Marina Rimscha
Doppelt verflucht
Die Autobiographie von Kausalya Baisantri, Frau und Dalit

Moderne Dalit-Literatur entstand in den 1960er Jahren im indischen Bundesstaat Maharashtra in Marathi. Sie erwuchs aus der Dalit-Bewegung, aus dem Wunsch und Bedürfnis einer um Emanzipation ringenden Bewegung heraus, sich selbst zu artikulieren und zu Geltung zu gelangen. Im Laufe der Zeit hat das Vorbild der Marathi-Dalit-Literatur auch Autoren in anderen Sprachgebieten motiviert, so dass es heute in mehreren indischen Regionalsprachen eine Dalit-Literaturszene gibt. Populär unter den Dalit-Autoren sind vor allem Gedichte und Kurzgeschichten, die oft entweder autobiographisch geprägt sind oder Erlebnisse von Verwandten und Bekannten als Grundlage der Fiktion verwenden. Die Zahl der Romane und Autobiographien dagegen ist eher gering, doch letztere scheinen in den letzten 10 Jahren an Bedeutung zu gewinnen. Eine der interessantesten Dalit-Autobiographien in Hindi stammt von Kausalya Baisantri, die am 24. Juni 2011 hochbetagt gestorben ist.

Dalit-Autobiographien erzählen zumeist chronologisch vom Leben des Autors oder der Autorin, der oder die oft in ärmlichen Verhältnissen in einem Dorf oder einer Dalit-Siedlung am Rande einer Stadt aufgewachsen ist. In der Regel gehören die Autoren zu den Ersten in ihrer sozialen Gemeinschaft, die die Schule besucht haben. Der Zugang zu Bildung führt dann beinahe unweigerlich zum Wechsel aus dem ländlichen Raum in die Großstadt und in die Beamtenlaufbahn.


Das Kastensystem besteht aus brahmanischer Sicht aus vier Varnas („Farben“). Dies ist jedoch eher eine theoretische Konstruktion. Die soziale Wirklichkeit besteht aus Tausenden von Jatis („endogame Volksgruppen“), die nicht immer eindeutig einem Varna zugeordnet werden können. Irreführend ist, dass sowohl Varna als auch Jati als „Kaste“ übersetzt werden. Das Wort „Dalit“ wird seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts vor allem als Selbstbezeichnung der sogenannten Unberührbaren gebraucht. Es wurde vor allem als Gegenbegriff zur von Mahatma Gandhi verwendeten Bezeichnung „Harijan“ („Kinder Gottes“) eingeführt, die von den damit Bezeichneten als erniedrigend empfunden wurde. Obwohl der Begriff sich in Literatur allgemein durchgesetzt hat, bezeichnet er in Realität eine Gemeinschaft, die keine ist. „Dalits“ setzen sich aus Hunderten verschiedener Jatis zusammen, die genau wie alle anderen der Hierarchie des Kastensystems unterworfen sind.


Interessant ist, dass Kausalya Baisantri zum ersten Mal für sich selbst und Mitglieder ihrer Familie das Wort „Dalit“ erst auf Seite 102 ihres 124-seitigen Buches verwendet. An besagter Stelle ihrer Biographie kann man durchaus sagen, dass sie in der Mittelklasse angekommen ist. Davor galt ihre Familie als „unberührbar“ oder „Mahar“ (eine „unberührbare“ Jati in Maharashtra). Diese späte Verwendung des Wortes „Dalit“ innerhalb des Buches ist kein Zufall. Sie zeigt an, dass der Begriff „Dalit“ die Kastenbezeichnung oder die erniedrigende Bezeichnung „Unberührbarer“ noch lange nicht ersetzt hat, zumindest scheinen damit in den meisten Fällen eher die im unabhängigen Indien sozial aufgestiegenen aus den „Scheduled castes“ gemeint zu sein.


