Manuel Benteler
Migration: (K)ein Abschied
Leben in der Stadt – und zu Hause sein im Dorf

In Indien migrieren täglich Menschen vom Land in die Stadt, in der Hoffnung auf Arbeit, Aufstieg, aber auch soziale Freiheit. Dabei „migriert“das Dorfleben mit in die Städte. Doch zugleich gelten in den Städten andere Regeln, die weniger stark vom Kastensystem geprägt sind. Der Blick der Migranten auf ihr Heimatdorf verändert sich: Vor dem Hintergrund der städtischen Hektik wird das Dorf zum Idyll verklärt. Manuel Benteler zeigt die verschiedenen Aspekte der Migration in die Städte; der Geograph hat dazu in Hyderabad geforscht.

Wanderarbeiter auf Arbeitssuche in Karnataka (c) The Last Paladin bei flickr.com

Wanderarbeiter auf Arbeitssuche in Bangalore, Karnataka
© The Last Paladin bei flickr.com (CC BY-NC-ND 2.0)

Ramu ist 45 Jahre alt. Seit rund sieben Jahren lebt er mit seiner Frau und seinen Kindern in Hyderabad. Noch als Kind hatte er Suri Nagar im Bundesstaat Andhra Pradesh, das Dorf seiner Eltern, verlassen. Ramu kommt aus privilegierten Verhältnissen: Er ist Brahmane, sein Vater war Dorfvorsteher, und die Familie besaß das größte Stück Land im Dorf. Für die Schulausbildung zog Ramu gemeinsam mit seinen Schwestern und Brüdern in die nächst gelegene Stadt. Der Vater kaufte dort ein Haus, und um die sechs Kinder zu versorgen, wurde die Großmutter eingespannt. Sie wanderte gemeinsam mit ihren Enkelkindern in die Stadt.


Auch später spielte Ramus Familie für seine persönliche Migration eine wichtige Rolle. Er und alle seine Geschwister folgten später seiner ältesten Schwester nach Hyderabad, um dort zu studieren. Ramus Migrationsgeschichte endete nicht etwa mit dem Studium. Als Lehrer unterrichtete er in verschiedenen Städten in Andhra Pradesh. Heute lebt er mit seiner Familie wieder in Hyderabad, wie der Großteil seiner Geschwister; vor einigen Jahren folgten auch seine Eltern. Ein Bruder und eine Schwester sind in die USA migriert.


Die ländliche Elite kommt in Bewegung
So wie in Ramus Familie sieht es in vielen indischen Familien der ländlichen Mittel- und Oberschicht aus. Die Migration ist Teil ihrer Biographien geworden. Primäre Migrationsgründe sind der Zugang zu Bildung und die lukrativeren beruflichen Möglichkeiten. Die Machtstrukturen in den Dörfern sind, bei aller Ungleichheit, seit Ende der Kolonialzeit in Bewegung geraten. Bis Mitte des letzten Jahrhunderts hätte Ramu den Dorfvorsteher-Posten seines Vaters übernommen, so wie es über Jahrhunderte üblich war. Doch als Ramu in das Alter kam, war die Zeit der Erbdynastien vorbei. Auch die Haupteinkommensquelle, die Landwirtschaft, verlor immer mehr an Bedeutung. Für gut ausgebildete Menschen boten sich Alternativen zur Landwirtschaft und zwar nicht auf dem Land, sondern in den Millionenstädten Indiens und im Ausland.


Häufig beginnt die Migration, wie bei Ramu, bereits im frühen Kindesalter. Die Herkunftsdörfer werden wegen besserer Bildungsmöglichkeiten verlassen. Später sind es die lukrativeren beruflichen Perspektiven, die sie zu weiterer Migration bewegen. Trotz, oder vielleicht gerade wegen, der andauernden Wanderungsbewegungen im Leben der Menschen bleibt oder wird der Heimatsort für viele zu einem wichtigen Zentrum in ihrem Leben. Das zeigt sich oft in der Unterstützung von Menschen im oder aus dem Herkunftsort. Auch Besuche im Dorf oder das Behalten des Besitzes im Herkunftsort sind ein deutliches Zeichen der Verbundenheit. Die migrierten „Dörfler“ kennen beides: ländliches und städtisches Leben.


