Claudia Koenig
Editorial Südasien 4/2011

Diese Ausgabe von SÜDASIEN mit dem Themenschwerpunkt Klimawandel steht unter dem Eindruck der 17. Klimakonferenz in Durban, die nach 13 Verhandlungstagen am 10. Dezember mit mageren Ergebnissen zu Ende ging. Auf dem bisher längsten Klimagipfel der Geschichte wurde bis zuletzt um den Weg hin zu einem Weltklimavertrag gerungen.


Den Kompromiss, der dabei am Ende herauskam, nannte Werner Eckert vom SWR einen „zahnlosen Tiger“, denn bis 2020 gebe es viele wohlklingende Ermahnungen im Beschluss der Konferenz. Aber keine klaren Ansagen. „Das ist dramatisch. Denn damit ignorieren die Politiker schlicht alles, was die Wissenschaftler ihnen sagen“. Die Unterhändler verständigten sich lediglich auf einen Fahrplan für die Erarbeitung eines rechtsverbindlichen Klimaabkommens und legten fest, dass es spätestens 2020 in Kraft treten soll. Es soll dann alle Staaten zu umfassenden Klimaschutzmaßnahmen verpflichten. Die Verhandlungen darüber sollen bis 2015 abgeschlossen sein. Beschlossen wurde zudem eine zweite Verpflichtungsperiode für das Kyoto-Protokoll, das sonst bekanntlich 2012 ausgelaufen wäre.


Vergeblich hatte sich die EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard in Durban dafür eingesetzt, sofort ein rechtlich verbindliches Instrument zu verabschieden. Um den Druck auf die Verweigerer zu erhöhen, hatte sich die Europäische Union mit der Gruppe der afrikanischen Länder, der Allianz kleiner Inselstaaten (AOSIS) und der Gruppe der am wenigsten entwickelten Länder (LDC) zusammengetan.


Zu den Verweigerern wurde bis zuletzt auch Indien gezählt, weil es – gemeinsam mit den USA und China – auf freiwillige Ziele zur Reduzierung des Treibhausgas-Ausstoßes anstelle von verpflichtenden Klimaschutzzusagen setzte.


Wie zu erwarten war, warnte die indische Umweltministerin Jayanthi Natarajan, zu hohe Ansprüche an die Entwicklungsländer gefährdeten deren Entwicklungschancen. Wer die Hintergründe der indischen Position verstehen und eine differenzierte Darstellung aus indischer Perspektive lesen will, findet in Katha Kartikis Artikel „Balanceakt“ das nötige Material dazu.


Uns geht es mit dieser Ausgabe von SÜDASIEN zugleich um die übergreifende Analyse der Risiken und Herausforderungen, denen sich die Staaten Südasiens angesichts der globalen Erwärmung stellen müssen. Wir sind dankbar, dass wir für dieses Heft drei Fachleute von GERMANWATCH und BROT FÜR DIE WELT als Autoren gewinnen konnten. Überschwemmungen, Versalzung der Böden, Hunger und Klimamigration tragen enorme Konfliktpotenziale mit sich. Mit großem Detailreichtum legen Rixa Schwarz und Thomas Hirsch dar, welche Szenarien Südasien bevorstehen, sollten die bisherigen Prognosen Wirklichkeit werden. Und der Mediziner Winfried Zacher stellt in seinem Beitrag fest: Die verheerenden Gesundheitsfolgen spielen in der internationalen Diskussion um den Klimawandel noch kaum eine Rolle. Dabei stellen sie ein zusätzliches und wichtiges Argument für die Begrenzung der Erderwärmung dar.


Auch die Antworten, die die Staaten Südasiens bisher auf die großen klimapolitischen Herausforderungen gegeben haben, werden in diesen Artikeln mit vielen Beispielen beleuchtet und hinterfragt.


Weitgehende Einigkeit herrschte in Durban am Ende über einen neuen globalen Klimafonds, der Entwicklungsländer bei Klimaschutz und Klimaanpassung unterstützen soll. Dieser Fonds soll bis 2020 auf jährlich 100 Milliarden Dollar anwachsen – wie, das soll allerdings erst in den kommenden Jahren entschieden werden! Dabei ist dieser Fonds für die besonders verletzlichen Staaten wie Bangladesch, die Malediven und andere Mitglieder des Climate Vulnerable Forum heute schon überlebenswichtig: Sie brauchen ab sofort deutlich mehr finanzielle und technologische Unterstützung der Industrieländer für Infrastrukturausbau, Klimaanpassung der Landwirtschaft und ein verbessertes Katastrophenmanagement.


Die eigentliche Herausforderung – so formulierte es Saber Chowdhury, der Vorsitzende des Klima-Ausschusses im Parlament von Bangladesch – besteht darin, dass der Entwicklungsweg der Industrieländer, der auf der Verbrennung möglichst billiger fossiler Energien fußt und auf eine Endlosspirale des Konsums und des Wachstums setzt, nicht länger Modell stehen kann.


Mit zwei kritischen Beiträgen blicken wir in diesem Heft auch auf die Entwicklungen in Sri Lanka: Pressefreiheit und Rechtsstaatlichkeit sind bedroht. Menschenrechtsaktivisten sprechen von einem schleichenden Übergang in eine mafiös organisierte Militärdiktatur.


Diese und weitere interessante Artikel zu Afghanistans Loya Jirga, zur Binnenmigration in Indien sowie zur überraschenden Bildung einer Regierung der nationalen Einheit in Nepal, weiter unsere Rubrik zur Gegenwartsliteratur aus Südasien, eine Reportage über die indische Eisenbahn und vier Rezensionen warten in diesem Heft auf Sie.

Südasien 4/2011