Kausalya Baisantri wurde in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts in der Stadt Nagpur, Maharashtra geboren. In ihrer Autobiographie – der ersten und bislang einzigen Dalit-Autobiographie, die in Hindi von einer Frau geschrieben wurde – werden Themen behandelt, die von Dalit-Autoren zumeist umgangen werden. Während die meisten Dalit-Autoren ihr Schreiben der Darstellung der Unterdrückung durch Kastenhindus widmen, sich hinter dem Schild des Dalit-Bewusstseins verstecken und Spannungen, die es sehr wohl innerhalb der sogenannten Dalit-Gemeinschaft gibt, systematisch herunterspielen, schreibt Kausalya Baisantri in ihrer Autobiographie gezielt nicht nur von Konflikten, die zwischen Dalits und Kastenhindus entstehen, sondern auch und vorwiegend von Konflikten innerhalb ihrer Kaste und der Dalit-Gemeinschaft, unter anderem auch über die Konflikte zwischen Dalit-Männern und -Frauen.


Als Unberührbare unter Kastenhindus
Ein typisches Beispiel für die Ungerechtigkeit, die Dalit-Kinder immer wieder erleben, ist ein Vorfall, der sich ereignet hat, als Kausalya die 4. oder 5. Klasse besuchte: Eine von ihren Mitschülerinnen hatte ihr Schulbuch verloren. Der Verdacht fiel auf Kausalya, die einzige „Unberührbare“ in der Klasse. Daraufhin nahm die Lehrerin Kausalya ihr eigenes Buch weg und gab es dem anderen Mädchen. Als das verlorene Buch wiedergefunden wurde, dachte keiner daran, sich bei Kausalya zu entschuldigen. In der Dalit-Literatur findet man eine Menge ähnlicher Geschichten. Ein anderes Beispiel ist wohl interessanter: Hier treffen sich ein hochkastiger Bediensteter und ein „unberührbarer“ Sahib – das heißt, einer, der den sozialen Aufstieg in die Mittelklasse geschafft hat (es ist die oben erwähnte Stelle, an der die Autorin sich zum ersten Mal als „Dalit“ bezeichnet):


„In Nirsa war das Büro direkt im Haus. Es war ein Haus mit vier Zimmern. In einem von diesen Zimmern war das Büro. Ein Sekretär und ein Chaprasi [Bediensteter] – das war das Personal. Der Chaprasi gehörte der Bhumihar Jati [eine Brahmanen-Jati] aus Bihar an. Der Sekretär war aus der Kayasth-Jati [eine „Schreiber“-Jati]. Auch er stammte aus Bihar. Das Personal hatte von unserer Jati erfahren. Der Arbeitsinspektor, der vor Devendr Kumar dort gearbeitet hatte, wurde versetzt, und Devendr Kumar bekam seine Stelle. Der ehemalige Inspektor war ein Gupta Baniya [eine nicht-brahmanische Banker- und Geldverleiher-Jati] und der Chaprasi hatte in seinem Haus die ganze Arbeit gemacht, sogar gekocht hat er. Im Gegenzug bekam er vom Inspektor Essen. So konnte der Chaprasi sein ganzes Gehalt beiseite legen. Es gab auch nicht besonders viel Arbeit für ihn im Büro. In einem Zimmer des Hauses wurde Kohle fürs Kochen gelagert, in der anderen Hälfte dieses Zimmers hatte er für sich ein Bett mit Bettzeug aufgestellt. In einer kleinen eisernen Box hielt er einige persönliche Sachen und unter der Decke hatte er eine Wäscheleine angebracht, auf der er seine Kleider aufzuhängen pflegte. Er blieb dort auch nachdem wir gekommen waren. Wir schickten ihn nicht weg, da wir dieses Zimmer nicht brauchten, wir nutzten es nur, um die Kohle aufzubewahren.