Besitz im Herkunftsort
„Wir sind immer noch nicht im ganzen Sinne migriert. Wir haben noch das Haus und ein Stückchen Land“, sagt Ramu und spricht damit für viele Migranten und Migrantinnen. Das Geburtshaus und die landwirtschaftliche Fläche im Heimatdorf zu behalten, ist eine der sichtbarsten Brücken in das Heimatdorf und in die Vergangenheit. Selbst wenn alle Familienmitglieder migriert sind, wird häufig das Elternhaus und/oder ein Stück Land behalten. Für einige Migranten und Migrantinnen ist es eine Art Sicherheit, durch den Besitz wird eine Rückkehroption aufrecht erhalten; bei anderen überwiegen pragmatische Gründe, denn um das Eigentum veräußern zu können, müssten die Besitzverhältnisse geklärt sein, sind diese unklar, bleibt das Land im Besitz der Familie.


Insbesondere in der zweiten Generation der heutigen Migranten herrscht ein pragmatisches Verhältnis zum Besitz, eine emotionale Bindung besteht kaum. Dennoch wird der Besitz nicht verkauft, denn durch die Großfamilien ist ein Verkauf nicht lukrativ. Chadon ein junger Buchhalter beschreibt es wie folgt: „Das Land haben wir noch. Wir sind 20 Leute, die rund 1 Hektar Land besitzen. Es ist gar nicht möglich, das zu verkaufen. Was würde es bringen? Das lohnt sich überhaupt nicht.“ Der Besitz im Dorf hat aber auch sozio-kulturelle Gründe. Er ist Ausdruck der Verbundenheit und der Verwurzelung der Familie am Ort. Der gemeinschaftliche Besitz kommuniziert der Dorfgemeinschaft aber nicht nur, dass sich die Familie noch als Teil der Dorfes versteht, sondern auch, dass die Familie eine Einheit ist.


Das Dorf in der Stadt
„Little Italy“, „China Town“ – weltweit leben Migranten und Migrantinnen aus einem Land häufig in räumlicher Nähe zueinander. Auf die externen und internen Gründe und Konsequenzen des Phänomens soll hier nicht weiter eingegangen werden, sicher ist aber, dass dies eine gewisse Sicherheit und Vertrautheit für die Migranten schafft. In Indien ist das, was für länderüberschreitende Migration gilt, nur in einem gewissen Grad auf die Binnenmigration übertragbar. Die Gründe dafür finden sich im indischen Dorf. In der Dorfstruktur spiegelt sich das Jahrhunderte alte Kastensystem wieder. Im Dorfgrundriss ist die Kastenzugehörigkeit festgeschrieben. Im Zentrum leben die Brahmanen und andere höhere Kasten, im Randbereich oder sogar außerhalb des Dorfes die Dalits. Zwar grenzen sich die Kasten räumlich voneinander ab, doch besteht zwischen ihnen ein kompliziertes Zusammenspiel von Aufgaben und Verpflichtungen. Durch die Migration wandelt sich das komplexe System. Einige Aspekte dieses Systems “migrieren mit“ in die Stadt, andere wiederum bleiben im Dorf oder verlieren auch dort an Bedeutung. Räumliche Nähe zu Migranten aus dem selben Dorf suchen Migrantinnen und Migranten selten. Dennoch sind Elemente der Dorfgemeinschaft im Leben der Migrierten auch in der Stadt präsent.


Im Dorf bleiben die Migranten durch ihr Eigentum sichtbar, in der Stadt sind „Pioniermigranten“ wichtige Anlaufstellen für nachfolgende Migranten. Wie bei Ramu, ist die familiäre Kettenmigration ein häufiges Phänomen. Nachdem ein Familienmitglied in die Stadt migriert ist, wird es zur Informationsquelle der Familie und auch des Dorfes. Bei Besuchen im Dorf ist es die Person, die vom Leben in der Stadt erzählt. Kommt es tatsächlich zu weiterer Migration, dann ist es der „Pioniermigrant“ – insbesondere für die Familie, aber auch darüber hinaus – Orientierungshelfer bei der Arbeits- oder Studienplatzsuche in der Stadt; es nimmt Familienmitglieder für Monate, sogar für Jahre bei sich auf. Aber auch über die Familie und Kaste hinaus wird bei der Unterkunft geholfen. Hier sind es eher Tage oder Wochen, für die andere Migranten aufgenommen werden.


