächs. „Ich kann gerade mal 100 bis 200 Rupien [0,85-1,70 Euro] zusammen bekommen, nachdem ich den ganzen Tag mit meinem kleinen Sohn in Peshawar erniedrigt wurde. Die Leute verachten mich, sie beleidigen mich vor meinem Kind. Aber ich habe keine andere Wahl. Die Kinder möchten neue Kleidung, weil das Id-Fest2 naht. Wir leben von Almosen. Im letzten Jahr hat man uns in der Not geholfen. Ich erzähle meinen Kindern, dass alles, was ich bekomme, kaum für eine Mahlzeit ausreicht. Sollte ich mehr Geld einnehmen, könnten wir auch Kleidung kaufen. Schau, was ich trage“ – und zeigt auf seinen Shalwar Kameez (traditionelles Langhemd und Hose), die von unterschiedlicher Größe und Farbe sind. „Die Regierung tut absolut nichts.“


Er beginnt laut zu klagen: „Möge Allah alle Regierungsverantwortlichen in der Hölle verbrennen. Ich bin ein Pakistani. Ich bin hier geboren und hier werde ich sterben. Ich habe alles mir Mögliche getan, um meinem Land zu dienen, aber niemand kümmert sich um mich und die anderen, denen es genauso geht.“


Eine andere Familie, die aus alten kränklichen Eltern und ihren halbwüchsigen Söhnen und Töchtern besteht, hat früher in einer traditionellen Zuckerrohrpresse gelebt, einer kleinen Lehmhütte, in der Zucker aus Zuckerrohr hergestellt wird. Die alte Frau kann nicht sprechen und der ebenso hinfällige alte Mann weint ständig. Die Jugendlichen sitzen bekümmert dabei, während die Eltern ihre Notlage darlegen. „Sie nehmen uns vor der Nase die Lebensmittelrationen weg und verteilen sie an nichtbedürftige Menschen. Ich sage meinen Söhnen, dass sie sich durchsetzen sollen, aber das schaffen sie nicht. Allah sieht das alles. Diese Leute haben uns so viele Male beleidigt, dass es keinen Zweck hat, es weiter zu versuchen. Wenn Sie rausgehen und Arbeit suchen, dann gibt es nichts. Wir wissen einfach nicht, was wir tun sollen.“ Die alte Frau auf der Liege ist zu schwach, um auch nur ein paar Schritte zu gehen. Sie hat eine kleine Tasche mit billigen Medikamenten. „Ich kann nicht laufen. Dies sind Medikamente, die mir jemand gespendet hat. Ich weiß nicht, wofür sie gut sind, aber ich nehme sie ein. Ich habe mich selbst für die Lebensmittelration angestellt, aber da waren junge, kräftige Männer und Frauen, die mich zur Seite geschubst haben. Ich habe die Lebensmittelrationen nicht einmal zu sehen bekommen“.


Dies sind keine Einzelfälle, und man hört dergleichen immer wieder. Familien in den Provinzen Pandschab und Sindh leben so mit ihren kleinen Kindern, die nackt und hungrig unter freiem Himmel umherlaufen. Ein kurzer Blick ins TV-Programm genügt und man findet überall die gleiche Misere. Die Binnenflüchtlinge leben bis heute im Unglück.


Eine hilflose Öffentlichkeit
Die Regierung versucht, wie üblich, die Lage in den Griff zu bekommen, indem sie Allianzen eingeht (und wieder bricht), indem sie Karatschi kontrolliert, wo die Menschen durch Gewehrkugeln und Folter, aber auch durch die Armut sterben2. Die Armut ist in den Großstädten genauso verbreitet wie im Hinterland, den von Extremisten verseuchten Grenzgebieten. Überall warten die Vertriebenen darauf, dass endlich Schluss ist mit dem Elend. Kürzlich führte ein öffentlicher Auftritt von Premierminister Gillani zu einem Fiasko der Öffentlichkeitsarbeit, als sich direkt nach seiner Abfahrt die Menschen um die Lebensmittel prügelten, die er zur Verteilung vor laufenden TV-Kameras mitgebracht hatte. Solche Fälle kann man endlos aufführen.


Auf Geo TV (pakistanischer Privatkanal) wurde es in einer satirischen Sendung zynisch dargestellt: „Alles wird während des Ramadan teurer. Die Preise schießen in den Himmel. Aber noch haben wir eine kostbare Ware, die jeden Tag billiger wird. Das ist das Menschenleben in Pakistan.“ Das ist bitter und traurig, aber leider auch die Wahrheit in Pakistan.


Dass die Mehrheit der pakistanischen Bevölkerung in die Armut abdriftet, braucht keine Statistik, keinen Bericht. Es ist ein Thema, das nicht diskutiert wird. Es ist die historische Realität in einem bedauernswerten Land. Armut gibt es überall auf der Welt. Das Problem ist nicht die Armut an sich. Denn, so Mahatma Gandhi: „Die Welt hat genug für die Bedürfnisse eines jeden, aber nicht genug für die Gier eines einzigen.” Das Problem ist die Unfähigkeit von Staat und Gesellschaft in Pakistan, die ständig weiterwachsende Armut zu bekämpfen. Wir sind – selbst nach sechs Jahren – nicht in der Lage, den Erdbebenopfern ein Dach über dem Kopf zu geben, obwohl wir aus der ganzen Welt Unterstützung und Hilfe dafür bekommen haben.


Das wahre Problem ist die Unfähigkeit, für die traditionelle Armut und auch für die immer wiederkehrenden menschengemachten und Naturkatastrophen nachhaltige Lösungen zu finden. Niemand ist willens, dem Ungeheuer ins Auge zu blicken und das Problem anzugehen. Solange wir nicht den Mut entwickeln, für eine sofortige, mittel- und langfristige Lösung der Armutsproblematik die Struktur der Gesellschaft anzuschauen, wird sich nichts verbessern.


Kleinschrittige Politik kann keinen leeren Magen füllen. Sie gießt nur Öl in das Feuer von Hass und Anarchie.

Endnoten
1 Das Id-Fest, das Ramadanfest oder (arabisch) Idu l-Fitr‚ Fest des Fastenbrechens (türkisch Ramazan Bayramı) ist ein islamisches Fest zum Abschluss des Fastenmonats Ramadan. Das Fest, mit dem die 29- bis 30-tägige Fastenzeit ihren Abschluss findet, wird in den ersten drei Tagen des Folgemonats Schauwal gefeiert.
2 Sie dazu auch die erste Meldung in Pakistan im Überblick in diesem SÜDASIEN-Heft.

Zum Autor
Altaf Ullah Khan ist Journalist und promovierte 2004 am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig. Er ist seit 1990 Lehrbeauftragter an der Fakultät für Journalismus und Massenkommunikation an der Universität Peshawar.

Südasien 3/2011