Er hatte erfahren, dass wir der Dalit-Gemeinschaft angehörten. An Unberührbarkeit glaube er sehr. Der Sahib war aus einer niedrigen Kaste, deswegen würde er weder in unserem Haus arbeiten, noch von uns berührtes Essen zu sich nehmen, doch trotzdem blieb er in unserem Haus. Jetzt würde er für sein Essen Geld ausgeben müssen und das wiederum störte ihn sehr. Die einzige Arbeit, die er für uns machte, war Milch zu holen. Unser Sohn war ein Jahr alt, man musste ihm frische Milch geben. Für diese Arbeit gaben wir ihm Milch für seinen Tee. Devendr Kumar gab ihm außerdem Geld für Bidis [billige indische Zigaretten] und Tabak. Auf seinem Weg gab er einem Mann etwas von unserer Milch ab, dieser gab ihm dafür Kartoffel und Zwiebeln, und er füllte unsere Milch mit Wasser auf. Als es für ihn zu lästig wurde, sein Geld auszugeben, dachte er sich einen Plan aus. Jeden Tag lieh er sich etwas Mehl, etwas Reis, etwas Dal [Linsen] von uns aus. Er hatte kein Geschirr, also lieh er sich auch das Geschirr von uns aus. Er hatte sich einen eigenen Ofen gebaut. Wenn unser Junge versuchte sich seinem Ofen zu nähern, während er kochte, ließ er ihn nicht. Wir dachten, er würde ein-zwei Tage die Sachen von uns ausleihen und sich dann eigene Sachen kaufen, doch er fuhr fort täglich unsere Sachen auszuleihen. Schließlich hörte ich auf, ihm die Sachen zu geben. Ich sagte ihm: „Geh und kaufe dir dein eigenes Essen und Geschirr. Wenn du von uns Essen nimmst und es in unserem Geschirr zubereitest, wirst du dann etwa nicht verunreinigt?“ Darauf fing er an schamlos zu lachen. Einige Tage später warfen wir ihn aus dem Haus, da er selbst unseren kleinen Sohn als unberührbar behandelte.“


Der Chaprasi hat offenbar kein Problem damit, das Essen seiner „unberührbaren“ Arbeitgeber zu sich zu nehmen oder in ihren Töpfen zu kochen. Er praktiziert Unberührbarkeit nur, solange er keinen Nachteil davon hat.


Die eigene Identität verbergen
Die beiden nächsten Beispiele, die ich erwähnen möchte, illustrieren nicht nur die Praxis der Unberührbarkeit, sondern auch die Vorstellungen der Autorin über ihre eigene Unberührbarkeit.


Die erste Geschichte ist aus ihrer Kindheit, als die Autorin um die 12 Jahre alt war. Außer der Lehrerin wusste keiner in der Schule, die die junge Kausalya besuchte, dass sie der Mahar-Jati angehörte. Die meisten Mädchen in der Schule waren aus Brahmanen-Familien, nur zwei andere Mädchen gehörten einer niedrigeren Jati, nämlich Kunbi (eine niedrigkastige Jati), an. Die beiden Mädchen aus der Kunbi-Jati fragten Kausalya einmal, welcher Kaste sie angehörte. Aus Angst, die beiden würden erfahren, dass sie unberührbar sei, sagte sie, sie sei auch eine Kunbi. Bald darauf heiratete eines der Mädchen und verließ die Schule, das andere Mädchen freundete sich mit Kausalya an. Nach einer Weile wurde dieses Mädchen sehr krank, sodass es lange nicht zur Schule kommen konnte, also schickte die Lehrerin Kausalya zu ihm nach Hause. Das folgende Zitat zeigt, wie sie sich dabei fühlte:


„Furchtbar verängstigt ging ich zu ihrem Haus. Sie war sehr schwach geworden. Ihre Großmutter gab ihr Gemüse zu essen. Als sie mich sah, freute sie sich sehr, sie stellte mich ihrer Großmutter vor und sagte, dass ich auch eine Kunbi war. Die Großmutter freute sich auch. Ich sagte, dass mich die Lehrerin geschickt hatte: „Sie hat gesagt, dass du, wenn du nicht bald kommst, von der Schule verwiesen wirst. Deswegen musst du deinen Vater hin schicken.“ Aber bei mir dachte ich, dass es eine sehr gute Sache wäre, wenn sie von der Schule verwiesen würde. Ihre Großmutter stellte einen Teller mit Süßigkeiten und ein Glas Wasser vor mir hin und bestand darauf, dass ich esse. Sehr ängstlich aß ich etwas davon. Ich wollte so bald wie möglich wieder nach Hause gehen. Ihre Großmutter fragte, wo mein Vater arbeitete. Auch dieses Mal log ich. Ich sagte, dass er in einem Büro arbeitete. Mein Vater arbeitete zu der Zeit als Trödelhändler. Ich brachte vor, dass Mama sich Sorgen machte, und verließ das Haus. Ich ging sehr schnell und drehte mich ständig um, weil ich Angst hatte, dass mir jemand folgen würde. Zu der Zeit wurde Unberührbarkeit groß geschrieben. Nicht selten kam es zu Gewalt, deswegen hatte ich große Angst. Später verließ das Mädchen unsere Schule und ich konnte erleichtert aufatmen.“


Hier sehen wir, dass der jungen Kausalya sehr wohl bewusst war, dass sie etwas Falsches tat, indem sie ihre Kastenzugehörigkeit verschwieg und im Haus von Menschen aus einer höheren Kaste aß und trank. Sie hatte große Angst davor, dass man es herausfinden und sie bestrafen würde.