Gerät beispielsweise ein Migrant in eine finanzielle Notsituation, so werden andere Migranten aus dem Heimatdorf um Unterstützung gebeten. Wenn auch im täglichen Leben die „Dorfgemeinschaft“ in der Stadt nicht existiert, bleiben die „Pioniermigranten“ Ansprechpartner. Insbesondere jene, deren Familien im Dorf eine besondere Stellung hatten, wie Dorfvorsteher oder reiche Landwirte. Sie nehmen oft auch in der Stadt eine Art Führungsrolle für andere Migranten ein. Von ihnen wird erwartet, dass sie die Verpflichtung und Verantwortung übernehmen, die der Familie im Dorf oblag.


Auch durch Güter erhält das Dorfleben Einzug in die Stadt. Solange die Familie im Dorf noch selbst Landwirtschaft betreibt, werden der eigene Reis und das eigene Gemüse in die Stadt transportiert. Selbst dann, wenn zwischen dem Heimatdorf und der Stadt hunderte von Kilometern liegen. Zum Teil wird dabei auf offizielle Transportunternehmen zurückgegriffen; andere Migranten nutzen ihre Kontakte zu Busfahrern und Ticketverkäufern, um die Lebensmittel zur Familie in der Stadt zu liefern.


Der Blick auf das Heimatdorf
Die Konfrontation mit der neuen urbanen Lebensumgebung, einer neuen und anderen gesellschaftlichen Stellung führt zu widersprüchlichen, von Brüchen geprägten Betrachtungen des Herkunftsortes. Einerseits entsteht ein Bild des Dorfes als Idyll, andererseits wird aber auch die Ungerechtigkeit im Dorf wahrgenommen.


In der Erinnerung an ihren Herkunftsort zeichnen Migranten ein verklärtes Bild der Heimat. Die Natur erscheint als Paradies. Im Kontrast zur lauten hektischen Großstadt wird das Dorf zum Hort der Ruhe und Ausgeglichenheit stilisiert. Das Dorfleben wird als im Einklang mit der Natur betrachtet. Diese verträumten Assoziationen sind stark durch die Kindheitserinnerungen geprägt, denn viele Migranten verlassen noch in jungen Jahren ihr Heimatdorf. Daher ist die Beschreibung des dörflichen Lebens auch die Beschreibung der Kindheit. Dass Freiheit und Unbefangenheit in dieser Zeit größer waren als im Erwachsenenleben ist nicht weiter verwunderlich.


Neben der Natur sind es Feste, Theater, Puppenspiel, Schauspiel und Tanz, die die Erinnerungen der Migranten an das Dorfleben auszeichnet. Die Grenzen zwischen dem Dorf in der Erinnerung und dem Dorf der Gegenwart sind fließend. Natürlich hat das Dorf seit der Migration Veränderungen durchlebt. Fernseher, Radio und Handys veränderten und verändern das dörfliche Leben.


Dorf: Ort der Ungleichheit und Privilegien
„Die niederen Kasten, die kamen nicht in unser Haus. Wir hatten jemanden, der für uns Wasser holte, aber er durfte unser Haus nicht betreten. Das ist unmenschlich“, berichtet Ramu. Im ländlichen Indien bestand und besteht zwischen den Kasten eine stärkere Abschottung als in der Stadt. Die ländliche Gesellschaft war und ist bei allen Veränderungen und Wandel auch heute noch hierarchischer als die städtische. Die Stadt ist, was Toleranz und Akzeptanz betrifft, dem Land voraus.


Tusli wuchs bei seinen Großeltern in Hyderabad auf. Hier erlebte er Toleranz zwischen Hindus und Moslems, die gemeinsam in der Altstadt lebten. Der junge Firmenchef erzählt, wie er als Kind an den Festen der Muslime teilnahm und wie andersherum, diese an den hinduistischen Feierlichkeiten teilnahmen. Mit der Bedeutung von Kaste wurde er durch Besuche bei seinen Eltern konfrontiert. Noch heute wirkt er verblüfft, wenn er davon berichtet, wie seine Mutter ihn anwies, sich zu waschen, nachdem er einen Mann aus einer anderen Kaste berührt hatte. „Ich habe gar nicht verstanden, was los war. Ich wusste ja gar nicht, was das ist: Kaste“, berichtet Tusli.


Für die ländliche Elite ist die Migration in der Regel mit einem Statusverlust verbunden. Ganesh erzählt von seiner Kindheit: „Als Kind fühlte ich, ich bin kein normaler Junge. Wenn ich ins Kino ging, bekam ich einen Stuhl und andere Leute mussten auf dem Boden zu sitzen. Als ich in die Stadt kam, hat sich alles verändert. Ich verlor meine Identität. Hier bin ich einer unter Millionen von Menschen. Niemand erkennt mich, niemand interessiert sich für mich!“ Die Migration bedeutet für die ländliche Elite zwar die Möglichkeit, Bildung zu erlangen und damit verknüpft auch bessere Einkommensmöglichkeiten zu erschließen, doch verlieren sie ihre herausragende Stellung, die sie im Dorf besaßen. In der Stadt sind sie nur einer von vielen.


Ramu war schon lange nicht mehr in Suri Nagar . Im vergangenen Jahr hat er die 500 Kilometer entfernte Heimat nicht besucht. Doch spricht man mit ihm, so merkt man, wie sehr Herz und Gedanken mit seiner Heimat verhaftet sind. Spricht er von den Feldern und dem Haus der Familie, von seinen Kindheitserinnerungen, vom Puppenspiel oder den Festen, wird klar, auch wenn Ramu sein Heimatdorf schon lange verlassen hat, ein Teil von ihm ist noch immer dort.

Zusatzinformationen

Indien migriert
Ob in Kenia, Dubai oder Amerika, Inder trifft man überall. Hört man Migration und Indien denkt man an Computergenies und High Tech, und an die deutsche Greencard. Wie überall auf der Welt ist aber nicht die Migration über Grenzen hinweg die häufigste Migrationsform, sondern die Binnenmigration. Sonst aber bricht Indien mit allen üblichen Regeln der Migration.
Indien ist ein Land der Dörfer. 35 Millionenstädte und 285 Millionen Städter lassen etwas anderes erwarten, doch über 70 Prozent der indischen Bevölkerung lebt auf dem Land. Die in den meisten Schwellenländern vorherrschende Migrationsform, die Land-Stadt-Migration macht in Indien nur 21 Prozent der Binnenmigration aus. Am wichtigsten ist hingegen die Land-Land-Migration. Rund 50 Millionen, oder 55 Prozent aller Binnenmigrant/-innen, sind von einem in ein anderes Dorf gewandert.
Traditionell migrieren Frauen. Mit der Hochzeit verlässt die Frau nicht nur das Elternhaus, sondern in der Regel auch den Herkunftsort. Während 73 Prozent aller Männer in Indien noch an ihrem Geburtsort leben, sind es nur 64 Prozent der Frauen. In ländlichen Regionen ist der Unterschied noch größer. Über 90 Prozent der Frauen haben ihren Heimatort verlassen. Abgesehen von den geschlechterspezifischen Unterschieden kann festgehalten werden, dass primär junge Menschen migrieren. Bezüglich Besitz, Bildung und Kastenzugehörigkeit lassen sich keine Aussagen treffen.

Zum Autor
Manuel Benteler ist Diplom Geograph. Im Rahmen eines Aufenthaltes in Hyderabad untersuchte er die Bedeutung familiärer und sozialer Beziehungen im Kontext von Migration. Seine Arbeit erschien unter dem Titel: “Translokale MigrantInnen in Hyderabad”.

Südasien 4/2011