Das nächste Beispiel erzählt von einer sehr ähnlichen Begebenheit, die einige Jahre später stattgefunden hat; hier scheint die Autorin diese Skrupel nicht mehr zu haben. Auf dem Weg zum College lernt sie einen Jungen kennen, der sie nach einiger Zeit zu sich nach Hause einlädt, um sie seiner Familie vorzustellen. Nach einigem Zögern sagt Kausalya zu, diesmal scheinbar ohne Angst davor, dass der Junge von ihrer Kastenzugehörigkeit erfahren könnte. In seinem Haus wird sie nicht nach ihrer Kaste gefragt, also lädt sie einige Tage später den Jungen zu sich nach Hause ein, damit auch er die Gelegenheit bekommt, ihre Familie kennen zu lernen. Man kann sagen, dass sie hier bewusst die Entscheidung trifft, ihn auf eine subtile Art und Weise von ihrer Kastenzugehörigkeit wissen zu lassen. Sobald der Junge begreift, dass sie eine Mahar ist, benutzt er einen Vorwand, um sich davon zu machen.


Der Unterschied zwischen den beiden Geschichten liegt in der Tatsache, dass die Autorin, die jetzt älter, klüger und selbstbewusster ist, sich hier nicht wie eine Verbrecherin fühlt; sie gesteht sich selbst das Recht zu, das Haus des Jungen zu besuchen und dort zu essen. Mit anderen Worten, sieht sie sich selbst nicht mehr als unberührbar an.


Solche Geschichten sind auch für die fiktionale Dalit-Literatur typisch. Im Vergleich dazu scheinen die Geschichten, die Konfrontationen innerhalb der Dalit-Gemeinschaft schildern, viel grausamer und markanter zu sein.


Unberührbare unter Unberührbaren
Wenn Kausalya Baisantri die Siedlung beschreibt, in der sie aufgewachsen ist, schreibt sie nicht nur von den Menschen, die dort gelebt haben, und den Jatis, denen sie angehörten, sondern auch davon, wer wen als unberührbar behandelt hat.


„Leute aus der Mamg Jati wurden von den Mahars als unberührbar behandelt. Sie warfen das Essen und Wasser weg, dass ihre Hand berührt hatte. …Doch wir, die Kinder, machten diese Unterscheidungen nicht. Wir pflegten ihre Kinder draußen zu treffen und mit ihnen zu spielen, wir haben aber nie mit ihnen getrunken oder gegessen, auch sind wir nie in ihre Häuser hineingegangen.

Leute, die Reinigungsarbeiten machten, wurden auch als unberührbar angesehen. Keiner ging in ihre Häuser hinein. Und wir haben nie mit ihren Kindern gespielt. Die armen wurden immer allein gelassen und lebten nur in ihrer eigenen Gemeinschaft. Die Chamars aus Andhra Pradesh behandelten die Mahars als unberührbar, sie mieden die Mahars und hielten sich von ihnen fern.“


Die Realität, die sich hinter dem Begriff der „Unberührbarkeit“ versteckt, ist komplex: Die sogenannten Unberührbaren werden nicht nur von Kastenhindus unterdrückt, sondern auch von Mitgliedern anderer Dalit-Jatis. Wenn sie aber versuchen, ihre Situation zu verbessern und ihren Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen, entfremden sie sich von ihrer eigenen Gemeinschaft und werden oft auch von ihr belästigt und bedrängt.


Um dies zu veranschaulichen, erzählt Kausalya Baisantri bei vielen Gelegenheiten davon, wie sich Nachbarn gegen ihre Familie zu verschwören pflegten:


„Manche Leute in unserer Siedlung konnten es nicht ertragen, dass wir unsere Lebenssituation verbessert hatten. Darunter waren auch einige Verwandte von uns, die auf uns sauer waren, weil wir zur Schule gingen. Mutter maß dem keine Bedeutung bei. Diese Leute pflegten sich mit einigen anderen aus unserer Siedlung zusammenzutun und uns zu belästigen. Während des Ganpati-Festivals bewarfen sie unser Haus mit ganz großen Steinen. Manchmal warfen sie sie sogar bis zu unserem Masala-Mahlstein. Wir verhielten uns ruhig. Vater hatte Mutter instruiert, Ruhe zu bewahren. Er meinte bloß, dass diese Leute dumm seien. Man sollte sich nicht mit ihnen anlegen. Immer wieder gingen bei uns Dachziegel in die Brüche. Nach der Arbeit brachte Vater neue Dachziegel nach Hause und reparierte das Dach.“


An anderen Stellen im Buch erzählt die Autorin davon, wie sich ihre Nachbarn nachts vor ihrer Haustür zu erleichtern pflegten, nur um zu zeigen, was sie von den Bewohnern des Hauses hielten.


Das wohl bemerkenswerteste Beispiel in dieser Reihe ist die Geschichte von Kausalya Baisantris Hochzeit. Sie heiratete einen jungen Mann aus Bihar, der zwar einer Dalit-Jati angehörte, aber kein Mahar war. Nach einiger Bedenkzeit beschloss die Familie, die Hochzeit in der Siedlung zu organisieren, obwohl man die Reaktion der Nachbarn fürchtete:


„Gegen sechs oder sieben kam der Richter [das heißt, der Standesbeamte] und wir gaben einander unsere Eheversprechen. Gerade als wir die Eheurkunde unterschreiben wollten, setzte der Strom aus. Das hatten wir unseren Neidern zu verdanken. Doch wir schickten nach jemandem, der es wieder in Ordnung bringen würde: Er kam und reparierte alles. Die Ehezeremonie war bald vorbei und wir waren nun durch Ehebande vereint. Da fing es an, Steine zu regnen. Ein Stein traf den Zahn der Freundin meiner kleinen Schwester, der sofort zu bluten begann. Die Hälfte unserer Gäste ging erschrocken weg. …Mutter hatte mitbekommen, dass unsere Widersacher auch planten, Dreck in unser Essen hinein zu mischen. Deshalb ließ sie einige Leute, die sie nicht verdächtigte, vor dem Essen Wache stehen“.


Vor dem Hintergrund der viel beschworenen Solidarität unter Dalits ist es bemerkenswert, dass selbst eine Heirat zwischen Dalits auf derart harten Widerstand stößt. Die Reaktion der Nachbarn auf eine als nicht standesgemäß eingeschätzte Eheschließung zeigt vor allem, dass Dalit-Solidarität noch immer weitgehend Wunschdenken geblieben ist.


Frau und Dalit
Ein weiteres Problem, dem die meisten Dalit-Autoren kaum Beachtung schenken, ist die Unterdrückung von Dalit-Frauen durch Dalit-Männer. Kausalya Baisantri zögert in ihrer Autobiographie nicht, von ihrem enttäuschenden Eheleben zu erzählen. Wie oft in der indischen Gesellschaft, wird sie von ihrem Ehemann als eine Person angesehen, die für den Haushalt und die Kinder verantwortlich ist. Baisantri bemüht sich, ihre Rolle zu erfüllen, doch die Launen ihres selbstsüchtigen Ehemanns machen ihr das Leben schwer und bringen die Ehe schließlich zum Scheitern. Nach vielen Jahren Ehe ergreift sie schließlich die Initiative und lässt sich scheiden. Ihr Ehemann wird gerichtlich verpflichtet, Alimente zu zahlen.


Doppelt verflucht
Die selbstbewusste Offenheit, mit der sie die Geschichte ihrer gescheiterten Ehe schildert, scheint für weibliche Autoren – und nicht zuletzt für weibliche Dalit-Autoren – typisch zu sein. Dalit-Frauen sind, wie der Titel von Kausalya Baisantris Autobiographie schon sagt, doppelt verflucht: Als Dalits leiden sie an Diskriminierung und Unterdrückung durch Kastenhindus; als Frauen sind sie Opfer der patriarchalen Gesellschaftsordnung auch in ihren Familien.


Kausalya Baisantri gehörte zu den allerersten gebildeten Frauen ihrer Kaste. Schon seit ihrer Jugend war sie sozial engagiert. Als Schülerin ist sie ein aktives Mitglied der „Versammlung unberührbarer Studenten“ gewesen; diese Aktivität gab sie auf, als sie heiratete und von Nagpur wegzog. Jahre später versuchte sie eine „Vereinigung von Dalit-Frauen“ in Delhi ins Leben zu rufen. Da dieses Unternehmen anfänglich nicht mehr als ein Kaffeekränzchen gewesen sei, beschloss die Autorin, als ihre Familie in eine Gegend zog, in der viele Dalit-Familien lebten, unter den dortigen Dalit-Frauen neue Mitglieder für die Vereinigung zu werben:


„Als ich in den Munirka DDA Flats wohnte und zu Dalit-Häusern ging, um deren Frauen kennen zu lernen, erzählte ich ihnen ausführlich von der Wichtigkeit und dem Nutzen der Association. Sie sagten, dass sie ihre Männer fragen würden und mir dann sagen, ob sie Mitglieder der Association werden würden. Nicht eine der Frauen hatte den Mut, diese Entscheidung frei zu treffen. Also dachte ich, dass ich abends, wenn ihre Ehemänner vom Büro nach Hause kämen, mit ihnen sprechen würde. Zu Hause bereitete ich alles für den Abend vor, kochte Essen usw., und ging raus, um diese Menschen zu treffen. Ich traf mich mit den Männern der Häuser, die der Dalit-Gemeinschaft angehörten. Sie nahmen mich sehr respektvoll auf, ließen mich hinsetzen, unterhielten sich mit mir und boten mir Tee und andere Getränke an. Dann erzählte ich ihnen von der Vereinigung von Dalit-Frauen. Sie sagten, das wäre eine tolle Sache, so etwas brauchten wir in unserer Gemeinschaft. Ich sagte, dass sie ihre Frauen in unserer Vereinigung Mitglied werden lassen sollten. Wir trafen uns alle zwei Wochen. Darauf sagten sie: „Aber Schwester [freundlich-respektvolle Anrede], die versteht doch nichts“. Ich sagte: „Wenn sie in die Vereinigung kommt, wird sie schon verstehen“. Dann sagten sie: „Wo soll sie denn Zeit finden, mit all den Kindern und der Arbeit?“ Ich sagte: „Sie finden doch Zeit, um zu Hochzeiten und Geburtstagen zu gehen, kann Ihre Frau nicht genauso einmal in zwei Wochen ein-zwei Stunden an einem Tag finden?“ Dann sagten sie: „Wenn sie gehen will, soll sie gehen“. Ich freute mich, dass sie kommen würden. Am nächsten Tag kamen die Frauen zu mir und sagten: „Schwester, vor Ihnen hat mein Mann gesagt, dass ich gehen kann, wenn ich will, aber unter uns hat er angefangen zu sagen, dass diese Frauen nutzlose Sachen tun und ihr Zuhause kaputt machen. Wenn ich ihm nicht zustimme, wird er furchtbar böse werden und mich tyrannisieren“. Diese Erfahrung habe ich öfter gemacht. Eben solche Männer kommen zu Dalit-Versammlungen und halten Reden darüber, dass man Frauen erlauben sollte, sich an Aktivitäten der Gemeinschaft zu beteiligen. Genau die gleichen Männer halten ihre Frauen davon ab, zu Treffen der Vereinigung zu gehen. Wir sind gezwungen, uns vielen Schwierigkeiten zu stellen. Selbst die Ehemänner unterdrücken ihre Frauen.“


In der Dalit-Literatur und der Dalit-Bewegung überhaupt kommt die besondere Situation der Dalit-Frauen zu kurz. Umso wertvoller ist die Autobiographie von Kausalya Basantri, in der endlich Probleme zur Sprache kommen, deren Existenz die meisten Dalit-Aktivisten nur zu gern verschweigen. „Dohra Abhishap“ (Doppelt Verflucht) ist ein authentisches Zeitdokument über die Situation von Dalit-Frauen.

Zur Autorin
Marina Rimscha ist Lehrbeauftragte für Hindi an der Hebräischen Universität Jerusalem und lebt in Haifa. Sie ist zugleich Doktorandin in Indologie an der Universität Bonn. In ihrer Doktorarbeit beschäftigt sie sich mit Dalit-Autobiographien in Hindi.

Südasien 4/2011